Ein Gewinn nicht nur für die Frauen

Familienplanung im Senegal

Von Yvonne Gilli

Die Gesundheitsversorgung im Senegal beschreitet hoffnungsvolle neue Wege. Selbst in ländlichen Regionen, in denen der Imam und Stammesälteste über die Schicksale ihrer kleinen Gemeinschaft entscheiden, entwickelt sich eine funktionierende Gesundheitsversorgung mit Zugang zu Verhütungsmitteln für Frauen. Wie kommt Senegal zu dieser Vorreiterrolle innerhalb des frankophonen Afrika? Mit dieser Fragestellung hat Yvonne Gilli im vergangenen Jahr als Schweizer Gesundheitspolitikerin an einer Studienreise nach Senegal teilgenommen, zusammen mit Vertreterinnen der betroffenen Länder und Parlamentarierinnen aus Europa.

Familienplanung im Senegal

Laienfrauen beraten Frauen, Dakar (Foto: Yvonne Gilli)

 

Die frankophonen schwarzafrikanischen Länder leiden nicht nur unter Armut, sondern auch unter einer fehlenden Gesundheitsversorgung. Diese trifft Frauen und Kinder besonders hart. Sexuell übertragbare Krankheiten, Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen und die fehlende Möglichkeit von Familienplanung verursachen eine hohe mütterliche Sterblichkeit und in der Folge auch eine hohe Kindersterblichkeit. Der bekannte Teufelskreis von frühem Tod, fehlender wirtschaftlicher Sicherheit und beschränktem Zugang zu Bildung schliesst sich in fataler und anhaltender Weise. In Westafrika sterben pro Stunde immer noch drei Frauen an den Folgen von Mutterschaft. Jede Minute stirbt ein Kleinkind. Parallel dazu gebärt jede Frau noch über fünf Kinder und die Bevölkerung wächst ungebremst.

Senegals neue Vorreiterrolle

Senegal ist dabei diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen. Das Land setzt ein Programm um, welches sich in der Partnerschaft von Ouagadougou begründet und dank der Melinda und Bill Gates Foundation als grösstem Spender realisiert werden konnte (Quagadougou Partnership, pdf). 2011 trafen sich Vertreter von acht westafrikanischen Ländern in Not in Ouagadougou. Beteiligt waren Benin, Burkina Faso, Guinea, Mali, Mauretanien, Niger, Senegal, und Togo. Später kam noch die Côte d’Ivoire dazu. An dieser Konferenz konnte ein Aktionsplan verabschiedet werden zur Implementierung von Massnahmen zur Familienplanung. Dies war nur möglich dank verbindlichen finanziellen Zusagen bedeutender Donatoren. Es brauchte Mut für innovative Modelle, da frühere Bemühungen in der Entwicklungszusammenarbeit nicht den gewünschten Erfolg verzeichneten. Senegal nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. Dort läuft heute ein Programm unter dem Slogan der 3 Ds: Demokratisierung, Demedikalisierung, Dezentralisierung.

Familienplanung wird propagiert (Foto: Yvonne Gilli)


Die Dorfältesten als Teil des neuen innovativen Programmes

Demedikalisierung meint die Ausräumung von Hindernissen gegen die Instrumente der Familienplanung. Dazu gehört die Schulung von Laien aus den betroffenen Regionen. Sie nehmen eine zentrale Rolle ein bei der Implementierung einer einfachsten medizinischen Grundversorgung inklusiv Familienplanung. Viele leisten unbezahlte Freiwilligenarbeit. Demokratisierung bedeutet, dass Familienplanung als multisektorielle Dienstleistung verstanden wird, welche nur partizipativ erbracht werden kann. Und Partizipation ist nur möglich, wenn auch Kompetenzen und Geld zur Umsetzung dorthin delegiert werden, wo die Dienstleistungen erbracht werden: zu den regionalen Verantwortlichen und zu den Dorfältesten. Das bedingt eine Dezentralisierung.

Gespräch mit dem Dorfältesten (Foto: Yvonne Gilli)

In der Region Thies besuchten wir ländliche Projekte zur Bereitstellung einer einfachen Gesundheitsversorgung inklusiv Familienplanung. Diese Projekte geniessen sowohl bei den Dorfältesten als auch beim Imam eine grosse Akzeptanz. Das von den Frauen bevorzugte Verhütungsmittel ist die Dreimonatsspritze, welche in Form einer Fertigspritze abgegeben wird, die sich die Frauen selbst applizieren können. Die Familienplanung erlaubt es den Frauen, sich von Geburten zu erholen, bevor sie erneut schwanger werden. Davon profitiert die Familie, weil die Frau für die wirtschaftliche Sicherheit wichtig ist. Gleichzeitig verbessert sich die Überlebenschance der Frauen und damit auch die Lebensperspektive der Kinder sowohl was das Überleben als auch was die Bildung betrifft. Ist die Familie gestärkt, profitiert davon auch die Dorfgemeinschaft. Diese Argumentation, gekoppelt mit der Wirkungskette zu Gunsten der Dorfgemeinschaften verhalf dem Programm zum Durchbruch.

Chancen für die ländliche Entwicklung

Während wir von den besichtigen ländlichen Projekten sehr beeindruckt waren, enttäuschten uns diejenigen in Dakar. In städtischen Regionen, in denen bereits Versorgungsstrukturen bestehen, erschien uns das Konzept der Dezentralisierung und Demedikalisierung weniger wirksam. Vor allem die Klinik in Guédiawaye in der Agglomeration von Dakar, die wir besuchten, wirkte schäbig und fehlfinanziert. Während eine Röntgeneinrichtung für Mammografien vorhanden war, fehlte das Nötigste für die Führung eines einfachen Ambulatoriums für Frauen und Kinder.

Einmal mehr kehrte ich mit einer reichen Erfahrung nach Hause. Im Wissen, dass es unfair wäre, auf der Basis einer einzigen Reise nach Senegal, die dortigen Anstrengungen zur Verbesserung der Frauen- und Kindergesundheit zu beurteilen, erlaube ich mir doch eine subjektive Bilanz. Die Partnerschaft von Ouagadougou ermöglicht mit ihrem pragmatischen und regional erarbeiteten Programm im vorwiegend islamgläubigen Senegal eindrückliche Fortschritte. Am eindrücklichsten sind die Fortschritte in ländlichen Regionen, die für frühere Projekte überhaupt nicht zugänglich waren. Senegal gelang es dadurch, das Bevölkerungswachstum zu bremsen.

Yvonne Gilli

Yvonne Gilli, Dr. med.
FA Allgemeine Innere Medizin FMH, ehemalige Nationalrätin,