Zeit, Versprechungen einzulösen?

Weltaidskonferenz in Toronto

Eine bunter und lauter Zug mit Ballons, Plaketten, Spruchchören, begleitet von den Klängen einer Salsaband, bewegte sich am 13. August durch die Strassen Torontos: Zum Auftakt der 16. Weltaidskonferenz hatte die AIDS Healthcare Foundation zu einer Demonstration aufgerufen. Frauen, Kinder und Männer aus Afrika, Asien und Lateinamerika legten an der Demonstration Zeugnis ab, wie sie dank antiretroviraler Therapien ein neues Leben geschenkt bekommen haben.

Das mit dem farbigen Demonstrationszug verbundene Manifest der AIDS Healthcare Foundation forderte einmal mehr Zugang zu antiretroviraler Behandlung für alle, legte dabei aber ein besonderes Augenmerk auf die wachsende Zahl von Kindern und Jugendliche, die mit dem HI-Virus infiziert sind und dringend einer angepassten Behandlung bedürfen. Der Demonstrationszug und seine Aussage waren symbolisch für die gesamte Weltaidskonferenz: überwältigende Eindrücke, eine starke Präsenz von Betroffenen und AktivistInnen, bekannte Themen und Forderungen, einige neue Akzente.

Im Skydome fand am selben Tag die formelle Eröffnungszeremonie statt, auch sie farbenfroh – und zudem ziemlich pompös. Über 26'000 Delegierte aus aller Welt hatten sich in Toronto eingefunden, HIV-positive AktivistInnen, VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen, Universitäten, Forschungsinstitutionen, Kirchen, Regierungen, den Vereinten Nationen und der pharmazeutischen Industrie. Hier hatten die offiziellen RednerInnen das Wort. Peter Piot, Direktor der UNAIDS, betonte einleitend, dass es vor allem darum geht, die grundlegenden Probleme im Kampf gegen die Krankheit zu beseitigen: Armut, Ausgrenzung, Angst vor Homosexuellen und die Unterdrückung der Frauen. „Es wird Zeit, dass wir ernst damit machen, Menschenrechte zu schützen und zu fördern - und das auch in unseren Budgets berücksichtigen“, forderte Piot.

Auch die Milliardäre Bill und Melinda Gates hatten das Wort. Sie beide engagieren sich mit ihrer privaten Stiftung für die Entwicklung neuer Präventionstechniken wie etwa die so genannten Mikrobizide, Wirkstoffe, die als unsichtbares Gel in die Scheide eingeführt werden. Damit soll Frauen ein Mittel zum Schutz vor dem HI-Virus in die Hand gegeben werden, das sie, wenn nötig, auch unbemerkt anwenden könnten. Das Ehepaar Gates gab sich sehr genderbewusst: „Eine Frau sollte niemals die Erlaubnis ihres Partners benötigen, um ihr eigenes Leben zu retten“, betonte Bill Gates, und Melinda bekräftigte: „Wir müssen die Vorbeugung gegen HIV in die Hand der Frauen legen.“

Prävention: gegen die Ahnungslosigkeit

Eines der Schlüsselthemen in Toronto war die HIV-Prävention. Während in vielen internationalen Konferenzen der Zugang zu Therapien für alle im Zentrum stand, wurde nun wieder vermehrt der HIV-Prävention Beachtung geschenkt. Verhütungsmittel und -techniken wie Mikrobiozide, Impfstoffe, die präexpositionelle Prophylaxe (PREP, also die vorbeugende Einnahme antiretroviraler Medikamente) wie auch die männliche Beschneidung wurden eifrig diskutiert. Dabei wurde immer wieder die enge gegenseitige Verknüpfung von Prävention, Behandlung und Pflege betont.

Als eine von Frauen initiierte Präventionsmethode könnten Mikrobizide eine zentrale Rolle spielen in der Bekämpfung der rasch wachsenden Zahl von HIV Infektionen bei Frauen weltweit, erklärte die südafrikanische Professorin Gita Ramjee in ihrer Präsentation. Zurzeit wird an verschiedenen Produkten gearbeitet; erste Ergebnisse aus klinischen Studien werden für nächstes Jahr erwartet. Ob Mikrobizide und weibliche Kondome allen Frauen und Mädchen weltweit zugänglich gemacht werden, ist auch davon abhängig, wie viel die reichen Länder und die pharmazeutische Industrie in diese Initiativen investieren.

Viele der Beiträge zur Prävention betrafen technische Fragen und Entwicklungen. Grundlage einer effektiven Prävention sind nach wie vor ausreichende Informationen und Bewusstseinsbildung zu HIV und Aids. Umfragen von UNAIDS zeigen eine erschreckende Ahnungslosigkeit: Mehr als 50 Prozent aller Jugendlichen wissen demnach so gut wie nichts über HIV und Aids. Allein im Jahr 2005 gab es 4,1 Millionen HIV-Infektionen. Weniger als eine von fünf Personen – 4 bis 16 Prozent, je nach Land - haben Zugang zu einer effektiven Prävention. 90 Prozent der Neuinfizierten ahnen nicht einmal etwas von der Ansteckung!

Um dieser Ahnungslosigkeit begegnen zu können, scheint das Testen auf HIV auf breiter Basis ein Gebot der Stunde zu sein. Die Forderung nach routinemässigen HIV-Tests rief lebhafte Debatten hervor. Der Direktor des indischen Anwaltkollektivs HIV/Aids Anand Grover etwa warnte davor, dass solche Programme ohne gleichzeitigen umfassenden Zugang zu Behandlung nicht praktikabel seien. Er befürchtete zudem, dass in den meisten Entwicklungsländern die Durchführung dieser Programme auf Zwang beruhen würde und auf Kosten des Rechts auf Selbstbestimmung geht. Er plädierte für ein neues Modell der Beratung vor dem Test, welche diejenigen, die sich testen lassen wollen, stärkt und nicht abschreckt.

Sehr deutliche Kritik sowohl auf den Podien wie in kleineren Seminarien wurde zu Abstinenzsstrategie der US-Regierung laut. Studien in Afrika zeigen, dass Abstinenzprogramme nicht funktionieren. Beatrice Were, positive Aidsaktivistin aus Uganda, argumentierte, dass Enthaltsamkeit nicht nur Frauen nicht schützt, sondern zudem die Stigmatisierung verstärke, indem sie es schwieriger macht, über Sexualität, Vergewaltigung und eheliche Gewalt zu reden.

Ein weiteres Merkmal der Konferenz war die starke Präsenz von Jugendlichen. Mit über tausend Delegierten waren junge Frauen und Männer sowohl an den speziellen Anlässen für Jugendliche wie auch im breiten Publikum sichtbarer als an früheren Anlässen. Doch angesichts der Tatsache, dass 50 Prozent der Neuinfektionen in der Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren erfolgen, kann dies nur ein Anfang sein. Das internationale Netzwerk YouthForce lancierte deshalb eine breite Bewusstseins- und Lobbykampagne mit Schüsselbotschaften, die in einem vorgängigen Konsultationsprozess entwickelt worden waren. Diese Schlüsselbotschaften stimmen weitgehend mit den im Frühjahr an einer Tagung von aidsfocus.ch verabschiedeten Declaration of Commitment „Young People have the Right to Knowledge and Services“ überein:

  • LISTEN: Involve us in decision making that affects our lives.
  • MONEY: We need fully-funded programs to protect ourselves.
  • SEX: HIV is mainly spread through sex. We need access to condoms to protect ourselves.
  • TRUTH: We need comprehensive sex education to protect ourselves.
  • ACCESS: We need youth-friendly health services, including prevention, treatment, voluntary counseling and testing, and access to harm reduction programs

Grossmütter und andere HeldInnen

Auch wenn die Medien nicht müde wurden, über gefeierte Koryphäen wie Bill Clinton, Bill und Melinda Gates oder Richard Gere zu berichten, waren und sind die eigentlichen HeldInnen der Konferenz die zahlreichen AktivistInnen aus aller Welt: Frauen und Männer, die mit HIV leben oder davon betroffen sind, die sich, trotz oder gerade wegen der drohenden Krankheit, schier unermüdlich dafür engagieren,, der Epidemie Einhalt zu gebieten und das Leben lebenswert für alle zu machen. Allen voran die Grossmütter, die ihre Enkelkinder aufziehen, weil ihre eigenen Kinder an Aids verloren haben.

300 Grossmütter aus dem südlichen Afrika waren von kanadischen Grossmüttern als spezielle Konferenzgäste eingeladen worden. Rakhiba ist eine von ihnen. „Wir haben Pech gehabt“, sagte sie, „denn in einem Alter, in dem wir uns eigentlich ausruhen sollten, können wir dies nicht tun. Es gibt niemanden, der sich um uns kümmert.“ Viele der südafrikanischen Frauen, die ihre verwaisten Enkelkinder grossziehen – eine von ihnen kümmert sich sogar um 28 Kinder – sind selbst HIV-positiv. Das Leid, mit denen sie, deren Töchter und Söhne frühzeitig gestorben sind und die nun für eine ganze Schar von Enkelkindern verantwortlich sind, konfrontiert werden, berührte mich sehr. Doch ebenso spürbar waren ihre Kraft und die Liebe zu den Kleinen, für die sie eine bessere Zukunft erhofften.

Hat die Konferenz ihr Ziel erreicht? 26’000 Menschen haben teilgenommen – Betroffene, AktivistInnen, WissenschafterInnen, VertreterInnen von staatlichen und mulitlateralen Institutionen und NGOs. Gemeinsam haben sie unzählige Erfolg versprechende Ansätze und Erfahrungen diskutiert, Öffentlichkeit geschaffen, ihren Willen zu Engagement und zur Veränderung gestärkt und neue Energien generiert – und sich so als Teil einer Bewegung definiert.

Doch ist die Konferenz ohne konkrete Ergebnisse und verbindliche Verpflichtungen geblieben, vor allem ohne ausreichende Finanzierungszusagen. Wie sollen die Verpflichtungserklärungen für universalen Zugang zu umfassender Prävention, Behandlung und Pflege bis 2010 umgesetzt werden? Nach Angaben des „Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria“ sind dazu insgesamt 23 Milliarden Dollar jährlich notwendig. Von dieser Summe jedoch sind die Geberländer, darunter auch die Schweiz, noch weit entfernt. Zeit, Versprechungen einzulösen?

„Time to Deliver“, 16. Internationale Aidskonferenz (AIDS 2006), Toronto, Kanada, 13-18. August 2006: www.aids2006.org. Helena Zweifel ist Co-Geschäftsführerin von Medicus Mundi Schweiz und Koordinatorin der Fachplattform aidsfocus.ch. Kontakt: www.aidsfocus.ch, info@aidsfocus.ch.