Im Dschungel der Medikamentenpreise

Dritte Welt zahlt oft mehr für Arzneimittel

Preise für ein und dasselbe Medikament können in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich sein. Eine aktuelle Untersuchung von Health Action International* zeigt: Es herrscht Preischaos. Klare Muster lassen sich kaum erkennen, aber bedenkliche Trends: Oftmals sind Preise in der Dritten Welt höher als in Industrieländern.

Health Action International erfasste in 39 Ländern rund um den Globus die Preise für 21 häufig gebrauchte Arzneimittel. Dabei wurden sowohl Markenmedikamente als auch – soweit erhältlich – generische (wirkstoffgleiche) Produkte untersucht. Für Menschen in der Dritten Welt kann der Preis eines Arzneimittels manchmal über Leben und Tod entscheiden. Meist ohne staatlichen Krankenversicherungsschutz sind sie dem "freien" Markt ausgeliefert. Hat man das Pech, im falschen Land zu leben, kann das lebensrettende Mittel durchaus unbezahlbar sein.

Wie stark die Preise für ein und denselben Arzneimittel-Wirkstoff variieren, ist schon erstaunlich. So kosten 100 Tabletten des gebräuchlichen Antibiotikums Amoxycillin (250 mg) in Laos nur 2 US$, in Finnland zahlt man für dieselbe Menge mit 58 US$ den höchsten Preis von allen untersuchten Ländern. Dabei gibt es keineswegs ein einheitliches Nord-Süd Preisgefälle: So kostet Amoxycillin in Spanien 3 US$, in Uruguay aber 57 US$. Die Preise für das Markenpräparat Amoxil®, das ebenfalls Amoxycillin enthält, liegen in der Regel noch höher. Sie betragen je nach Land zwischen 4 und 71 US$.

Die Pharmaindustrie behauptet gerne, Preisunterschiede wären durch die unterschiedliche wirtschaftliche Leistungskraft begründet, d.h. in armen Ländern wären Medikamente billiger. Das stimmt aber offensichtlich nicht. Tansania ist mit einem pro Kopf Bruttosozialprodukt von 120 US$ eines der ärmsten Länder der Welt. Für einen Korb mit 13 Arzneimitteln müßte man dort 409 US$ bezahlen, der gleiche Korb würde in Kanada nur 277 US$ kosten. Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man berechnet, wie lange ein ungelernter Arbeiter für diesen Korb arbeiten müßte: In Tansania 215 Tage, in Kanada gerade 8 Tage.

Enorme Preisunterschiede

Die Preispolitik der Firmen ist äusserst undurchsichtig. Das zeigt die HAI-Studie bei allen untersuchten Markenmedikamenten. Ein Beispiel: Glaxo, der Hersteller von Zantac® (in der Schweiz Zantic®). Der scheint herausholen zu wollen, was nur irgend möglich ist. 1992 mussten KonsumentInnen bis zu 124 US$ für 100 Tabletten zahlen (in Tansania), in Indien aber nur 4,90 US$. Damit war Zantac® in Tansania 25 mal so teuer wie in Indien.

Die aktuelle Untersuchung von HAI zeigt, dass noch Steigerungen möglich sind: 100 Tabletten Zantac® kosten jetzt in Indien nur noch 2 US$, in Chile aber 196 US$ – das ist der höchste Preis in allen untersuchten Ländern. Damit ist 1998 die maximale Preisdifferenz auf 1:98 gewachsen, d.h. PatientInnen in Chile müssen fast das hundertfache für Zantac® bezahlen wie indische PatientInnen.

Auch bei Schweizer Herstellern lassen sich deutliche Preisunterschiede feststellen: So verlangt Roche für 100 Tabletten Valium®(10 mg) in Asien im Durchschnitt 9 US$, in Lateinamerika 50 US$. Hierzulande kostet Valium® 20 US$ (29.55 SFr.). Beim Novartis-Medikament Voltaren®(Tabletten, 50mg) sieht es ähnlich aus: 19 US-Dollars in Asien, 67 US$ in Lateinamerika; die Schweizer Verbraucher/innen zahlen für dieses Medikament in der Apotheke ebenfalls einen stolzen Preis von 64 US$ (94.05 SFr.).

Generell kann man sagen, da Arzneimittel in Lateinamerika am teuersten und in Asien am billigsten sind. So kosten in Asien die Medikamente im Schnitt 12 US$, in Lateinamerika jedoch 40 US$. Die Industrieländer (OECD) lagen preislich mit 28 US$ dazwischen. Diese Zahlen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, da es innerhalb jeder Region erhebliche Preisunterschiede gibt.

Das Gesetz des Dschungels

Eine Erklärung für die krassen Unterschiede: Die Pharmaindustrie holt sich, was sie unter den Rahmenbedingungen in den jeweiligen Ländern herausholen kann. D.h. wo die Regierung sich wenig um die Versorgung der Bevölkerung sorgt oder relativ kaufkräftige Schichten vorhanden sind, gibt es hohe Preise. Starke Konkurrenz – wie z.B. in Indien – oder eine konsequente Medikamentenpolitik wie in Zimbabwe sorgen für (relativ) niedrige Preise.

Was kann man ändern?

Die Intransparenz der Märkte und mangelnde Kontrolle der Arzneimittelpreise machen die gravierenden Preisunterschiede in verschiedenen Ländern überhaupt erst möglich.

Die offensichtlichste Einsparmöglichkeit ist die Verwendung von Generika statt teurer Markenprodukte. Dadurch wären in allen Regionen erhebliche Einsparungen möglich. Generika kosten grob gesagt die Hälfte. Dennoch ist es erstaunlich, wie unterschiedlich die Generikapreise in den verschiedenen Regionen sind. Ein Vergleich von 9 Markenprodukten und ebenso vielen identischen Generika zeigt: In Asien kosten die Generika im Schnitt 7 US$ (Markenprodukte 17 US$), in den OECD Ländern 22 US$ (43 US$) und in Lateinamerika 28 US$ (42 US$).

Die Herstellung von Transparenz auf dem Arzneimittelmarkt ist eine unabdingbare Voraussetzung für einen besseren Zugang zu Medikamenten. Denn nur dann können Einsparpotentiale auch deutlich werden. Aber das allein wird nicht reichen. Ohne eine Kontrolle und Regulierung von Medikamentenpreisen wird sich wohl nicht viel ändern. HAI fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Regierungen aller Länder der Welt auf, allen Menschen den Zugang zu preiswerten unentbehrlichen Arzneimitteln zu sichern.

* K. Bala, O. Lanza, S.R. Kaur. Retail Drug Prices. The Law of the Jungle. In: HAI News Nr. 100, April 1998.

Die BUKO Pharma-Kampagne ist eine Aktion des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO), einem Zusammenschluss von 200 Dritte Welt Aktions- und Solidaritätsgruppen in Deutschland. Die deutsche BUKO Pharma-Kampagne hat an der Studie von Health Action International mitgewirkt. Der Text von Jörg Schaaber wurde von Thomas Schwarz, Medicus Mundi Schweiz, mit Angaben zu in der HAI-Studie aufgeführten Schweizer Medikamenten ergänzt (Erhebungen: international per Januar/Februar 1998; Schweiz per Juni 1998).