Kinderprostitution und Kinderschutz in Südafrika

Sexuelle Ausbeutung von Kindern ist ein Verbrechen

Von Manini Fateyela & Bernadette van Vuuren / terre des hommes schweiz

Das südafrikanische Netzwerk gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern wurde 1995 gegründet; es umfasst 40 Organisationen, die in den Bereichen Kinderrechte und Kinderschutz tätig sind. Das Netzwerk führt vor allem in der Region Kapstadt Kampagnen durch, um die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. Ein Gespräch mit Manini Fateyela und mit Bernadette van Vuuren*

Gibt es in Südafrika sexuelle Ausbeutung von Kindern?

B. van Vuuren: Viele Leute waren der Meinung, dass es in Südafrika keine Kinderprostitution gibt. Mit Aufklärungsprogrammen, Radiosendungen und Plakaten haben wir auf die verschiedenen Formen von Kindsmissbrauch hingewiesen und unmissverständlich klargemacht, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern ein vom Gesetz zu ahndendes Verbrechen darstellt. Daraufhin erreichten uns zahlreiche Reaktionen aus dem Publikum, die unser Wissen über die verborgene Existenz von sexuellem Kindsmissbrauch erweiterten; es wurde uns berichtet von Kindern, die an Strassenecken angeboten wurden, von Frauen, die ganze Gruppen von Kindern überwachten, von Wohnblocks, die zum Zweck der Kinderprostitution gemietet wurden. Es war offensichtlich, dass Gruppen von Kindern zu diesem Zweck von weither herbeigeführt wurden.

Was kann direkt für die Kinder getan werden?

M. Fayetela: Meine Organisation bildet Freiwillige aus, die in den informellen Siedlungen Hausbesuche durchführen und die Kinderbetreuer/innen in ihrer Aufgabe unterstützen. Dabei hat sich herausgestellt, dass in diesen von grosser Armut und schlechten Wohnbedingungen gekennzeichneten Quartieren Kindsmissbrauch sehr häufig vorkommt. Die Freiwilligen erklären den Müttern und anderen Betreuerinnen wie Anzeichen für sexuellen Missbrauch erkannt werden können. Sie besprechen mit den Frauen, welche welche Schritte sie unternehmen können.

Wie hat sich die Situation entwickelt?

B. van Vuuren: Seit einem Jahr hat sich die Situation drastisch verschlimmert, vor allem im Bereich der Armutsprostitution von Kindern. Damit meinen wir Kinder - meistens sind es Mädchen - die im Austausch gegen Nahrungsmittel oder Unterkunft sexuell ausgebeutet werden. Sie werden von Müttern, Vätern oder der weiteren Herkunftsgemeinschaft angeboten - manchmal bieten sich die Kinder auch selbst an. Südafrika ist nicht in der Lage, dem angemessen zu begegnen, da es an geeigneten Institutionen fehlt. Polizei und Justiz können nicht eingreifen, weil diesbezügliche Lücken in der Gesetzgebung bestehen, was auch die Handlungsmöglichkeiten der Sozialämter einschränkt. Deshalb haben wir eine Diskussion auf nationaler Ebene zum Thema «Was ist Kinderprostitution?» eingeleitet. Heute werden die nötigen Massnahmen ergriffen.

Welche Formen der sexuellen Ausbeutung von Kindern gibt es in Südafrika?

B. van Vuuren: Wir unterscheiden zwischen organisierter sexueller Ausbeutung und sexueller Ausbeutung aus Armut. Dies ist wichtig, weil beides eine je andere Antwort erfordert. Im letzteren Fall handelt es sich um die Familie oder die direkte Gemeinschaft, wo es unter Umständen möglich ist, dass wir dem betroffenen Kind zu Hilfe kommen. Bei organisierten Banden ist dies fast unmöglich; da muss die Kinderschutz-Einheit der Polizei eingreifen. Wenn ein Kind aussagt, dass es sexuell ausgebeutet wird - und nur unter dieser Voraussetzung kann eingegriffen werden - dann ist sein Leben und das seiner Familie in Gefahr. Selbst wenn Zeugenschutz gewährt wird, gilt dies nur für die Dauer des Verfahrens. Danach besteht kein Schutz mehr. Die Banden sind miteinander verbunden, wenn ein Zuhälter aus dem Verkehr gezogen wird, bleibt der Rest der Bande oder eine andere Bande. In gewissen Strassen Kapstadts sind die Kinder täglich von 6 Uhr abends bis 4 Uhr morgens im Einsatz. Wenn man in ihre Nähe kommt, tauchen die Zuhälter plötzlich von überall her auf. Die Kinder sind total kontrolliert, es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Typischerweise hat sie die Verschuldung der Eltern hierhergebracht.

Wie wird dem multikulturellen Hintergrund Rechnung getragen?

M. Fayetela: Kulturelle Praktiken müssen in Betracht gezogen werden. Am Ostkap überprüfen alte Frauen allwöchentlich die Jungfräulichkeit der Mädchen. Dies wird nicht als Missbrauch erlebt. Die Praxis ist Teil des kulturellen Lebens. Aber in einer städtischen Umgebung sieht dies sofort anders aus. Dort muss eine solche Praxis als Hinweis auf möglichen sexuellen Missbrauch interpretiert werden, die Missachtung der Intimsphäre des betreffenden Mädchens durch eine ältere Person. In dieser Hinsicht lernen wir ständig hinzu und müssen unsere Ansätze immer wieder anpassen.

Wie sieht das Verhältnis von Männern und Frauen aus, sind auch Frauen am Missbrauch von Kindern beteiligt?

M. Fayetela: In den meisten Fällen sind unserer Erfahrung nach auch Frauen darin verwickelt. Kinder werden als Mittel zum Überleben eingesetzt oder weil eine Frau ihr Heim erhalten, ihren Status als verheiratete Frau nicht gefährden will. Bei unserer Arbeit in den Squattersiedlungen ist es uns gelungen, mit der Zeit das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Einige gaben zu, dass sie dies zuliessen, weil der Täter gleichzeitig der Ernährer der Familie war. Frauen sind also schon Teil des Missbrauchs, es gibt aber meistens einen Grund für ihre Beteiligung.

B. van Vuuren: Wir waren schockiert, als wir das Ausmass der Beteiligung von Frauen feststellten. Aber es gibt schon einen Unterschied: Frauen ermöglichen den sexuellen Missbrauch mit ihrem Schweigen, mit ihrer Billigung, sie sind aber nicht physisch daran beteiligt. Auch bei der kommerziellen Ausbeutung sind Frauen im Hintergrund beteiligt, an der Spitze stehen aber immer Männer.

*Manini Fateyela ist Supervisorin der Early Learning Resource Unit in Kapstadt, Bernadette van Vuuren leitet das Netzwerk gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern in Kapstadt. Die Fragen stellte Barbara Müller vom Afrika-Komitee, Basel. Das Gespräch fand anfangs September 1999 anlässlich der Veranstaltungsreihe ".Kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen. Zum Beispiel Südafrika und die Schweiz" statt. Im Rahmen einer Reihe interkultureller Gespräche zwischen Südafrika und der Schweiz wurde über die Hintergründe kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern reflektiert, nach Lösungsansätzen gesucht und Forderungen formuliert. Informationen im Internet: www.terredeshommes.ch.