"Heal the World"

Das Einfache ist falsch, das Komplexe nutzlos

Ein Gerichtsverfahren in Südafrika, ein Spendenaufruf des UNO-Generalsekretärs und der Zugang zu HIV/Aids-Medikamenten.

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Denen haben wir es wieder einmal gegeben. Wir haben mit offenen Briefen und Petitionen den weltweiten Protest gegen jene Pharmaunternehmen mitgetragen, die den südafrikanischen Staat wegen der geplanten Einführung von Massnahmen zum Import und zur Herstellung billigerer Medikamente vor Gericht gezogen hatten. Wir haben die todbringende Arroganz der Shareholer-Profiteure und der Globalisierer angeklagt und auf die Millionen von Aidskranken, die in Südafrika und anderswo auf billige Medikamente angewiesen sind, hingewiesen: Gesundheit vor Profit, Menschenleben vor Patentschutz, dies waren unsere einfachen und nicht widerlegbaren Slogans. Und wir haben auf der ganzen Linie gesiegt. Die Anklage wurde von den Pharmaunternehmen unter verzweifelten Bemühungen, ihr Gesicht zu wahren, schliesslich zurückgezogen,. Südafrika, eine Wegmarke auf einem Weg, der uns bereits nach Seattle, nach Prag, nach Davos geführt hat. Wohin als nächstes?

Wenn es doch so einfach wäre. Doch illustriert gerade der "Fall Südafrika" exemplarisch Paul Valérys Spruch vom Einfachen, das falsch, und vom Komplexen, das nutzlos ist. Wir ziehen im Zweifelsfall die einfachen Slogans vor, die einfachen Muster von gut und böse, schwarz und weiss, um nicht ohnmächtig und nutzlos vor der Komplexität einer Herausforderung wie Aids in Afrika zu stehen. Das ist legitim, aber nicht ehrlich.

Zehn Tage später bereits die nächste gute Nachricht für HIV-Infizierte: Der UNO-Generalsekretär Kofi Annan rief am 26. April an einem Aids-Gipfel afrikanischer Staatschefs zur Mobilisierung gegen Aids auf: Eine Kriegskasse von jährlich 7 bis 10 Milliarden US-Dollar müsse geäufnet werden. Der Plan werde an der UNO-Sondersession vom 25. bis 27. Juni konkretisiert.

Nach dem pathetischen "Feed the World" der Achtzigerjahre ist "Heal the World" definitiv zum Lied des neuen Jahrtausends geworden. Dass die internationale Aufmerksamkeit nun endlich wieder auf die Gesundheitssituation von Menschen in armen Ländern gerichtet ist, ist eine Chance, aber auch ein Risiko: Die Chance ist evident, doch mir graut vor der Vorstellung, dass nun internationale Aids-Einsatztrupps vor laufenden Kameras HIV-Behandlung im Stil von "disaster relief" praktizieren, damit nachher "alles wieder gut ist." Noch ist nichts gut. Deshalb seien hier ein paar – immer noch einfache – Dinge in Erinnerung gerufen:

Erstens: Mit billigeren Medikamenten und mehr Geld ist im Kampf gegen Aids und gegen andere, immer wieder vergessene Killer wie Malaria und Tuberkulose noch gar nichts erreicht. Eine HIV-Behandlung dauert so lange wie das Leben der betroffenen Person. Wille und Werkzeuge zur Behandlung müssen während der gesamten Dauer vorhanden sein. Wenn die Behandlung unsachgemäss erfolgt oder abgebrochen wird, erhöht sich zudem die Gefahr der Resistenzbildung des HI-Virus gegen die eingesetzten Wirkstoffe. Es braucht somit auf jeden Fall neue Medikamente, aber auch einfachere Diagnose-, Kontroll- und Behandlungsmethoden. Der verkürzte Slogan, dass die 25 Millionen HIV-Infizierten in Afrika mit den zu Verfügung stehenden Werkzeugen "gerettet" werden können, ist politisch korrekt, aber unehrlich.

Zweitens: Angesichts der riesigen Herausforderung, die Aids darstellt, dürfen bewährte Konzepte und Zielsetzungen der Gesundheitspolitik und -praxis nicht durch blinden Aktivismus abgelöst werden. Weil nun plötzlich Aufmerksamkeit und offenbar auch finanzielle Mittel vorhanden sind, dürfen die PatientInnen und die Gesundheitssysteme in armen Ländern nicht zu Versuchskaninchen für "quick fix" Lösungen dienen, die die bestehenden Kapazitäten und Systeme gefährden, statt sie zu fördern.

Drittens: Gesundheitspolitik ist Sache der Regierungen. Die Regierungen in Afrika, aber auch in Südostasien und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion müssen endlich aufhören, Aids zu verschleiern und zu verdrängen, und den Kampf gegen die weitere Ausbreitung der Epidemie zu einer nationalen Priorität erklären. Es liegt an der Regierung jedes einzelnen Landes, die Menschen zu einer Bewusstseins- und Verhaltensänderung anregen und ihnen die zum Schutz gegen eine Infektion notwendigen Instrumente in die Hand geben. Gerade Südafrika, dessen Präsident nun seit über einem Jahr zur Verbindung zwischen dem HI-Virus und Aids nur Undeutliches und Verwirrendes von sich gibt, und dessen Gesundheitsministerin Medikamente gegen die Mutter-Kind-Übertragung des HI-Virus nicht zulassen wollte, ist – im Gegensatz etwa zu Uganda und Thailand – ein eher unglaubwürdiger Anwalt der HIV-Infizierten.

Viertens: Die Gesundheitsversorgungssysteme müssen über die nötigen Mittel verfügen, um effiziente und wirkungsvolle Massnahmen zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung des HI-Virus und zur Betreuung und Behandlung der Infizierten und Kranken zu treffen. Dazu braucht es mehr und besser ausgebildetes Personal, eine funktionierende Infrastruktur, aber auch die richtigen Prioritäten und Programme im Gesundheitsbereich. Die Reform – oder zum Teil die Reanimation – der Gesundheitsstrukturen benötigt neben dem politischen Willen auch viel Geld und ist nicht von einem Tag auf den anderen aus dem Boden zu stampfen. So ist denn die Erklärung der afrikanischen Staatschefs an ihrem Treffen in Abuja, ab sofort mindestens 15 Prozent des Staatsbudgets zur Verbesserung des Gesundheitssektors zu investieren, das hoffnungsvollste Zeichen der letzten Wochen: Wenn sie es ernst meinen und realisieren, wäre dies der entscheidende erste Schritt.

Fünftens: Auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene muss die Gesundheitspolitik Teil einer umfassenden Sozial- und Wirtschaftspolitik darstellen. Gesundheit und Lebensbedingungen können nicht voneinander getrennt werden, übertragbare Krankheiten sind immer auch zuerst Krankheiten der Armut und der Ungerechtigkeit. Diese zu überwinden und die Menschen zu befähigen, ihr Schicksal selbst zu bestimmen, ist die grösste Herausforderung, in "armen" und in "reichen" Ländern.

Schliesslich, und damit zurück zum Anfang: Es braucht auch auf internationaler Ebene eine koordinierte Politik und das gemeinsame und zielgerichtete Engagement aller Akteure: Von den Regierungen und Donors braucht es mehr Geld zur Unterstützung der Gesundheitssysteme armer Länder - was ist das Angebot der Schweiz? Die WTO muss ein neues Patentsystem für Medikamente entwickeln, das die Interessen von PatientInnen, Staaten und ProduzentInnen besser ausgleicht - schauen wir, was an der von afrikanischen Staaten initiierten WTO-Tagung von Mitte Juni herauskommt, und: was ist die Position der Schweiz? Die Pharmaindustrie muss in die Entwicklung von neuen Medikamenten gegen übertragbare Krankheiten investieren, und dabei ihr Profitdenken relativieren – was ist das Angebot der Schweizer Unternehmen? Daneben sind originelle und vielfältige Initiativen durchaus gefragt, so wie diejenige, die mir kürzlich ein Basler Arzt skizzierte: Ein Spital in B. unterstützt ein Spital in Tansania, die Aidshilfe in Z. lanciert eine Partnerschaft mit der Aidshilfe in Eastern Cape/Südafrika, die Krankenkasse H. unterstützt mit einem freiwilligen Beitrag ihrer Mitglieder den Aufbau eines Krankenversicherungssystems in Madagaskar, und alle diese (und viele weitere) Initiativen, die auf eine lange Dauer angelegt sind, werden in der Schweiz von den Verbänden (Spitäler, ÄrztInnen, PatientInnen) mitgetragen und verbreitet und von einer kompetenten Stelle fachlich begleitet. Dann wären auch wir wieder am Zug, und "Heal the World" könnte etwas von seinem bitteren Geschmack verlieren.