Chemische Keulen für schöne Bananen und satte Gewinne

Sterilität bei Plantagenarbeiter/-innen

Von Urs Sekinger

Zuerst waren es einige hundert, dann etwa dreitausend und heute wird von gegen einhunderttausend Bananenarbeiter/-innen in Zentralamerika und den Philippinen ausgegangen, die bei ihrer Arbeit durch den Kontakt mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel «Nemagon» steril geworden sind. Während die geschädigten Männer und Frauen gegen Bananen- und Chemiemultis gerichtlich klagen, geht der Chemieeinsatz zum Schaden von Menschen und Umwelt munter weiter.

Ein riesengrosses Schild heisst die Besucher/-innen auf der Del Monte-Finca «Filadelfia» an der Atlantikküste Costa Ricas willkommen: «In diesem Zentrum der Arbeit herrscht Arbeitsfrieden, gegenseitiger Respekt und Verständnis. Wir produzieren und exportieren mit Qualität, in Frieden und Harmonie». Distanziert freundlich ist der Empfang durch den Finca-Manager, der die Bananenproduktion von der Aufzucht der Pflanze aus dem Rhizom bis zu den exportbereiten Bananencontainern erläutert. Stolz zeigt er die wöchentlichen Computerausdrucke aus der Konzernzentrale in den USA, von der aus die gesamte Produktion gesteuert wird. Ein Gespräch mit Arbeiterinnen oder Arbeitern auf «Filadelfia» ist nicht möglich, da hört die Freundlichkeit auf. Sie seien zufrieden, meint der Manager, hätten sie hier doch Arbeit, einen firmeneigenen Laden, der auch Kredit gewähre, und ein zur Verfügung gestelltes Häuschen.

Nachhaltige Schäden für Mensch und Umwelt

Anders tönt es bei der Bananenarbeiter/-innengewerkschaft SITRAP oder bei der Selbsthilfeorganisation der Nemagon-Geschädigten ASOTRAMA in Limón. Weil die Arbeitslosigkeit so hoch sei und eine Arbeit auf einer Bananenplantage für viele Menschen die einzige Erwerbsmöglichkeit, seien Frauen und Männer gezwungen, die schlimmsten gesundheitlichen Risiken auf sich zu nehmen. Dazu gehört die Arbeit mit Agrochemikalien, die in immensen Mengen eingesetzt werden. Jugendliche ziehen junge Bananenpflanzen, die bereits mit Fungiziden, Herbiziden und Nematiziden behandelt sind. Neunzehn Monaten vergehen, bis die ersten Früchte geerntet werden können. In dieser Zeit werden ununterbrochen Chemikalien aus der Luft gesprüht und an den Pflanzen ausgeteilt. Alle, die in den Pflanzungen arbeiten, bekommen einiges davon ab. Auch die Umwelt: das bedeutendste Korallenriff vor der atlantischen Küste Costa Ricas stirbt ab, weil die Flüsse die Chemikalien ins Meer schwemmen. 20'000 Tonnen chemisch behandelte Plastiksäcke werden pro Jahr zur Beschleunigung der Reifung und Abwehr von Schädlingen den Fruchtstauden übergestülpt. 20'000 Tonnen Plastik, die später irgendwo in der Natur entsorgt werden. Der gesamte Zyklus der wohlschmeckenden Kulturpflanze «Banane» ist von Chemie begleitet.

Sterilität – schamhaft verschwiegen

DBCP (1,2-Dibrom-3-Chloropan) wurde Anfang der 50er-Jahre von Wissenschaftlern der Chemiefirmen Shell Oil Company und Dow Chemical Company unabhängig voneinander als Wirkstoff in Nematoziden entwickelt. Auf den Bananenplantagen wurde es in Fumazon und Nemagon gegen Fadenwürmer eingesetzt. DBCP führt bei Lebewesen – und davor warnten die beiden Entdecker der Substanz schon 1950 – zu Sterilität, Geburtsschäden und Krebs. Es gehört zu acht in den Bananenplantagen verwendeten Schädlingsbekämpfungsmitteln, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als extrem toxisch eingestuft werden.

Anfangs der achtziger Jahren begann sich in der Gegend von Limón in Costa Rica langsam ein Schleier zu lüften. Männer standen – trotz Spott und Ächtung in ihrer machistischen Gesellschaft – öffentlich zu ihrer Sterilität. Allmählich konnte rekonstruiert werden, dass sie alle auf Bananenplantagen gearbeitet hatten, und schliesslich wurde klar, dass Nemagon die Ursache ihrer «Krankheit» war. Dank dem Zusammenschluss in der Selbsthilfeorganisation ASOTRAMA konnte ein aus Scham verschwiegenes Problem öffentlich gemacht werden.

Nemagon - eine unendliche Unrechtsgeschichte

1977 hatte die US-amerikanische Umweltschutzbehörde die Verwendung von DBCP verboten. Trotzdem wurde es von den US-amerikanischen Bananenfirmen (Standard Fruit, Dole, DelMonte) auf ihren Plantagen in Zentralamerika und auf den Philippinen weiter eingesetzt. 1986 erhielten 300 Arbeiter, die bei Standard Fruit gearbeitet hatten, für ihre Sterilität eine Abfindung von je 300 US-Dollar - ungefähr einen Monatslohn. Mehr lag nicht drin, weil im Arbeitsgesetz von Costa Rica Sterilität nicht ausdrücklich als körperliche Schädigung aufgeführt ist. Doch die Geschädigten gaben nicht auf. In Texas reichten sie im Namen von inzwischen 981 Betroffenen Klage gegen Dow-Chemical ein. 1992 mussten sie einen Vergleich akzeptieren, bei dem sie auch noch von ihren US-Anwälten über den Tisch gezogen wurden. Den einzelnen Geschädigten verblieben lediglich 7'460 US-$. Zum Vergleich: Dow-Chemical musste Arbeitern ihrer Fabrik in den USA, die ebenfalls durch DBCP zu Schaden gekommen waren, durchschnittlich 1 Mio. $ Entschädigung zahlen.

Doch die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Inzwischen sind in Texas 12'630 Klagen aus Zentralamerika und 7'700 aus den Philippinen hängig. Die Klagenden verlangen 50'000 $ Entschädigung pro Person. Dow-Chemical erklärt sich weiter als nicht schuldig. Warnungen und Sicherheitsvorschriften seien auf allen Packungen angebracht. Für einen aussergerichtlichen Vergleich hat der Konzern dennoch 20 Mio. $ angeboten. Eine Summe, die gerade mal Gerichts- und Anwaltskosten decken dürfte.

Wie hiess es auf dem Empfangsschild von «Filadefia»: "In diesem Zentrum der Arbeit herrscht Arbeitsfrieden, gegenseitiger Respekt und Verständnis..."

*Urs Sekinger ist Koordinator beim Solidaritätsfonds für soziale Befreiungskämpfe in der Dritten Welt (Solifonds), der die Organisationen SITRAP und ASOTRAMA verschiedentlich unterstützt hat