Private lösen Probleme nicht

Globale Gesundheitsprobleme lassen sich durch Einbeziehung von Firmen nicht lösen

„Public Private Initiatives“ (PPIs) werden als moderne Lösung für globale Gesundheitsprobleme gepriesen. Die niederländische Organisation WEMOS untersucht seit 2003 PPIs in einem Forschungsprojekt. Erste Ergebnisse zeigen, dass die hochgesetzten Erwartungen in der Regel nicht erfüllt werden. Die Weltgesundheitsorganisation sollte deshalb vorerst keine neuen PPIs mehr unterstützen.

Gemeinsame Projekte von Industrie, Regierungen und privaten SpenderInnen werden als neue erfolgversprechende Methode propagiert, globale Gesundheitsprobleme anzugehen. So sind in den letzten Jahren etliche globale PPIs entstanden, die teilweise ein erhebliches Finanzvolumen haben.

Die Global Polio Eradication Initiative (GPEI) zur Bekämpfung der Kinderlähmung arbeitet mit derzeit jährlich 600 Millionen US$. Deutlich kleiner ist die Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis (GAELF) zur Bekämpfung der Filariasis (Elephantitis) mit Kosten von ungefähr 160 Mio. US$. Davon machen Medikamentenspenden von Merck & Co und GSK den grössten Teil aus. Dabei legen die Firmen allerdings den Grosshandelspreis zu Grunde und nicht die wesentlich niedrigeren tatsächlichen Produktionskosten.

Die gesundheitspolitischen Konsequenzen dieser Programme sind sehr umstritten. Wichtigste Kritikpunkte sind zum einen die zunehmende Abhängigkeit von privaten/industriellen Geldgebern und die damit verbundene Abhängigkeit sowie der Rückzug öffentlicher Einrichtungen aus der Verantwortung. Ebenso kritisiert wird die Fixierung auf vertikale Gesundheitsprogramme, also zentral geplante Grossprojekte, die sich nur auf einzelne Krankheiten beschränken und die Komplexität einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung nicht berücksichtigen.

Datenbasis fehlt

Die von WEMOS untersuchten PPIs haben etliche Gemeinsamkeiten. Es handelt sich durchweg um global angelegte Projekte, deren Organisation bei der Weltgesundheitsorganisation WHO angesiedelt ist. Für die Umsetzung sind jedoch die einzelnen Länder verantwortlich.
Bisher gab es keine empirischen Untersuchungen von PPIs, die Anspruch und Wirklichkeit anhand konkreter Erfahrungen unter die Lupe nehmen. Diese Lücke wird nun von der niederländischen Organisation WEMOS gefüllt. In vier ausgewählten PPIs wurden die beteiligten Akteure intensiv über ihre bisherigen Erfahrungen mit Umsetzung und Wirkung befragt.

Beispiel: Bekämpfung der Elephantitis

Im Jahr 2000 wurde die Global Alliance to Eliminate Lymphatic Filariasis (GAELF) gegründet. Lymphatische Filariose (LF) wird durch Würmer verursacht und führt bei 6-10% der Betroffenen in Folge der Stauung von Lymphflüssigkeit zu starken Behinderungen (Elephantitis). Die LF-Erreger werden durch verschiedene Insekten übertragen. Das GAELF-Programm sieht eine Bekämpfung von LF durch die Unterbrechung des Übertragungszyklus vor. Dazu wird die gesamte Bevölkerung einer Region über fünf Jahre mit Medikamenten behandelt. Im sechsköpfigen Vorstand von GAELF sitzen auch zwei Firmenvertreter. Nach Auskunft des Vorstandsvorsitzenden sollen diese „aber nicht wirklich Macht ausüben“.

WEMOS hat für seine Untersuchungen drei Regionen in Kenia und zwei Staaten in Indien ausgewählt. Aus Kenia werden positive Ergebnisse für die LF-Bekämpfung berichtet. Das Bewusstsein für LF sei gestiegen und durch GAELF wurden frühere nationale LF-Programme wiederbelebt. Allerdings tauchen hierbei auch Probleme auf. GAELF besteht hauptsächlich aus Medikamentenspenden der Firmen, für deren Verteilung stehen jedoch keine zusätzlichen Gelder zur Verfügung. Es findet keine Stärkung des Gesundheitssystems statt, vielmehr wird das als eine zusätzliche Belastung durch fremdbestimmte Programme empfunden. Durch die Umsetzung von GAELF werden wichtige Ressourcen gebunden. Grundsätzliche Bedenken bestehen gegenüber einer Massen-Medikamentierung. Diese wird durch Helfer durchgeführt, die kein spezifisches Training erhalten haben. Obwohl bei einer Massenbehandlung durchaus mit dem Auftreten von Nebenwirkungen gerechnet werden muss, ist eine medizinische Nachbetreuung in der Regel nicht vorgesehen. Dass die Medikamente ohne Betrachtung des Einzelfalls an die gesamte Bevölkerung verteilt werden, gefährdet besonders schwangere Frauen und deren Babys.

Gesamtversorgung bleibt schlecht.

Obwohl das Programm gewisse medizinische Erfolge bei der Bekämpfung von LF aufweist, wird die Gesamtsituation negativ beurteilt. Die Befragten bemängelten besonders die undemokratische Konzeption des Programms. Die lokalen Strukturen seien nicht berücksichtigt worden, die Gemeinden weder beteiligt noch über das Programm informiert worden.

Krankheitsbekämpfung müsse die Menschen und ihre Bedürfnisse vor Ort einbeziehen. Samuel Ochieng aus Kenia zieht ein Fazit: „Was nützt uns so ein einseitiges Programm? Wenn eine Krankheit verschwindet und die Armut bleibt, kommt eine andere Krankheit.“ In keinem untersuchten Fall hätte sich das GAELF um Zugang zu sauberem Wasser, vernünftige Wohnbedingungen oder sanitäre Einrichtungen gekümmert. Dies seien alles wesentliche Faktoren für die Übertragung und Ausbreitung von LF.

Wegen Poliobekämpfung geschlossen

Die Erfahrungen aus Indien sind ähnlich. Als MitarbeiterInnen der Community Health Cell Karnataka über die Umsetzung des GAELF recherchierten, mussten sie sogar feststellen, dass unterschiedliche PPIs gegeneinander arbeiten. Bei ihren Umfragen in Gesundheitsstationen standen sie wiederholt vor verschlossenen Türen. Von den Dorfbewohner¬Innen wurde ihnen mitgeteilt, sie bräuchten nicht warten, da die Gesundheitsstation einige Monate geschlossen sei. Das Personal sei für das Polio-Programm abgezogen worden.

Ähnlich wie in Kenia hat man auch in Indien schlechte Erfahrungen mit der weitgestreuten Verteilung von Medikamenten gemacht. Da es sich bei Massenmedikamentenprogrammen nicht um eine medizinische Therapie handelt, gibt es keine Kontrolle über die Einnahme. Vermehrt kommt es auch zu Todesfällen durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen, für die im indischen GAELF-Programm niemand die Verantwortung übernehmen will.

Kritisiert wurde auch, dass es nirgends zu einer Verbesserung der Situation für Menschen kam, die bereits unter LF leiden. In der Zielsetzung von GAELF wird neben der Vorbeugung vor Neuerkrankungen auch ausdrücklich die Behandlung von Infizierten genannt. Bisher gibt es in ländlichen Regionen kaum Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Elephantitis, daran hat auch GAELF bisher nichts geändert.

Ergebnisse bestätigen Bedenken

Die Erfahrungen, die hier exemplarisch für eine PPI beschrieben werden, gelten in ähnlichem Ausmass auch für die übrigen von WEMOS untersuchten Projekte. Obwohl nach eigenen Aussagen die Datenlage noch deutlich ausgebaut werden müsse, seien etliche Bedenken von PPI-KritikerInnen klar bestätigt worden.

Alle vier untersuchten PPIs blenden eine entscheidende Krankheitsursache aus: die schlechten Lebensbedingungen. Bei allen vier untersuchten Krankheiten (Tuberkulose, Malaria, Polio, LF) spielen Armut, Wasser und mangelnde Hygiene eine wichtige Rolle. Nirgends wurden durch die PPIs nennenswerte Investitionen in die Verbesserung der lokalen Gesundheitssysteme getätigt. Erschwerend kommt hinzu, dass die einzelnen PPIs ihre Arbeit kaum untereinander abstimmen. Das ist nicht weiter verwunderlich, da auch die nationale Umsetzung durch die sogenannte Country Coordinating Mechanisms nicht wie geplant funktioniert. Insgesamt ist die Finanzierung nicht ausreichend gesichert, um die Nachhaltigkeit neu geschaffener Strukturen zu gewährleisten.

WEMOS fordert die WHO auf, sich vorerst nicht an neuen PPIs zu beteiligen. Vielmehr müssten bestehende PPIs einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. Für die zukünftige Arbeit sollte mehr Wert auf einen sektorübergreifenden Ansatz gelegt werden, der die lokalen Strukturen in die Planung einbezieht.

Der Artikel von Christian Wagner wurde zuerst im Pharma-Brief der BUKO Pharma-Kampagne veröffentlicht (www.bukopharma.de). Die BUKO Pharma-Kampagne ist eine Aktion des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen, einem Zusammenschluss von 200 Dritte Welt Aktions- und Solidaritätsgruppen in Deutschland. Quelle: WEMOS, Risky Remedies for the Health of the Poor. Global Public-Private Initiatives in Health, Amsterdam 2005, www.wemos.nl.