Falsche Fronten gegen Fälscher

Zweifelhafte Partner der WHO

Arzneimittelfälschungen sind ein Problem. Doch wie gross es ist und was zu tun ist, bleibt umstritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) denkt sich Massnahmen jetzt gemeinsam mit der Industrie aus. Dementsprechend haben die Vorschläge eine Schieflage.

Vom 16.-18. Februar organisierte die WHO gemeinsam mit dem Internationalen Pharmaindustrieverband IFPMA die Konferenz „Gefälschte Medikamente: die stille Epidemie“ in Rom. Mit am Tisch sassen VertreterInnen verschiedener Pharmaindustrie-Verbände, von Arzneimittelkontrollbehörden, die WTO, die Weltpatentorganisation, WIPO, Zollbehörden und Interpol.

Die Differenzen beginnen schon bei der Frage, was überhaupt eine Fälschung ist. Oftmals wird dabei nicht zwischen Qualitätsmängeln und absichtlicher Fälschung unterschieden. Entsprechend widersprüchlich sind auch die Angaben zur Häufigkeit von Fälschungen. Die WHO beruft sich ausdrücklich auf das in den USA beheimatete Centre for medicines in the Public Interest (CMPI) und nennt für 2010 eine Zahl von 75 Milliarden US$ Umsatz mit gefälschten Medikamenten (2). Beim CMPI findet man nur ein mageres dreiseitiges Statement (3) zum Thema, das keine Quellen nennt und den völlig legalen und gut kontrollierten Handel mit Parallelimporten (4) in der EU gleich mit in den Fälschungstopf wirft. Das CMPI handelt keineswegs so im „öffentlichen Interesse“ wie es der Name „Public Interest“ nahe legt. Im Gegenteil finden sich im Beratungsgremium mehrheitlich hochrangige VertreterInnen von neoliberalen “Think tanks”, die auf Freiheit für die Wirtschaft und Deregulierung setzen, sowie ehemalige Mitarbeiter der Reagan- und Bush-Administration. Dass es Fälschungen gibt, bestreitet niemand. Aber völlig unklar ist, wie häufig Fälschungen sind. Das musste auch ein pakistanischer Professor erfahren, der für sein Land auf Basis einer WHO-Website eine Zahl von 40 - 50% gefälschten Medikamenten nannte. Eine Nachfrage ergab, dass es keine brauchbare Quelle für die Zahl gab. Sie wurde von der WHO-Website gelöscht (5). Sollten Fälschungen aber wesentlich seltener sein als behauptet wird, bekäme das Thema eine niedrigere Priorität. Das ist vor allem für arme Länder wichtig, die nur sehr begrenzte Kapazitäten zur Organisation ihrer Arzneimittelversorgung haben. Personal, das sich um Fälschungen kümmert, kann andere – und vielleicht wichtigere – Aufgaben nicht mehr wahrnehmen.

Was genau wird überhaupt gefälscht und wo kommen Fälschungen vor? Ohne dieses Wissen kann man keine vernünftigen Entscheidungen über die besten Massnahmen treffen. Es ist nämlich durchaus relevant, ob es Qualitätsmängel bereits bei der Herstellung gibt (Fabriken lassen sich vergleichsweise einfach überwachen), oder ob beispielsweise von Kriminellen gefälschte Medikamente über Strassenmärkte verkauft werden.

Hightech nötig?

Aufwändige technologische Lösungen wie Funkchips auf den Packungen wurden von der Industrie vorgeschlagen. Das Geld könnte man besser in den kontrollierten Einkauf von qualitätsgesicherten Medikamenten stecken. Eine weitere Gefahr von teuren Technologien ist die Marktabgrenzung. Wenn nur Hersteller von teuren Medikamenten sich die Zusatzkosten für schlechter zu fälschende Medikamentenpackungen leisten können, kann das als Marketingargument gegen Hersteller preiswerter Medikamente eingesetzt werden.

Eine Frage des Preises?

Wer da zusammensitzt, bestimmt auch die Ausrichtung der Massnahmen gegen Fälschungen. Dabei wird deutlich, dass einige Beteiligte auf einem Auge blind sind. Geld spielt scheinbar keine Rolle (wenn es um Sicherheitsmassnahmen gegen Fälschungen geht) und ist in Wirklichkeit doch das Entscheidende. Denn aus den spärlich vorhandenen Daten kann man noch am ehesten ablesen, dass besonders häufig (relativ) teure Medikamente gefälscht werden. Gerade die grosse Industrie verlangt eine entschiedenes Vorgehen gegen Fälschungen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Verfechter eines freien Weltmarktes und des Abbaus von staatlicher Kontrolle nach mehr Kontrollen rufen. Die Vertretung von VerbraucherInnen und PatientInnen auf der Konferenz kann nur als Feigenblatt bezeichnet werden, zumal letztere durch die International Alliance of Patients’ Organizations (IAPO) vertreten wurden, ein von der Pharmaindustrie mit gegründeter und finanzierter Verband (6).

Public Private Interaction

Die führende Rolle des internationalen Pharmaindustrieverbands IFPMA bei der Durchführung der Konferenz kann man in der Abschlusserklärung nicht mehr erkennen. Deutlich ist aber der Einfluss der Industrie, vergleicht man die von der WHO in die Konferenz eingebrachten Zielsetzungen (7) und das Abschlussdokument (8). Forderungen wie Preissenkungen oder die Erstattung der Arzneimittelkosten durch Sozialversicherungssysteme sucht man in der Abschlusserklärung vergeblich. Dafür wird die Einrichtung einer „Taskforce“ durch die WHO gefordert, bei der die Industrie mit am Tisch sitzt. Sie soll sich ausschliesslich um die direkte Bekämpfung von Fälschungen kümmern, aber nicht um die Rahmenbedingungen, die das Fälschen so lukrativ und so einfach machen. Diese Schieflage ist der Preis der Einbeziehung der multinationalen Pharmaindustrie, die über keine demokratische Legitimation verfügt und nur ihren Aktionären rechenschaftspflichtig ist.

Der Text von Jörg Schaaber erschien erstmals im Rundbrief 2/2006 der Buko-Pharmakampagne, www.bukopharma.de

 

Anmerkungen:

  1. Kriminelle Bionelles? Pharma-Brief 8/1985, S. 4
  2. WHO. Counterfeit medicines. Fact sheet N° 275.Revised February 2006, www.who.int/mediacentre/factsheets/fs275/en/
  3. 21st Century International Drug Terrorism.Testimony by CMPI Director, Peter J. Pitts, to the [US] Government Reform Committee Subcommittee on Criminal Justice, Drug Policy and Human Resources, November 1, 2005 , www.pacificresearch.org/pub/sab/health/2005/21_Century_Counterfeiting_Testimony.pdf
  4. Unter Parallelimport versteht man den Import eines Originalpräparats aus einem anderen EU-Land wo es billiger verkauft wird.
  5. Zaheer Ud din Babar. Prevalence of counterfeit medicines in Pakistan (corr). e-drug 3.3.2006
  6. Die IAPO erhält etwa zehnmal soviel Geld von der Industrie (mindestens 250.000 US$) wie von ihren Mitgliedsorganisationen (162 Mitglieder zu einem Beitrag von 30-300 US$) www.patientsorganizations.org/showarticle.pl?id=25&n=131
  7. Howard Zucker. Combating Counterfeit Drugs: Building Effective International Collaboration. Rom 16.2.2006, www.who.int/medicines_technologies/media/Combating-Counterfeit-Drugs2006_Speechby-Dr-Howard-Zucker.pdf
  8. Conclusions and recommendations of the WHO international conference on combating counterfeit medicines. Declaration of Rome 18 Feb 2006, www.who.int/medicines/services/counterfeit/RomeDeclaration.pdf