Umfassende Ansätze im Kampf gegen Mangel- und Unterernährung

Mangel- und Unterernährung haben fatale Folgen für die gesundheitliche Entwicklung von Kindern in Asien, Afrika und Lateinamerika. Gefragt sind umfassende Ansätze, die bereits bei der Müttergesundheit beginnen müssen.

Die Finanzkrise im Jahr 2008 hat die Welternährungskrise in den Hintergrund gedrängt, die 2007 mit dramatisch steigenden Lebensmittelpreisen und verschiedenen sozialen Unruhen in den Entwicklungsländern begann. Doch das Problem ist alles andere als verschwunden: Die Nahrungsmittelpreise steigen weiter und weiter. So sind denn auch im Jahr 2009 nochmals rund 100 Millionen Menschen dazugekommen, die als Hungernde zu bezeichnen sind. Ralf Südhoff, Chef des World Food Programms für Deutschland, Österreich und die Schweiz, schrieb denn auch kürzlich auf Zeit-Online: „Von einer neuen Welternährungskrise kann keine Rede sein. Sie war nie vorbei.“

Waisenkinder in Soveto (Krisly Siegfried/PlusNews)

Steigende Lebensmittelpreise treffen die Menschen in den Entwicklungsländern wirtschaftlich und gesundheitlich: Wer bereits rund 70% seines Einkommens für die alltäglichen Nahrungsmittel ausgibt, hat wenig Möglichkeiten den Anstieg der Nahrungsmittelpreise aufzufangen. Erfahrungen zeigen, dass in Krisenzeiten nicht bei den Kohlenhydraten sondern beim Zukauf von Gemüse und Fleisch gespart wird – mit fatalen gesundheitlichen Folgen vor allem für die Kinder.

Gesundheitliche Folgen für die Kinder

Gesundheit, Ernährung und wirtschaftliche Entwicklung sind aufs Engste miteinander verknüpft. Unter den Kindern in den Entwicklungsländern, die unter 5 Jahre alt sind, gelten ein Drittel als in ihrer physiologischen Entwicklung zurück geblieben. Ein Viertel der Kinder gelten als untergewichtig, jedes Zehnte als schwerwiegend untergewichtig.

Grund dafür sind chronische Mangel- und Unterernährung. Diese Kinder drohen früher zu sterben, da sie mit einfachen Infektionskrankheiten weniger gut zu recht kommen. Doch sie haben auch schlechtere wirtschaftliche Perspektiven, da ihre Schulleistungen im Vergleich mit normal entwickelten Kindern oft mangelhaft bleiben.

Während in den asiatischen Ländern im Kampf gegen Mangel- und Unterernährung seit den 90er Jahren starke Fortschritte erzielt werden konnten, bleiben sie für den afrikanischen Kontinent sehr bescheiden. Zwischen 1990 und 2008 sank die Anzahl von Kindern, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, lediglich von 38% auf 34%.

Babymilchproduzent in der Geburtsklinik

Entscheidend für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist die Zeit vor der Geburt bis zum Alter von zwei Jahren. Deshalb muss die Müttergesundheit zusammen mit der Kindergesundheit betrachtet werden. Vor diesem Hintergrund ist nach wie vor erstaunlich, wie langsam sich in Afrika und Asien das Stillen verbreitet. In den Entwicklungsländern werden nach wie vor weniger als 40% der Kinder innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt gestillt, wie dies durch die WHO empfohlen ist. Nur 37% der unter sechsmonatigen Babys werden ausschliesslich gestillt.

Stillkampagnen mit einer politischen Zielrichtung scheinen seit den grossen Auseinandersetzungen mit Nestlé und mit der Verabschiedung eines Verhaltenkodexes der WHO zum Marketing von Babymilch im Jahr 1981 an Bedeutung verloren zu haben. Doch vor dem oben beschriebenen Problemen der Mangel- und Unterernährung erhalten diese Kampagnen wieder eine Bedeutung.

Die in der internationalen Gesundheitspolitik engagierte, niederländische Organisation wemos hat kürzlich beschlossen, in diesem Bereich wieder aktiver zu werden. Sie stellt fest, dass zwar viele Länder die Restriktionen im Babymilchmarketing in ihre Gesetzgebung eingebaut hätten, doch umgesetzt werde dies nicht. Wemos führt das Beispiel Vietnam an. Die Industrie trete im südasiatischen Land trotz der Ratifikation des Babymilchkodes 1994 noch immer offensiv auf. Wemos schreibt: „Der Warteraum der Geburtsklinik in der Dong Nai Provinz ist mit einem riesigen Logo eines niederländischen Babymilchproduzenten dekoriert. Werbung, die im Widerspruch zum Kodex steht. Mehr noch: Ein ehemaliger Vizedirektor der Klinik hat enthüllt, dass die Angestellten eine geringfügige Kommission erhielten, wenn sie Mütter davon überzeugten, Produkte des Herstellers zu kaufen.“

Zusatznahrung für Kinder

Neben der Unterstützung und der Förderung des Stillens spielt im Kampf gegen die Mangel- und Unterernährung auch der Ansatz eine wichtige Rolle, Kindern Zusatznahrung abzugeben. Diese Methode wendet etwa das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in einem erst kürzlich ausgezeichneten Projekt in Kirgistan an.

Dadurch, dass in der Basisgesundheitsversorgung die lokale Bevölkerung bei der Ausgestaltung der Gesundheitsdienstleistungen mitsprechen kann, wurden die Stimmen von Frauen, die über häufige Müdigkeit klagten, ernst genommen. Es zeigte sich, dass vor allem bei Frauen und Kindern ein chronischer Eisenmangel und Blutarmut vorliegt.

Aus einer wissenschaftlich begleiteten Pilotphase folgerte das SRK, dass durch das Nahrungsergänzungsmittel Sprinkles bei Kleinkindern einiger Erfolg erzielt werden kann. Das Pulver wird dem Essen beigegeben – es erfordert also keine Änderung in der Ernährungsgewohnheit einer Familie.

Bei der – übrigens schon sicher seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gepflegten – Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Mikronährstoffen fragt es sich, ob es nicht sinnvollere Methoden, als der Einsatz von industriell hergestellten Produkten gibt. Sicherlich ist es richtig, wenn bei stark unterernährten Kinder sogenannte RUTF (Ready to Use Therapeutic Food) eingesetzt wird. Die Fondation terre des hommes warnt aber davor, dies unreflektiert auch bei leicht mangel- und unterernährten Kindern zu tun. Gerade hier könnte ein umfassenderer Ansatz Früchte tragen, der die Familien der betroffenen Kinder in einer Umstellung der Ernährung einbezieht und sie darin unterstützt, die Verantwortung zur Verbesserung der Ernährungssituation nicht einfach auf ein medizinisches Produkt abzuwälzen.

Einbindung in die Basisgesundheitsversorgung

Die entscheidende Herauforderung im Kampf gegen Mangel- und Unterernährung besteht darin, Ernährungsprogramme und Sensibilisierungsarbeit in die Basisgesundheitsversorgung und in die Gesundheitssysteme zu integrieren.

In Bolivien – einem der ärmsten Länder Lateinamerikas – versucht dies die Regierung mit dem Null-Mangelernährungsprogramm. Das Problem ist gravierend: Jedes vierte Kind leidet unter Mangelernährung, in der südwestlich gelegenen Region Quechua ist es sogar jedes zweite Kind. Neben der Armut spielen hier auch Ernährungsgewohnheiten eine Rolle, die auf wenig nährstoffreiche Nahrungsmittel beruhen.

Mit Unterstützung von internationalen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen investiert das Programm in ein umfassendes Ernährungsprogramm für Kinder unter 5 Jahren und in Schulspeisungsprogramme. Wichtig dabei ist die Sensibilisierung der Bevölkerung, damit mehr lokale Lebensmittel angebaut und konsumiert werden. Mütter werden ausgebildet, die als eine Art Peergruppe andere Mütter beraten, betreuen und ausbilden.

Solch umfassenden Ansätzen, welche die Bevölkerung in die Problemlösung einbezieht und auch versucht auf struktureller Ebene die Situation zu verbessern, gehört die Zukunft im Kampf gegen Mangel- und Unterernährung.

Martin Leschhorn Strebel ist Mitglied der Geschäftsleitung des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz

 

Quellen

Ralf Südhoff: Die Welternährungskrise war nie vorbei! Auf: Zeit Online, 16. August 2010


Tracking Progress on Child and Maternal Nutrition. A survival and development priority. UNICEF, 2009
www.wemos.nl

www.wfp.org/countries/bolivia


Julia Velasco Parisaca and Wendy Medina: Bolivia – Mother Teaching Mother to Combat Malnutrition. IPS – Inter Press Service, 9th January 2009

 

MMS Symposium 2010
Kampf gegen Mangel- und Unterernährung
Basel, 9. November 2010

Gesundheit, Ernährung und Entwicklung sind aufs Engste miteinander verknüpft. Unter den Kindern, die unter 5 Jahre alt sind, sind in den Entwicklungsländern ein Drittel von ihrer Entwicklung her zurück geblieben. Grund dafür ist eine chronische Mangelernährung. Diese Kinder drohen früher zu sterben, da sie mit einfachen Infektionskrankheiten weniger gut zu recht kommen. Sie haben aber auch schlechtere wirtschaftliche Perspektiven, da ihre Schulleistungen oft mangelhaft bleiben. Das 9. Symposium des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz diskutiert Erfahrungen und erfolgreicher Strategien, um nährstoffreiche Ernährung als Teil einer umfassenden Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

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