Weg mit UNAIDs, her mit der Gesundheit

Neue Prioritätensetzung gefordert

Jährlich sterben mehr Menschen an Lungenentzündung oder Diabetes als an Aids. Weshalb gibt es aber eine UNO-Agentur für Aids und nicht für andere Krankheiten? In einem Beitrag für das Bulletin von Medicus Mundi Schweiz, hat Roger England seine Position ausgeführt, UNAIDS zum Wohle der Ärmsten aufzulösen. Med in Switzerland dokumentiert Roger Englands Text.

Der internationalen Aids-Konferenz in Mexico, an der sich 25'000 Delegierte treffen, bläst ein rauer Wind entgegen: UNAIDS, der UN-Organisation für Aids, wird beschuldigt die Gefahr von Aids übertrieben zu haben und mit dem Argument einer Epidemie vorzubeugen, die nie kommen wird, Milliarden verschleudert zu haben. In dem UNAIDS immer grössere Summen HIV/Aids zusteuert, untergrabe sich die Basisgesundheit in Afrika.

Meine Position ist klar: UNAID soll in konstruktiver Weise aufgelöst werden, um sicher zu stellen, dass die HIV/Aids Ausgaben ausgeglichen werden können und die freiwerdenden Mittel so gelenkt werden, dass andere, gleich dringend anzugehende Krankheiten bekämpft werden können, indem die Basisgesundheitsversorgung gestärkt wird.

Niemand verneint, dass HIV/Aids ein ernsthaftes Problem ist: Die Kranhkeit hat einige afrikanische Länder südlich der Sahara hart getroffen. Im globalen Kontext aber sind ihre Folgen weniger gravierend. Die Zahl der jährlichen zwei Millionen Aids-Toten ist in etwa gleich hoch wie die Anzahl der unter fünf Jährigen, die jedes Jahr in Indien an einer einfach zu verhütenden Krankheit wie Lungenentzündung sterben.

Während aber HIV nur 3,7% der jährlichen Sterblichkeit verursacht, fliessen 25% aller Gesundheitshilfe sowie zusätzlich ein grosses Stück der nationalen Gesundheitsausgaben in die Bekämpfung dieser Krankheit. Schlimmstenfalls macht HIV/Aids im südlichen Afrika weniger als 20% der gesundheitlichen Belastungen aus, ein Durchschnittszahl, die durch die hohe Verbreitung der Krankheit in Südafrika hochgeschraubt wird. Zurzeit erhält HIV/Aids 40% der Gesundheitshilfe – im Jahr 2006 4,6 Milliarden US-Dollars. Und die Ausgaben steigen weiter. Die HIV/Aids-Hilfe übersteigt vielerorts die totalen nationalen Gesundheitsausgaben.

Während Jahren haben AktivistInnen diese überproportionalen Ausgaben damit begründet, dass HIV/Aids ein Ausnahmefall sei: eine Krankheit der Armut, eine entwicklungspolitische Katastrophe und ein Notfall, der eine umfassende Intervention der vereinten Nationen bedürfe.

Diese Behauptungen sind jetzt in Frage gestellt. Neue Daten aus Afrika zeigen, dass die Verbreitung der Krankheit am höchsten in der Mittelklasse und unter besser Gebildeten ist. Auch wenn HIV/Aids Familien in die Armut bringen und die nationale Entwicklung behindern kann, so gilt dies auch für übrige Krankheiten wie auch Unfälle. Die Verbreitung von HIV/Aids in Afrika hat die Spitze überschritten und die Zahlen in Asien sind weitaus geringer als von UNAIDS vorausgesagt.

Die Behauptung von UNAIDS, dass HIV “mögliche Bedrohung für das Überleben und das Wohlbefinden der Menschen weltweit“ sei, ist sensationalistisch. Der Leiter HIV der Weltgesundheitsorganisation sagte kürzlich, es sei „sehr unwahrscheinlich, dass es eine heterosexuelle HIV/Aids Epidemie“ ausserhalb des südlichen Afrikas geben werde.

Eine medizinische Apartheid

Der Erfolg der UNAIDS PR-Arbeit verhindert die Verbesserung der Basisgesundheitsdienste in den ärmsten Ländern. Exzessive HIV-Ausgaben haben ein zweidrittel Gesundheitssystem geschaffen. Es handelt sich um eine Art medizinischer Apartheid, in welcher HIV PatientInnen Behandlung kostenlos erhalten, während Nicht-HIV PatientInnen für qualitativ schlechtere Leistungen bezahlen müssen.

Die Finanzierung von HIV geht zudem an den nationalen Institutionen vorbei und schafft parallel eine eigene Finanzierung, einen eigenen Arbeitsmarkt und ein eigenes System. Damit wird schlechtes Management zementiert und Verdoppelungen und Verschwendung geschaffen.

Insbesondere die USA irren: Ihr HIV Programm PEPFAR hat 15 Länder mit HIV-bestimmten Finanzen überflutet, die Arbeitskräfte und Wissen und wissen von anderen Bedürfnissen wegziehen. Und der Global Fund to Fight AIDS, TB and Malaria stehen dem kaum nach.

Auch wenn UNAIDS die Zahl der HIV Betroffenen von 39.5 Millionen auf 33.2 Millionen reduziert hat, ruft es trotzdem dazu auf, die jährlichen Ausgaben massiv von jetzt 9 Milliarden US-Dollars bis 2010 auf 42 Milliarden US-Dollars und bis 2015 auf 54 Milliarden US-Dollars aufzustocken.

Die ärmsten Länder mit Fremdwährung in dieser Grössenordnung zu überschwemmen würde die Inflation anheizen und die Zinsen hochschrauben. Für eine Lobbyorganisation wie UNAIDS ist es kaum überraschend, mehr Geld zu verlangen, ihre Forderungen erscheinen aber immer absurder.

Krise der Basisgesundheitsversorgung

Während die Aidsindustrie fetter wird, befindet sich die Basisgesundheitsversorgung in den ärmsten Ländern in der Krise. Mozambiques Gesundheitsminister Paulo Ivo Garrido schrieb vergangenes Jahr: “In vielen Ländern ist es eine Realität, dass Finanzen nicht für Aids, Tuberkulose oder Malaria benötigt werden. Finanzen brauchen zu aller erst und am meisten die nationalen Gesundheitssystem, um eine grosse Zahl von Krankheiten und grundlegenden Voraussetzungen für Gesundheit effizient angegangen werden können.“

Die Zeit für UNAIDS ist abgelaufen. Weshalb haben wir eine UN-Agentur für HIV und nicht Lungenentzündung oder Diabetes, die beide alleine mehr Menschen töten? UNAIDS muss schnell aufgelöst werden, denn ihre Einzelfallkampagne verzerrt die globalen Gesundheitsausgaben und betrügt die Ärmsten der Welt. Ihre sinnvollen Beobachtungsaufgagen können der WHO übertragen werden.

Dem wird man sich stark widersetzen. Die weltweite HIV Industrie ist zu einem Monster mit zu vielen Interessen, die auf dem Spiel stehen. Es gibt zu viele Einthemen-NGOs and zu viele Rockstars mit ihrer Aidsunterstützung als Modeaccesoir. In Mozambique gibt es 100 Mal mehr NGOs, die sich HIV/Aids als der Mutter und Kind Gesundheit.

Ohne UNAIDS können sich internationale Geber auf die Stärkung der Gesundheitssysteme konzentrieren, indem sie nachhaltige und voraussagbare Finanzen zur Verfügung stellen. Das wird gut sein für alle arme Menschen, nicht nur diejenigen mit HIV/Aids.


*Roger England ist Vorstandsmitglied von Health Systems Workshop, einem unabhängigen Think-Tank, der Reformen und die Stärkung der Gesundheitssysteme propagiert. Er hat für mehrere internationale Organisationen gearbeitet