Die WHO unter Industrieeinfluss – na und?

US-Firma Merck sponsort Stelle bei Weltgesundheitsorganisation

Fortschritt und Rückschritt liegen oft dicht nebeneinander. Wir haben in der vorletzten Ausgabe von "Med in Switzerland" über eine Resolution für eine neue Arzneimittelstrategie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet. Das Grundsatzdokument der WHO bekräftigt den Vorrang der öffentlichen Gesundheit gegenüber (wirtschaftlichen) Partikularinteressen. Aber dann erfahren wir, dass die Pharmaindustrie eine Mitarbeiterin direkt ins Herz der Weltgesundheitsorganisation verpflanzt hat. Wie passt das zusammen?

Die BUKO Pharma-Kampagne erhielt kürzlich brisante Post. Ihr wurde ein Brief eines Topmanagers des US-Konzerns Merck, Sharp and Dome (MSD) an die FirmenmitarbeiterInnen zugespielt. Der Manager berichtet darin stolz, dass Merck eine Personalstelle im Anti-Raucherprogramm der WHO finanziert und – es kommt noch dicker – auch besetzt. Eine Mitarbeiterin von Merck nahm im WHO-Hauptquartier in Genf Anfang April 1999 ihre Arbeit auf. Welche Rolle sie spielen soll, daran lässt der Brief keinen Zweifel: "Die Versetzung Sissels zur WHO bietet eine hervorragende Gelegenheit, Brücken zwischen Merck, der Pharmaindustrie und der globalen Health Community zu bauen. Sie bringt eine breite Erfahrung in der Industrie und eine solide Basis an Fertigkeiten in ihre neue Rolle ein. Wegen ihrer diplomatischen Fähigkeiten und ihrer kreativen Ansätze in schwierigen Fragen weiss ich, dass sie eine effektive Botschafterin sein wird." Erfahren ist Sissel wirklich. Bevor sie zu Merck stiess, war sie Vorsitzende des norwegischen Pharmaindustrieverbandes und hatte mehrere Funktionen im europäischen und im internationalen Pharmaindustrieverband (EFPIA und IFPMA).

Public-private partnership

Eigentlich gab es bis vor kurzem keinen Zweifel daran, dass öffentliche Institutionen das Allgemeinwohl vertreten sollten und deshalb von Privatinteressen unabhängig sein müssen. Seit kurzem grassiert allerdings ein neues Schlagwort: "Public-private partnership". Darunter wird meist ein neues Verhältnis zwischen öffentlichen Institutionen und Firmen verstanden. Dabei wird dann kaum mehr überlegt, ob öffentliche Institutionen unabhängig sind oder bleiben, sondern wie beide Seiten möglichst viel Gewinn aus dieser neuen Beziehung ziehen können.

Einigermassen blauäugig scheint der Standpunkt des Chefs des Anti-Raucherprogramms der WHO. Die gesponsorte Arbeitskraft solle helfen, die Strategien der Industrie besser zu verstehen, damit das Programm möglichst effektiv arbeiten könne. Und da könne man von der Pharmaindustrie lernen, die ja nichts mit der Tabakindustrie zu tun habe.

Dass aber die Pharmaindustrie keine wirtschaftlichen Interessen am Anti-Raucherprogramm hat, ist schlichtweg falsch. Dort sollen durchaus Medikamente eingesetzt werden: Nikotinpflaster zum Beispiel. Ausserdem steht zu befürchten, dass die Pharmaindustrie viel mehr über Strukturen und Strategien der WHO lernt als diese umgekehrt über die Industrie. Üblicherweise werden Stellen auch bei der WHO öffentlich ausgeschrieben und es wird zusätzlich darauf geachtet, dass unter den MitarbeiterInnen alle Regionen der Welt repräsentiert sind. Für die gesponsorte Stelle gilt das alles nicht.

Kein Einzelfall

Bereits vor zwei Jahren hatte der Weltverband der Pharmaindustrie (IFPMA) eine Stelle bei der Weltbank finanziert. Und wenige Tage nachdem das Merck-Sponsorship bei der WHO aufgedeckt wurde, tauchte eine Ausschreibung eines gemeinsamen Programms von UNDP, Weltbank und der WHO Abteilung für Tropenkrankheiten auf: Ein Trainingsprogramm klinische Forschung für afrikanische WissenschaftlerInnen. Finanziert und durchgeführt wird das Programm von SmithKline Beecham Biologicals.

Das Public-Private Partnership kann konsequent weitergedacht werden: Zukünftig stellt dann ein schweizerischer Chemiekonzern einen Mitarbeiter für Arzneimittelsicherheit im Bundesamt für Gesundheit, oder man schafft diese lästige Bürokratie gleich ganz ab und lässt die Firmen den Staat selbst verwalten.

Wessen Blutdruck?

Bedenklich ist auch der indirekte Einfluss der Industrie auf die WHO. Die neuesten WHO-Richtlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks kamen unter zweifelhaften Umständen zustande. Sie wurden von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der WHO mit der International Society of Hypertension (ISH) erarbeitet. Grundlegende Regeln der Bewertung von Arzneimitteltherapien wurden missachtet und das Schwergewicht auf zwei industriegesponsorte Studien gelegt. Die Pressekonferenz der WHO/ISH-Arbeitsgruppe wurde vom Sponsor einer der beiden Studien bezahlt. Dessen Logo prangt übrigens auch auf der Internetseite der ISH.

Eine unabhängige Bewertung der Studie zeigt, dass sie keine Evidenz für die medikamentöse Absenkung auf einen diastolischen Blutdruck von 83-85 mm Hg bietet. Genau dies aber propagiert der Hersteller aufgrund der WHO/ISH Empfehlungen. Es ist zu befürchten, dass die Empfehlungen zu einem vermehrten Einsatz von Arzneimitteln führen — mit hohen Kosten und wenig Nutzen für die Gesundheit.

Der Artikel von Jörg Schaaber wurde zuerst im Pharma-Brief der BUKO Pharma-Kampagne veröffentlicht. Die BUKO Pharma-Kampagne ist eine Aktion des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO), einem Zusammenschluss von 200 Dritte Welt Aktions- und Solidaritätsgruppen in Deutschland.

Kann die WHO die Hand beissen, die sie füttert? Verschiedene internationale und nationale Organisationen unterstützten ein von Health Action International (HAI) aufgesetztes Protestschreiben gegen die Beeinflussung der WHO durch Pharmaindustrie-Sponsoring. Ein inzwischen eingegangenes Antwortschreiben von WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland lässt viele Fragen offen. Die Dokumente sind auf der HAI-Website www.haiweb.org zugänglich.