Innovative Ansätze in Zusammenarbeit mit aidsbetroffenen Kindern und Jugendlichen

Cirque du Soleil in Südafrika

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz

Im südlichen Afrika werden mit dem Social Circus und der lösungsorientierten Unterstützung und Beratung neue und wirksame Ansätze in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Kontext von Armut, Gewalt, HIV und Aids erprobt.

Etwas 20 Kinder und Jugendliche sind an diesem kühlen Nachmittag vor dem Schulhaus in KwaZulu-Natal unweit der südafrikanischen Hafenstadt Durban zusammengekommen, um gemeinsam Zirkus zu machen. Sie alle kommen aus zerrütteten Familien, viele von ihnen haben ihre Eltern durch Aids und Gewalt verloren und leben bei Verwandten oder Pflegeeltern. In einem kleinen Theaterstück, das sie selbst gemeinsam entwickelt haben, erzählen sie vom Alltag, von Armut, Gewalt, Krankheit, Hunger und anderen Entbehrungen. Nach dem kurzem Einturnen zeigen sie ihre Kunststücke, jonglieren mit Keulen, bauen einen menschlichen Turm oder spielen den Clown.

Aus Aidswaisen werden Zirkuskinder

Sanele, die Koordinatorin und Trainerin, ist durch einen Trainer des Cirque du Soleil in der Methode des Social Circus ausgebildet worden. Sie erzählt, wie viele der Kinder anfänglich sehr verschlossen waren und sich erst im Laufe der Zeit öffneten und sich ihr anvertrauten. Beim Social Circus geht es nicht allein um Zirkuskünste, wichtig ist auch die therapeutische Dimension zur Stärkung des Selbstbewusstseins und des Gefühls, dazu zu gehören und Teil zu sein. Dank dem regelmässigen Training, der Teamarbeit und den persönlichen Gesprächen entfalten die Kinder langsam ihr Potential, entdecken ihre Talente und ihre Lebensfreude. Aus den „armen Waisenkindern“ sind stolze „Zirkuskinder“ geworden, eine Namensänderung und neue Identität, die die Kinder auch in den Alltag hineintragen.

Der Social Circus ist eines der Projekte von Sinani, einer Partnerorganisation von terre des hommes schweiz, welche sich in der Kwa Zulu Natal-Region in Südafrika für und mit Überlebenden von Gewalt engagiert. Gewalt ist in der Provinz KwaZulu-Natal sehr präsent, eine Folge der politischen Gewalt während der Apartheid, aber auch der Armut, Hoffnungslosigkeit und Geringschätzung der Frauen. KwaZulu-Natal ist mit einer Prävalenzrate bei schwangeren Frauen von 37.7% eine von HIV und Aids am stärksten betroffene Region Südafrikas (28%). Die Lebenserwartung ist in Südafrika seit 1990 von 62 Jahren 50 Jahre gesunken, in KwaZulu-Natal gar auf 47 Jahre.

Youth2Youth

Die Auswirkungen von HIV und Aids, von Gewalt und Armut haben im südlichen Afrika das soziale Gefüge tiefgreifend verändert und drohen es zu zerstören. Terre des hommes schweiz beobachtete, dass Kinder und Jugendliche im südlichen Afrika oftmals orientierungslos sind und nicht nur mit der eigenen Situation zurechtkommen müssen, sondern auch zunehmend die Verantwortung von Erwachsenen übernehmen. Aufgrund dieser Beobachtungen und Erfahrungen erarbeitete Irene Bush, Expertin für psychosoziale Unterstützung bei terre des hommes schweiz, das Ausbildungsprogramm „Youth2Youth“. Dies geschah im Austausch und enger Zusammenarbeit mit den Jugendlichen vor Ort und der Kinderpsychiaterin und Expertin des lösungsorientierten Ansatzes Theres Steiner. Denn, so Irene Bush: „Oftmals sind die jungen Menschen nicht auf diese Aufgaben vorbereitet. Mit dem lösungsorientierten Ansatz werden ihre Fähigkeiten gefördert und ihre Stellung innerhalb der Gemeinden gestärkt.“ In drei einwöchigen Modulen lernen die Jugendlichen, ihr Engagement und ihre Arbeit wirkungsvoller und nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehört, anderen Jugendlichen zu helfen, ein Dach über dem Kopf zu finden, sicherzustellen, dass genügend Nahrung da ist oder mit Gleichaltrigen über Aids-Prävention zu reden.

Der lösungsorientierte Ansatz ist ein von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg entwickeltes Coaching-Modell. Shazer und Berg gehen davon aus, dass jeder Mensch Stärken und Fähigkeiten hat, auf denen bei der Suche nach Lösungen aufgebaut werden kann. Mehr noch als eine Methode ist der lösungsorientierte Ansatz eine Grundhaltung, die jeden Menschen als Expertin und Experte des eigenen Lebens anerkennt. Die Rolle des Beratenden ist es, die KlientInnen darin zu unterstützen, die Ziele zu definieren, die eigenen Ressourcen und Fähigkeit zu erkennen und darauf aufzubauen.

„Stell dir vor…“

Auch Jugendliche von Sinani haben an der Ausbildung teilgenommen und anschliessend ihr neuerworbenes Wissen innerhalb der Organisation weitergegeben. Die Sozialarbeiterin Nizipho erzählt mir von einer schwierigen Beratung mit einer jungen Frau, die ohne Arbeit, ohne Geld und vom Freund verlassen im eigenen Elend zu versinken drohte. Inspiriert vom Workshop zum lösungsorientierten Ansatz beschloss Nizipho, mit einer der Techniken zu experimentieren: „Stell Dir vor wie es wäre, wenn die Probleme nicht mehr da wären. Wie wirst du wissen, dass die Probleme gelöst sind?“ Sie würde glücklich sein, meinte die junge Frau, sie würde studieren und eine Arbeit finden, und sie lächelte erstmals. „Was ist der erste kleine Schritt, den du jetzt tun könntest?“, war Niziphos nächste Frage. Die junge Frau hatte ein paar Lösungsvorschläge: Ihre Tante um Hilfe bitten, Teilzeit arbeiten und studieren. Schritt für Schritte fand die junge Frau ihren Weg.

Auch Noni, eine andere Mitarbeiterin von Sinani, will den lösungsorientierten Ansatz in der Arbeit mit traumatisierten Kindern umsetzen. Sie will künftig den Fokus nicht mehr so sehr auf die Verarbeitung des Verlusts der Eltern setzen, sondern auf die Ziele, die die Kinder selbst formulieren, auf ihre Wünsche, Stärken und Fähigkeiten.

Die Impulse und Erfahrungen, die ich am Workshop von terre des hommes schweiz zu lösungsorientierten Ansätzen, in Gesprächen mit Jugendlichen aus vier afrikanischen Ländern und bei Feldbesuchen gewann, werden auch in die Überarbeitung des Toolkits von aidsfocus.ch und terre des hommes schweiz zu Memory Work einfliessen.