Vom Ersatz der staatlichen Gesundheitsversorgung zur Zusammenarbeit

Recht auf Gesundheit für alle in Paraguay – ein steiniger Weg

Von José Parra Gaona

Mit seinen 20 Bauernorganisationen engagiert sich Tesãi Reka Paraguay für die Verwirklichung des ‚Rechts auf Gesundheit für alle’. Die Erfahrungen zeigen, dass es sich um einen langen und steinigen Weg handelt, auf dem sich die Organisationen immer wieder neuen Herausforderungen stellen mussten und weiterhin müssen.

Den Anfang nahm dieser Prozess in einer Situation der kompletten Vernachlässigung der ländlichen Bevölkerung durch die Diktatur von Alfredo Stroessner: Die Kleinbauernfamilien lebten in prekären Verhältnissen, ohne Gesundheits-, Wasser- und Stromversorgung und mit einem rudimentären Schulsystem. Gleichzeitig erachtete das Regime schon die Zusammenkunft von drei Personen als subversiven Akt und verfolgte jegliche gemeinschaftliche Initiative. In dieser Situation begann 1980 eine Gruppe von jungen Krankenpflegern und Hebammen, inspiriert durch die Deklaration von Alma Ata, sich mit Aktivitäten der Basisgesundheitsversorgung den Dorfgemeinschaften anzunähern. Der Schirm der katholischen Kirche gab ihnen einen gewissen Schutz, wenn sie in den Dörfern erste Hilfe leisteten und elementarste Bereiche der primären Versorgung sicherstellten. Mit dem zunehmenden Vertrauen der Bevölkerung wurde es möglich, erste Freiwillige als Gesundheitspromotoren zu gewinnen und auszubilden. Sie wurden zum Keim der späteren Bauernorganisationen. Unter dem argwöhnischen Auge des Systems, aber auch weil sich die Kirche nicht exponieren wollte, war die Arbeits- und Lebenssituation engagierter Menschen permanent bedroht.

Erst der Staatstreich von 1989 mit dem Sturz des Diktators brachte eine Erleichterung. Obwohl die Macht- und Verwaltungsstrukturen weitgehend erhalten blieben, ermöglichte die politische Öffnung die Gründung von Basisorganisationen und erleichterten die Arbeit in den Gemeinschaften. So wurden in fast allen Regionen Bauernorganisationen gegründet, die sich nebst ihrer gremialen Interessen auch um die Gesundheitssituation ihrer Familien sorgten. Gleichzeitig ermöglichte die Öffnung der Gesundheitsbehörden für die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung mit der Einführung von Prävention und Gesundheitspromotion erste Schritte der Zusammenarbeit zwischen Behörde und Bauernorganisationen. Die Erfahrungen in der Umsetzung konkreter Gesundheitsprojekte veranlasste 1995 eine Gruppe von Bauernorganisationen unter dem Namen Tesãi Reka Paraguay (TRP) einen Dachverband zu gründen, über den sie Erfahrungen austauschen sowie Aktivitäten und Dialog mit den Behörden koordinieren können.

Gesundheit: Wohltätigkeit, Ware oder ein Recht?

Der neue politische Freiraum erleichterte die Reflexion und den Austausch über Aufgaben und Verpflichtungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Das im Jahr 2001 von TRP und weiteren Gesundheitsorganisationen durchgeführte öffentliche Seminar unter dem Titel „Gesundheit: Wohltätigkeit, Ware oder ein Recht?“ bildete die Grundlage für eine qualitativ neue Ebene des Engagements. Die Konklusion, dass Gesundheit ein eng mit der Menschenwürde verknüpftes Recht ist, führte bei TRP zu einer Verlagerung des Arbeitsansatzes mit grösserem Akzent auf dem Menschenrechtsaspekt. Im Anschluss an das Seminar gründete TRP zusammen mit verschiedene paraguayische Gesundheitsorganisationen die ‚Nationale Bewegung für das Recht auf Gesundheit’ (Movimiento Nacional por el Derecho a la Salud – MNDS). Sowohl auf lokaler wie auf nationaler Ebene setzt sich TRP für eine umfassende, zugängliche und qualitativ gute öffentliche Versorgung ein, ohne Diskriminierung bzw. Marginalisierung spezifischer Gruppen, wie etwa landloser Bauern, indigener Gruppen oder HIV-positiver Menschen. Darüber hinaus setzt sich TRP für gesunde Umwelt und Ernährungssicherheit ein – zwei Themen, die angesichts der riesigen Monokulturen der paraguayischen Agroindustrie für die Kleinbauernfamilien von besonderer Bedeutung sind.

Zusammen mit dem MNDS startete TRP unter dem Namen „Zelt des Lebens“ (Carpa de la Vida) eine Initiative zur Überprüfung der Qualität der Dienstleistungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung und zur Sensibilisierung der Bevölkerung: Vor Gesundheitszentren und Spitälern stellte TRP Zelte auf, in denen sie die Patienten und Angehörige zur Qualität der Dienstleistungen und die Behandlung durch Ärzte und Personal befragten. Gleichzeitig informierten sie über Rechte und Pflichten und nahmen Verbesserungsanregungen aus der Bevölkerung auf. Die Resultate dieser Aktionen flossen in eine Situationsanalyse und in den Dialog mit den Gesundheitsbehörden ein.

Einflussnahme auf die Gesundheitspolitik und Einstehen für die neuen Modelle

Gestützt auf die langjährigen Erfahrungen in der Basisgesundheitsversorgung und die umfassende Situationsanalyse erarbeitete TRP zusammen mit Vertretern des MNDS und interessierter Berufsverbände einen Vorschlag für eine neue Politik der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Deren wichtigste Elemente fanden ihren Niederschlag in der nationalen Gesundheitspolitik der 2008 gewählten Regierung. Unter dem Namen „Lebensqualität und Gesundheit für alle in Paraguay“. Stützt sie sich auf die Prinzipien von Universalität, Integrität, Gleichheit und Beteiligung der Gemeinschaft und sieht die kostenlose öffentliche Versorgung vor.

Als wichtige Elemente der Umsetzung dieser neuen Gesundheitspolitik wurden die Direktion für „Primäre Gesundheitsversorgung“ eingerichtet und bisher rund 600 der bis Ende 2013 geplanten 1‘500 Einheiten für Familiengesundheit (Unidad de Salud Familiar) geschaffen. Eine solche Einheit ist für 3‘500 bis 5‘000 Menschen in zirka fünf Gemeinschaften zuständig. Sie umfasst einen Arzt bzw. eine Ärztin, je eine Pflegefachperson und Hilfspflegeperson sowie eine von der Gemeinschaft gewählte Gesundheitspromotorin bzw. einen Gesundheitspromotor. Als Dialogs- und Verhandlungspartner der Gesundheitsbehörde werden auf lokaler Ebene von der Bevölkerung gewählte „Gesundheitsräte“ (Consejos de Salud) etabliert.

Die in TRP zusammengeschlossenen Bauernorganisationen unterstützen in ihren Gemeinschaften den Aufbau der Gesundheitsräte und deren Arbeit. Diese konkrete Aufbauarbeit auf lokaler und die Unterstützung auf regionaler Ebene durch TRP erweist sich als wichtig. Die neue Gesundheitspolitik erfährt nämlich aus politisch und wirtschaftlich einflussreichen Kreisen Opposition: Die traditionellen politischen Parteien fürchten den Verlust ihrer Pfründe und ihres Einflusses, den sie sich in gewohnter Manier z.B. über Schenkungen von Medikamenten oder medizinischem Material während Wahlkampagnen weiterhin sichern wollen. Aber auch andere Kreise suchen mit ihrem Einfluss im Parlament die Umsetzung der neuen Gesundheitspolitik zu verhindern. Dazu gehören z.B. Ärzteverbände und pharmazeutische Unternehmen, die vorab wirtschaftliche Interessen verfolgen, aber auch Agrounternehmen, die mit unkontrolliertem massivem Einsatz von Pestiziden und Düngern die Umwelt vergiften und die Gesundheit der entlang der Monokulturen lebenden Kleinbauern gefährden.

Das Engagement sozial engagierter Organisationen hat in Paraguay erste wichtige Früchte gebracht: War es in frühen Jahren der Ersatz von staatlichen Dienstleistungen, später der Dialog und dann die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden, geht es heute darum, diese in der Umsetzung der neuen Gesundheitspolitik zu unterstützen. Aktuelle Aufgaben für TRP bleiben aber auch die Überwachung der Gesundheitsdienstleistungen und die Sensibilisierung der Bevölkerung für ihre Rechte. Tesãi Reka Paraguay und das Movimiento Nacional por el Derecho a la Salud müssen ihren Einfluss auf allen Ebenen ausbauen und mit vereinten Kräften die positiven Entwicklungen zur Verwirklichung des ‚Rechts auf Gesundheit für alle’ unterstützen.

*Lic. José Parra Gaona ist Mitbegründer und Präsident der Organisation Tesãi Reka Paraguay. Er verfügt über ein Lizentiat in Krankenpflege und eine Spezialisierung in Public Health. Seit Ende der 1970er Jahre ist er im Bereich der Basisgesundheitsversorgung und beim Aufbau von Bauernorganisationen engagiert. Er unterrichtet Public Health am Institut Dr. Andrés Barbero der Univesidad Nacional de Asunción.

Übersetzung des Textes aus dem Spanischen durch Verena Wieland (SRK)

Tesãi Reka Paraguay

Tesãi Reka Paraguay (TRP) ist eine staatlich anerkannte nationale Nichtregierungsorganisation, die sich vorwiegend im Gesundheitssektor engagiert. TRP wird von aktuell zwanzig lokalen Bauernorganisationen getragen, die den Vorstand und die Leitung auf nationaler Ebene stellen. In den Departementen Itapua, Caagazú, San Pedro, Canindeyú und Concepción arbeiten die Organisationen in Projekten zusammen und koordinieren diese mit den Gesundheitsbehörden. Insgesamt ist TRP in über 100 Gemeinschaften präsent. Für die Projektdurchführung hat TRP eine Fachequipe verpflichtet. Legale Grundlage der Arbeit ist der Vertrag mit dem Gesundheitsministerium. TRP ist Mitglied der nationalen Bewegung paraguayischer Organisationen (Movimiento Nacional por el Derecho a la Salud), die im Gesundheits- und Menschenrechtsbereich tätig sind.

Der Guaraní-Ausdruck „Tesãi Reka“ bedeutet auf der Suche nach/in Eroberung von Gesundheit.

Das Schweizerische Rote Kreuz begleitete die Entwicklung von Tesãi Reka Paraguay und unterstützt das Gesundheitsprogramm.