"Knowledge and Commitment for Action"

Die XIV. Welt-Aids-Konferenz von Barcelona

Nun ist sie vorbei, die 14. Welt-Aids-Konferenz, die mit grossem Pomp in Barcelona über die Bühne gegangen ist. Beinahe 15'000 Delegierte nahmen eine Bestandesaufnahme zur Situation der weltweiten HIV/Aids-Epidemie vor und über dem bei solchen Konferenzen üblichen Programm an Empfängen und Kulturveranstaltungen konnte man den tragischen Hintergrund beinahe vergessen. Dass man es nicht ganz vergass, dafür sorgten verschiedene Protestaktionen. Und wenn Barcelona eines gezeigt hat, dann dies: Kein Land kann sich auf seinen Erfolgen im Inland ausruhen, Aids betrifft uns alle und wird nicht nur zur grössten menschlichen Tragödie aller Zeiten, sondern auch zu einer Bedrohung des Global Village, der Weltgesellschaft und ihrer Werte allgemein.

Verschiedentlich wurde während der Welt-Aids-Konferenz der Zorn darüber spürbar, welch krasses Missverhältnis besteht zwischen der Dimension der Aids-Pandemie und der Antwort besonders der reichen Länder darauf, die sich beispielsweise den Krieg in Afghanistan ein Vielfaches der für die Aids-Bekämpfung aufgewendeten Mittel kosten lassen. Die spanische Gesundheitsministerin und ihr US-amerikanischer Kollege konnten ihre Redebeiträge nur unter ohrenbetäubenden Pfeifkonzerten halten, der Stand von Roche wurde ebenso temporär durch AktivistInnen geschlossen wie derjenige von Gilead (deren Medikament Tenofovir bis heute in der Schweiz nicht erhältlich ist). Coca-Cola wie die Europäische Union wurden Zielscheibe von Protestaktionen die sich gegen Mitarbeiterpolitik bzw. diskriminierende Einreisebestimmungen für HIV-Betroffene richteten. Umso herzlicher war der Empfang für Nelson Mandela und Bill Clinton, die gemeinsam die ziemlich verunglückte Schlusszeremonie bestritten und eindeutig die Stars der Veranstaltung waren, während die weiteren VIPs und die kurz ins Rampenlicht geholten VertreterInnen der Organisationen HIV-Betroffener kaum nachhaltig in Erinnerung blieben.

Was aber war denn nun die Substanz und Quintessenz dieses Monsterkongresses? An der Welt-Aids-Konferenz vor zwei Jahren in Durban war das Motto "den Graben überwinden" gewesen, nun hiess es "Knowledge and Commitment for Action". Doch bis zur Aktion ist die Weltgemeinschaft nur punktuell vorgedrungen, und die Südafrikanerin Graça Machel sprach von den jeweils von Konferenz zu Konferenz "rezyklierten Versprechungen" der PolitikerInnen.

Auf der medizinischen Seite gibt es wenig neues zu berichten. Roche stellte ihr Medikament T-20 vor, das jedoch schon an der europäischen Aids-Konferenz in Athen im letzten Jahr Thema gewesen war. Zu diesem vielversprechenden Medikament aus der neuen Klasse der Fusionshemmer ist anzumerken, dass es noch teurer ist als bisherige Medikamente und noch komplizierter in der Anwendung, da es injiziert werden muss. Es wird also erneut vor allem den Betroffenen in den Industrieländern Hilfe bringen, für die 90% aller HIV Infizierten, die nicht in diesen Ländern leben, steht es nicht zur Verfügung.

Ebenso düster sieht in Bezug auf die Entwicklung von HIV-verhindernden Mikrobiziden aus. Zwar sind die Resultate breiter Versuche mit Carraguard, einem aus einer Meeralge gewonnen Gel mit dem Wirkstoff Carrageen vielversprechend, doch werden schätzungsweise noch fünf Jahre vergehen, bis diese medizinische HIV-Prävention, der insbesondere auch Frauen in vulnerablen Gruppen einen eigenverantwortlichen Schutz ermöglichen würde, wirklich breit zur Verfügung steht.

Auch die Hoffnungen auf eine wirksame Impfung gegen das HIV-Virus werden sich erst mittelfristig erfüllen. Zwar werden weltweit insgesamt über 70 verschiedene Wirkstoffe auf ihre Eignung als HIV/Aids-Vakzin getestet, aber nur zwei davon sind in die Phase der klinischen Tests eingetreten, die im übrigen komplexe ethische Fragen aufwerfen. Es werden auch im Fall des erfolgsversprechendsten Präparats Aidsvax wohl noch 10 Jahre vergehen, bis eine wirksame Impfung zur Verfügung stehen wird.

Auf der "politischen" Seite der medizinischen Behandlung von HIV/Aids hingegen hat sich vieles bewegt, wenn auch die Fortschritte in Prävention und Behandlung bei weitem nicht Schritt gehalten haben mit dem Tempo der Ausbreitung des HIV-Virus. Unzählige RednerInnen wurden nicht müde zu wiederholen, dass ARV (anti-retrovirale) Behandlung unverzichtbarer und komplementärer Bestandteil jeder Präventionsanstrengung und überdies ein Menschenrecht aller Betroffenen sei. Darüber herrscht wohl mittlerweile Konsens, wenn auch noch nicht lange. Die Schuldzuweisungen wurden daraufhin in Barcelona rasch vorgenommen, die reichen Länder und die Pharma-Industrie wurden wegen ungenügender Finanzierung bzw. Patentpolitik an den Pranger gestellt. Nur am Rande wurde die unangenehme Wahrheit erwähnt, dass bad government und fehlender Wille der Regierungen gerade in Afrika zu den Haupthindernissen für den Zugang der 28.5 Millionen Betroffenen (davon schätzungsweise 6-9 Millionen, für die dieser Zugang überlebenswichtig ist) zu ARV gehört. Nur wenige Länder wie Botswana verfügen über ein umfassendes Aids-Bekämpfungsprogramm, das ARV-Behandlung einschliesst, obwohl Aids-Medikamente nur in wenigen Ländern Afrikas überhaupt patentiert sind und selbst dort Zwangslizenzen ohne weiteres möglich sind. "Die wichtigsten Hindernisse für die Ausweitung von ARV-Programmen heissen Thabo Mbeki und Robert Mugabe", so fasste es ein Redner die Situation in Zimbabwe und Südafrika trocken zusammen und erntete Kritik für diese unangenehme Wahrheit, die ansprach, dass die Tabuisierung von Aids noch bei weitem nicht überwunden ist und nach wie vor das relevanteste Hindernis für effektive Prävention und Behandlungsprogramme darstellt.

Nicht vergessen darf man allerdings, dass die Preisgestaltung für Aids-Medikamente tatsächlich ein Skandal ist. So sind originale Aids-Medikamente beispielsweise in Brasilien und Mexiko wesentlich billiger als in den armen Ländern Lateinamerikas, die weniger Druck auf die Pharmaindustrie ausüben können. Beschämend, dass die pragmatischen Lösungen auch hier meist vom Süden selbst kommen: Die thailändische staatliche Pharmaproduktionsfirma stellte ein wirksames, standardisiertes Kombinationspräparat (Generikum) vor, das zum Preis von 28 US-Dollar pro Monat erhältlich ist und dank seiner einfachen Darreichungsform (2 Tabletten täglich) unzählige Menschenleben retten kann. Thailand ist nun einen Schritt weiter gegangen und leistet afrikanischen Ländern, die dieses und andere Aids-Medikamente herstellen wollen und können, technische Hilfe.

Die Infrastruktur, die für eine umfassende Versorgung der Millionen von Infizierten notwendig ist, muss in den meisten Fällen erst aufgebaut und finanziert werden. Hier liegt eindeutig eine wichtige Herausforderung für die internationale Zusammenarbeit und ein potentieller Schwerpunkt auch der Schweizer Entwicklungshilfe, zumindest für die Gebiete mit hoher HIV-Prävalenz in Afrika

Im Zusammenhang mit dem Zugang zu Medikamenten war der "Global Fund to fight Aids, Tuberculosis and Malaria", letztes Jahr von UN-Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufen, Dauerthema der Konferenz. Angesichts der miserablen Dotierung des Fonds wurde der Aufruf an die reichen Länder, diesen Fonds wirklich zu unterstützen, zum Mantra fast aller RednerInnen an der Konferenz. 10 Milliarden US-Dollar werden schätzungsweise zur Bekämpfung der Aids-Epidemie jährlich benötigt, der Fonds verfügt für 2002 über nicht mehr als ein Zwanzigstel dieser Summe und die Befürchtung, dass die zugesagten Gelder aus anderen Entwicklungs- und Sozialbudgets der reichen Länder abgezweigt werden, ist nicht unbegründet. Hier ist auch die Schweiz gefordert, die mickrige 10 Millionen gesprochen hat und am Fonds, der seinen Sitz in Genf hat, indirekt auch noch verdient.

Neben all den Diskussionen um Geld und medizinische Behandlung von Aids verblasste die Prävention als nach wie vor billigste Bekämpfung einer nach wie vor unheilbaren Krankheit als Thema. Zwar wurden solide Studien und Fallbeispiele vorgestellt, aber gerade im Bereich Prävention wurde deutlich, wie gross der Graben zwischen arm und reich, Norden und Süd bzw. Ost immer noch ist. Gerade bei der Prävention sind Lippenbekenntnisse leicht und der politische Wille, tatsächlich durch Tabubruch und energisches Vorgehen gegen Stigma und Diskriminierung etwas zu bewirken, fehlt häufig, ob das die Genitalverstümmelung bei Mädchen und Frauen in Afrika betrifft oder aber die tödliche Repressionspolitik gegen DrogengebraucherInnen in Osteuropa. Dass das damit verbundene menschliche Leid und die schlimme Konsequenz für die weitere Ausbreitung von HIV/Aids auf die jeweiligen nationalen Regierungen zurückfällt, wurde nur vereinzelt angesprochen und trat zurück hinter die Dauervorwürfe an die reichen Nationen, allen voran die USA.

Der Schweizer Beitrag zur Konferenz war gut schweizerisch bescheiden, es waren PraktikerInnen aus Prävention, Forschung und medizinischer Behandlung vor Ort und keine hochrangige politische Delegation. Die Schweiz beteiligte sich nicht am Konzert der schönen Worte, sondern stellte Ergebnisse vor – und hörte zu; und das ist wohl für eine nachhaltige Beteiligung unseres Landes am Kampf gegen HIV/Aids ein vernünftiges Verhalten.

Aus Schweizer Sicht war diese Konferenz insbesondere ein Anstoss für zweierlei: Der Transfer von know-how und Ressourcen muss durch konkrete Schritte verstärkt werden, der Einbezug von HIV/Aids als Transversalthema in Entwicklungsprogramme der DEZA und der Hilfswerke ist einer davon, ein weit grösserer finanzieller Beitrag an den Global Fund und die Aidsbekämpfung ein anderer. In Barcelona ist klar geworden, welche Verantwortung gerade die Schweiz, die in so vielen Bereichen vorbildliche Arbeit geleistet hat, in Prävention, medizinischer Forschung, Behandlung und starken Positionen gegen Diskriminierung und Tabuisierung, hat, diese Erfolge auch für ressourcenschwache Gebiete nutzbar zu machen. Die Schweiz muss eine kohärente Position finden und nicht wie bis anhin abwechselnd humanitäre Grundhaltung und wirtschaftliche Interessen gegeneinander ausspielen, wie das etwa in der Frage der internationalen Patente zugunsten der Pharmaindustrie geschehen ist. Wie der Staat ist auch die Pharmaindustrie gefordert, neue Partnerschaften einzugehen, und schliesslich muss es zu einem gemeinsamen Vorgehen sämtlicher engagierter Parteien in der Schweiz für eine globale Antwort auf die globale Bedrohung durch Aids kommen. MedizinerInnen, Hilfswerke, Aids-ExpertInnen und auch die Wirtschaft müssen mehr als bisher zusammenarbeiten und ihre Lösungen globalisieren. Die geplante NGO-Fachplattform zu Aids und Entwicklungszusammenarbeit "Focus Aids", die von mehreren Organisationen und hoffentlich mit substanzieller Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit im Herbst lanciert wird, ist ein Schritt in diese Richtung.

Jan Suter, Leiter Fachstelle Internationales, Aids-Hilfe Schweiz