Wer profitiert vom grünen Schatz?

Die Bedeutung der Pflanzenmedizin in den Gesundheitssystemen der Dritten Welt

Die Verwendung von Pflanzen in den traditionellen Medizinsystemen ist für die Bevölkerung vieler Drittweltländer oft die erste und einzige Wahl, um ihre medizinischen Grundbedürfnisse abzudecken. In der industrialisierten Welt hat die Neuentdeckung pflanzlicher Arzneimittel in den letzen Jahrzehnten ein Ausmass erreicht, das die nationalen und internationalen Märkte der Medizinalpflanzenproduktion nachhaltig verändert hat. Das Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversitätskonvention) gibt Organisationen wie WWF, TRAFFIC und CITES Instrumente in die Hand, um die Rechte der Entwicklungsländer in der Produktion von Medizinalpflanzen zu schützen.

Das Gebiet der Traditionellen Medizin umfasst zwei Hauptgebiete: einerseits Therapien ohne Medikamente wie Akupunktur, manuelle und spirituelle Therapien, anderseits Therapien mit Medikamenten, die aus frischen oder getrockneten Pflanzenteilen, Tierprodukten oder mineralischen Stoffen hergestellt werden. Die Pflanzenmedizin ist ein zentraler Aspekt der traditionellen Medizinsysteme rund um die Welt und der Grundstein vieler Medikamente der modernen Biomedizin. 25 Prozent aller Medikamente auf dem Pharmamarkt basieren auf Pflanzen oder deren Inhaltstoffen, die ursprünglich Teil eines traditionellen Medizinalschatzes waren.

Der Stellenwert der Pflanzenmedizin

In den Drittweltländern hat Pflanzenmedizin das Image der „poor medicine for the poor“, der armseligen Medizin für die Armen. Nicht so in der industrialisierten Welt: dort hat sie in den letzen Jahrzehnten eine Wiederbelebung innerhalb des Gebietes der Komplementär- oder Alternativmedizin erlebt.

Die rationale Medizinalpflanzenverwendung beginnt bei der korrekten Gewinnung des Pflanzenmaterials. Dies umfasst nachhaltiges Sammeln oder Anbau ohne Kontamination mit Pestiziden und Insektiziden. Weitere wichtige Teilgebiete der rationalen Pflanzenmedizin sind die Garantie einer gleich bleibenden hohen Qualität, die schonende Verarbeitung und die richtig dosierte Anwendungen der pflanzlichen Wirkstoffe. Rohdrogen und pflanzliche Produkte spielen eine wichtige Rolle in den traditionellen medizinischen Diagnosen, in den eigentlichen Behandlungen, bei präventiven Massnahmen und auch für das allgemeine Wohlergehen. Der Übergang zu pflanzlichen Nahrungsmitteln ist fliessend, so dass viele Nahrungsmittel in höheren Dosen zum Arzneimittel werden oder Nahrungszusätze wie Gewürze eine präventive Funktion haben.

Im Juni 2006 wird im Parlament vermutlich das revidierte Patentgesetz behandelt. Eine Revision drängt sich nicht zuletzt zum Schutz der Länder des Südens vor Biopiraterie aus. Während das Dossier bisher vor allem in Hinblick auf die Landwirtschaft diskutiert wurde, weist der Beitrag von Barbara Frei Haller auf die Bedeutung des Schutzes der Biodiversität für die nachhaltige Gewinnung von Medizinalpflanzen.

 

In Afrika, Asien und Lateinamerika ist die Traditionelle Medizin – im Vordergrund die pflanzlichen Arzneimittel – ein wichtiger Teil der Basisgesundheitsversorgung. Für 80 Prozent der afrikanischen Bevölkerung ist die Traditionelle Medizin die erste und oft die einzige Wahl, um medizinische Grundbedürfnisse abzudecken. Auch in China sind 30 bis 50 Prozent aller Medikamenteneinnahmen pflanzliche Medikamente. Die weite Verbreitung der Traditionellen Medizin und die breite Verwendung von Medizinalpflanzen in den Drittweltländern basieren einerseits auf der einfachen Erreichbarkeit. In Uganda wird das Verhältnis der traditionellen Heiler und Anwender von Medizinalpflanzen zur Bevölkerung bei 1:300 geschätzt, während die Verfügbarkeit der Allopathen bei einem Verhältnis 1:20'000 oder noch kleiner vermutet wird. Zusätzlich konzentriert sich die moderne Gesundheitsversorgung auf die Städte, und auf dem Land findet sich vielerorts keine oder bloss eine rudimentäre, willkürliche Auswahl an Gesundheitsangeboten. Andererseits sind die Kosten für den überwiegenden Anteil der Bevölkerung ein wichtiger Aspekt bei der Wahl einer traditionellen Therapie.

Ein Thema der Politik

Die steigende Popularität der Traditionellen Medizin und der Komplementär- und Alternativmedizin in den Industrienationen löste in den letzten Jahrzehnten rund um die Welt eine Debatte zur Nutzung der traditionellen Kräutermedizin aus. Die zum Teil heftigen Kontroversen drehten sich um die zentralen Themen Sicherheit, Wirksamkeit, Qualität, Verfügbarkeit, Zugang, Schutz und zukünftige Entwicklungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definierte mit ihrer „Traditional Medicine Strategy 2002-2005“ ihr Verhältnis zu einer rationalen Traditionellen und Komplementärmedizin. Die Strategie soll Länder in folgender Hinsicht unterstützen und beraten:

  • im Entwerfen von nationalen Strategien für die Evaluierung und Regulierung von Praktiken der Traditionellen und Komplementärmedizin;
  • im Kreieren einer hohen, evidenz-basierten Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität der Produkte und Therapien;
  • in der Bereitstellung von Richtlinien für die Standardisierung (Qualität, Wirksamkeit, Sicherheit);
  • in der Gewährleistung von Verfügbarkeit und fairen Preisen für die Ärmsten;
  • in der Förderung therapeutisch korrekter Anwendung sowohl durch Therapeuten, wie auch Patienten;
  • in der Dokumentation von Wirkstoffen und Rezepten;
  • in der Kultivierung und im Schutz von Medizinalpflanzen, um einen nahhaltigen Gebrauch zu garantieren.

Leitplanken für eine boomende Branche

Die zunehmende Popularität der Komplementär- und Alternativmedizin in den Industrienationen hat zur Folge, dass die Nachfrage für Rohdrogen und pflanzliche Erzeugnisse stetig zunimmt. Alleine in Deutschland, einem der global wichtigsten Importländer von Heilpflanzen, beläuft sich die jährliche Importmenge weltweit auf etwa 45’000 Tonnen getrocknetes Heilpflanzenmaterial mit einem Gesamtwert von etwa 90 Millionen Euro. In vielen Ländern sind für Bauern und ihre Familien das Sammeln und die Verarbeitung von Heilpflanzen zur wichtigen Erwerbsquelle geworden.

Die weltweite steigende Nachfrage ist darum vor allem eine Gefahr für Pflanzen, die aus Wildbeständen gewonnen werden. In gleichem Masse, wie die Strategien der WHO für die Traditionelle Medizin implementiert werden sollen, müssen auch Aktionen für den Schutz und die nachhaltige Gewinnung des Pflanzenmaterials befolgt werden. 1992 wurde auf der UN-Weltkonferenz in Rio de Janeiro das erste internationale Regelwerk verabschiedet, das den Schutz aller Elemente der belebten Umwelt umfasst und diesen mit der nachhaltigen Nutzung biologischer Ressourcen durch den Menschen verbindet - das Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt (Biodiversitätskonvention CBD). Um die Rechte der Entwicklungsländer im Konflikt über den Zugang zu natürlichen Ressourcen und zu Eigentumsverhältnissen zu schützen, hat die Konvention das Prinzip der nationalen Souveränität über genetische Ressourcen verankert. Ziel ist es auch geistiges Eigentum zu schützen, wenn bei der kommerziellen Nutzung biologischer Ressourcen auf das Wissen der lokalen Bevölkerung zurückgegriffen wird. Die Idee des "gerechten Vorteilsausgleiches", so die Konvention, beinhaltet neben der finanziellen Gewinnbeteiligung auch die verbriefte Teilhabe am Technologietransfer für industriell weniger entwickelte Staaten.

Bei der 6. Konferenz zur Biodiversitätskonvention verabschiedeten die Vertragsstaaten im Jahr 2002 eine "Weltweite Strategie zum Schutz von Pflanzen". Unter den sechzehn formulierten Einzelzielen wird gefordert, dass 30 Prozent der auf pflanzlichen Rohstoffen basierenden Produkte aus nachhaltiger Gewinnung stammen müssen. WWF und TRAFFIC arbeiten gemeinsam mit anderen Naturschutzorganisationen an der schwierigen Erreichung dieser Ziele. Sie untersuchen und bewerten Pilotprojekte zur nachhaltigen Nutzung von Heilpflanzen weltweit und unterstützen die Entwicklung von praktischen Standards und Kriterien zur nachhaltigen Wildsammlung und Nutzung von Medizinalpflanzen.

*Barbara Frei Haller ist Offizin-Apothekerin, Konzilliarapothekerin, Privatdozentin der Universität Neuenburg für Ethnobiologie, Dozentin an der Hebammenschule Zürich für Ethnomedizin und Phytotherapie in der Geburtshilfe, Projektmanagerin bei Bridgeworks AG (www.bridgeworks.ch) im Projekt „Plant-based Malaria Control“, Stiftungsrätin bei BioVision (www.bivision.ch) und Mutter von drei Kindern. Kontakt: bfreihaller@bluewin.ch.

Auszug aus einem Beitrag im Bulletin von Medicus Mundi Schweiz Nr. 100/2006. Dort finden sich auch Quellenangaben und weiterführende Hinweise.