Wie ist wieder Staat zu machen?

Freiwillige Gruppen und Zivilgesellschaft in Afrika

Von Erfried Adam

Kolonialismus, Staatszentralismus und Entwicklungshilfe haben in Afrika ein Abhängigkeitssyndrom hervorgebracht, das tief in die Gesellschaft und die individuelle Psyche eingedrungen ist. Hoffnungsträger sind die Organisationen der Zivilgesellschaft, vor allem die Zusammenschlüsse auf freiwilliger Basis. Die Wiedergewinnung von Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und Handlungsperspektiven ist ein notwendiger, wenn auch schwieriger und langwieriger Prozess.

Es ist sicher nicht ohne Berechtigung, wenn engagierte Afrika-Beobachter die Rede vom Krisenkontinent als zu defätistisch ablehnen und davor warnen, einen ganzen Kontinent aufzugeben. Tatsächlich aber ist die Krise der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung und der postkolonial etablierten politischen Ordnungen bis hin zur Paralyse von Staaten unbestreitbar und allgegenwärtig. Angesichts der Dimensionen der Krise, dem ökonomischen Niedergang, der sozialen Desintegration, dem Versagen und Vertrauensverlust staatlicher Institutionen und einer Geschichte gescheiterter Ansätze geht es darum, überhaupt wieder Fäden aufzunehmen und miteinander zu verknüpfen, die geeignet sind, das Netz der gesellschaftlichen Rahmenbedingen für eine nachhaltige, am Menschen orientierte Entwicklung zu bilden.

Als Zivilgesellschaft kann der staatsfreie Raum, jene vorstaatliche oder nicht-staatliche Handlungsebene bezeichnet werden, in der eine Vielzahl von Organisationen und Assoziationen ihre spezifischen Angelegenheiten autonom organisieren und ihre Interessen artikulieren. Am ehesten kann Zivilgesellschaft als dritte Kraft zwischen Staat und Wirtschaft definiert werden. Ihre wesentliche politische Aufgabe liegt in der Ausgestaltung von Zusammenwirken und Autonomie, von Interessenausgleich und Eigenverantwortung. Die unter dem Begriff der Zivilgesellschaft gebündelten Gruppierungen können dabei die politischen Institutionen nicht ersetzen. So richtig es ist, dass der Staat nicht mehr Träger von Überlebensstrategien ist, so sehr sind Regeln für die Austragung von Interessen, zum Ausgleich und zur Durchsetzung von Gemeinwohl notwendig und damit demokratische Verfahren und Institutionen, die den Staat in seinen unterschiedlichen Ebenen ausmachen. Zumindest als Zielperspektive wird dies auch für Afrika gelten müssen.

Es liegt viel daran, nicht dem zivilgesellschaftlichen Mythos und der Basisromantik zu erliegen und die Potentiale und Limitationen der Organisationen der Zivilgesellschaft realistisch einzuschätzen. Ihre innere Dynamik und Eigenständigkeit ist in einer doppelten Weise eingeschränkt und bedroht: Einerseits durch die Einbindung in das Gewebe des nachkolonialen neopatrimonialen Staates und die daraus resultierende stupende, zum anderen durch die infolge des entwicklungspolitischen Paradigmenswechsels bereitstehenden Finanzmittel, Fahrzeuge, Stipendien, Reisen, Konferenzteilnahmen etc., deren Verfügbarkeit manche NGO oder Selbsthilfegruppe erst hat entstehen lassen, diese aber gleichzeitig von ihrer Basis isoliert und zu einem Arbeitsbeschaffungsprogramm für junge Akademiker und Aktivisten entarten lässt.

Die Geschichte der klassischen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Afrika wie Gewerkschaften, Unternehmerverbände, Genossenschaften, Interessen- und Berufsverbände ist keine Erfolgsgeschichte. "Sie sind als Interessenvertreter wie als Entwicklungsagenten weitgehend unwirksam geblieben. Nicht nur der moderne Staat, sondern auch sein ‚demokratietheoretisches‘ Gegenstück, die Strukturen der westlichen Vorbildern folgenden Zivilgesellschaft, sind von den kulturellen Kräften der afrikanischen Gesellschaft zerschlissen oder in ihrer Wirkungskraft sterilisiert worden"**. Im politisch-kulturellen Kontext Afrikas kaum aus eigener Kraft überlebensfähig sind aufgrund ihrer begrenzten sozialen Basis und materiellen Ausstattung die anwaltschaftlichen Organisationen wie Menschenrechts- und Bürgerrechtsgruppen und Frauenverbände, so dass diese in besonderem Masse auf Unterstützung von aussen angewiesen sind, wenn sie ihre Funktion als moralische Wächter einer dem Wertesystem westlicher Demokratien verpflichteten Entwicklung wahrnehmen sollen.

Von besonderer Dynamik und Bedeutung aber sind die freiwilligen Assoziationen und Gruppen. Obgleich sie sich auf die eigene Lebenswelt, Freiwilligkeit und Selbsthilfe beschränken, haben sie eine immens politische Funktion in der Infragestellung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse und gewinnen damit Einfluss auch in den anderen Strukturen der Zivilgesellschaft. Diese neo-traditionellen Vereinigungen in ihrer Bedeutung für die lokalen Ebenen und als Ausdruck eigenständiger, an Selbstorganisationsprinzipien orientierter politischer Kultur bilden einen wichtigen Partner für dezentrale Entwicklungszusammenarbeit, wobei auch sie durch Veränderung der inneren Grundprinzipien, Professionalisierung und Über-Förderung schnell in Gefahr geraten können.

Während manche zivilgesellschaftliche Gruppierung ihre Kraft aus ihrer Basisverankerung und der Beschränkung auf die unmittelbaren Lebensbezüge der Beteiligten erhält, stellt sie der Anspruch einer nationalen Bedeutung und Wirksamkeit, wie er häufig von aussen und in den demokratietheoretischen Postulaten erhoben wird, unter einen Erwartungsdruck, an dem sie zu zerbrechen drohen. Für viele liegt daher die Stärke in der bewussten Beschränkung.

Wenn Afrika tatsächlich einen eigenen Weg gegen soll - wie so oft betont wird - gilt es Abschied zu nehmen von manchen Illusionen, westlichen Vorstellungen von Demokratie, gesellschaftlicher Funktionalität und wirtschaftlicher Effizienz und offen zu sein für Kreativität und wirkliche Innovation, die immer wieder in beeindruckender Weise - insbesondere bei Frauen und ihren Organisationen - zu finden sind. Es gilt Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass Modernisierung in Afrika Verwestlichung bedeuten müsse. Anstatt vorhandene Werte, Verhaltensweisen und Erfahrungen wie familiäre oder ethnische Solidarverpflichtungen durch "moderne" ersetzen zu wollen - als spielten in westlichen Demokratien vormoderne Strukturen wie Familienoligarchien, Vereine, Verbindungen oder religiöse Gemeinschaften keine Rolle.

Sofern der Begriff der Solidarität in dem Überlebenskampf der afrikanischen Gesellschaften nicht völlig verschüttet worden ist, wird auch dieser zum Anknüpfungspunkt genommen werden müssen, soll die notwendige Entwicklung einer Kultur des Wettbewerbs in einer Kultur der Kooperation und Partizipation, der Beteiligung und des Ausgleichs eingebettet werden, die demokratische Gesellschaften auszeichnet.

*Stark gekürzter und redigierter Auszug aus: Erfried Adam, Wie ist wieder Staat zu machen in Afrika? In: Demokratie und Entwicklung zwischen Staat und Gesellschaft - Plädoyer für eine Politik "von unten". Subsidiarität, lokale Selbstverwaltung und Zivilgesellschaft, S. 373 – 384. Mit freundlicher Erlaubnis des Autors. Der Originaltext ist auf der Website der Friedrich Ebert-Stiftung zugänglich: http://www.fes.de/fes-publ/journals/ipg/texte/artkoch.html

**Ernst Hillebrand (1994): Nachdenken über Zivilgesellschaft und Demokratie in Afrika, in: Internationale Politik und Gesellschaft, FES, Bonn 1/1994, 57-71. Weitere Quellenhinweise und Literaturangaben im Originalartikel.