Vom Rauch verhüllt

Bei Dritte Welt Zigaretten fehlen Warnungen

Rauchen schadet der Gesundheit, diese Erkenntnis setzt sich in Industrieländern zunehmend in den Köpfen der VerbraucherInnen fest und sie rauchen weniger - zum Verdruss der Tabakindustrie. Die grossen Tabakkonzerne versuchen seit einiger Zeit erfolgreich, in der Dritten Welt und in Osteuropa neue Märkte zu erschliessen. Warnungen vor den Gefahren des Rauchens sind da lästig. Eine Untersuchung der US-Verbrauchergruppe Public Citizen zeigt, dass die Industrie in der Dritten Welt viel weniger warnt. (1). Dies ist besonders bedenklich, weil bereits jetzt die meisten Rauchertoten in den Ländern des Südens zu beklagen sind, Tendenz steigend.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rauchen derzeit 1,1 Milliarden Menschen, das ist ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung über 15 Jahren. Gegenwärtig sterben jährlich 3,5 Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Die Hälfte der RaucherInnen stirbt vorzeitig und verliert im Schnitt 22 Jahre ihrer normalen Lebenserwartung. (2)

Die WHO schätzt, dass 2020 jährlich 10 Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens sterben werden, davon 7 Millionen in Ländern der Dritten Welt. Das bedeutet, dass Tabak dann mehr Menschenleben kosten wird, als jede andere Krankheit. Diese Prognose ist Folge der agressiven Vermarktungsstrategien multinationaler Tabakkonzerne, die die Zahl der RaucherInnen in den Ländern des Südens rasch wachsen lässt. Wie sich in Industrieländern nachweisen lässt, spiegelt die Entwicklung der Todesrate an Raucherkrankheiten den Tabakverbrauch 30-40 Jahre zuvor wieder.

Während in den USA der Tabakverbrauch von 1990-1995 um 4,5% zurückging, wuchs er im selben Zeitraum in Asien um 8%.1 Die USA sind inzwischen zum weltgrössten Exporteur von Zigaretten geworden. Der grösste US-Hersteller, Philip Morris, schraubte 1997 seinen Gewinn im Ausland auf die Rekordhöhe von 4,5 Milliarden US$. (wie Anm. 1)

Warnungen wirken

Wer den Tabakverbrauch senken will, muss an vielen unterschiedlichen Punkten ansetzen. Unstrittig spielen die Zurückdrängung von Tabakwerbung und Warnhinweise eine wichtige Rolle. Mit dem letzten Punkt hat sich die Studie von Public Citizen auseinandergesetzt. Vor allem für Länder der Dritten Welt, wo es wenig unabhängige Informationen über die Gefahren des Rauchens gibt, wären Warnhinweise besonders wichtig. Eine australische Studie hat gezeigt, dass deutlichere Warnungen nicht nur eine höhere Aufmerksamkeit erzielen (44% statt vorher 17%), sondern auch Menschen konkret vom Griff zur Zigarette abhalten können: Vorher verzichteten 7% nach Lesen des Warnhinweises auf eine Zigarette, mit den neuen Warnungen waren es 14%. (3)

Bereits 1965 wurden in den USA auf allen Zigarettenpackungen der Aufdruck "Warnung: Das Rauchen von Zigaretten kann ihrer Gesundheit schaden" gesetzlich vorgeschrieben. Seit 1984 müssen abwechselnd vier verschiedene Warnungen wie "Rauchen verursacht Lungenkrebs, Herzkrankheiten, Emphyseme und kann zu Schwangerschaftskomplikationen führen" auf die Packungen gedruckt werden. Gegenwärtig wird in den USA über eine weitere Verschärfung dieser Warnungen diskutiert. Auch sind drastische Werbebeschränkungen und Ausgleichzahlungen für die Krankheitskosten von RaucherInnen geplant, sowie eine Klausel, die US-Firmen im Ausland zu gleichen Standards zwingen würde. Diese Forderungen werden von zahlreichen medizinischen Verbänden unterstützt. Im Wirtschaftsausschuss des US-Senats wurde der Gesetzesvorschlag mit grosser Mehrheit angenommen, scheiterte aber erst einmal im Senat. Wie gross die Interessengegensätze sind, zeigen zwei Zitate: "Die Tabakexporte sollten aggressiv erhöht werden, denn die Amerikaner rauchen weniger," (4) sagte vor einigen Jahren der damalige Vize-Präsident der USA, Don Quayle: Dagegen meint Lloyd Dogett, ein Mitglied des Repräsentantenhauses, der einen der Anti-Tabak-Gesetzentwürfe eingebracht hat: "Die Regierung sollte nicht Geschäfte mit dem Export des Todes machen [...]. Wir müssen verhindern, dass die Tabakkonzerne ihre Strafen, die ihnen in Amerika aufgebrummt werden, bezahlen, indem sie Kinder in anderen Ländern von Nikotin abhängig machen." (wie Anm. 1)

Zweierlei Mass

Die Studie von Public Citizen deckt gravierende Unterschiede in der Bereitschaft der US-Firmen zu warnen auf. Als Massstab dienten Warnungen vor 10 verschiedenen Gesundheitsrisiken durch das Rauchen, die in den USA und/oder in der Europäischen Union vorgeschrieben sind. Insgesamt waren in die Studie 26 Dritte Welt- und 17 Industrieländer einbezogen. Während in den USA 6 der Warnungen vorkommen und im Durchschnitt der Industrieländer noch 5, sind es in der Dritten Welt nur 1,6 Warnhinweise. Wechselnde Warnungen sind in den meisten Industrieländern vorgeschrieben (89%), aber nur in einem Viertel der Länder der Dritten Welt (25,9%).

Vor Herzerkrankungen wurde in über 80% der Industrieländer gewarnt, aber nur in 23% der Dritte Welt Länder. Die Aussage "Rauchen tötet" gab es fast in der Hälfte (47,1%) der reichen Länder, aber nur in 11,5% der Süd-Länder.

Spezifische Warnungen fehlten in der Hälfte aller Fälle völlig, meist in der Dritten Welt. Doch auch hier ist die Lage nicht einheitlich, Thailand und Südafrika haben bessere Warnungen als die USA.

Thailands Widerstand

In diesem Zusammenhang ist Thailand interessant. Das Land hatte den Import von US-Zigaretten verboten, um die Gesundheit seiner EinwohnerInnen zu schützen, die relativ wenig rauchen. Die USA drohten Handelssanktionen an und klagten vor GATT (Vorläuferin der Welthandelsorganisation WTO) gegen Import- und Werbeverbote. 1990 entschied GATT zwar gegen das Importverbot, unterstützte aber nachdrücklich das Recht Thailands, zum Schutz der Gesundheit jegliche Tabakwerbung zu verbieten, selbst wenn dadurch neu ins Land kommende Firmen wegen ihres geringen Bekanntheitgrades benachteiligt würden. Tatsächlich hat sich der Einsatz Thailands gelohnt, denn den US-Konzernen gelang keine Ausweitung des Marktes und der Zigarettenkonsum blieb stabil. Übrigens gab es 1992 auch in 13 europäischen Ländern totale Werbeverbote für Tabak. (5)

* Die Pharma-Kampagne ist eine Aktion des Bundeskongresses entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO), einem Zusammenschluss von 200 Dritte Welt Aktions- und Solidaritätsgruppen in Deutschland. Der Artikel von Jörg Schaaber wurde zuerst im Pharma-Brief der BUKO Pharma-Kampagne veröffentlicht.

Dem weltweiten Kampf gegen den Tabakkonsum ist ebenfalls die Ausgabe 72 des von MMS herausgegebenen Bulletins gewidmet.

Anmerkungen:

1. Public Citizen, Smokescreen, Double Standards of U.S. Tobacco Companies in International Cigarette Labeling, Washington, 9.9.1998

2. WHO, Tobacco Epidemic: Health Dimensions, Fact Sheet No. 154, Genf, Revised Mai 1998 (zurück)

3. R. Borland, Tobacco health warnings and smoking-related cognitions an behaviours. In: Addiction 1997, 92, S. 1427-1435; zitiert nach Fussnote 1(zurück)

4. The Search for El Dorado, Economist, 16.5.1992; zitiert nach Fussnote 1(zurück)

5. Roemer, R., Legislative Action to Combat the World Tobacco Epidemic, 2nd Edition, Genf: World Health Organization, 1993 (zurück)

Bezugsquelle für "Gesundheit ohne Grenzen": BAG, Information, 3003 Bern, Tel. 031 322 95 05, Fax 031 324 97 53