"AIDS and livelihoods"

Editorial

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz

Stolz und selbstbewusst steht Sunita vor ihrem Häuschen in Prittapalli, einem entlegenen Dorf in Orissa, Indien: „Was immer auch passieren mag, niemand kann mich von hier wegjagen. Das Haus ist in meinem Namen registriert“. Noch nach Jahren erscheint dieses Bild sehr plastisch vor meinem inneren Auge. Wie sehr hebt es sich ab von vielen andern Bildern und Geschichten, die ich während meiner Arbeit in Indien zu hören bekam, von Frauen, die aus x-beliebigen Gründen von Ehemann oder Schwiegereltern aus dem Haus gejagt wurden.

Mit der Verbreitung von HIV in Indien und im südlichen Afrika mehren sich die Berichte, dass Frauen, nachdem sie ihren aidskranken Mann bis zu dessen Tod aufopfernd gepflegt haben, aus dem Haus gejagt werden. Zu zahlreich sind auch Berichte, dass Frauen und Mütter nach der Diagnose HIV-positiv aus dem Haus geworfen werden. Vertrieben, ausgeschlossen und manchmal der Hexerei bezichtigt bleibt ihnen oft nur noch das Leben auf der Strasse.

Es waren die Partnerorganisationen von aidsfocus.ch, die die Problematik fehlender Eigentums- und Erbrechte im Kontext von HIV und AIDS in die Diskussion einbrachten und die Fachtagung zum Thema „AIDS and livelihoods. Securing property and inheritance rights“ anregten. CO-OPERAID hatte in Uganda und die Stiftung Terre des hommes in Burundi festgestellt, dass Kinder nach dem Tod der Eltern plötzlich nicht mehr da waren und später verwaist auf den Strassen der nahen Stadt gesichtet wurden. Andere Organisationen mussten erfahren, wie Frauen die antiretrovirale Behandlung abbrachen und aus Programmen verschwanden.

Dass die Ursache für das „Drop out“ und den Abbruch von HIV-Projekten mangelnde Erb- und Eigentumsrechte sein können, bedurfte näheres Hinsehen. Nach dem Tod des männlichen Familienoberhauptes hatten sich Verwandte stillschweigend Haus und Land der Familie angeeignet. Erb- und Eigentumsrechte von Frauen und Kindern werden in den Diskussionen rund um HIV und AIDS auf dem internationalen Parkett höchst selten angeschnitten. Eine löbliche Ausnahme bildet die Nahrungs- und Landwirtschaftorganisation der UNO (FAO), die sich seit Jahren für die Eigentums- und Erbrechte von Frauen und Kindern in Kontext von HIV und AIDS engagiert.

Das an der Fachtagung von aidsfocus.ch im April 2008 aufgeworfene und in diesem Bulletin vertiefte Thema illustriert in aller Deutlichkeit, dass die Problematik von HIV und AIDS weit über den Gesundheitssektor hinauswirkt. Umfassende, multisektorielle Strategien sind notwendig, welche die Zusammenarbeit aller Organisationen der internationalen Zusammenarbeit erfordern.

Helena Zweifel ist Geschäftsführerin von Medicus Mundi Schweiz und Koordinatorin von aidsfocus.ch
Kontakt: hzweifel@medicusmundi.ch