Kultur und Kondome in Tibet

Mit Humor die Grenzen sprengen

Von Monika Christofori

Mit dem Mitmachparcours zu Aids, Liebe und Sexualität versucht das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in Tibet die breite Bevölkerung erreichen. Der Parcours informiert die BesucherInnen über sexuell übertragbare Krankheiten und Methoden der Familienplanung. Dazu gehört auch eine praktische Anleitung zur Kondombenutzung und ein Frage- und Antwort-Spiel zu Liebe und Beziehungen.

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Gespannt beobachtet der Schafhirte Tenzing aus Gyang Gar was sich am Dorfrand abspielt: auf einer kleinen Ebene stehen sechs bunte Zelte. Ein Jahrmarkt? Ein Fest? Händler aus dem benachbarten Nepal? Neugierig geworden, will er sich die Zelte von innen ansehen und entdeckt dabei etwas ganz und gar Unerwartetes: In der Mitte des Zeltes steht ein Gruppe von Frauen aus dem Dorf, die mit sichtlicher Faszination zuschauen, wie eine von ihnen ein Kondom über einen hölzernen Phallus rollt. Einige kichern verlegen, als Tenzing den Kopf ins Zelt steckt. Doch schon wird er gefragt, ob er auch mitmachen wolle? Im Nachbarzelt gebe es eine Männergruppe.

Schon seit 2002 setzt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in Tibet auf HIV-Prävention, obwohl zu dieser Zeit gemäss den lokalen Gesundheitsbehörden „HIV in der Präfektur Shigatse und Tibet kein Problem“ darstellte. Eine der Zielgruppen sind seit Beginn der SRK-Intervention die Sexarbeiterinnen und deren Klienten in Shigatse und sieben weiteren Städten. Das Projektteam besucht Bars und sogenannte Friseursalons, dort klärt es die jungen Mädchen und deren Klienten über HIV/Aids auf. Zudem hat das SRK als erste Organisation in Tibet ein „Youth Peer Education Programme“ in Berufsschulen und höheren Mittelschulen in Shigatse Stadt lanciert, das sich an die jungen Erwachsenen richtet. Zu Beginn des Aufklärungsprogrammes glaubten noch 49% der Studenten, es gebe keine HIV-Fälle in Tibet und „unsafe sex“ stelle deshalb auch kein Risiko dar. Nach Abschluss des Trainings in 50 Klassen waren nur noch 7% dieser Meinung. (Jahresbericht 2008)

HIV/Aids in Tibet

Obwohl China mit 0.1% als „low-prevalence country“ gilt, gibt es „high-prevalence“ Nischen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen wie Drogenabhängigen, Migranten, homosexuellen Männern und Sexarbeiterinnen. Das Gesetz schreibt vor, dass Individuen vor einem Test ihre volle Identität angeben müssen. Aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung melden sich viele nicht. (HIV infection in Giangdong Province, 2009) Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer hoch ist.

Lokale Statistiken und Informationen der tibetischen Gesundheitsbehörden erhält das SRK durch das Tibetische Rote Kreuz. Sie besagen, dass von 1993 bis 2008 in Tibet 70 HIV-positive Personen registriert wurden. Allein im Jahr 2008 wurden 25 Neuinfektionen gemeldet, davon erstmals eine Mutter-zu-Kind-Übertragung. Der Anteil an Geschlechtskrankheiten in Stadt und Land wird als hoch eingeschätzt. Die noch oft praktizierte Polyandrie auf dem Land erhöht das Übertragungsrisiko.

Die Arbeitsmigration von Landbewohnern in die Stadt ist hoch. Auch steigt der Anteil an Han-Chinesen in Tibet. Weit entfernt von der Familie suchen diese Männer oftmals Barmädchen und Sexarbeiterinnen auf. Der zunehmende Tourismus, bedingt durch den Ausbau der Zugverbindung von Lhasa ins Binnenland Chinas, erhöht die Nachfrage nach Prostituierten weiter. Immer mehr junge Mädchen ziehen in die Städte, um das Einkommen für ihre Familien auf dem Land zu sichern.

Für diese Zielgruppe führt das SRK Aufklärungskampagnen durch. Dabei hat sich gezeigt, dass die tibetischen Mädchen viel schlechter informiert sind als ihre chinesischen Kolleginnen. Beim jährlich durchgeführten „Knowledge, Attitude and Practise“ (KAP) Survey des SRK wurde 2008 bei 308 Sexarbeiterinnen in Shigatse Stadt festgestellt, dass 82 % der Tibeterinnen zwar schon von HIV gehört hatten, aber nur 12 % Kondome benutzten. Dagegen hatten 95 % der chinesischen Kolleginnen schon davon gehört und 92 % verwendeten Kondome. (Jahresbericht 2008) Durch die hohe Fluktuation ist es nicht möglich die Verhaltensänderung der einzelnen jungen Frauen festzustellen. Die Ergebnisse der Vorjahre zeigen jedoch, dass immer mehr chinesische und tibetische Sexarbeiterinnen über HIV Bescheid wissen. Kondome, die kostenlos beim Eingangstor des SRK-Lokalbüro abgegeben werden, sind beliebt. 2008 wurden 27‘500 Kondome dort bezogen.

Der HIV Mitmachparcours

Doch auch ausserhalb der bekannten Risikogruppen nimmt die Zahl der Infektionen zu. Um die breite Bevölkerung besser zu erreichen, hat das SRK das von der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) entwickelte Konzept des Mitmachparcours zu Aids, Liebe und Sexualität übernommen. (www.gib-aids-keine-chance.de/aktionen/mp-aids/index.php) Dieser Parcours wurde für die HIV-Aufklärung von Jugendlichen an Schulen konzipiert, um sie spielerisch an diese Themen heranzuführen. Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) hat den Parcours zur HIV-Aufklärung für einige Länder Afrikas und Zentralasien adaptiert. Schliesslich hat das SRK das Konzept in den tibetischen Kontext übertragen.

Der Parcours besteht aus verschiedenen „Stationen“, wo die Besucher/innen über die Übertragungswege des HI-Virus, sexuell übertragbare Krankheiten und Methoden der Familienplanung informiert werden, eine praktische Anleitung zur Kondombenutzung erhalten und schliesslich an einem Frage- und Antwort-Spiel zu Liebe und Beziehungen mitmachen können. Die Stationen lassen sich nach Bedarf erweitern. Jede wird von einer Person moderiert, die durch Fragen und Demonstrationen die Besucher zum Mitmachen animiert.

Die Entwicklung des Parcours für Tibet erfolgte in intensiver Zusammenarbeit mit dem lokalen Rotkreuz-Team und den staatlichen Gesundheitsbehörden. Um ihn möglichst ansprechend zu gestalten, wurden in typisch tibetischem Design Zelte hergestellt, die die einzelnen Stationen beherbergen. Die farbigen Zelte, die Raum für 10 bis 15 Personen bieten, heben sich gut von der kargen Landschaft ab und sind allein schon optisch eine Attraktion.

In jedem Zelt wird ein Lernziel verfolgt, das durch ein passendes Logo und einem Text am Zelteingang beschrieben wird. Der aus dem Tibetischen übersetzte ‚Beschützer im Schneeland‘ und seine ‚Familie‘ führen die Besucher anschaulich in jedes Thema ein.

Die Lehrmethoden sind kulturell angepasst. So wird zum Beispiel in einem Lernspiel der Gebrauch von Kondomen mit dem Erklimmen des Heiligen Berges Chomolungma (Mount Everest) verglichen.

Frauen und Männer separat

Ob Stadt- oder Landleute, Jung oder Alt: der Mitmachparcours ist bei allen beliebt. Selbst religiöse Führer, traditionelle Heiler und Mitarbeiter der staatlichen Gesundheitsposten beteiligen sich freiwillig daran. Weil ein Lernzyklus 120 Minuten dauert, können pro Tag höchstens drei Parcours durchgeführt werden. In grossen Dörfern wählt deshalb jede Familie zwei Mitglieder (einen Mann und eine Frau) zwischen 16 und 45 Jahren zur Teilnahme aus. Es wird darauf geachtet, dass nahe Verwandte nicht in derselben Gruppe eingeteilt sind, auch Männer und Frauen durchlaufen die Posten separat. Zuletzt erhalten alle Teilnehmer/innen eine Schachtel Kondome und eine Broschüre zur HIV-Prävention mit der Bitte, das Gelernte an ihre Familienmitglieder weiterzugeben.

Es ist erstaunlich wie offen sich viele Teilnehmer in der Gruppe äussern. Der Lernerfolg ist gross: während nur 15% der Teilnehmenden vorher je von HIV gehört haben, können nach dem Parcours alle die Krankheit beschreiben. Ob dieses Wissen nachhaltig ist und zu verändertem Verhalten führt, wird allerdings erst ein KAP Survey in zwei Jahren zeigen.

Positives Echo

Die Pilotphase, bei welcher der Mitmachparcours nicht nur auf dem Land, sondern auch bei Regierungsmitarbeitern, Polizei, Feuerwehr, Militär und Schülern in der Stadt Shigatse zur Anwendung kam, wurde von allen Beteiligten sehr positiv bewertet. Die staatlichen Gesundheitsbehörden wünschen eine Ausweitung des Programmes.

Das SRK versucht nicht nur im Mitmachparcours, sondern auch bei den Barbesuchen und der Peer Education die kulturellen Gegebenheiten in die HIV-Aufklärung zu integrieren. Dabei ist es immer wieder spannend zu sehen, wie kulturelle Tabus spielerisch thematisiert werden können. Mit Humor und einer lockeren Atmosphäre lassen sich Grenzen sprengen.

Auch Tenzing hat mit sichtlichem Spass etwas Neues gelernt. „Mir war nicht klar, wie wichtig ein Kondom ist. Das probiere ich beim nächsten Mal aus“, sagt der junge Mann.

*Monika Christofori-Khadka ist Projektverantwortliche für Tibet beim Schweizerischen Roten Kreuz, Internationale Zusammenarbeit. Kontakt: monika.christofori-khadka@redcross.ch

Literatur


  • HIV infection in Giangdong Province, China from 1997-2007; Morbidity and mortality weekly report, Centre for Disease Control, Atlanta (USA); 24 April 2009; Vol. 58, No.15; page 396-406