Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Die Rolle der Schweiz in der Migration von Gesundheitsfachkräften

Qualifiziertes Gesundheitspersonal wandert aus ärmeren Ländern in reiche Länder ab. Die Auswanderung mag für die einzelne Fachkraft und ihre Angehörigen zu höherem Verdienst und zu einem besseren Leben führen – und dagegen ist nichts einzuwenden. In ihrem Herkunftsland trägt der Verlust der oft teuer ausgebildeten Fachkraft jedoch oft zur Verschärfung der Gesundheitskrise bei. Die WHO will mit einem „Verhaltenskodex für die internationale Rekrutierung von Gesundheitsfachkräften“ für etwas Ordnung sorgen. Die Schweiz tut sich schwer mit dem Thema.

Wenn wenigstens 2.3 gut ausgebildete Gesundheitsfachkräfte pro 1000 Menschen zur Verfügung stehen, können 80 Prozent oder mehr der Bevölkerung mit qualifizierter Geburtshilfe und Impfungen für Kinder erreicht werden. Gemäss WHO erreichen aber 57 Länder diese Quote nicht; ihnen wird deshalb im Weltgesundheitsbericht 2006 ein „akuter Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen“ bescheinigt. Am schlimmsten ist die Lage in Afrika südlich der Sahara, wo der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften die ohnehin schon geschwächten Gesundheitssysteme noch zusätzlich belastet.

Geben und Nehmen – was soll’s?

Der Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen ist ein weltweites Phänomen, auch in reichen Ländern. Weltweit werden mehr als vier Millionen zusätzliche ÄrztInnen, Krankenschwestern, Hebammen, Manager und Public Health Worker dringend gebraucht. Anderseits ist die Welt in den letzten Jahren kleiner geworden, auch der Fachkräfte-Personalmarkt ist nun „globalisiert“. Die grenzüberschreitende Anwerbung von Gesundheitsfachkräften ist deshalb eine gängige Praxis geworden.

Dies sei auch durchaus in Ordnung so, hielt kürzlich ein Vertreter des Bundesamtes für Gesundheit an einem vom Netzwerk Medicus Mundi Schweiz organisierten „Runden Tisch“ zu diesem Thema fest: Die globalisierte Wirtschaft sei ein Geben und Nehmen zwischen den einzelnen nationalen Märkten und Volkswirtschaften. Und die Schweiz produziere nun einmal mehr Medikamente, als sie verbrauche, Japan dafür mehr Autos und Computer – und andere Länder einen Überschuss an „human resources“. So sei es doch richtig, wenn da fleissig gehandelt und getauscht wird…

Menschen, Volkswirtschaften und Gesundheitssysteme

Wenn eine Gesundheitsfachkraft eine Stelle in einem anderen Land findet, macht sie zunächst ganz einfach von ihrem Recht auf Bewegungsfreiheit Gebrauch. Ihr Einkommen mag dem Wohlstand ihrer Familie und – wenn sie Geld nach Hause schickt – auch dem Volkseinkommen ihres Herkunftslandes förderlich sein. Aus diesem Grund fördern etwa die Philippinen den „Export“ von Arbeitskräften ins Ausland, indem sie ein Emigrationsministerium eingerichtet haben und Ausreisewillige gezielt beraten und betreuen. Einzelne philippinische Fachschulen haben auch lukrative Verträge mit ausländischen Gesundheitsinstitutionen abgeschlossen, welche die in den Philippinen ausgebildeten Fachkräfte gegen eine grosszügige Ausbildungsentschädigung übernehmen. Im Land selbst herrscht aber weiterhin ein beträchtlicher Mangel an gut qualifiziertem Gesundheitspersonal, sehr zum Leidwesen des nationalen Gesundheitsministeriums. Dass auch andere Länder ein Kohärenzproblem zwischen Gesundheits-, Aussen- und Wirtschaftspolitik haben, ist für uns aber ein kleiner Trost. Wir kommen auf dieses Thema zurück…

Viele Länder in Afrika und Südasien kämpfen mit einem akuten Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen. (WHO)

Die Philippinen gehören nach der WHO-Definition nicht zu den Staaten mit einem akuten Mangel an Gesundheitspersonal, dafür aber viele Länder in Afrika und Südasien. Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die Abwanderung von Gesundheitsfachkräften in diesen Ländern ganz direkt zur Verschärfung der Gesundheitskrise beiträgt. Und volkswirtschaftlich betrachtet, ist die Sache auch nicht überall so einfach: Die meisten Entwicklungsländer verlieren ja die Erträge auf die Investitionen, die sie in die Ausbildung der Fachkraft gemacht haben, ohne dass sie dafür irgendeine Art von Kompensation erhalten. Viele arme Länder unterstützen heute faktisch reiche Länder, die zu wenig Fachkräfte ausbilden – oder die aufgrund der niedrigen Löhne, gerade im Pflegebereich, auf ihrem Binnenarbeitsmarkt nicht genügend Personal finden.

Ein „schwieriges“ Thema

Zahlen zu Migration von Gesundheitspersonal sind allerdings schwer zu finden sind, da es bislang wenig systematischen Übersichten und Statistiken gibt. Die bereits vorhandenen Studien zur Migration von Gesundheitspersonal haben je verschiedene Parameter und sind daher schwer zu vergleichen. Und zur aktiven Anwerbung von Gesundheitsfachkräften im Ausland halten sich die Staaten und Gesundheitseinrichtungen meist bedeckt. Schweizerische Institutionen rekrutierten aktiv in Bulgarien und auf den Philippinen, doch „nichts Genaues weiss man nicht“…

Die Forderung nach besseren Datengrundlagen, mehr Forschung und Informationsaustausch zu Migration und internationaler Rekrutierung von Gesundheitsfachkräften wird deshalb inzwischen auch von der Weltgesundheitsorganisation – und der Schweiz – mitgetragen. Der Steuerbedarf geht aber darüber hinaus: Mit zwei Resolutionen der Weltgesundheitsversammlung haben die Mitgliedstaaten der WHO den Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation in den Jahren 2004 und 2005 aufgefordert, in Abstimmung mit den Mitgliedstaaten und allen massgeblichen Partnern die Federführung bei der Ausarbeitung und Umsetzung eines Verhaltenskodex für die grenzüberschreitende Rekrutierung von Gesundheitsfachkräften zu übernehmen.

Ein erster Entwurf des „WHO code of practice on the international recruitment of health personnel“ liegt seit einiger Zeit vor. Optimistische Beobachter waren eigentlich davon ausgegangen, dass der Verhaltenskodex die durch die Weltgesundheitsversammlung bereits im Mai 2009 verabschiedet würde. Doch vertagte der Vorstand der Weltgesundheitsorganisation das Traktandum auf das nächste Jahr und setzte zur besseren Vorbereitung eine Reihe nationaler und internationaler Konsultationen an. Inzwischen wurde der Verhaltenskodex auch in den Versammlungen aller regionalen WHO-Komitees diskutiert.

Die Rolle der Schweiz

Das Thema der internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal ist ganz offensichtlich politisch „sensibel“ und Gegenstand eines Interessenkonfliktes und Machtkampfs zwischen Empfänger- und Herkunftsländern der Migration von Gesundheitspersonal. Dies zeigt ein im Mai 2009 von der WHO veröffentlichtes, an die Mitgliedstaaten der WHO gerichtetes Hintergrundpapier. Die in diesem Dokument aufgeworfenen Fragen machen in einer überraschenden Offenheit die politischen Knackpunkte transparent: die Nutzbarmachung der Migration für alle Beteiligten (mutuality of benefits) und die Forderung nach nachhaltigen nationalen Arbeitsmarktpolitiken im Gesundheitsbereich (National health workforce sustainability).

Diesen von der WHO aufgeworfenen Fragestellungen nachzugehen lohnt sich offensichtlich auch für die Schweiz. Deshalb haben sich nach Auskunft von BAG und DEZA die mit an der Thematik interessierten Bundesämter in einer interdepartementalen Arbeitsgruppe mit dem Thema Migration von Gesundheitsfachkräften auseinandergesetzt und sind daran, ein Strategiedokument zu entwickeln. Noch sei es aber zu früh für externe Konsultationen…

Nicht zu früh ist es aber für uns, unser Anliegen an die schweizerische Politik noch einmal auf den Punkt zu bringen: Im Bereich der internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal zeigt sich eine mangelnde Kohärenz von schweizerischer Gesundheitsinnen- und Aussenpolitik. Die nationale Arbeitsmarktpolitik im Gesundheitsbereich (wenn die Summe der kantonalen Arbeitsmarktpolitiken überhaupt so genannt werden kann) akzeptiert den Mangel an einheimischen Fachkräften und ist deshalb auf internationale Rekrutierung von qualifiziertem Personal angelegt. Mit dem durch die Anwerbung von Gesundheitsfachkräften in Nachbarländern angestossenen „Dominoeffekt“ der Migration von ärmsten in ärmere in reiche in reichste Länder untergräbt die Schweiz jedoch ihre eigenen Bemühungen zur Verbesserung der Gesundheitssysteme in den ärmsten Ländern. Damit die Anwerbung der ausländischen Fachkräfte nicht zum blanken Diebstahl wird (wir sind nicht weit davon entfernt), ist die Schweiz gefordert, sich an der Entwicklung und Umsetzung von Massnahmen zu beteiligen, die Ländern mit einem kritischen Mangel an Gesundheitspersonal helfen, genügend qualifiziertes Personal auszubilden – und dieses durch geeignete Anreize und Arbeitsbedingungen im Land zu behalten, damit die Fachkräfte nicht auf der Suche nach „grüneren Weiden“ ins Ausland abwandern müssen.

Thomas Schwarz ist Geschäftsführer des Netzwerks Medicus Mundi International. Das Netzwerk MMI hat sich im September 2009 in einer Stellungnahme an das europäische WHO-Komitee gewandt und sich für einen starken, griffigen Verhaltenskodex zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitsfachkräften ausgesprochen. Kontakt und Informationen: schwarz@medicusmundi.org, www.medicusmundi.org

Literaturhinweise

Dokumente der WHO zur Migration von Gesundheitsfachkräften: www.who.int/hrh/migration/migration/en/index.html
Medicus Mundi International, “Human Resouces for Health”:
www.medicusmundi.org/en/topics/human-resources

Fallstudie Philippinen: Migration of health workers. Country case study Philippines. Institute of Health Policy and Development Studies, ILO Working Paper 2005

Gesundheitspersonal in der Schweiz - Bestandesaufnahme und Perspektiven bis 2020. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan), Neuchâtel 2009

Kohärenz von Gesundheitsinnen- und Aussenpolitik: Medicus Mundi Schweiz, Symposium „Globale Gesundheit und schweizerische Aussenpolitik“, November 2006, www.medicusmundi.ch/mms/services/events/meeting20061102