“Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben”

Von Felix Küchler

Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben: Dies trifft auch für viele einheimische Ärzte in Afrika zu. Die Löhne sind oft knapp genügend. Das Materielle ist aber nur die eine Seite. Wissenschaftliche Isolation, Monotonie der Arbeit und fehlende Weiterbildung, all dies macht das Leben im Buschspital schwer.

Das Resultat am Beispiel eines westafrikanischen Landes: Es gibt mehr beninische ÄrztInnen im Raume Paris als im Benin selbst. In ländlichen, abgelegenen Distriktspitälern sind die Arztposten oft verwaist, sei es, weil der Stelleninhaber privaten Angelegenheiten in der Stadt nachgeht, oder weil der Posten schlicht nicht besetzt werden kann.

Gibt es eine Lösung des Problems? Ich meine ja. Mehrere Aspekte müssen dabei berücksichtigt werden:

Anständiger Lohn: Der Lohn soll es möglich machen, bescheiden aber standesgemäss zu leben. Oft sind die staatlichen Löhne derart tief, dass sich die Beamten "Überlebensstrategien" zulegen müssen. Dieser Euphemismus steht für die Entgegennahme von Schmiergeldern, für das Entwenden von Medikamenten und Instrumenten und für etliches mehr. Expertenlöhne der bilateralen oder multilateralen EZA sind auch nicht der Massstab. Eine Faustregel: Doppelter staatlicher Lohn, da in der NGO doppelt so viel gearbeitet und Diebstahl mit Verwarnung bis Entlassung geahndet wird.

Geregelte Arbeitszeit: Es darf nicht mit dem Arbeitseinsatz von ledigen MissionarInnen verglichen werden. Einheimische ÄrztInnen haben Verpflichtungen ihrer Familie und der weiteren Gesellschaft gegenüber. Die kurativen Ambitionen eines Spitals müssen beschränkt werden zu Gunsten der Arbeitshygiene und des Wohlbefindens des Personals. Geregelte Nacht- und Wochenenddienste und mehrere Wochen Ferien pro Jahr sollten auch im Süden eine Selbstverständlichkeit sein.

Wohnung, Wasser, Elektrizität, Telefon: Die Infrastruktur für die Familie muss bereitstehen. Ein anständiges Haus, das auch in der Hitzeperiode einigermassen kühl und in der Regenzeit trocken bleibt. Wasserturm und Stromgenerator erlauben es, Ausfälle der allgemeinen Versorgung zu überbrücken. Zugang - natürlich gegen Nutzungsgebühr - zu Telefon, Email und Internet lindern die Isolation.

Transport- und Schulungsmöglichkeiten: Oft ist es nicht im Interesse eines Mitarbeiters mit kargem Budget, ein eigenes Vehikel anzuschaffen. Das Bedürfnis nach privaten Verkehrsmitteln für Einkäufe, Reisen oder Verwandtenbesuche besteht dennoch und ist legitim. Spitaleigene Fahrzeuge, die reserviert und gemietet werden können, tragen zur Lösung des Problems bei. Dass die Kinder eine gute Schule besuchen können, ist ein weiterer berechtigter Anspruch. Falls das offizielle System nicht befriedigt, kann gemeinsam eine kleine Privatschule betrieben oder ein Tutor für das Einstudieren der Fernkurse angestellt werden.

Weiterbildung und Curriculum-Entwicklung: Pionierpersönlichkeiten, die das Leben für “ihr” Buschspital hergeben, gibt es auch heute noch. Diesen Lebensentwurf als Massstab für ärztliche MitarbeiterInnen zu nehmen, ist verfehlt. Resigniert hat mir ein afrikanischer Arzt kürzlich anvertraut, er habe 13 Jahre lang im gleichen Spital gearbeitet und sein Horizont reiche kaum über die Wände des weiss gekachelten Operationssaales hinaus.

Gerade ein Netzwerk wie Medicus Mundi würde es ermöglichen, dass jüngere KollegInnen im Sinne der Assistenz- und Oberarztjahre verschiedenartige Erfahrungen in mehreren Ländern machen können. Dazu gehören auch formelle Ausbildungszeiten wie Diplom- oder Masterkurse.

Es gäbe noch einige Punkte mehr, die den “brain drain" vom Süden nach Norden und vermehrt auch von ärmeren in reichere Länder des Südens bremsen könnten. Im Zentrum sollte immer der Mensch sein, mit seiner sozialen Verwurzelung in seinem Heimatland.

*Felix Küchler, Dr. med., MSc Health Promotion, ist Vorstandsmitglied von Medicus Mundi Schweiz. Er lebte zwischen 1979 und 1993 in ländlichen Gegenden Westafrikas, wo er für NGOs und bilaterale Organisationen im Bereich von Basisgesundheitsprogrammen, Information Education Communication und Kostenbeteiligungsmodellen tätig war.