Im öffentlichen Interesse?

Wie Arzneimittelforschung auch gefördert werden könnte

Selbst die Pharmaindustrie streitet nicht ab, dass es Krankheiten gibt, die von der (industriellen) Arzneimittelforschung vernachlässigt werden. Doch welche Anreize können zur Beforschung vernachlässigter Bereiche führen?

Die Manager nehmen kein Blatt vor den Mund: Bei der Arzneimittelforschung geht es ums Geld. Wo nichts verdient werden kann, lohnt sich auch keine Investition. Die medizinische und moralische Notwendigkeit ist erkannt, aber es gibt da eben den magischen "Shareholder Value" – den Wert, den ein Unternehmen im Aktienhandel besitzt. Die Unternehmen lenken zusehends ein, wohl auch um des eigenen Rufes willen. Fast jede Firma hat inzwischen eine Tropenkrankheit im Forschungsprogramm. Aber in der Regel sind die Programme wie ein Tropfen auf dem heissen Stein.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte im November 2005 zu einem mehrtägigen Treffen geladen, um Perspektiven für eine sinnvollere Forschungspolitik zu diskutieren. Obwohl die VertreterInnen von Pharmaindustrie und Investmentfonds deutlich in der Überzahl waren, waren dennoch nahezu alle aktuellen Argumentationsstränge vertreten. (1) Die meisten diskutierten Verbesserungsvorschläge haben allerdings eine Gemeinsamkeit: Sie sind auf die Bedürfnisse der Industrie ausgerichtet. Es sollen finanzielle Anreize geschaffen und bürokratische Hürden abgebaut werden. Zugrunde liegen zwei Dogmen: „Ohne Patentschutz keine Forschung“ und „Ohne Industrie keine neuen Medikamente“.

Arzneimittel als öffentliches Gut

Doch was bringt denn ForscherInnen dazu, etwas Neues zu entwickeln? Geld ist nötig, um die Forschung durchzuführen, aber es ist nicht die einzige Motivation für die Arbeit. Ebenso ist es ein Trugschluss, dass Innovationen zwangsläufig mit Monopolen belohnt werden müssen. Die meisten ForscherInnen sind motiviert, gute Produkte zu entwickeln, die anderen Menschen helfen. Eine verlässliche öffentliche Finanzierung gewährleistet neue Medikamente, die auch wissenschaftlichen Erfolg bedeuten.

Öffentliche Forschungsförderung konsequent zu Ende gedacht - das bedeutet Arzneimittel als öffentliches Gut zu etablieren. Was öffentlich finanziert wurde, muss auch der Allgemeinheit zugänglich sein. Dass so etwas funktioniert, zeigen zwei Beispiele: Die Entwicklung des Impfstoffs gegen Kinderlähmung: Als der Entdecker der Polio-Impfung, Jonas Salk, gefragt wurde, wem denn das Patent dazu gehören würde, antwortete er: „Nun ja, der Menschheit, würde ich sagen. Es gibt kein Patent. Könnten Sie die Sonne patentieren?“ (2) - Salks Position wurde zum Segen für viele Menschen. Bis zur Einführung der Polio-Impfung kam es weltweit immer wieder zu verheerenden Epidemien. Dank der billigen Impfstoffe sind heute über 200 Länder frei von Polioerregern.

Mit dem Ausbruch des SARS-Virus kam es weltweit zu einer beeindruckenden Kooperation vieler WissenschaftlerInnen bei der Bestimmung des Erregers und der Entwicklung von Gegenmassnahmen. Der Kampf gegen die Bedrohung hatte oberste Priorität.

Das Konzept Arzneimittel als öffentliches Gut ist keine Utopie, sondern wird Stück für Stück Wirklichkeit. Die meiste Grundlagenforschung wird in staatlichen Labors durchgeführt. Auch das Dogma, dass nur die Pharmaindustrie klinische Studien durchführen kann, ist längst hinfällig geworden. Die US-amerikanischen National Institutes of Health geben jährlich mehrere hundert Millionen US$ für klinische Versuche aus. Das sind staatliche Gelder. Auch die Europäische Union hilft mit dem EDCTP-Programm (3), klinische Kompetenz in Entwicklungsländern aufzubauen. Ein genaues Hinschauen zeigt, dass selbst die grossen Pharmaunternehmen viele klinische Studien nicht mehr selbst durchführen. Schätzungsweise zwei Drittel der Studien werden inzwischen als Auftragsarbeiten an sog. Contract Research Organisations vergeben (4).

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Am häufigsten wird die Frage gestellt, wie so eine öffentliche Forschung denn finanziert werden soll. Wie in den anderen Beiträgen bereits ausgeführt wurde, ist die industrielle Forschung ziemlich uneffektiv und teuer. Zudem wird doppelt so viel Geld für Werbung ausgegeben wie für die eigentliche Forschung. Da diese Kosten ja durch hohe Arzneimittelpreise rückfinanziert werden müssen, liegt hier ein enormes Sparpotential. Der Ökonom Dean Baker rechnet folgendes Szenario durch: Würde Arzneimittelforschung ab sofort ausschliesslich öffentlich finanziert und die neuen Medikamente patentfrei unter Wettbewerbungsbedingungen verkauft, dann würde das staatliche US-Gesundheitssystem bis zum Jahr 2014 unter dem Strich 110 Milliarden US$ einsparen. (5)

Es gibt verschiedene Wege, wie das „öffentliche Geld“ für die Forschungsfinanzierung organisiert werden könnte. Es könnte ein internationaler Forschungsfonds gegründet werden, in den möglichst viele Länder Gelder einzahlen, die dann für Auftragsforschung vergeben werden. Diskutiert wird auch das Modell eines Forschungsvertrages, in dem sich die unterzeichnenden Länder verpflichten, sich entsprechend ihrer Wirtschaftskraft an derartigen öffentlichen Forschungsprojekten zu beteiligen. So ein Vertrag würde dafür sorgen, dass die finanzielle Last der Forschung auf möglichst vielen Schultern ruht und auch ärmere Länder sich mit ihren Möglichkeiten beteiligen.5 Die einzelnen Länder können ihren Beitrag entweder aus Steuergeldern finanzieren oder zum Beispiel über Krankenkassenbeiträge. Die erhöhte Forschungsbeteiligung würde über die sinkenden Arzneimittelpreise mehr als ausgeglichen.

*Zusammenzug aus zwei Beiträgen von Christian Wagner im auch als ganzes äusserst lesenswerten BUKO Pharma-Brief Spezial 2/2005, „Arzneimittelforschung. Wissenschaft im öffentlichen Interesse“. Der Pharma-Brief kann als pdf-Datei auf der Website www.bukopharma.de eingesehen oder bei der BUKO Pharma-Kampagne abonniert werden. Die Kolumne „Med in Switzerland“ wird von Medicus Mundi Schweiz betreut.

Anmerkungen:
1 Pharma Futures: One Year On. WHO, Genf 23.-25. Nov. 2005. Alle Präsentationen unter mednet3.who.int/prioritymeds/report/agenda_nov.htm
2 Interview mit Edward Murrow, See It Now, April 12, 1955, zitiert nach Smith, Jane S. Patenting the Sun: Polio and the Salk Vaccine. New York, New York: William Morrow and Company, Inc. 1990. pp. 305-312
3. European Developing Countries Clinical Trials Platform EDCTP, www.edctp.org sowie http://europa.eu.int/comm/research/info/conferences/edctp/edctpini_en.html
4 Wasteful Spending on Prescription Drugs. Center for Economic and Policy Research, Washington 2005
5 Federführend in der Diskussion ist das Consumer Project on Technology cptech (Washington). Siehe www.cptech.org/ip/health/rndtf/ und www.cptech.org/workingdrafts/rndtreaty.html