WHO: Hoffnungsträgerin und Partnerin

Die "neue" Weltgesundheitsorganisation (II): Die Schweiz und die WHO

"Fulminanter Start", "rekordverdächtiges Reformtempo" - die offizielle Schweiz spart nicht an Komplimenten für die neue WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland und setzt grosse Hoffnungen in eine intensivere Zusammenarbeit mit der "neuen" Weltgesundheitsorganisation. Es ist auch höchste Zeit.

"Der Hauptsitz der WHO ist in Genf, und die Schweiz gehört zu den wichtigsten Beitragszahlern dieser UN-Organisation. Trotzdem hat man sich bisher kaum für die Mitarbeit in der WHO engagiert und vom finanziellen Engagement entsprechend wenig profitiert: Die internationale Expertise der WHO wurde bei Reformen im Gesundheitswesen in der Schweiz kaum berücksichtigt. Dies bewog die Verantwortlichen mehrerer Bundesstellen, die Beziehungen zur Weltgesundheitsorganisation zu überdenken. In Zusammenarbeit mit dem Zentralsekretariat der Sanitätsdirektorenkonferenz wurde ein Aktionsplan zur Intensivierung der Beziehungen entwickelt." (Editorial von Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit, in "Gesundheit ohne Grenzen" Nr. 1/September 1998)

Besser könnte das Timing nicht stimmen: Eine gemeinsame Initiative der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, des Bundesamtes für Gesundheit sowie weiterer Bundesstellen zur Verbesserung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der Weltgesundheitsorganisation konkretisiert sich just in dem Augenblick, in welchem eine neue Führungsequipe die radikale Neuausrichtung und Umgestaltung der WHO an die Hand nimmt. Dass die neue WHO-Generaldirektorin Brundtland am 18. August der Schweiz als erstem Mitgliedland einen offiziellen Besuch abstattete, gibt den Bemühungen, die WHO in der Schweiz (wieder) zu einem Thema - oder gar zur Hoffnungsträgerin? - zu machen, zusätzlichen Schwung. So kommt die erste Ausgabe des Newsletters Gesundheit ohne Grenzen der neu geschaffenen Kontaktgruppe Schweiz-WHO in ihrer Einschätzung der Neuerungen in der WHO denn auch recht euphorisch daher.

Return of Investment...

Es wäre aber zu kurz gegriffen, würde man das neue Interesse der Schweiz an der Weltgesundheitsorganisation einzig auf den Wechsel and der WHO-Spitze zurückführen. Der im Newsletter erwähnte Aktionsplan zur Intensivierung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der WHO datiert bereits vom September 1997 und ist Resultat einer Serie von Situationsanalysen und Konsultationen. Im Aktionsplan werden die Interessen der Schweiz klipp und klar auf den Punkt gebracht:

"Die Schweiz gehört zu den ‘major donors’ der Weltgesundheitsorganisation. Doch hat sie bisher sehr wenig vom (finanziellen) Engagement in der WHO profitiert (d.h. nur schwaches ‘return of investment’). Bisher schien auch kaum eine Notwendigkeit zu bestehen, internationale Aspekte in die nationale Gesundheitspolitik einzubeziehen. Die gegenwärtigen finanziellen und strukturellen Probleme im Gesundheitsbereich stellen die Schweiz jedoch - wie auch andere industrialisierte Länder - in den kommenden Jahren vor grosse Herausforderungen. Ein Interesse an alternativen Struktur- und Finanzierungsmodellen sowie an einem vermehrten Austausch mit einer Organisation wie der WHO, die über das nötige Wissen und einschlägige Hintergrundinformationen verfügt, sollte daher vorhanden sein." (Aktionsplan vom 4.9.1997)

Dass die Schweiz in ihrer Gesundheitspolitik von der WHO - und von den in anderen Ländern und in den internationalen Organisationen entwickelten Praktiken und Modellen - profitieren kann, ist eine mit erfrischender Selbstverständlichkeit vorgetragene Tatsache und schafft eine bessere Grundlage für eine aktive Zusammenarbeit mit der WHO als die selbstgerechte, distanzierte Haltung als "uninteressierte" Geldgeberin. Geben und Nehmen, so werden im Aktionsplan vom Herbst 1997 die Ziele der intensiveren Beziehung der Schweiz zur WHO formuliert:

  • "Aktiveres Engagement und verbesserter Input der Schweiz in die WHO": Mitgestaltung von Politik, Programmen und Kernaufgaben der WHO durch die Schweiz.
  • "Bessere Nutzung der Resultate aus der Arbeit der WHO in der Schweiz": Rückkoppelung aus der internationalen in die nationale Gesundheitspolitik.

Um diese Ziele zu erreichen, wurden im Aktionsplan eine Reihe von Massnahmen aufgelistet, von denen einige bereits zu greifen beginnen. Das federführende Bundesamt für Gesundheit hat dabei ein forsches Tempo angeschlagen und in der kurzen Zeit erstaunliche Resultate erzielt.

  • "Einsitz der Schweiz in den 33köpfigen WHO-Exekutivrat": BAG-Direktor Thomas Zeltner wurde im Herbst durch das europäische Regionalbüro der WHO nominiert; seine Wahl durch die Weltgesundheitsversammlung vom Mai 1999 erscheint als sicher.
  • "Aktive Mitarbeit in Spezialprogrammen internationaler Organisationen": Das BAG engagiert sich stark im Kampf gegen den Tabakkonsum, einem Programm, das auch im Tätigkeitsprogramm der neuen WHO-Führung eine Schlüsselrolle darstellt. Zwischen WHO und BAG findet ein intensiver Austausch statt.
  • "Regelmässige ‘High Level Meetings’ mit der WHO": Mit dem Besuch von Frau Brundtland vom 18. August in Bern wurde ein vielversprechender Anfang gemacht.
  • "Kommunikation mit Gesundheitskreisen ausserhalb der Bundesverwaltung": Der Newsletter "Gesundheit ohne Grenzen" ist hoffentlich nur ein erster Schritt...

Als "Projektorganisation" zur Umsetzung des Aktionsplanes wurde eine Kontaktgruppe Schweiz-WHO gebildet, die in einer zweiten Phase durch eine WHO-Kommission mit Beteiligung von Kantone, akademischen Kreise und nicht-staatlichen Organisationen abgelöst werden soll.

Zusammenarbeiten und voneinander lernen

"Primary Health Care in der reichen Schweiz? - Das Konzept einer ganzheitlichen, auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichteten gesundheitlichen Grundbetreuung wird oft missverstanden als Ansatz, der ausschliesslich für Länder mit grosser sozialer Armut gültig ist. Doch hat auch ein reiches Land wie die Schweiz heute allen Grund, seine Gesundheitspolitik zu überdenken." (Medicus Mundi Schweiz).

Eine von Medicus Mundi Schweiz im Juni 1997 organisierte Tagung drehte sich um die Frage, wie die Erfahrungen und Konzepte der internationalen Gesundheitszusammenarbeit für die Gesundheitspraxis der Schweiz nutzbar gemacht werden können. Dass dabei eine intensivere Zusammenarbeit mit der WHO ein wichtiges Element bildet, stand für die im Netzwerk Medicus Mundi Schweiz zusammengeschlossenen Nichtregierungsorganisationen immer ausser Frage. Ebenfalls im Juni 1997 unterbreitete Medicus Mundi Schweiz deshalb den Bundesbehörden ein Konzept für die "Schaffung einer Schweizerischen Kontakt- und Informationsstelle für die Weltgesundheitsorganisation (WHO)"... Anderthalb Jahre später besteht nun berechtigte Hoffnung, dass die Zeit der Konzepte und Aktionspläne bald vorbei ist.

Wenn sich die Schweiz vom Elan und von der Kommunikationskultur der "neuen" WHO anstecken lässt, dann werden bald staatliche Behörden sowie Organisationen und Personen der Zivilgesellschaft gemeinsam daran gehen, den Austausch mit ihren internationalen Partner/innen voranzutreiben, um sich gegenseitig zu stärken und voneinander zu lernen. Auf dem Weg zu "Gesundheit für alle" ist es nie zu spät, die Bequemlichkeit überkommener Denk- und Handlungsmuster zu überwinden.

Bezugsquelle für "Gesundheit ohne Grenzen": BAG, Information, 3003 Bern, Tel. 031 322 95 05, Fax 031 324 97 53