Altsein in der Schweiz - gestern und heute

Markante Verbesserung trotz schwieriger Situationen für Hochbetagte

Von Astrid Stuckelberger & François Höpflinger

Die Situation der älteren Menschen in der Schweiz hat sich in letzter Zeit verbessert. Sowohl in materieller als auch in gesundheitlicher Hinsicht geht es den Rentnerinnen und Rentnern heute deutlich besser als noch vor 15 Jahren. Auch die vielfach befürchtete generelle Vereinsamung älterer Mitmenschen ist glücklicherweise nicht eingetreten. Markant besser geht es vor allem den jüngeren Rentnerinnen und Rentnern, während viele Hochbetagte noch immer unter sehr schwierigen Bedingungen leben. Das zeigen die Ergebnisse einer Vergleichsstudie, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Alter" (NFP 32) 1979 und 1994 in der ländlichen Region Zentralwallis und in der Stadt Genf durchgeführt wurde.

Während noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur 10 Prozent der Männer damit rechnen konnten, das 80. Lebensjahr zu erreichen, sind es gegen Ende des Jahrhunderts fast die Hälfte, bei den Frauen gar mehr als zwei Drittel. Zwischen 1996 und 2025 rechnet man in der Schweiz mit einem Anstieg der über 75-Jährigen um 70 Prozent. Die steigende Lebenserwartung ist ein Motor der so genannten demographischen Alterung, mit der wir uns konfrontiert sehen. Doch was spielt sich hinter diesen Zahlen konkret ab? Wie entwickelt sich die Situation der Betagten in unserem Land und welche konkreten Wirkungen zeitigen die zugunsten älterer Menschen in den letzten Jahren und Jahrzehnten getroffenen Massnahmen? Ein Forscherteam des Interfakultären Zentrums für Gerontologie der Universität Genf hat dazu im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Alter" eine Vergleichsstudie durchgeführt. 1979 und 1994 wurden je eine repräsentative Stichprobe von AHV-Rentnerinnen und -Rentnern im Zentralwallis und in Genf mit exakt den gleichen Fragen über ihren Gesundheitszustand und ihre Lebenssituation befragt. Damit besteht erstmals in der Schweiz die Möglichkeit, anhand verlässlicher Daten die Entwicklung der Lebenssituation älterer Menschen in einer ländlichen und einer städtischen Umgebung nachzuzeichnen.

Gesund, mobil und autonom im Alter

In Bezug auf den funktionalen Gesundheitszustand der befragten Rentnerinnen und Rentner zeigt die Vergleichsstudie eine markante Verbesserung. Während vor 15 Jahren jede/r Fünfte nur mit fremder Hilfe die eigene Wohnung verlassen konnte, benötigt heute nur noch jede siebte ältere Person dafür fremde Hilfe. Und während vor 15 Jahren noch jede siebte ältere Person beim Waschen und bei der Körperpflege auf fremde Hilfe angewiesen war, so leisten dies heute neun von zehn Personen aus eigener Kraft. Die substanzielle Zunahme physisch selbstständiger älterer Menschen erklärt sich allerdings nicht durch eine Abnahme des Anteils abhängiger bzw. behinderter Menschen. Dieser ist mit ca. 30 Prozent der Rentnerinnen und Rentner konstant geblieben. Vielmehr ist sie zurückzuführen auf eine Verringerung des Anteils derjenigen Personengruppe mit geringfügigen funktionalen Einschränkungen und einem erhöhten Risiko, abhängig zu werden. Dieser besonders heiklen Phase, in der punktuelle Einschränkungen zum schleichenden Verlust der Selbstständigkeit führen können, sollte nach Ansicht der Genfer Gerontologen künftig vermehrt Beachtung geschenkt werden. Sie empfehlen regelmässige, z.B. jährliche Besuche von Personen über 70. Bei frühzeitiger Identifizierung und durch geeignete präventive Massnahmen könnte der Autonomieverlust verhindert oder zumindest positiv beeinflusst werden, so dass möglichst lange die Selbstständigkeit aufrecht erhalten werden kann.

Auch in der persönlichen Einschätzung des eigenen Gesundheitszustands zeigen sich signifikante Verbesserungen. Deutlich mehr Ältere als 1979 schätzten 1994 ihren Gesundheitszustand als gut ein und der Anteil derjenigen, die ihren eigenen Gesundheitszustand als schlecht bezeichnen, hat sich von 19 Prozent im Jahr 1979 auf 8 Prozent im Jahr 1994 deutlich verringert. Ganz allgemein zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass vor allem Personen unter 80 Jahren punkto Gesundheit und Mobilität grosse Fortschritte machen konnten. Dies widerspiegelt sich auch in der Tatsache, dass der Anteil der unter 80-Jährigen, welche in Spitälern oder Heimen untergebracht waren, in beiden Regionen zwischen 1979 und 1994 gesunken ist. Bei der Gruppe der hochbetagten 80-Jährigen und Älteren zeigen sich bezüglich des Gesundheitszustands keine nennenswerten Veränderungen, ausser bei der Selbsteinschätzung des eigenen Gesundheitszustands. Diese fällt auch bei den über 80-Jährigen heute signifikant positiver aus als noch vor 15 Jahren.

Die neue Generation von Rentnerinnen und Rentnern ist deutlich aktiver, als es Gleichaltrige vor 15 Jahren waren. 1979 stimmte noch fast die Hälfte der damals 65 bis 74-Jährigen darin überein, dass alte Menschen gut daran tun, zu Hause zu bleiben und sich nicht mehr einzumischen. Diese Aussage findet heute nur noch bei jeder fünften Person der gleichen Altersklasse Zustimmung. Und auch bei den Hochbetagten zeigt sich, dass altersbedingte Einschränkungen der gesellschaftlichen Beteiligung nicht einher gehen mit der Vernachlässigung der eigenen Person oder politischem Desinteresse.

Viele Hochbetagte leben unter schwierigen Bedingungen

Auch wenn sich die Lage der über 80-jährigen Hochbetagten in den letzten 15 Jahren insgesamt leicht verbessert hat, bleiben die Lebensumstände für viele unter ihnen kritisch. Etwa 20 Prozent der Hochbetagten leben in Heimen und Pflegeeinrichtungen und leiden mehrheitlich unter schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Und auch unter den Hochbetagten, die noch zu Hause leben, kämpft die Hälfte mit beträchtlichen gesundheitlichen Störungen: Gut ein Viertel ist durch Behinderungen auf fremde Hilfe angewiesen und ein weiteres Viertel leidet unter Depressionen. Unter den Hochbetagten gibt es trotz Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe noch immer überdurchschnittlich viele Arme. Einer von fünf Hochbetagten lebt in relativer Armut, das sind fast zweimal soviel wie bei den jüngeren Rentnerinnen und Rentnern. Von Armut speziell betroffen sind hochbetagte Frauen.

Bildung, Beruf und wirtschaftliche Lage beeinflussen die Gesundheit

Das in der Vergleichsstudie beobachtete verbesserte Befinden der älteren Menschen hat seine Ursachen in gesellschaftlichen Veränderungen: In beiden Regionen haben sich sowohl der Ausbildungsstand als auch der berufliche Status der untersuchten Geburtsjahrgänge deutlich erhöht. In diesem Zusammenhang hat sich auch die wirtschaftliche Situation vor allem der jüngeren Jahrgänge substanziell verbessert. Insbesondere in der ländlich geprägten Region des Zentralwallis kann der verbesserte Gesundheitszustand fast ausschliesslich auf die Verbesserung von Bildung, Beruf und wirtschaftlicher Situation zurückgeführt werden. Es spiegelt sich darin der Wandel von den Bauern- und Arbeiterberufen zu höher qualifizierten Berufen im Dienstleistungssektor. Da im Bereich dieser zentralen Einflussfaktoren auch künftig mit einer positiven Entwicklung gerechnet wird, gehen die Forschenden davon aus, dass sich das gesundheitliche und psychische Befinden der älteren Menschen weiter verbessern wird.

Keine Anzeichen zunehmender Isolation

Der Anteil allein lebender älterer Menschen ist in beiden Beobachtungsjahren hoch. Etwa ein Drittel der über 65-Jährigen lebt in einem Ein-Personen-Haushalt. Und der Anteil jener Betagten, die bei oder mit ihren Kindern zusammen wohnen, ist insbesondere auch im Zentralwallis weiter gesunken. Trotzdem bestätigt sich die vielfach geäusserte Befürchtung einer zunehmenden Isolierung und Vereinsamung älterer Menschen in unserer Gesellschaft nicht. Nur wenige Rentnerinnen und Rentner, 2 Prozent im Wallis und 6 Prozent in Genf, haben überhaupt keine Angehörigen. Eine immer grössere Zahl lebt aufgrund steigender Lebenserwartung und einer bei den jüngeren Rentner-Generationen deutlich höheren Heiratsquote noch mit der Lebenspartnerin oder dem Lebenspartner zusammen. Und der weitaus grösste Teil der Rentnerinnen und Rentner verfügt über ein familiäres Umfeld, das drei, manchmal sogar vier Generationen und mindestens ein lebendes Geschwister umfasst.

Die intensivsten Kontakte pflegen ältere Menschen mit ihren Kindern und Enkelkindern. Gut zwei Drittel der Genfer/innen und drei Viertel der Walliser/innen im Alter unter 80 Jahren, welche Kinder hatten, trafen sich 1994 ein Mal pro Woche oder häufiger mit einem oder mehreren ihrer Kinder. Weniger häufig sind Kontakte zu Geschwistern, Neffen und Nichten, Cousins oder Cousinen. Der Zeitvergleich zwischen 1979 und 1994 zeigt, dass sich die Kontakte innerhalb der Familien in den beiden Untersuchungsgebieten in den letzten 15 Jahren eher verstärkt haben. Auch das Freundschaftsnetz älterer Menschen hat sich zwischen 1979 und 1994 eindeutig ausgeweitet. 1979 gaben 38 Prozent der befragten Walliser/innen und 37 Prozent der Genfer/innen an, keine Freundschaften zu unterhalten. 1994 waren es im Wallis noch 23 Prozent und in Genf noch 19 Prozent der Befragten.

Nachbarschaftskontakte spielen dagegen im Licht der Untersuchungsergebnisse eine eher untergeordnete Rolle. Enge Nachbarschaftsbeziehungen sind sowohl in Genf als auch im Wallis eher die Ausnahme und die Beziehungen zu Nachbarn haben sich im Zeitvergleich tendenziell sogar weiter gelockert.

Werden die Kontakte innerhalb der Familie und die freundschaftlichen Beziehungen, die ältere Menschen unterhalten, zu einem Gesamtbild der sozialen Beziehungen zusammengefasst, dann zeigt sich, dass soziale Isolation auch bei den Hochbetagten die Ausnahme ist. Was nicht heissen soll, dass es keine einsamen älteren Menschen gibt, denen gezielt geholfen werden muss.

Regionale Unterschiede verlieren an Bedeutung

Die 1979 durchgeführte Untersuchung liess sowohl im Bereich des gesundheitlichen Befindens als auch in Bezug auf Wohnformen und das soziale Beziehungsgeflecht noch deutliche Unterschiede zwischen dem ländlich geprägten Zentralwallis und dem urbanen Genf erkennen. Diese Unterschiede verlieren im Zeitvergleich zunehmend an Bedeutung. Die Lebensumstände haben sich weitgehend angeglichen und der in beiden Regionen ähnlich verlaufende soziokulturelle Wandel (bessere Schul- und Berufsbildung, Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft, soziale Sicherung und materieller Wohlstand) ist zum ausschlaggebenden Einflussfaktor geworden, vor dem regionale Besonderheiten in den Hintergrund treten. Viele der weit verbreiteten Klischees, das Bild der gesunden, heilen Bergwelt ebenso wie die Vorstellung einer die Vereinsamung fördernden städtischen Lebenssituation, halten der wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. So haben sich die 1979 im Wallis noch deutlich stärker verbreiteten (51 Prozent) depressiven Symptome bis 1994 dem Genfer Niveau (33 Prozent) angenähert. Und auch in der subjektiven Gesundheitseinschätzung, die 1979 noch deutliche Unterschiede im Sinn einer schlechteren Selbsteinschätzung der Walliser/innen zeigte, sind heute kaum noch Differenzen auszumachen. Die früheren ländlichen Familienmuster, verbunden mit der Idee der Mehrgenerationen-Haushalte, haben sich auch im ländlichen Raum endgültig aufgelöst, der Anteil intergenerationellen Wohnens ist im Wallis ähnlich selten geworden wie in Genf. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft unter den Generationen hat darunter nicht gelitten und bleibt auch unter den neuen Lebensbedingungen stark verankert. Allerdings zeigt sich, dass im städtischen Raum nicht familiale und formelle Hilfeleistungen mehr beansprucht werden. Dies erklärt sich daraus, dass in Genf der Wandel zur Kleinfamilie wesentlich früher eingetreten ist und deshalb die Genfer Rentner/innen weniger auf Geschwister zurückgreifen können als die Walliser/innen.

Das Nationale Forschungsprogramm "Alter" ist abgeschlossen

Mit der Veröffentlichung der Resultate dieser für die Schweiz erstmaligen grossen Vergleichsstudie zur Entwicklung des Befindens älterer Menschen ist das Nationale Forschungsprogramm "Alter" (NFP 32) abgeschlossen. Das 1992 lancierte Forschungsprogramm umfasste 28 Einzelprojekte und war mit 12 Millionen Franken dotiert. Die wichtigsten Erkenntnisse und Folgerungen aus dem Programm sind in einer handlichen Broschüre zusammengefasst, die kostenlos in deutscher, französischer und italienischer Sprache beim Schweiz. Nationalfonds, Postfach, 3001 Bern angefordert werden kann.

Über die reine Forschungsarbeit hinaus hat das Programm massgeblich zum Aufbau und zur Stärkung der zu Beginn der 90er-Jahre nur sehr schwach ausgeprägten Altersforschung in der Schweiz beigetragen. Mit dem Interfakultären Zentrum für Gerontologie besteht heute an der Universität Genf ein qualifiziertes Forschungszentrum und auch an der Universität Zürich wurde 1998 ein Zentrum für Gerontologie gegründet. Darüber hinaus besteht in Genf mit dem vom NFP 32 mit initiierten "Geneva International Network on Aging" (GINA) ein international ausgerichtetes Netzwerk zu Altersfragen. 1998 wurde mit Hilfe des NFP 32 am Institut Kurt Bösch in Sion das Universitäre Institut "Alter und Generationen" (INAG) gegründet. Es fördert den disziplinenübergreifenden Austausch, die gesamtschweizerische Zusammenarbeit in gerontologischer Forschung und Lehre und die Verknüpfung von Grundlagenforschung mit angewandter Forschung und professioneller Altersarbeit.

Publikationen

Vergleichsstudie 1979-1994 des Interfakultären Zentrums für Gerontologie der Universität Genf (nur in französischer Sprache): Christian Lalive d'Epinay, Jean-François Bickel, Carole Maystre, Nathalie Vollenwyder; 1979-1994: Vieillesses au fil du temps. Une révolution tranquille. Réalités sociales, Lausanne, 1999. ISBN 2-88146-108-X, Fr. 66.-

Wissenschaftliche Programm-Schlussberichte: François Höpflinger, Astrid Stuckelberger; Demographische Alterung und individuelles Altern. Ergebnisse aus dem Nationalen Forschungsprogramm Alter; Seismo Verlag, Zürich, 1999. ISBN 3-908239-69-9; A. Stuckelberger et F. Höpflinger "Du vieillissement de la population au vieillissement de l'individu", Editions Georg, Genève, à paraître en 2000.

Zusammenfassung: Alter, Anziani, Vieillesse. Hauptergebnisse und Folgerungen aus dem Nationalen Forschungsprogramm NFP 32, Broschüre in deutscher, französischer und italienischer Sprache, Bern 1999, kostenlos zu beziehen beim Schweiz. Nationalfonds, NFP 32, Postfach, 3001 Bern (Tel. 031 308 22 22, Fax 031 308 22 65