Brot für die Armen, das Fleisch bleibt hier

Schlechtere Aids-Therapie für arme Menschen?

2007 lebten 33,2 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus, zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. In dieser weltweit am schlimmsten betroffenen Region sind mit 1,6 Millionen Aids-Toten drei Viertel aller Opfer weltweit zu beklagen.1

2007 lebten 33,2 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus, zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. In dieser weltweit am schlimmsten betroffenen Region sind mit 1,6 Millionen Aids-Toten drei Viertel aller Opfer weltweit zu beklagen.1


HIV-Infizierte müs¬sen lebenslang AIDS-Medikamente (ARVs) einnehmen, wenn die für das Immunsystem wichtigen CD4-Zellen unter einem bestimmten Wert liegen. Die Medikamente können ihr Leben um bis zu 30 Jahre verlängern und HIV fast zu einer chronischen Erkrankung machen. Ein Segen für die Betroffenen, die dadurch in der Lage sind, ihre Kinder aufwachsen zu sehen, zu arbeiten und ein produktives Leben zu führen.


Doch laut UNAIDS und Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben zwei Drittel der Menschen, die behandelt werden müssten, nach wie vor keinen Zugang zu den überlebenswichtigen Aids-Medikamenten. In der am stärksten betroffenen Region, den afrikanischen Ländern südlich der Sahara bekommen immer noch 3 bis 3,5 Millionen Behandlungsbedürftige keine lebensrettende Therapie2 und sterben deshalb innerhalb weniger Jahre unter elenden Umständen.


Behandlung nicht gleich Behandlung


HIV-PatientInnen müssen eine Kombination aus drei Medikamenten einnehmen, um den Ausbruch von Aids hinauszuzögern. Doch die Nebenwirkungen der bisher standardmäßig verwendeten Medikamente sind beträchtlich, die Lebensqualität ist für viele Betroffene entsprechend eingeschränkt. Daher ist es wichtig, den Menschen die am besten verträglichen und nebenwirkungsärmsten Medikamente zur Verfügung zu stellen. Denn eine gut verträgliche Therapie ist der beste Garant dafür, dass die PatientInnen die Mittel auch regelmäßig einnehmen. So kann auch verhindert werden, dass sich nicht nach kurzer Zeit Resistenzen gegen die Medikamente einwickeln. Deshalb hat die WHO 2006 ihre Richtlinien für die Aids-Standardtherapie geändert. Für viele PatientInnen wird wegen besserer Verträglichkeit bzw. geringerer Resistenzbildung eine andere Medikamentenkombination empfohlen. Doch obwohl nur ein Mittel in der Dreierkombination ausgetauscht wurde, vervierfacht sich der Preis in den ärmsten Ländern.


Der Grund für den dramatischen Preisunterschied: Sowohl ABC wie auch TDF stehen weltweit unter Patentschutz. Zwar werden die Mittel momentan noch in Indien zu günstigeren Preisen produziert als von den Originalherstellern Gilead (TDF) bzw. GSK (ABC). Denn die Medikamente kamen vor 2005 auf den indischen Markt, als das Land noch keine Patente auf Medikamente anerkannte. Seit 2005 gilt in Indien ein zwanzigjähriger Patentschutz. Dies ist eine Verpflichtung, die sich zwingend aus dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation (WTO) ergab.


Doch es ist ungewiss, ob indische Firmen auch in Zukunft die Produktion aufrecht erhalten können. Denn bei allen Medikamenten, die zwischen 1995 (dem Beitritt Indiens zur WTO) und 2004 auf den indischen Markt kamen, können Pharmaunternehmen eine Restpatentlaufzeit beantragen. GSK und Gilead haben dies ebenso getan wie viele anderen Firmen, GSK hat in Indien 1997 den Patentschutz beantragt, obwohl die Substanz bereits in den 80er Jahren erfunden wurde. Ob diese umstrittenen Patentanträge von den indischen Patentbehörden genehmigt werden, ist ungewiss, da Gesundheitsgruppen dagegen Widerspruch eingelegt haben. Würden sie aber genehmigt, wäre eine massive Preissteigerung für diese wichtigen Medikamente zu erwarten. Da die indischen Generikafirmen nicht wissen, ob sie die Medikamente in ein oder zwei Jahren noch produzieren können, sind deutliche Preissenkungen kaum zu erwarten. Eine fatale Situation, die zur Folge hat, dass die indischen Firmen die Generika kaum günstiger als die Originalanbieter verkaufen und die verbesserten Therapierichtlinien der WHO nur für den reichen Teil der Welt umgesetzt werden.


Lizenzen zum Schaden der Menschen


Obwohl Gilead bisher in Indien überhaupt keinen Patentschutz auf TDF erhalten hat, bietet die Firma indischen Generikaherstellern „freiwillige“ Lizenzen an, die ihnen erlauben, TDF weiter zu produzieren (was ihnen vorher nicht verboten war). Gehen Generika-Produzenten auf dieses zweifelhafte Firmenangebot ein, verpflichten sie sich damit, TDF nicht mehr in arme Länder wie Brasilien oder China zu exportieren.


Patentschutz kostet Leben


Immer mehr unentbehrliche HIV-Medikamente stehen unter Patentschutz. Dies erhöht die Preise und reduziert den Zugang, im Vergleich zur Situation vor 2005. Das Problem wird sogar noch weiter zunehmen, denn mit der Resistenz¬entwicklung und der Entwicklung besser verträglicher Mittel wird die Zahl der benö­tigten patentierten Medikamente wachsen.


Preisnachlässe oder freiwillige Lizenzen der Originalhersteller ersetzen keinen generischen Wettbewerb. In der Regel profitieren von solchen freiwilligen Regeln nur eine sehr kleine Anzahl von Ländern und Menschen, während die große Masse leer ausgeht. Der Zugang aller Menschen zur bestmöglichen Versorgung ist ein fundamentales Menschenrecht. Das heißt, die neuen Behandlungsrichtlinien müssen die Behandlung für alle Betroffenen verbessern und nicht nur für Reiche aus dem Norden.

*Christiane Fischer ist Mitglied des Pharma-Briefes, Rundbrief der BUKO Pharma-Kampagne. Der Text erschien erstmals im Pharma-Brief 9-10/ Dezember 2007.


1 UNAIDS. AIDS epidemic update, Genf Dezember 2007

2 Hochgerechnet nach den neuen AIDS-Zahlen von Nov. 2007 (siehe FN 1) und WHO/UNAIDS/UNICEF. Towards Universal Access. Scaling up priority HIV/AIDS interventions in the health sector. Progress Report, April 2007. Geneva 2007 www.who.int/hiv/mediacentre/universal_access_progress_report_en.pdf

3 Antiretroviral therapy for HIV infection in adults and adolescents: Recommendations for a public health approach, 2006 revision, WHO, Genf: www.who.int/hiv/pub/guidelines/artadultguidelines.pdf

4 Untangling the web of price reductions, 10th edition, MSF, Genf 2007: www.accessmed-msf.org/resources/