China: Paradies für Geschäfte, Hölle für Arbeiter

Von Chan Ka Wai / mission 21- evangelisches missionswerk basel

Es wird behauptet, eine Wirtschaftsreform würde in China politische Öffnung und bessere Achtung der Menschenrechte bewirken. Doch seit China 1979 angefangen hat, seine Türen zu öffnen, hat sich die Menschenrechtslage der Chinesen nicht gebessert, im Gegenteil. Dies zeigt sich nicht zuletzt in oft haarsträubenden Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken.

Nach einem Brandunfall in einer Färberei sterben im Juni 1994 93 Arbeiterinnen und Arbeiter an Vergiftung, weil die Leitung sie gezwungen hatte, einen Tag nach dem Feuer die nicht verbrannte Baumwolle herauszuholen. Im Dezember 1994 erleidet eine Arbeiterin in Zhongshan Lähmungen, weil sie in einer Elektronikfabrik übermässig lange giftigen Chemikalien ausgesetzt wurde. Im November 1996 wird eine Arbeiterin in Zhuhai gezwungen, im Hof der Fabrik, für die sie arbeitet, in der prallen Sonne zu knien mit dem Schild um den Hals: „Ich bin eine Diebin“.

Diese Fälle sind in China keine Ausnahme, insbesondere in Sonderwirtschaftszonen wie der Provinz Guangdong im Perlenflussdelta. Die meisten Bewohner des Deltagebietes kommen aus ländlichen Gegenden anderer Provinzen Von diesen Wanderarbeitern sind 90 Prozent Frauen zwischen 17 und 23 Jahren. Sie arbeiten mehrheitlich in den vier Industriebranchen Kleidung, Spielzeug, Schuhe und Elektronik.

Arbeit - um jeden Preis

Die Arbeitslosigkeit in China ist gewaltig. Man schätzt die Zahl der Arbeitslosen in ländlichen Gegenden auf 130 Mio. In Wuhan, einem Experimentiergebiet der Wirtschaftsreform, wurden über hundert Unternehmen geschlossen, die Hälfte davon staatliche Betriebe, und über 220’000 Arbeiter entlassen. Die hohe Arbeitslosigkeit schafft eine schlechte Ausgangsposition für die Arbeitnehmer in den Verhandlungen mit der Regierung. So sehen sich diejenigen, die eine Stelle haben, gezwungen, für wenig Geld eine sehr lange Arbeitszeit zu ertragen: Obwohl das chinesische Arbeitsgesetz einen Achtstundentag und eine Sechstagewoche vorschreibt, ist es nicht unüblich, sieben Tage pro Woche zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Die meisten Arbeiter haben nur einen bis zwei freie Tage im Monat. Untersuchungen der Akademie für Sozialwissenschaften in China haben gezeigt, dass 84 Prozent der Arbeiter im Deltagebiet weniger als 60 US$ pro Monat verdienen, bei einem durchschnittlichen Arbeitstag von 12,5 Stunden. Alle untersuchten Fabriken zahlten ihren Arbeitern weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. Sieben Fabriken liessen sie einen Monat auf ihren Lohn warten, eine in China sehr übliche Verfahrensweise.

Gesundheitsschädigende Arbeitsbedingungen

Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz ernsthafte Probleme in China. In Shenzhen stellte sich heraus, dass 1994 die Arbeiter in 60 Prozent der Fabriken durch Vergiftung oder mangelhafte Sicherheit gefährdet waren. In Futian erkrankten zehn Frauen an Leukämie, zwanzig an Blutarmut und Dutzende erlitten Fehlgeburten, weil sie Benzol, einem in den USA und Europa verbotenen giftigen Stoff, ausgesetzt wurden. Um Kosten zu sparen, bringen zahlreiche ausländische oder lokale Privatinvestoren Arbeitsplatz, Warenlager und Schlafsäle im gleichen Gebäude unter, was aus Sicherheitsgründen verboten ist. Wenn sich ein Feuer entfacht, haben die Arbeiter keinen Ausweg mehr, wie ein verheerender Brand in einer Spielzeugfabrik in Shenzhen im Jahr 1993 zeigte.

Die Arbeiter beklagen sich auch darüber, dass sie eingesperrt gehalten werden. Tagsüber werden sie von Sicherheitswächtern überwacht, wenn sie sich in die Kantine oder den Schlafsaal begeben. Eine Frau beschrieb die Lage so: „Wir sind effektiv in einer Haftanstalt. Wir sind Gefangene ohne Prozess.“ 1994 befahl eine koreanische Fabrik in Zhuhai allen Arbeitern einer Produktionsreihe zu knien, nur weil einige von ihnen in ihrer Mittagspause im Fabrikgebäude geschlafen hatten. Ein Arbeiter, der dagegen protestierte, wurde geschlagen. Als die Arbeiter dann einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen beschlossen, wurde eine Arbeiterin mit einem elektrischen Stab geschlagen.

Sexuelle Belästigungen sind ebenfalls üblich. Eine Untersuchung von 1995 zeigte, dass 70 Prozent der Arbeiterinnen in China über sexuelle Belästigung durch die Leitung oder Kollegen klagten. In einer taiwanesischen Fabrik musste sich z.B. eine Frau vor anderen Arbeitern ausziehen, weil man sie des Diebstahls verdächtigte.

Die Grenzen der offiziellen Gewerkschaft in China

Einzig die Allchinesische Gewerkschafts-Vereinigung (ACFTU) ist in China anerkannt, sie ist allerdings staatlich. Da lokale Behörden stark in der lokalen Geschäftswelt involviert sind, tendiert die Gewerkschaftsvereinigung dazu, ihre Partei statt diejenige der Arbeitnehmer zu ergreifen. In Zhuhai zum Beispiel kritisierte die ACFTU den Streik der Canon-Arbeiter und zwang diese, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Schlussendlich wurden die Streikanführer bestraft. In den letzten Jahren fanden zahlreiche Streiks und Auseinandersetzungen mit den Arbeitsbedingungen in ganz China statt. Die Arbeiter haben offensichtlich das Vertrauen in ACFTU verloren. Immer lautere Stimmen verlangen die Einsetzung von unabhängigen Gewerkschaften.

*Chan Ka Wai ist Co-Leiter des Hongkonger Christlichen Industriekomitees (CIC). Übersetzung aus dem Englischen: A.-M. Prévost, KEM („Auftrag“ Nr. 2, März 1997)