Der 500 Millionen Bluff

Was kostet Forschung wirklich?

Eine halbe Milliarde US$ kostet die Entwicklung eines neuen Medikaments. Das möchte uns die Pharmaindustrie glauben machen. Doch was ist dran an den angeblich exorbitant hohen Forschungskosten, die hohe Preise, lange Patentlaufzeiten und weitere protektionistische Massnahmen legitimieren sollen? Die US-Gruppe Public Citizen hat nachgerechnet und kommt bei wohlwollender Betrachtung auf ein Fünftel der behaupteten Summe.

500 Millionen Dollar für ein neues Medikament – diese Zahl findet sich nicht nur in Industriepublikationen, sie wird selbst von kritischeren Zeitungen unreflektiert übernommen.1 Versucht man die Basis für diese Zahl zu ermitteln, stösst man ins Leere. So bereitwillig die Industrie die hohen Kosten kolportiert, so wenig ist sie bereit, Zahlen auf den Tisch zu legen.

Die US-VerbraucherInnengruppe Public Citizen in den USA hat sich auf die Suche nach Daten begeben.2 Dank des US-Transparenzgesetzes wurde sie fündig. Dabei nahm sie erst mal die 500 Millionen-Dollar-Behauptung der Industrie auseinander, um dann eigene Berechnungen anzustellen. Auch wenn die Industrie mehrere Quellen für die Berechnung der Forschungskosten nennt, beruhen die Angaben im Prinzip auf einer einzigen von Di Masi 1991 veröffentlichten Studie.3 Die Zahlen wurden nur mit unterschiedlichen Methoden auf heutige Verhältnisse hochgerechnet. Di Masi kam zu dem Ergebnis, dass 1987 für die Erforschung eines neuen Medikament 231 Millionen US$ aufgewendet wurden. Bei dieser Zahl wurde aber nicht berücksichtigt, dass man für Forschungsausgaben eine hohe Steuerersparnis erzielen kann. Sieht man davon ab, dass die Autoren für eine stark von der Industrie gesponserte Abteilung der Tufts University arbeiteten, wurden die Zahlen für die Studie von 12 Firmen selbst geliefert und von den Forschern nicht überprüft. Ausserdem wurden nur Medikamente einbezogen, die von Grund auf erforscht wurden. Dies ist logischerweise die teuerste Forschung. Das US-Office of Technology Assessment (OTA) kam zu dem Ergebnis, dass die realen Kosten nach der Di Masi Studie wegen der Steuerersparnis nur 171 Millionen Dollar betrugen.

In der Studie von Di Masi wurden auch "Opportunity Costs" mit einbezogen, also die Annahme, was man mit dem für die Forschung investierten Geld anderswo verdienen könnte. Diese Annahme hat mit der Wirklichkeit wenig gemein. Bei Di Masi machen diese angenommenen "Geldbeschaffungskosten" immerhin 51% der Kosten aus. Zieht man sie ab, bleiben gerade noch 65,5 Millionen US$ (zu Preisen von 1990) übrig. Rechnete man die von Di Masi errechneten Kosten auf heutige Preise um (2000), ergäben sich 110 Millionen Dollar pro erfolgreicher neuer Substanz.

Mit eigenen Zahlen entblösst

Nicht alle neuen Medikamente sind wirklich neue Substanzen. In den 90er Jahren waren in den USA fast zwei Drittel der "neuen" zugelassenen Mittel andere Zubereitungsformen (z.B. Sirup statt Tablette) oder Kombinationen bekannter Stoffe. Public Citizen machte auch eine eigene Gegenrechnung zu den von der Industrie gern beschworenen 500 Millionen Dollar auf. Dazu wurden die vom US-Pharmaverband PhRMA selbst genannten Forschungskosten mit der Zahl der in den USA neu zugelassenen Medikamente verglichen. Das Ergebnis: Zwischen 1994 und 2000 betrugen die Kosten pro erfolgreichem Medikament nach Versteuerung nur 71 Millionen Dollar. Betrachtet man nur die wirklich neuen Stoffe, belaufen sich die Kosten auf knapp 150 Millionen Dollar. Dies wohlgemerkt sind die Zahlen, die auf den Industrieangaben über Forschungskosten beruhen.

Wie vertrauenswürdig diese Zahlen sind, darüber kann nur spekuliert werden. Der General Accounting Office in den USA (in etwa vergleichbar dem Bundesrechnungshof) scheiterte vor dem Obersten Gerichtshof mit seinem Versuch, selbst die Unterlagen der Industrie zu Forschungskosten zu sichten. Einen solchen Einblick könne nur der Kongress beschliessen. Der aber hält sich zurück, weil ein solches Vorgehen "möglicherweise politisch nicht angebracht" sei.4 Da mögen wohl die enormen Lobbybemühungen der Pharmaindustrie eine Rolle spielen, die fast 200 Millionen Dollar zur Beeinflussung der demokratischen Instanzen in den USA aufwendet.5

Staat erfolgreicher Forscher

Hingegen kann man wenigstens ansatzweise feststellen, wie viel der Staat zur Pharmaforschung beiträgt. Die staatlichen National Institutes of Health (NIH) in den USA geben dieses Jahr 20,3 Milliarden US$ aus – das meiste Geld geht in die Pharmaforschung. Public Citizen besorgte sich eine unveröffentlichte Studie des NIH,6 die zeigt, dass bei den fünf umsatzstärksten Medikamenten7 in den USA (1995) öffentliche Gelder eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Mittel spielten. Im Schnitt wurden 85% der Studien für diese fünf Medikamente aus Steuergeldern finanziert. Der Boston Globe untersuchte die 50 meistverkauften Arzneimittel in den USA von 1992-1997. Ergebnis: bei 45 der 50 Mittel spielten staatliche Forschungsgelder eine Rolle. Das kostete die US-Steuerzahler mindestens 175 Millionen US$.8

Alle zugänglichen Daten zeigen, dass die Industriebehauptungen über Forschungskosten überhöht sind. Eine produktive Diskussion über Forschungskosten und -ausrichtung kann aber nur geführt werden, wenn die Pharmaindustrie gezwungen wird, ihre Zahlen auf den Tisch zu legen und damit einer unabhängigen Überprüfung zugänglich zu machen.

Wichtig wäre eine rationale Diskussion über Forschungskosten aus zwei Gründen: Zum einen dienen diese Kosten für die Rechtfertigung exorbitant hoher Preise für neue Arzneimittel und letztlich auch zur Rechtfertigung des Patentschutzes. Die Medikamentenkosten stellen bereits für Industrieländer ein Problem dar, in ärmeren Ländern schliessen sie grosse Teile der Bevölkerung vom Zugang zu wichtigen Arzneimitteln aus.

Zum anderen würde eine fundierte Diskussion über das für Forschung eingesetzte Geld auch eine Antwort auf die Frage erlauben, ob die gesellschaftlichen Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Denn schliesslich finanzieren letztlich PatientInnen und Versicherte über ihre Beiträge für Medikamente die Forschung.

*Der Artikel von Jörg Schaaber wurde zuerst im Pharma-Brief der BUKO Pharma-Kampagne veröffentlicht: Internet: www.bukopharma.de/. Die BUKO Pharma-Kampagne ist eine Aktion des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO), einem Zusammenschluss von 200 Dritte Welt Aktions- und Solidaritätsgruppen in Deutschland.

Anmerkungen

1. z.B. Schönfärberei bei Pharma-Studien nervt Zeitschriften-Herausgeber, Frankfurter Rundschau 10.9.2001

2. Public Citizen, R&D Myths: The Case Against The Drug Industry’s R&D "Scare Card", Washington 23.7.2001

3. Joseph Di Masi et al., The Cost of Innovation in the Pharmaceutical Industry, Journal of Health Economics, 10, p.107-142, 1991

4. Office of Technology Assessment, US Congress, Pharmaceutical R&D: Costs, Risks, Rewards, 1993, Appendix D: Congressional Access to Proprietary Pharmaceutical Industry Data

5. Das gekaufte Parlament, Pharma-Brief 7/2001, S. 6

6. NIH Contributions to Pharmaceutical Development, February 2000

7. Ranitidine, Acyclovir, Captopril und Enalapril, Fluoxetine

8. Alice Dembner, Public Handouts Enrich Drug Makers, Scientists, The Boston Globe, 5. April 1998