Debatten rund um die Gesundheitszusammenarbeit in fragilen Kontexten

Konflikte und Innovationen

Von Martin Leschhorn Strebel / Medicus Mundi Schweiz

Während mehr als einem Jahr hat sich das Netzwerk Medicus Mundi Schweiz (MMS) schwerpunktmässig mit der Gesundheitszusammenarbeit in sogenannten fragilen Kontexten befasst. Dabei wurden unterschiedliche Erkenntnisse gewonnen und weiterführende Debatten geführt.

Konflikte und Innovationen

World Humanitarian Day 2013: Central African Republic (Photo: C.Illemassene / © OCHA, flickr, CC BY-ND 2.0)

 

Angeregt hatte die Thematik das Schweizerische Rote Kreuz (SRK), das dazu zusammen mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) einen Lernprozess geführt hatte. MMS hat die Thematik aufgegriffen und in unterschiedlicher Form weiter behandelt und diskutiert: Es fanden dazu statt ein Round Table, ein Side Event der Weltgesundheitsversammlung (in Zusammenarbeit mit Medicus Mundi International, dem SRK und der niederländischen Organisation Cordaid), eine Fachtagung (in Zusammenarbeit mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit und dem SRK) sowie das jährliche MMS Symposium.

Abgrenzungsprobleme

Fragilität ist in den letzten Jahren im entwicklungspolitischen Kontext zu einem wichtigen Feld der Auseinandersetzung geworden. Sie versucht zu erklären, weshalb an verschiedenen Orten dieser Welt die Entwicklungszusammenarbeit solche Mühe hat, Fortschritte zu erzielen, die ihr anderswo gelungen sind. Meist geht es um Gebiete, wo die Staatlichkeit schwach ist, ihre Legitimität oft selbstverschuldet untergraben ist und verschiedene gesellschaftliche Konflikte das friedliche Zusammenleben oft akut bedrohen. Die OECD definiert Fragilität als die Häufung und die Kombination von Risiken, für welche der Staat, die politischen Systeme und/oder die Gemeinschaften zu wenige Ressourcen haben, um auf diese Risiken zu reagieren. (vgl. ausführlich Artikel von Verena Wieland)

Gesundheit und Friedensarbeit

Wichtig aber ist, dass die Arbeit in fragilen Kontexten – auch die Gesundheitszusammenarbeit – darauf ausgelegt sein muss, das in solchen Situationen oft drohende Abgleiten in einen bewaffneten Konflikt zu vermeiden. Es macht deshalb Sinn, beim Engagement in diesen gesellschaftlichen Zusammenhängen an Methoden der Friedens- und Konfliktbearbeitung anzulehnen (vgl. Artikel von Roswitha Koch). Richtschnur auch für die Gesundheitszusammenarbeit in fragilen Kontexten bildet der New Deal zur Arbeit in fragilen Staaten, der basierend auf verschiedenen Prinzipien Wege aufzeigt, wie Frieden und Staatlichkeit in diesen Kontexten aufgebaut und gestärkt werden kann.

Damit soll ein Weg eingeschlagen werden, der es zum Ziel hat, Stabilität zu schaffen. Ein zentraler Aspekt liegt in der Stärkung der Grundversorgung – etwa der Gesundheitsdienstleistungen – und vor allem der lokalen Gemeinschaften. Aus diesem Grunde haben wir gerade diesem Aspekt das MMS Symposium gewidmet.

Am Schlusspodium des MMS Symposium erörterten Lorenz Indermühle (Abteilungsleiter Amerika und Afrika beim SRK), Jacques Mader (Co-Leiter des Globalprogrammes Gesundheit der DEZA), Rosmarie Quadranti (Nationalrätin BDP und Co-Präsidentin der parlamentarischen Gruppe globale Gesundheit) und Jürg Utzinger (Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institutes, Swiss TPH) verschiedene Aspekte der Thematik.

Flexibilität braucht Verständnis

Für die in diesen Kontexten tätigen Podiumsteilnehmer besteht eine wesentliche Eigenschaft der Arbeit in den oft nicht voraussehbaren raschen Veränderungen der Situation. Die involvierten Organisationen und Institutionen benötigen deshalb einen hohen Grad an Flexibilität. Sie müssen darauf vorbereitet sein, Ziele und Budgets ständig anzupassen und die oft starren Grenzen zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit zu überwinden. Damit, so Lorenz Indermühle vom SRK, sei aber auch seitens der Geldgeber Flexibilität gefragt. Es gebe durchaus Stiftungen, die verstehen, dass Ziele kurzfristig angepasst und finanzielle und personelle Mittel anders eingesetzt werden müssten. Immer ist diese Einsicht jedoch nicht der Fall. Jacques Mader betont jedoch, dass es bei der DEZA durchaus ein wachsendes Verständnis für die notwendige Flexibilität gebe.

Nationalrätin Roswitha Quadrandi, Lorenz Indermühle (SRK), Jacques Mader (DEZA) und Jürg Utzinger (Swiss TPH) in der Debatte am MMS Symposium (Foto: Christoph Engeli / © MMS)

 

Mit der den fragilen Kontexten inhärenten Notwendigkeit der Flexibilität sind ergänzend das langzeitige Engagement und das Verfolgen einer langfristigen Vision verbunden, sagt Indermühle. Diese sind notwendig sowohl in der Zusammenarbeit mit den Gemeinschaften, als auch um Stabilität zu erreichen. Für das Schweizerische Rote Kreuz ist dies ein zentraler Aspekte des Lernprozesses: Ohne die Stärkung der Communities und ohne deren sorgfältige Anbindung an übergeordnete Systeme gibt es keinen Weg aus der Fragilität. Folgende Fragen müssen gestellt werden: Was ist die Gemeinschaft überhaupt? Wer gehört dazu? Welche Themen beschäftigt sie und welche dieser Themen können wir positiv beeinflussen? Wie können wir sie richtig verstehen und dann auch holistisch agieren? Und wie können wir sie ermächtigen, dass die begonnene Arbeit fortgesetzt wird, auch wenn wir nicht mehr begleitend vor Ort sind?

Lokal verankertes Wissen nutzen

Mit der letzten Frage ist die Nachhaltigkeit angesprochen, die auch Jürg Utzinger, den Direktor des Swiss TPH, beschäftigt. Er betont die Bedeutung der langfristigen Partnerschaften vor Ort, das Bauen auf lokal verankertem Wissen (vgl. dazu auch den Artikel von Maya Natarajan). Dies sind zentrale Faktoren, um Nachhaltigkeit zu schaffen und es sind zentrale Faktoren, die helfen, auch krisenhafte Situationen zu bewältigen. Denn es dürfe nicht vergessen werden, dass das Arbeiten in fragilen Kontexten auch immer mit Sicherheitsrisiken für das eigene Personal vor Ort verbunden sei.

Das Wissen darum, dass es insbesondere die Fragilität bezeichnende Faktoren sind, welche die Entwicklungsziele immer wieder in Frage stellen, hat dazu geführt, dass sich die Schweiz in ihrer ab 2017 laufenden Strategie der internationalen Zusammenarbeit (Botschaft) gerade auf diese Kontexte konzentriert. Die Arbeit in diesen Kontexten bietet einiges Potential, aber natürlich auch Risiken. Gemäss Jacques Mader von der DEZA, ist sich die DEZA dieser Risiken bewusst. Sie vereinigt innerhalb des Hauses sowohl die humanitäre Hilfe wie auch die klassische Entwicklungszusammenarbeit. In jüngster Zeit sei die Einsicht gewachsen, dass die unterschiedlichen Rollen einerseits klar definiert werden müssen, dass aber andererseits die Zusammenarbeit gestärkt werden müsse, um in diesen Kontexten Erfolge zu erzielen. Mit der neu in der Botschaft eingebundenen Abteilung für menschliche Sicherheit (AMS), werden zudem friedenspolitische Kompetenzen zugänglich, die eine grosse Chance bieten.

Politischer Umgang mit Risiken

Jacques Mader ist sich aber auch des Reputationsrisikos bewusst, das mit der Arbeit in fragilen Kontexten verbunden ist. Das Parlament unterstützt diesen strategischen Schwerpunkt der DEZA, in fragilen Kontexten tätig zu sein. Doch ist es auch bereit, die damit verbundenen Risiken zu akzeptieren? Nationalrätin Rosmarie Quadranti weist darauf hin, dass das Parlament auch gewünscht habe, dass die DEZA Bericht über ihre Misserfolge ablegen soll. Dies könnte dann positiv sein, wenn es darum gehe, zu lernen. Quadranti hegt jedoch den Verdacht, dass es gewissen Kräften im Parlament darum gehe, Material zu sammeln, um die Arbeit der DEZA politisch anzugreifen, was vor den andauernden Spardebatten rund um die Schweizer Entwicklungszusammenarbeit zu sehen ist.

Nationalrätin Rosmarie Quadranti fordert vor diesem Hintergrund, die in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit engagierten Organisationen und Institutionen auf, in einer klaren und verständlichen Sprache, über Erfolge und Schwierigkeiten zu sprechen.

Innovation

Die Arbeit in fragilen Kontexten ist nicht nur ein von Hoffnungslosigkeit gezeichnetes Unterfangen, sondern ist mit Innovationspotential verbunden, das auch die Politik interessieren könnte. Jürg Utzinger macht in der Debatte auf zwei Aspekte aufmerksam: Erstens könnten in der Prävention, durch die geschickte Wahl eines minimalen Paketes an Faktoren, ein social-media-basiertes Warnsystem entwickelt werden. Was benötigen wir an Beobachtungsgrundlagen, um Antworten für den lokalen Kontext anzubieten? Zweitens stellen sich in fragilen Kontexten auch Herausforderungen, die nach innovativen, einfach zu handhabenden Lösungen rufen. So werden für diesen Kontext schnelle Diagnoseverfahren (rapid diagnostics) entwickelt, die auch bei uns – etwa bei der Diagnose von ankommenden Flüchtlingen – genutzt werden könnten. Diese durch Investitionen in der Schweiz getätigte Forschung für extrem ressourcenschwache Weltgegenden kann eine „reverse innovation“ bringen, die auch für unser Gesundheitssystem von höchstem Interesse sein kann.

Martin Leschhorn Strebel

Martin Leschhorn Strebel is the director of the Network Medicus Mundi Switzerland.