Irgend einmal wurde ich dann nach meinem Beruf gefragt...

Als Frau und Hebamme in Papua-Neuguinea

Von Marlis Koch / INTERTEAM

Am Anfang stand die Anfrage der Bevölkerung des Dorfes Ailuluai in der Milne Bay Province in Papua-Neuguinea, ob Interteam beim Start einer Berufsschule mithelfen könne. Während sich Marlis Koch mit ihrem Ehemann daran machte, zusammen mit den Leuten die Grundvoraussetzungen zum Start der Schule zu schaffen, lernte sie nach und nach die Bedürfnisse der Dorffrauen kennen. Aus gemeinsamer Arbeit, Begegnungen, Annäherungen entstand schliesslich die Grundlage für ihre Tätigkeit als Hebamme im Dorf.

Der Anfang in Ailuluai, im Dorf in dem wir die drei Jahre gelebt haben, war eine Mischung von Neugier, Faszination und Ungewissheit. Vieles sollte getan werden, viele Vorurteile mussten abgebaut werden. Die Fläche, auf welcher die Schule entstehen sollte musste zuerst gerodet werden. Langsam entstanden die Schulgebäude, alles aus Buschmaterialen, von Hand erstellt. Die Arbeit beim Aufbau der Schule brachte traditionell Frauen- und Männerarbeit mit sich. Mein Ehemann und ich waren im Dorf nicht nur Organisatoren des Projekts, wir legten selber Hand an - die Voraussetzung für unsere Akzeptanz im Dorf. So hiess es, mit den Frauen das Buschmesser zu schwingen, um die Fläche des zukünftigen Schulareals von wuchernden Schlingpflanzen und Gräsern frei zu halten. In diesen körperlichen Arbeiten lernten mich die Frauen kennen, und für mich rückte ihre Tradition immer näher.

Vom Buschmesser zur Nähmaschine

Es war für mich schlicht unmöglich, gleich mit einer Hebammentätigkeit anzufangen, ohne eine Basis in der Tradition der Frauen gefunden und ihre Bedürfnisse kennengelernt zu haben. Im Laufe der Zeit meldeten die Dorffrauen denn auch ihre Wünsche an: Sie waren interessiert an Näh- und Schnittmusterkursen. Und so organisierten wir zunächst alle abkömmlichen Nähmaschinen, welch im Küstenstreifen aufzutreiben waren. Einige waren in einem sehr schlechten Zustand, da das feuchte Klima alles bei unsachgemässer Pflege verrosten liess. So lebte ich mich erstmals als Nähmaschinenmechaniker ein und reparierte einige der Handkurbelmaschinen.

Nun konnte gestartet werden. Draussen unter unserem Meetingplace wurden Nähinstruktionen vermittelt. In einer späteren Phase, als schon ein Schulhaus gebaut war, folgte der Schnittmusterkurs. Mit sehr einfachen Mitteln (Zeitungspapier) lernten die Frauen die Schnittmuster für ihre Jupes, Blusen und Shorts selber zu zeichnen. In dieser nahen Zusammenarbeit mit den Dorffrauen stellte sich nach einiger Zeit die Frage nach meinem ursprünglichen Beruf. Sie wünschten sich eine Schwangerschaftskontrollstelle im Dorf, mit Familienplanung und Geburtenbetreuung und hofften auf meine Hilfe. Dass mir das Vertrauen mir gaben, freute mich sehr.

...und vom Schnittmusterkurs zur Schwangerschaftskontrolle

Meistens gebaren die Frauen mit ihren Helferinnen zu Hause und gingen nicht ins Spital. Das nächste Spital war mit dem Speedboot eine Stunde entfernt, es gab keine Strassen, nur Fusswege, welche durch Flüsse führten. Der Marsch dauerte sechs bis acht Stunden. Im Spital konnten die Frauen auch nicht Ihre traditionellen Geburtsmethoden durchführen, sie mussten liegen, was ihnen sehr missfiel. Darum wollten sie, wenn es immer möglich war, im Dorf bleiben. Dies bildete die Grundlage für meine Tätigkeit: Nach einem Jahr in Papua New Guinea konnte ich in Zusammenarbeit mit dem nächsten Spital eine Schwangerschaftskontrollstelle im Dorf errichten, mit dem Ziel, Risikogruppen frühzeitig in das nächste Spital zubringen, alle anderen im Dorf zu betreuen. Die Familienplanung war sehr gefragt, zum Erstaunen alle Spitäler und den Behörden. Der grosse Vorteil den ich hatte, war, dass ich im Dorf wohnte, dass mich die Frauen immer besser kannten und ich mich mit ihren Traditionen mehr und mehr vertraut machen konnte. Und so wuchs auch ihr Vertrauen.

Hebammenarbeit

Als Hebamme hatte ich das Glück, den Frauen und Ihre Familien sehr nahe zu sein, da ich für die Geburten in ihre Häuser gerufen wurde. Eine weitere Tradition ist es, dass die Frauen nach der Geburt während ca. zehn Tagen in Quarantäne verbrachten. Sie lebten mit ihrem Neugeborenen in einem Häuschen ausserhalb des Wohnhauses, wo sie ihr Essen separat kochten. Drinnen brannte trotz tropischer Wärme ein rauchendes Feuer zur Reinigung des Hauses. Früher war es in vielen Teilen von Papua-Neuguinea auch üblich, dass die Frauen während der Menstruation abgesondert wurden, eine Vorstellung, die den meisten von uns wohl fremd ist. Doch wäre es wirklich so furchtbar? Täte uns die Ruhe und Abgeschiedenheit nicht manchmal gut? Wir würden sicher nie mehr den Spruch hören müssen: "Was ist los, hast du die Mens?"

*Marlis Koch arbeitete mit ihrem Ehemann von 1992 bis 1995 für Interteam in Papua-Neuguinea. Interteam ist eine ökumenische Organisation der personellen Entwicklungszusammenarbeit. Interteam vermittelt und begleitet Fachleute in Einsätze nach Lateinamerika, Afrika und in den Südpazifik. In fünf Schwerpunktländern geben rund 100 Mitarbeitende ihre Berufskenntnisse weiter. Ziel ist die Ausbildung und Animation in den Berufsbereichen Handwerk, Land- und Forstwirtschaft/Ökologie, Pädagogik, Gesundheit und Friedensarbeit. Voraussetzungen für einen Einsatz sind die Bereitschaft zu einer dreijährigen Verpflichtung auf Basis einer Lebenskostenentschädigung und eine abgeschlossene Berufsausbildung mit Berufspraxis. Die Finanzierung von Interteam erfolgt durch den Bund, das Fastenopfer und Spenden. Interteam ist Zewo-anerkannt. Kontakt: Interteam, Untergeissenstein 10/12, 6000 Luzern 12, PC-Konto 60-22054-2, www.interteam.ch, interteam@bluewin.ch

Traditionelle Geburt in Papua-Neuguinea:
Wie Steine lebendig werden...

Langsam beginnt es zu dunkeln, meine Augen erkennen schon fast nichts mehr. Ein schummriges Kerosinlicht wird angezündet. Unter mir grunzen die Schweine, die vom Geruch des Blutes angelockt sind...

Ich befinde mich im Haus einer Gebärenden, welche mich rufen liess, weil es seit Stunden nicht vorwärts ging. Auf dem Weg dort hin, der meistens einen kürzeren oder längeren Fussmarsch entlang der Küste bedeutet, hatte ich Zeit, einiges an Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen. Was werde ich antreffen, habe ich auch alles dabei, was erwarten die Leute von mir? Der erste Untersuch zeigt mir, dass die Fruchtblase geöffnet werden muss, damit es vorwärts geht. Der werdenden Mutter geht es den Umständen entsprechend gut. Ihre Mutter und Grossmutter sind im Raum, das ist die normale Besetzung einer Geburt in Ailuluai. Manchmal ist es ein reges Kommen und Gehen von Familienmitgliedern, nur die Männer sind vom Geschehen ausgeschlossen.

Die Betreuerinnen der Gebärenden sind sehr fürsorglich zur Gebärenden, es wird massiert und mit Kräutern und Wasser der Bauch abgewaschen. Traditionelle Medizin hat bei der Geburt eine grosse Bedeutung. Der Naturheiler, der sich mit Buschkräutern und in Magie auskennt, wird am Anfang jeder Geburt gerufen. Ein Ritual ist zum Beispiel folgendes: Über einer halben Kokosschale, mit Wasser und Kräuter gefüllt, werden murmelnde Laute gesprochen, Kraft eingeblasen und dann über Kopf und Bauch der Gebärenden gegossen.

Mein Blick schweift zum Fenster hinaus, die Sonne geht rot unter, das Haus steht direkt am Meer, es ist wirklich malerisch. Schmunzelnd muss ich an die Schweiz denken: Ist das nicht gerade die Stimmung, die viele Geburtsmethoden propagieren, Meeresrauschen, Schummerlicht...? Doch passen wohl die freudig Fruchtwasser schlabbernden Schweine auch dazu?

Die Häuser stehen hier meistens auf Stelzen, die Böden sind aus einem Rost von "Blackpalmholz". Zum Sitzen oder Schlafen werden gewobene Matten verwendet. Bevor ich hier die erste Geburt miterlebte, dachte ich oft, wie man wohl am einfachsten Blut und Fruchtwasser aufsaugt, wenn man nicht so viele Tücher zur Verfügung hat? Das Problem hat sich bald gelöst, der Boden ist sehr praktisch, da sickert alles durch die 2-3 cm breiten Ritzen unters Haus, wo es in den biologischen Zyklus aufgenommen wird!

Nach nicht all zu langer Zeit wird ein Junge geboren. Wir waren alle glücklich, dass alles ohne Komplikationen verlief. Ich weiss nicht, wie die Verwandten reagiert hätten, wenn etwas schief gegangen wäre. Vielleicht wären die Speere gespitzt worden...?

*Marlis Koch arbeitete mit ihrem Ehemann von 1992 bis 1995 für Interteam in Papua-Neuguinea. Interteam ist eine ökumenische Organisation der personellen Entwicklungszusammenarbeit. Interteam vermittelt und begleitet Fachleute in Einsätze nach Lateinamerika, Afrika und in den Südpazifik. In fünf Schwerpunktländern geben rund 100 Mitarbeitende ihre Berufskenntnisse weiter. Ziel ist die Ausbildung und Animation in den Berufsbereichen Handwerk, Land- und Forstwirtschaft/Ökologie, Pädagogik, Gesundheit und Friedensarbeit. Voraussetzungen für einen Einsatz sind die Bereitschaft zu einer dreijährigen Verpflichtung auf Basis einer Lebenskostenentschädigung und eine abgeschlossene Berufsausbildung mit Berufspraxis. Die Finanzierung von Interteam erfolgt durch den Bund, das Fastenopfer und Spenden. Interteam ist Zewo-anerkannt. Kontakt: Interteam, Untergeissenstein 10/12, 6000 Luzern 12, PC-Konto 60-22054-2, www.interteam.ch, interteam@bluewin.ch