Aiko und Mariam

Eine Geschichte von Armut, Ungleichheit und Krankheit

Armut macht krank - auf diesen Zusammenhang machen WissenschafterInnen weltweit immer wieder aufmerksam. Im letzten Jahr sorgten auch in der Schweiz eine Studie und eine Tagung von Caritas Schweiz für Aufsehen. Eine Gesundheitspolitik, die sich über den Gesundheitsbereich hinaus orientiert, muss sich deshalb mit Armut und Armutsbekämpfung auseinandersetzen. Und im Gesundheitsbereich selbst stellt sich die Frage nach der Chancengleichheit für Arme und Reiche im Zugang zu Gesundheitsleistungen. Zur Veranschaulichung eine Geschichte.

Im Fukuda Frauenspital in Kumamoto, Japan, kommt die kleine Aiko wohlbehalten und gesund zur Welt, umsorgt von einer Gynäkologin, einer Hebamme und verschiedenen Krankenschwestern. Wie andere Kinder in Japan hat Aiko eine Lebenserwartung von 85 Jahren.

...und in Kanikay, einem der ärmsten Quartiere von Freetown, wird am selben Tag Mariam geboren. Zwar ist sie untergewichtig und leidet an Vitaminarmut, doch hat sie die Geburt wenigstens überlebt, was in Sierra Leone keineswegs selbstverständlich ist. Wie andere Kinder in Sierra Leone hat Mariam eine Lebenserwartung von 36 Jahren.

Der sechste Geburtstag

Heute geht Aiko erstmals zur Schule. Wie andere Kinder in Japan wurde sie gegen Kinderkrankheiten wie Masern, Diphterie oder Kinderlähmung geimpft. Nur vier von 1000 japanischen Kindern sterben in der frühen Kindheit.

Auch Miriam ist nun sechs Jahre alt, doch geht sie nicht zur Schule. Auch wurde sie gegen keine der vielen Infektionskrankheiten, die in Siera Leone grassieren, geimpft. Doch hat sie bisher noch Glück gehabt: Drei ihrer zehn SpielgefährtInnen in Kanikay sind bereits gestorben - an Krankheiten wie Masern, Malaria, verbunden mit Mangelernährung.

Der 17. Geburtstag

Aiko steht kurz vor ihrem Abschluss an der Highschool in Kumamoto. Sie möchte gerne einmal Medizin studieren.

An ihrem 17. Geburtstag bringt Mariam Zwillinge zur Welt. Ein Jahr zuvor ist ihr erstes Kind bei der Geburt gestorben. Bei der Geburt ist keine geschulte Geburtshelferin anwesend. Jede Stund an jedem Tag verlieren in Afrika mehr als 500 Mütter ihre Kleinkinder.

Der 30. Geburtstag

Ein paar Tage nach ihrem 30. Geburtstag bringt Aiko ihr erstes Kind zur Welt, ein gesundes Mädchen. Aiko will jetzt ihre Arbeit als Kinderärztin am Zentralspital von Kumamoto für ein Jahr Mutterschaftsurlaub unterbrechen. Mariam fühlt sich an ihrem 30. Geburtstag schwach und kraftlos - Symptome vom HIV/Aids. Sie wurde vor einiger Zeit durch ihren Partner infiziert, der inzwischen bereits gestorben ist. Ohne Zugang zu antiretroviralen Medikamenten kann Mariam nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr für ihre Kinder sorgen.

Der 36. Geburtstag

Ein paar Tage nach ihrem 36. Geburtstag lässt Aiko am Saiseikei-Spital in Kumamoto einen Gesundheits-Check über sich ergehen, der neben vielem anderen auch Vorsorgeuntersuchungen zu Schilddrüsen- und Brustkrebs umfasst. Es stellt sich heraus, dass Aiko kerngesund ist - wie die meisten japanischen Frauen in ihrem Alter.
Mariam wäre heute auch 36 Jahre alt geworden. Doch ist sie bereits vor zwei Jahren gestorben; ihre beiden Töchter sind jetzt Vollwaisen. Zwar ist Mariam an HIV/Aids gestorben, doch hätte es auch eine Vielzahl anderer Krankheiten sein können - Krankheiten der Armut, denen die unterfinanzierten afrikanischen Gesundheitssysteme nicht gewachsen sind...

Quelle: Feature zum Weltgesundheitsbericht 2003