Nestlé: Profit statt Gesundheit

Noch fehlt der Gegenbeweis

Wie glaubwürdig sind öffentliche Ankündigen des Nestlé-Konzerns im Hinblick auf die Änderung seiner Vermarktungspraktiken für Babynahrung?

Am 18. Mai 2001 hat die Weltgesundheitsversammlung WHA eine bahnbrechende Resolution (WHA 54.2) zur Säuglings- und Kleinkindernährung verabschiedet. Die als weltweite Gesundheitsempfehlung gefasste Aussage, Säuglinge sollen bis zum sechsten Monat ausschliesslich und danach unter Einführung von Beikost bis zum zweiten Lebensjahr gestillt werden, beendet eine sieben Jahre anhaltende Auseinandersetzung. Die Hersteller künstlicher Säuglingsnahrung auf der einen Seite, die Organisationen, die sich für den Schutz und die Förderung des Stillens weltweit einsetzen, auf der anderen Seite hatten mit dem Apparat der WHO um eben diese Empfehlung gerungen. Bis dato hatte sich die WHO in ihren Erklärungen überwiegend mit der Kompromissformulierung "vier bis sechs Monate" aus der Affäre gezogen. Doch nachdem im März ein Expertenkomitee der WHO nach eingehender Literaturrecherche zum Schluss gelangte, dass die Empfehlung "bis sechs Monate" sowohl in gesundheits- als auch in ernährungspolitischer Hinsicht die einzig sinnvolle sei, übernahm die diesjährige Weltgesundheitsversammlung diese Formulierung.

Somit sind jetzt alle, die im Bereich Säuglings- und Kleinkindernährung tätig sind, aufgefordert, die Empfehlung der WHO in Alltagspolitik umzusetzen. Fachleute gehen davon aus, dass dieser Prozess wahrscheinlich einige Jahre in Anspruch nehmen wird, weil die Hersteller die Umsatzeinbussen von mindestens zwei Monaten nicht ohne Widerstand in Kauf nehmen werden.

Um so erstaunlicher war die Reaktion des weltgrössten Babynahrungsherstellers Nestlé auf das Ergebnis der WHO-Expertenkommission: Während der diesjährigen Aktionärsversammlung wurde angekündigt, die Empfehlung des Komitees hinsichtlich der sechs Monate "ausdrücklich unterstützen" zu wollen. Nestlé erklärte später, die Etiketten der Nestlé-Beikostprodukte in den über 150 Entwicklungsländern, in denen das Unternehmen freiwillig den internationalen WHO Code über die Vermarktung von Säuglingsnahrungen einhalte, entsprechend zu ändern. Die Etiketten-Änderungen würden vorgängig der WHO unterbreitet und innert sechs Monaten eingeführt.

Schon die Feststellung Nestlés, dass das Unternehmen den Internationalen Kodex in 150 Entwicklungländern freiwillig einhalte, lässt erahnen, wie es mit der Ernsthaftigkeit der neuen Ankündigung steht. Erstens geht es beim Internationalen Kodex nicht um Freiwilligkeit. Er ist, so jüngst der UNICEF-Rechtesexperte David Clark in einer öffentlichen Anhörung im Europaparlament, verpflichtend, unabhängig davon, ob ein Staat den Kodex in ein Landesgesetz umgesetzt hat oder nicht.

Zweitens ist die Aussage, Nestlé halte den Kodex ein, eine sehr ungenierte Behauptung. In der jüngsten, im Mai 2001 veröffentlichten Untersuchung über die Einhaltung des Internationalen Kodex durch die Babynahrungshersteller führt der Nestlé-Konzern wie schon seit 20 Jahren mit weitem Abstand die Liste der Kodexbrecher an. Die Untersuchungsergebnisse erfassen 16 transnationale Babynahrungshersteller und 13 Hersteller von Saugflaschen und Saugern. Die Kodexverstösse Nestlés mussten in einer tabellarischen Übersicht zusammengefasst werden, da die berichteten Verstösse zu viele Seiten gefüllt hätten. Nestlé bedient sich einer Reihe im Kodex geächteter Techniken, um ihre Produkte zu bewerben: Preisnachlässe, spezielle Aufsteller, Coupons, Proben, mit Geschenken gekoppelte Verkäufe, Poster, Sonder- und Kopplungsverkäufe. Nestlé gewährt Geschäften Rabatte, Geschenke und Lieferungen weiterer Produkte, wenn diese Bareinkäufe tätigen, grössere Mengen ihrer Produkte absetzen, ein neues Produkt bei der Markteinführung unterstützen oder mehr Regalplatz als für andere Produkte zur Verfügung stellen.

Alle in die Untersuchung einbezogenen Länder haben über Nestlé-Verstöße berichtet. Nestlé bedient sich einer Reihe im Kodex geächteter Techniken, um ihre Produkte zu bewerben: Preisnachlässe, spezielle Aufsteller, Coupons, Proben, mit Geschenken gekoppelte Verkäufe, Poster, Sonder- und Kopplungsverkäufe. Nestlé gewährt Geschäften Rabatte, Geschenke und Lieferungen weiterer Produkte, wenn diese Bareinkäufe tätigen, größere Mengen ihrer Produkte absetzen, ein neues Produkt bei der Markteinführung unterstützen oder mehr Regalplatz als für andere Produkte zur Verfügung stellen.

Eine aktuelle Internet-Anzeige, "möglich gemacht durch Nestlé Carnation Babynahrungen", bietet der Gewinnerin von Nestlés Neue Mama-Lotterie einen Einkaufsbummel, ein erlesenes Essen sowie "drei Monate Lieferung von Nestlé Carnation Säuglingsnahrungen". Falls die zu beglückende Mutter zufälligerweise stillen sollte, wird sie trotzdem aufgefordert ihre e-mail-Adresse anzugeben, denn statt der Nahrungen könne sie eine "Entsprechung in bar" erhalten. Dieses erscheint Ihnen als großzügige Geste? Diese Form von Marketing bewirbt nicht nur Säuglingsnahrung, sondern "sucht den direkten Kontakt zu Müttern junger Kinder", beides ist durch den Kodex untersagt.

Wie oft der Konzern schon Änderungen seines Vermarktungsverhaltens zugunsten der Säuglings- und Kleinkindergesundheit angekündigt jedoch nie umgesetzt hat, zeigt die Geschichte der Auseinandersetzung über den Schutz und die Förderung des Stillens.

Die Brisanz der künstlichen Säuglingsernährung wurde erstmals 1939 von Dr. Cecily Williams in ihrem Vortrag über den Tod der Flaschenbabies und kondensierte Milch vor dem Rotary Club Singapur thematisiert. Unter dem Titel "Milch und Mord" sagte sie damals, dass "falsche Propaganda für Säuglingsnahrung als die kriminellste Form von Volksverhetzung bestraft werden muss, und diese Todesfälle müssen als Mord angesehen werden."

Es bedurfte jedoch noch vieler Jahrzehnte und der Beharrlichkeit einiger Organisationen, die sich für den Schutz der VerbraucherInnen und des Stillens einsetzen sowie eines 1977 gegen die Produkte des Nestlé-Konzerns ausgerufenen Boykotts, bis 1981 der Internationale Kodex durch die Weltgesundheitsversammlung als eine "Minimalanforderung", die "in ihrer Gesamtheit umzusetzen ist", verabschiedet wurde. Er regelt als einziges Instrument weltweit die Vermarktung bestimmter Produkte, nämlich des sogenannten Muttermilchersatzes, wie er im Kodex definiert wird. Und dazu zählen alle Produkte, die als Ersatz für die Milch der Mutter eingesetzt werden können, und zwar nicht nur in den ersten sechs Monaten.

Nachdem der Kodex zwischen den WHO- und UNICEF-Experten, der Industrie und den erwähnten Organisationen ausgehandelt war, erklärte der damalige Nestlé-Chef Ernest Saunders bereits im Vorfeld der Verabschiedung durch die Weltgesundheitsversammlung den Entwurf des Vermarktungskodex für unakzeptabel, restriktiv, irrelevant und nicht umsetzbar.

Und dieser Vorgabe ist Nestlé bis heute treu geblieben. 1982 veröffentlicht der Konzern gar eigene Marketingrichtlinien, die angeblich an den Internationalen Kodex angelehnt seien, aber von UNICEF und anderen Organisationen als völlig unzureichend abgelehnt werden.

Im Januar 1984 erklärt Nestlé sich bereit, den Internationalen Kodex in Entwicklungsländern (sic!) anzuwenden, woraufhin die den Boykott tragenden Gruppen ankündigten, diesen für sechs Monate auszusetzen zu wollen, um Nestlé Gelegenheit zu geben die Versprechen in die Praxis umzusetzen. Die Überwachung zeigte, dass Nestlé zwar einige ihrer dreistesten Vergehen eingestellt hatte und dass das Führungsmanagement Schritte einleitete weitere Angelegenheiten lösen zu wollen (besonders die Einstellung von Gratis- und rabattierten Lieferungen an Krankenhäuser), ansonsten jedoch an der Praxis der Kodexverstöße festhielt. Sogar die angekündigte Einstellung der kostenlosen Krankenhausbelieferungen entpuppte sich schon auf kurze Sicht als PR-Gag, was die Weltgesundheitsversammlung 1986 dazu veranlasste eine Resolution zu verabschieden, die kostenlose und subventionierte Lieferungen von Muttermilchersatz verbietet.

1988 räumten die US-amerikanischen Boykottgruppen dem Nestlé-Konzern erneut eine Frist bis zum Oktober des Jahres ein die Gratis- und preisreduzierten Lieferungen von Babymilchen einzustellen. Diese verstrich jedoch ohne Ergebnisse; der Boykott gegen Nestlé-Produkte wurde wiederbelebt und läuft mittlerweile in 20 Ländern.

[Der Konzern verhält sich nicht nur gegen das Leben zahlloser Kinder rigoros, sondern ebenso gegen die eigenen Mitbewerber. 1993 versucht Nestlé in den USA andere Babynahrungshersteller gerichtlich zu belangen, weil diese einer freiwilligen Vereinbarung über ein Werbeverbot für Säuglingsnahrung zugestimmt hatten. Nestlé verlor zwar den Prozess gegen jene US-Firmen, doch das freiwillige Abkommen war zwischenzeitlich auch von den übrigen Firmen unterlaufen worden.

Nestlés Rücksichtslosigkeit trifft auch die eigentlichen Verbündeten, sollten diese sich den Vermarktungsinteressen des Konzerns in den Weg stellen. Folgt man den regelmäßigen Marktuntersuchungen, nach denen die am häufigsten benutzte und effizienteste Einfallstraße der Firmen, um die Mütter zu erreichen, das Gesundheitswesen war und ist, gehören die Kinderärzte zu diesen Verbündeten. Die Richtlinien der Amerikanischen Akademie für Kinderheilkunde (AAP) jedoch untersagen direkte Werbung für Muttermilchersatzprodukte bei Müttern. Nestlé hält sich nicht an diese Richtlinien, wogegen die AAP nachhaltig protestiert. Daraufhin verklagte Nestlé 1997 die AAP wegen Behinderung des Wettbewerbs auf 377 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Nestlé verlor auch diesen Prozess. Zu einer Änderung des Verhaltens der Firma kam es jedoch nicht.]

Besonders hart trifft das arrogante Auftreten des weltgrößten Nahrungsmittelherstellers wirtschaftsschwache Länder, denen mit unterschiedlichsten Maßnahmen gedroht wird, sollten sie erwägen, den Internationalen Kodex in eigene Gesetze umzusetzen. Hierzu befragt, lässt der Konzern verlauten, dass er besonders in den Entwicklungsländern die Regierungen bei der Umsetzung des Kodex hilfreich unterstützt.

Über mehrere Jahre nötigte Nestlé das Gesundheitsministerium von Gabun, um Spots für Cerelac im nationalen Fernsehen plazieren zu können. Wiederholt hatte das Ministerium dieses abgelehnt und Nestlé aufgefordert, die Werbung in privaten und öffentlichen Krankenhäusern (Filmvorführungen, Probenabgaben, Geschenke) gegenüber Müttern und dem Gesundheitspersonal einzustellen. In ihrer Antwort an das Ministerium teilte Nestlé mit, dass sie eine international respektierte Firma mit höchsten Standards in Moral und Ethik sei und nicht beabsichtige, sich den Vorgaben des Ministeriums zu beugen, da Cerelac nicht unter den Internationalen Kodex falle.

In Pakistan versuchte Nestlé auf die Formulierung des Gesetzes zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten Einfluss zu nehmen. Nestlés Protestnote hob darauf ab, dass der Gesetzentwurf nicht praktikabel sei und deshalb mit keinerlei Unterstützung von Seiten der Industrie gerechnet werden könne. Nestlé argumentierte gegen die Werbeeinschränkungen im Gesetz und beklagte sich darüber, dass die Überwachungsbehörden industrieunabhängig organisiert werden sollten. Darüber hinaus griff Nestlé weitere Vorschriften in Bezug auf die Etikettierung an, obwohl diese lediglich die Vorgaben des Internationalen Kodex nachvollzogen.

Bei der gleichen Strategie in Sri Lanka gegen den dortigen Gesetzesentwurf zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten wendete sich Nestlé außerdem gegen die Etikettierung in drei Sprachen (Nestlés Heimatland ist dreisprachig!).

Erst nach massivsten Protesten seitens der malawischen Regierung über einen Zeitraum von drei Jahren erklärte der Konzern sich 1997 bereit, seine Produkte auch in der Landessprache Chichewa zu etikettieren. Der letztendlichen Umsetzung im Jahre 2000 mussten jedoch noch weitere öffentlichkeitswirksame Aktionen und Medienberichterstattungen vorausgehen.

Aufgrund des in Costa Rica verabschiedeten Gesetzes über die Etikettierung von Muttermilchersatzprodukten wurde Nestlé eine Frist bis 1995 eingeräumt seine Beschriftungen den Erfordernissen anzupassen. Zwar legte die Firma im August 1996 Etiketten vor, die den Vorstellungen des Gesundheitsministeriums entsprachen, doch erschienen diese nie auf dem Markt. Die weitere Verwendung der zurückgewiesenen Labels veranlasste die puertoricanische Regierung Nestlé zu verklagen. Erst die Verurteilung im September 1999 brachte den Konzern dazu, dem Gesetz genüge zu tun.

1998 drohte Nestlé der ugandischen Regierung, ihre Investitionen in Kaffee und andere Güter im Lande zurückzuziehen, falls diese nicht ihre Gesetzesvorlage zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten abschwächte. In Swaziland verfolgte Nestlé die gleiche Strategie der Einflussnahme auf die dortige Regierung. Auch in Zimbabwe drohte der Konzern mit Investitionsrückzug, um Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen.

Als eindeutiger Gegenbeweis gegen alle öffentlichkeitswirksamen Verlautbarungen des Nestlé-Konzerns wurden 1999 erstmals Nestléinterne Informationen aus erster Hand bekannt. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Nestlé MilkPak Pakistan belegte mit mehr als 80 Dokumenten das hausinterne, hierarchisch abgestufte Bestechungssystem von Mitgliedern des pakistanischen Gesundheitswesens zum Zweck der Absatzförderung (sie Med in Switzerland Nr. 1 / 2000).

Die philippinische Fernsehstation RPN strahlte anlässlich der Weltstillwoche 1997 einen Bericht über Nestlés unethische Vermarktungsstrategien aus. Am darauffolgenden Tag erhielt das Management des Senders ein Memorandum von Nestlé, in dem angedroht wurde dem Sender sämtliche Nestlé-Werbegelder zu entziehen. Das Management stimmte Nestlé versöhnlich, indem der verantwortliche Redakteur abgemahnt wurde.

Zahllose Beispiele von Verstössen gegen den Kodex sorgten in diesem Jahr sogar dafür, dass der Konzern selbst als geldwerte Anlage nicht mehr unumstritten ist. Der englische, an ethisch vertretbaren Anlagen orientierte Investment-Index FTSE4Good verbannte den Konzern im Juli aufgrund seines Verhaltens gegenüber den Vorschriften des Internationalen Kodex aus seiner Empfehlungsliste. Marktführer anderer Branchen, zum Beispiel Shell im Zusammenhang mit der Niederlage Nestlés vor dem britischen Werberat, werfen der Firma mittlerweile in aller Öffentlichkeit ein "Dinosaurierverhalten" im Umgang mit der Öffentlichkeit und den Interessen der VerbraucherInnen vor.

Zum Schluss ist anzumerken, dass die Firma Nestlé sich treu bleiben will: In der Berliner Abendzeitung erschien zwei Monate nach Verabschiedung der Resolution 54.2 ein (Werbe)Artikel unter der Überschrift "Nestlé BEBA 2 probiotisch für Babys nach dem 4. Monat" – quod erat demonstrandum.

Somit bleibt abzuwarten, ob sich die neuerliche Ankündigung der ausdrücklichen Unterstützung der "sechs Monate" nicht nur als werbewirksame Aussendarstellung des Konzerns entlarven wird. Zunächst sollte sie nur als Eröffnung eines Nebenschauplatzes im Gesamtzusammenhang des Internationalen Kodex betrachtet werden. "Profit vor Gesundheit" - dieses Credo der Nestlé-Politik hat auf jeden Fall bis auf weiteres Bestand. Der Boykott gegen die Produkte des Konzerns wird solange aufrecht erhalten und verstärkt werden, bis Nestlé seine ethisch unverantwortlichen Marketingstrategien eingestellt und sich nachweislich dem Internationalen Kodex und den bezugnehmenden Resolutionen unterworfen hat, und zwar umfassend und nicht nur in dem Konzern genehmen Auszügen.

Frank König, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Aktionsgruppe Babynahrung (Göttingen, Deutschland). Die Arbeitsgruppe ist Mitglied im Internationalen Aktionsnetzwerk Säuglingsnahrung IBFAN, ausgezeichnet mit dem Alternativen Nobelpreis und durch die La Leche Liga Deutschland. Kontakt: www.babynahrung.org.