Globale Gesundheit in Zeiten der Krise

...und der Bundesrat stiehlt sich aus der Verantwortung

Die Wirtschaftskrise bedroht die Gesundheit der ärmsten Menschen in den Entwicklungsländern. Während für die Rettung von Banken Milliardenbeiträgen fliessen, drohen Entwicklungshilfebudgets Kürzungen. Vielleicht könnte aber die Krise positive Folgen auf die internationale Gesundheitspolitik haben.

Vor rund einem Jahr spitzte sich mit dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers die Krise auf den Finanzmärkten dramatisch zu: Regierungen, die noch bis vor kurzem staatliche Interventionen verteufelten, griffen in die Geldschatulle, um mit Milliardenbeträgen Finanzinstitute vor dem Konkurs zu retten. Das Übergreifen auf die Realwirtschaft konnte damit allerdings nicht verhindert werden.

Obwohl die Krise in den industrialisierten Ländern durch eine jahrelange wirtschaftspolitische Fehlsteuerung ausgelöst wurde, griff sie sehr schnell auf die Entwicklungsländer über. Und die Situation wird sich voraussichtlich für diese noch verschlechtern: Das finanzielle Engagement der reichen Staaten in der Entwicklungszusammenarbeit wird sinken. Selbst wenn diese am entwicklungspolitischen Ziel von 0,7% des Bruttonationalproduktes festhalten, ist es angesichts der Krise weniger Geld. Die Entwicklungshilfebudgets bereits gekürzt haben Italien und Irland – und auch der Schweizer Bundesrat lässt sich auf ein unwürdiges Spiel ein (vgl. Kommentar). Vor diesem Hintergrund erstaunt es wenig, dass der „Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria“ bereits Mühe bekundet, genügend Geld für seine Programme aufzutreiben.

Armut macht krank

Die UNO schätzt, dass die Wirtschaftskrise für 50 Millionen Menschen den Rückfall in die Armut bedeuten könnte. Und dies wird Folgen für die Gesundheit der Betroffenen haben. Wie das funktioniert, hat vor einem Jahr die WHO Kommission „Social Determinants of Health“ in ihrem Abschlussbericht dargelegt.

Diese Kommission untersuchte, wie der ökonomische und soziale Zustand einer Gesellschaft mit der Verteilung von Gesundheit innerhalb eines Landes und zwischen den Ländern miteinander verbunden sind. Die bestimmenden Faktoren der Gesundheit („social determinants of health“) bestehen aus den Lebensumständen, in welchen Menschen auf die Welt kommen, aufwachsen, leben, arbeiten und altern, sowie den sozialen Strukturen dieser Lebensumstände (Verteilung von Macht, Geld und Ressourcen). Auf diese beiden Faktoren hat die Wirtschaftskrise direkten Einfluss.

Dieses abstrakte Modell lässt sich aufgrund historischer Erfahrung überprüfen. Ein Blick auf vergangene Finanz- und Wirtschaftskrisen zeigt den negativen Einfluss auf die Gesundheit und Gesundheitsversorgung. Arbeitslosigkeit und soziale Ängste erhöhen etwa den Alkoholkonsum oder führen dazu, dass in der wirtschaftlichen Not auf noch gefährlichere, aber billigere Ersatzprodukte ausgewichen wird. Die höhere Sterblichkeit von Männern zu Beginn der 1990er Jahre in Russland lässt sich darauf zurückführen. Höhere Sterblichkeit von Erwachsenen liess sich auch in Thailand als Folge der Asienkrise zwischen 1996 und 1999 feststellen. In Indonesien nahm während der gleichen Krise die Zahl der Kinder, die als Folge einer qualitativ mangelhaften Ernährung unter Anämie litten, von 52% auf 68% zu.

Gesundheitliche Folgen der Krise

Aber auch die jetzige Krise zeitigt bereits Folgen für die Gesundheit und Gesundheitsversorgung der Menschen im globalen Süden. Familien von Aids-Infizierten in Südafrika haben aufgrund der sinkenden Einkommen und der steigenden Lebensmittelpreise Mühe, Nahrung und medizinische Hilfe zu bezahlen. Erfahrungen von UNICEF zeigen ausserdem, dass mit wachsendem Hunger auch die Prostitution zunimmt – und damit das Aids-Risiko steigt. Und Médecins Sans Frontières meldete an der internationalen Aidskonferenz in Kapstadt, dass es wegen der Krise immer wieder zu Schwierigkeiten mit der Versorgung von Medikamenten komme.

Während also bereits aufgezeigt werden kann, dass arme Menschen gesundheitlich unter den Folgen der Krise leiden und noch mehr leiden werden, sind die Folgen auf die internationale Gesundheitspolitik noch nicht absehbar. Krisen bringen es mit sich, dass sie auch Wertehaltungen und politische Grenzen in Bewegung bringen.

Chancen der Krise

Hinter der Finanzkrise steht die seit den 80er Jahren politisch dominierende Vorstellung, dass die Märkte Wohlstand für alle schaffen, wenn der Staat sie in Ruhe lässt. Der auf die Bekämpfung einzelner Krankheiten fixierte und durch verschiedene globale Programme mit viel privatem und staatlichem Geld umgesetzte vertikale Ansatz basierte auf denselben durch die Weltbank vertretenen neoliberalen Ideen. Er schwächte umfassende Basisgesundheitsprogramme und die WHO als demokratisch legitimiertes internationales Gremium. Der im Weltgesundheitsbericht 2008 eingeschlagene Weg einer Neudefinition der Basisgesundheitskonzepte könnte nun Auftrieb erhalten.

Der Chefredaktor von „The Lancet“ sieht die angesichts der Krise Möglichkeit gekommen, Fragen an die internationale Gesundheitspolitik zu stellen: „Soll der Global Fund mit UNAIDS fusionieren? Soll er sich wirklich nur auf die Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria konzentrieren? Soll die Weltbank radikal ihre Aufgabe ändern? Können jetzt UN Reformen so vorangebracht werden, dass sie mehr den geopolitischen Realitäten entsprechen?“ (Richard Hurton, The Lancet)

Nochmals umfassender fordern im Britisch Medical Journal Michael Marmot und Ruth Bell ein neues Modell, dass Gerechtigkeit ins Zentrum setzt. Der ehemalige Präsident und das ehemalige Sekretariatsmitglied der WHO „Commission on the Social Determinants of Health“ sehen dabei drei Ansatzpunkte, welche die globale Politik angehen müsste: die wachsende Ungleichheit innerhalb vieler Länder, die globale soziale und gesundheitliche Ungleichheit sowie das drängende Problem der Klimaveränderung und Umweltzerstörung.

Die Zeit für solche Veränderungen läuft uns aber langsam davon. Angesichts der Wirtschaftskrise besteht nun auch die Gefahr, dass die Probleme nicht global im Sinne einer umfassenden sozialen Gerechtigkeit angegangen werden, sondern dass stattdessen nationalkonservative Kreise mit nationalistischen Politikkonzepten die Probleme noch verschärfen.

Martin Leschhorn Strebel ist Mitglied der Geschäftsleitung des Netzwerkes Medicus Mundi Schweiz. Kontakt: mleschhorn@medicusmundi.ch

 

Quellen


Krise bedroht Fortschritte bei der AIDS-Bekämpfung. 19. Juli 2009, www.epo.de

The Financial Crisis and Global Health. Report of a High-Level Consultation. World Health Organization, Geneva 19 January 2009.

Michael Marmot & Ruth Bell: How will the financial crisis affect health? In: British Medical Journal, 11 April 2009, Volume 338, pp. 858-860

Johannes Dieterich: 4 Millionen Aidskranke ohne Medikamente. In: Tages-Anzeiger, 22. Juli 2009.

Richard Horton: The global financial crisis: an acute threat to health. In: The Lancet, Volume 373, pp 355-356, 31 January 2009

Keep those vitamins coming. In: IRIN, 12 May 2009

Bundesrat stiehlt sich aus seiner Verantwortung

Im Dezember 2008 beauftragte das Parlament den Bundesrat die Ausgaben der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen eines Zusatzkredites von bereits mickrigen 0,4% der Bruttonationalprodukts auf weiterhin wenigen 0,5% zu erhöhen. Im Mai hat der Bundesrat beschlossen, den Auftrag zu ignorieren und die Entwicklungshilfe faktisch einzufrieren.

Damit kommt der Bundesrat seiner Verantwortung in der Welt nicht nach. Einer Verantwortung, die sich nicht nur auf die Bewältigung des Missmanagements der Banken beschränken darf, wie es offenbar dem Verständnis des Finanzministers entspricht. Einer Verantwortung, die gerade der Schweiz gut anstehen würde.

Denn am Anfang der Wirtschaftskrise steht eine Finanzmarkpolitik, die von der Schweiz international vertreten wurde und nun global Schiffbruch erlitten hat. Von der dadurch ausgelösten Wirtschaftskrise sind die Menschen im globalen Süden existentiell betroffen (s. nebenstehender Artikel).

Als eine der wichtigsten Finanzplätze darf sich die Schweizer Regierung nicht einfach aus der Verantwortung stehlen. Angesichts des angeschlagen Rufes der schweizerischen Finanzwirtschaft nach jahrelanger Gesprächsweigerung in Sachen Bankgeheimnis muss die Schweiz jetzt endlich ein Zeichen der Solidarität setzen und wenigstens das international vereinbarte 0,7%-Ziel erfüllen.

Martin Leschhorn Strebel