Editorial

Der Mensch als Mittel. Punkt?

Von Helena Zweifel / Medicus Mundi Schweiz

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Manager, der ein Schild auf seinem Schreibtisch aufgestellt hat mit den Worten “Der Mensch im Mittelpunkt”. So jedenfalls ist auf der dem Besucher oder der Angestellten zugewandten Seite zu lesen. Auf der Seite, die er selbst ständig sieht, steht “Der Mensch als Mittel. Punkt.”

Diese Geschichte mag erfunden sein, so krass würde sich heute kein Manager oder keine Projektverantwortliche ausdrücken. Doch weist sie auf die Zwiespältigkeit von Organisationen im Umgang mit Fragen der Personalentwicklung hin. Einerseits würden alle den Satz, dass qualifizierte und engagierte MitarbeiterInnen die wichtigste Ressource einer wirksamen Gesundheitszusammenarbeit sind, ohne Zögern unterschreiben. Andererseits werden Mitarbeitende als Mittel gesehen und genutzt, um (Unternehmens-) Ziele zu erreichen, und entlassen, wenn man sie nicht mehr will. Investitionen in die Personalentwicklung und das Wohlbefinden der Menschen im Betrieb sind in der Regel eher bescheiden.

Bei der Umsetzung erfolgversprechender Entwicklungsprojekte mangelt es oft weniger am Geld als an den richtigen Leuten vor Ort. Mitgliedorganisationen von MMS sind besorgt, weil es ihnen bei der wirksamen Umsetzung von geplanten Projekten an qualifizierten und verantwortungsbewussten MitarbeiterInnen mangelt. Sie klagen darüber, dass qualifizierte MitarbeiterInnen, einmal eingearbeitet, sich von den saftigen Weiden besser zahlender Organisationen im Lande selbst oder in Übersee verführen lassen. Einige Länder verfügen über eine grosse Zahl an bestens ausgebildeten Fachärzten und Krankenschwestern, die aber nicht bereit oder fähig sind, im Rahmen von Dezentralisierungsbestrebungen neue, eigenständige Rollen zu übernehmen. Über spezifische Fähigkeiten hinaus werden zunehmend soziale und methodische Kompetenzen gefordert, gerade wenn es darum geht, eigenständige und nachhaltige Strukturen und Institutionen aufzubauen.

Die Sorge um Human Resource Development (HRD) bei Partnerorganisationen ist erst vor kurzem prominent auf der internationalen Agenda erschienen. Gerade bei den Bemühungen und Strategien zur Bekämpfung von HIV/Aids und zur Umsetzung der globalen Entwicklungsziele ist der Mangel an adäquat ausgebildeten MitarbeiterInnen und schlagkräftigen Institutionen der grosse Engpass. Dies ist einer der Gründe, weshalb der neu gewählte Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Dr. Lee Jong-wook, in seiner Antrittsrede im Juli 2003 den Mangel an qualifiziertem Gesundheitspersonal als eines der Kernprobleme bezeichnet. "Our cooperation with countries on this issue must intensify", fordert er. Um der Krise zu begegnen, verspricht er, in enger Zusammenarbeit mit den Ländern den Personalbestand im Gesundheitswesen auszubauen und Initiativen und innovative Methoden der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitspersonal zu entwickeln.

Auch bei uns hat Personalentwicklung einen relativ geringen Stellenwert. Was unternehmen Schweizer Organisationen und ihre Partnerorganisationen, um qualifizierte und engagierte lokale MitarbeiterInnen zu gewinnen, zu fördern und so behalten? Was tun sie, um ihr Personal zu pflegen? Wie kann mit materiellen Anreizen das Engagement von Fachpersonal gestärkt werden? Wie kann das Gefühl der Mitverantwortung genährt werden? Empowerment der MitarbeiterInnen?

Mit dem vorliegenden Bulletin will Medicus Mundi Schweiz die Diskussion um die Personalentwicklung bei Partnerorganisationen anregen und Fragen aufwerfen. Das Bulletin enthält eine erste Bestandesaufnahme mit den Stärken und Schwächen der jetzigen Situation. Zudem werden Ansätze skizziert, wie die Probleme angegangen und wie Initiativen zur Personalentwicklung gestaltet werden können.

Helena Zweifel, Mitglied der Geschäftsleitung von
Medicus Mundi Schweiz. Netzwerk Gesundheit für alle