Gesundheit in Krise und Konflikt

Ein Blick über die Grenze: Was heisst heute Hilfe?

Zeit der Katastrophe

Von Claudia von Braunmühl, Bettina Gaus, Cornelia Füllkrug-Weitzel, Katja Maurer, Martin Glasenapp & Thomas Gebauer

Spendenflut nach dem Tsunami, Kommerzialisierung der Barmherzigkeit, Aufgaben einer politisch intelligenten Hilfe…: Wir dokumentieren ein erfrischend offen geführtes Gespräch zwischen Fachleuten in unserem nördlichen Nachbarland. Das „Personal“ ist uns eher fremd, die angesprochenen Themen aber umso näher…

Auf die Flutwelle folgte die Spendenwelle. Niemals zuvor wurde so viel gespendet. Viele Religionen haben apokalyptische Visionen wie die Sintflut. Sind es diese archaischen Bilder, die die Spendenflut ausgelöst haben?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Es mag auch theologische Gründe geben. Viel handfester erscheinen mir aber andere Motive: Die Anwesenheit der Touristen, die uns die Katastrophe viel näher rückten. Man hatte das Gefühl, auch der eigene Nachbar hätte betroffen sein können. Die Medien: Das Leiden übermittelt sich im Gegensatz zu den humanitären Folgen von politischen und strukturellen Krisen ohne zeitliche Verzögerung, in Echtzeit sozusagen. Die Ohnmacht: Der Tsunami hat den Glauben daran, dass alles steuerbar sei, erschüttert. Gegen Ohnmachtsgefühle war Hilfsbereitschaft und Spenden eine Handlungsoption.

Thomas Gebauer: Gefühle von Ohnmacht waren sicher zentral. Die Ohnmacht rührte aus dem Erleben struktureller Nöte, wie dem Hunger, der in der Welt herrscht, der Umweltzerstörung, den Kriegen, die allgegenwärtig und bestens dokumentiert sind, aber so hilflos machen. Alle sind gegen Krieg und Elend, doch wirken sie fast schon wie eine zweite Natur. Im Falle der Flutkatastrophe konnte man dagegen endlich handeln. Insofern ist die Reaktion auf die Flut zwiespältig. Man hilft dort, wo das Helfen einfach erscheint, und rechtfertigt darüber, nichts gegen die strukturellen Katastrophen unternehmen zu müssen.

War dieser Wettbewerb um Spendeneinnahmen noch Ausdruck von Mitgefühl oder schon ein Ergebnis einer kommerzialisierten Hilfsindustrie?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ja, es ist eine Kommerzialisierung der Hilfsbereitschaft zu beobachten, die ich aber auch nicht per se schlecht finde. Man muss genau hinschauen, worin mögliche Gefahren liegen. Dass unter den Medien ein regelrechter Wettstreit darum entbrennt, wer mehr Spendengelder einnimmt, hat auch die Unternehmen auf den Plan gerufen. Die öffentliche Darstellung und Werbung mit der eigenen Hilfsbereitschaft ist eine neue Dynamik, deren Folgen man für die Zukunft gut bedenken muss. Aber es ist doch schön, dass endlich einmal ein Wettbewerb darüber stattfindet, dass jeder ein guter Mensch sein will.

Thomas Gebauer: Nichts gegen das Engagement von Menschen. Bleibt Hilfsbereitschaft aber auf einer ausschliesslich moralischen Ebene, ohne den politischen Kontext wahrzunehmen, in dem sie sich ereignet, wird Hilfe anfällig für vielfältige Formen von Missbrauch. Aus solcher Indienstnahme von Hilfe für eigennützige Zwecke resultieren grosse Probleme für die Hilfe selbst. Was geschieht, wenn sich die Spender nach einem Jahr verwundert die Augen reiben und feststellen, dass Hilfe für das Gegenteil dessen verwandt wurde, was sie eigentlich im Sinn hatten? Ich bin überzeugt, dass die Welt nicht an zuwenig Hilfe leidet, sondern an Verhältnissen, die immer mehr Hilfe nötig machen.

Erleben wir jetzt nicht, nach aller Euphorie über die nie dagewesene Spendenbereitschaft, dass die immense Hilfe mehr Schaden anrichtet als nutzt?

Bettina Gaus: Ich möchte die Menschen und ihre Hilfsbereitschaft nicht kritisieren. Zu kritisieren wären die, die professionell damit zu tun haben. Sie sind auf einer recht billigen Schiene des Mitleids gefahren, um Geld zu sammeln. Das hat Folgen. Jeder weiss, dass das Spendenvolumen ebenso wie die Mittel der Entwicklungshilfe begrenzt sind. Diese Spendenwelle wird dazu führen, dass weniger Spenden und weniger staatliche Gelder für andere gute und langfristige Arbeit in Krisen zur Verfügung stehen, wo die dramatischen Bilder fehlen. Warum kein Mitgefühl für den Kongo? Mehrere Millionen Menschen sind dort in den letzten Jahren infolge des Bürgerkriegs ums Leben gekommen.

Claudia von Braunmühl: Entscheidend ist, was Hilfsorganisationen unternehmen, um die Spendenbereitschaft der Menschen intelligent zu machen. Man sollte nicht immer nur die Konto-Nummer präsentieren. Es muss vielmehr darum gehen, die Menschen über die Art des Helfens zu informieren. Deutlich zu machen, dass nicht jede Hilfe wirksam und hilfreich ist. Ja, dass sie Schaden anrichten kann. Man sollte den Scheinwerfer besser auf die Arbeit der Hilfsorganisationen richten.

Wie kann dem Vermarktungsdruck begegnet werden, der die NGOs zwingt, immer suggestivere Bilder einzusetzen, anstatt die Komplexität der Hilfe darzustellen?

Bettina Gaus: Die Zweckbindung von Spenden erscheint mir als ein Problem: für Tsunami-Opfer, für Kinder, für Hungernde. Diese Zweckgebundenheit verhindert politisch intelligente Hilfe. Die defensive Haltung der Hilfsorganisationen führt dazu, dass jeder glaubt, Hilfe sei etwas, dass jeder, der gute Absichten verfolgt, einfach so vor sich hintun kann. Dabei handelt es sich doch um ein sehr komplexes, richtig kompliziertes Handwerk, was die, die es tun, professionell tun müssen. Solange ich mir aber jeden Abend in der Tagesschau des Volkes Stimme anhören muss, die erklärt, ich will aber sehen, dass meine Spende eins zu eins dort ankommt und nicht für Verwaltungskosten verwandt wird, so lange wird es schwierig mit einer wirksamen und intelligenten Hilfe.

Thomas Gebauer: Vielleicht ist es längst nicht mehr die Frage, inwieweit man sich den Marktmechanismen beugt und wo man sie kritisiert. Die Gefahr ist, dass gerade jene Hilfsorganisationen, die für ihr Handeln einen sozialen Rahmen herstellen, in ihrer Existenz bedroht sind. In der Europäischen Union ist unter dem Stichwort "Untying Aid" längst von einer weitgehenden Liberalisierung der Hilfe die Rede, um sie gänzlich den Marktmechanismen zu unterwerfen. Mit Macht drängen profitorientierte Unternehmen darauf, an den expandierenden Ausmassen der global geleisteten und zu leistenden Hilfe partizipieren zu können. Zug um Zug wird Hilfe zu einem ganz normalen Geschäft.

Cornelia Füllkrug-Weitzel:Diese Ökonomisierung geschieht auch mit der sozialen Arbeit im Inland.
Wenn die Spenderinnen und Spender jetzt kritisch nachfragen, was denn mit den Millionen passiert, droht den Hilfsorganisationen nicht dann der eigentliche Super-GAU?

Bettina Gaus: : Hilfe ist bereits ein ganz normales Geschäft. Die Schäden, die sie anrichten kann, sind für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung häufig grösser als ihr Nutzen. Das liegt daran, dass viele Akteure nicht international vernetzt sind. Und sie handeln wie im Computerspiel. Nach dem Motto, wir probieren mal etwas, mal sehen, ob es etwas nutzt. Manchmal erscheint die Hilfe umso sinnvoller, je weniger man davon versteht. Gegen den Bau einer Schule in einem Flüchtlingslager kann niemand etwas einwenden. Nur: Wenn das Flüchtlingslager ein Transitlager ist, dann hat die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Lager die entsetzliche Folge, dass die Leute dort bleiben, ohne eine dauerhafte Existenzperspektive zu haben.
Fragt sich nur, ob eine grössere Öffentlichkeit das weiss, bzw. ob sie es jetzt im Zuge der Hilfseinsätze nach dem Tsunami erfahren wird...

Cornelia Füllkrug-Weitzel:: ...Dagegen hilft nur, die Qualitätsunterschiede deutlich zu machen. Eine qualitativ sinnvolle und gute Hilfe braucht einen langen Atem, eine umfassende gesellschaftspolitische und ökonomische Analyse sowie deren Berücksichtigung. Sie bedarf der Menschen und Partner vor Ort, die selbst diese Hilfe steuern.

Thomas Gebauer: Das sehen wir bei medico genauso - und fügen hinzu, dass es darauf ankommt, genau diese Komplexität von Hilfe auch öffentlich herauszustellen. Dem Mythos des kompetenten weissen Helfers, der auf scheinbar völlig hilflose Opfer trifft, muss widersprochen werden. Er stimmt genauso wenig wie die weitverbreitete Vorstellung einer Hilfe, die überparteilich und neutral sei. Die Idee, Hilfe mische sich nicht ein und verfolge keine Interessen, stimmt einfach nicht. Das Problem beginnt ja schon mit der Frage, wer Hilfe erhalten soll und wer nicht. Schon das ist eine politische Frage. Und dennoch behauptete kürzlich der Bundesaussenminister, dass selbst die humanitäre Hilfe, die die Bundesregierung leistet, neutral sei. Unter solchen Umständen muss man sich nicht wundern, wenn nun alle ohne Rücksicht auf die politischen Rahmenbedingungen, ohne Analyse der Situation vor Ort und ohne Partner einfach "draufloshelfen". Von Qualität ist dann keine Rede mehr. Das ist übrigens auch das Problem der Partnerschaftsinitiativen. All die gutgemeinten Angebote von Schulen, Krankenhäusern, Städten werden eine Enttäuschung erleben, wenn sich herausstellt, dass von Neutralität und Interessenfreiheit keine Spur ist.

Claudia von Braunmühl: Der komplexe Kontext existiert nicht nur auf der Geberseite, sondern auch auf der Empfängerseite. Auch dort geht es um Macht bis hin zum Kampf um Geschlechterordnungen. Wenn einmal ein Lager eingerichtet wurde, dann finden massive Auseinandersetzungen und Gewalttätigkeiten insbesondere gegen die Frauen statt, so dass bereits die Einrichtung eines Lagers als eine höchst zwiespältige Hilfsmassnahme zu betrachten ist.

Bettina Gaus: Nehmen wir nur die Situation in Aceh. Das Dilemma dort ist doch kaum aufzulösen. Die Bevölkerung erhofft sich von der internationalen Präsenz Schutz vor dem entfesselten Militär. Die Hilfsorganisationen stehen jedoch in jedem Fall vor der Frage, ob sie den Machtmissbrauch der Militärs öffentlich machen oder nicht, weil sie fürchten, ihre Quelle zu verraten und zu gefährden. Die Militärs sind den ausländischen Organisationen dankbar, denn sie sorgen mit ihrer Hilfe für Ruhe und Ordnung…

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Gerade wegen dieser Dilemmata in komplexen Situationen sind manche mit grossem moralischen Pathos vorgetragenen Schuldzuweisungen oder Forderungen nach klaren Positionierungen ethisch oft nicht so wertvoll, wie sie scheinen. Man behauptet, man wisse einen Weg aus den Dilemmata, und sammelt doch vor allen Dingen mit diesen einfachen Lösungen viel Geld. Leider kommen diese Auftritte auch bei einem politisierten, kritisch denkenden Publikum sehr gut an. Auch wenn solche schlichten Zuspitzungen mit einer kritischen Öffentlichkeitsarbeit, wie wir sie hier fordern, nichts zu tun haben. Humanitäre und Entwicklungshilfe ist kompliziert und sie steckt voller moralischer Dilemmata. Vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes beanspruchen wir nicht – und müssen es darum auch nicht behaupten –, nur das Reine, Richtige und Gute zu tun. Wir sind uns darüber bewusst, dass wir Fehler machen und politisch missbraucht werden, so sehr wir uns um Qualität und wirkungsvolle Hilfe bemühen mögen. Hilfe, die sich dieser Komplexität stellt und sie auch offen anspricht, ist absolut sinnvoll. Ganz im Gegenteil zu den "reinen" Lösungen, die sich häufig als Lösungen mit dem "Holzhammer" erweisen.

Die entscheidende Frage ist nach wie vor, wie wird geholfen. Im Falle des Tsunami wird unsere Hilfe soweit nur irgend möglich über lokale Partner geleistet. Unsere eigene Präsenz vor Ort ist so klein wie möglich und damit auch unsere Manipulierbarkeit durch Regierungen und Militär. Unsere Partner vor Ort, darunter auch Menschenrechtsorganisationen, die wir zum Teil seit Jahrzehnten kennen, wissen, wie die Hilfe so zu gestalten ist, dass sie nicht von Machthabern umgewidmet, missbraucht oder instrumentalisiert werden kann. Deshalb müssen sie in der Analyse der Situation und in der Bestimmung des Bedarfs absoluten Vorrang haben.

Ist es wirklich so schwierig, die verschiedenen Interessenslagen vor Ort darzustellen und aus dieser öffentlichen Diskussion einen Steuerungsmechanismus zu entwickeln, damit die ungeheure Hilfsbereitschaft sich auch sinnvoll niederschlägt?

Thomas Gebauer: Unsere Partner aus Sri Lanka erzählen folgendes: Viele Organisationen seien ins Land gekommen und haben alle dieselben Floskeln benutzt: Ownership, Partizipation, Partnerorientierung. Sie taten so, als würden die lokalen Partner über ihre Arbeit selbst bestimmen. Aber dann kam die Forderung, dass sie alle Bauprojekte durchführen sollten, damit man etwas sieht, damit man die Ergebnisse den Gebern und Spendern sichtbar machen kann. Aber keiner war bereit, die Handykosten zu finanzieren. Dabei war das Handy absolut notwendig, um dort zu agieren und die Aktivitäten zu koordinieren. Wenn man so will: die Grundlage für Ownership und Partizipation.

Bettina Gaus: Da beisst sich die Katze in den Schwanz. So lange sich die Organisationen nicht einigen und gegen die scheinbare Vernunft der Spender agieren, die am liebsten Patenschaften für ein Kind übernehmen würden, so lange werden die Handykosten nicht übernommen. Solange die Organisationen nicht anfangen zu sagen: Verwaltungskosten sind nötig, es gibt Missbrauch von Hilfe, trotzdem müssen Handykosten bezahlt werden, und lieber Spender, ihr müsst nicht immer etwas sehen. Solange das nicht auch in die grossen Medien kommuniziert wird, solange wird es schwierig für alle, die es anders machen.

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Im Gegensatz zu allem, was wir bislang erlebt haben, ist die Tsunami-Katastrophe mit den üblichen Mechanismen und Arbeitsformen nicht zu bewältigen. Sehr viel Geld muss in sehr kurzer Zeit umgesetzt werden. Das ist sehr schwierig und führt zu einer harten Konkurrenz der Organisationen um Partner, Projekte und lokale Mitarbeiter, die einander und der lokalen Zivilgesellschaft abgeworben werden. Jede humanitäre Hilfsorganisation steht unter dem Zwang, die Gelder in zwei Jahren umsetzen zu müssen. Was zu einer irrationalen Ausgabenpolitik führt.

Bettina Gaus: Wäre es nicht an der Zeit, eine Kampagne gegen die Zweckgebundenheit von Spenden zu führen? Die Spender sollten sich für eine Organisation entscheiden und, wenn eine Katastrophe ihr Mitgefühl weckt, dann auch dieser Organisation das Geld geben.

Cornelia Füllkrug-Weitzel:Aber der Trend ist doch genau umgekehrt. Wir können uns nicht dagegen zur Wehr setzen, dass die Welt ein globales Dorf geworden ist und dass darin gerade die Menschen, die über Geld verfügen, sehr mobil sind. Dazu gehört auch, dass eine globale Kommunikation existiert, in der man sich direkt verständigen kann. Daraus entsteht der Trend, dass man keine Organisation mehr unterstützt, sondern sein Geld am liebsten noch selbst hinbringt.

Thomas Gebauer: Nun haben wir gerade jetzt eine neue Situation. Denn die vielen Kommunen, Institutionen, Einrichtungen, die gern eine dauerhafte Partnerschaft eingehen würden, sind an einer langfristigen Kooperation interessiert. Ich frage mich, ob es gelingen kann, diese Bereitschaft im Sinne einer intelligenten Hilfe nutzbar zu machen. Wäre es nicht sogar möglich, das darin aufscheinende Bewusstsein von globaler Verantwortung auf andere Probleme umzulenken, statt nur auf diese – zynisch gesprochen – überfinanzierte Tsunami-Katastrophe?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Ich fürchte, die Menschen haben eine andere Vorstellung von Langfristigkeit. Wir verstehen darunter Strukturhilfe, Prozesse, die zur nachhaltigen Verbesserung der Menschenrechts-, der ökonomischen und sozialen Lage der Menschen führen. Viele Interessenten an Partnerschaften verstehen darunter den Kauf von Fischerbooten. Das ist höchstens mittelfristig.

Claudia von Braunmühl: Sollte man nicht so etwas wie einen Nach-Tsunami-Watch organisieren, der kontinuierlich von den Dilemmata und Schwierigkeiten berichtet?

Thomas Gebauer: In der Tat haben uns die Partner aus Sri Lanka und Indien genau dies vorgeschlagen. Aber es ist sehr aufwändig und kostet viel Geld. Denn es bedeutet zu recherchieren: Wie wird mit den Mitteln umgegangen? Kommen sie denen zugute, die ihrer bedürfen? Was für politische Konsequenzen resultieren aus dem Post-Tsunami-Geschehen? Wir haben bereits beschlossen, das zu unterstützen.

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Eine öffentliche Evaluation des Tsunami-Geschehens müsste sehr sorgfältig und differenziert auch die Handlungszwänge darstellen, sonst könnte sie verheerende Folgen haben und zu einer totalen Spendenmüdigkeit führen. Denn gerade in dieser Katastrophe waren viele ungewöhnliche und neue Faktoren wirksam, die dazu beitragen werden, dass vieles vermutlich schlecht laufen wird.

Thomas Gebauer: Evaluationen, wie sie bislang stattfinden, geschehen immer aus der Perspektive der Geber. Finanzgeber fahren hin und schauen, wie sich das Projekt entwickelt hat. Das ist eine sehr einseitige Perspektive. Der Post-Tsunami-Watch, den wir mit unseren Partnern aus dem People's Health Movement in Indien und Sri Lanka begonnen haben, ist weitaus ambitionierter. Er geschieht aus der Sicht der Betroffenen. Und er wird sich in einem globalen Nord-Süd-Netz bewegen, zu dem indische genauso wie südafrikanische, lateinamerikanische oder deutsche Initiativen gehören.

Geht es nicht, auch im Sinne der Unterscheidbarkeit, vielmehr um eine Politisierung der Hilfe, die dann auch mit den geeigneten Mitteln besser in der Öffentlichkeit kommuniziert werden müsste?

Cornelia Füllkrug-Weitzel: Einverstanden. Nur: Wenn meine Fundraiser frisch von einem Seminar über gutes Spendensammeln kommen, bringen sie eine ganz andere Vorstellung von Kommunikation mit der Öffentlichkeit mit als die, die wir hier diskutieren. Wir müssten bei den Fundraising-Akademien anfangen, die geradezu apodiktisch verkünden, wie "professionelles Spendensammeln" auszusehen hat. Diese Strategien haben mit der Vermittlung von dem komplizierten Unterfangen der Hilfe nichts zu tun. Sie betreiben immer eine Antiproblematisierung.

Thomas Gebauer: To keep the story simple. Und positiv muss sie sein. Das ist die gängige Strategie des Geldsammelns. Gerechtigkeit verkümmert zur "guten Tat" und die tröstet dann über den Mangel an Gerechtigkeit hinweg. Ich glaube, wir müssen deutlich machen, dass die Hilfe allein die Not nicht beseitigen kann, sondern nur ein Element unter vielen Handlungsformen sein kann, um die Welt zu verändern. Soweit ich sehe, ist doch unser gemeinsames Ziel, die Hilfe entbehrlich zu machen.

*Bettina Gaus ist Journalistin, Cornelia Füllkrug-Weitzel Direktorin von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, Claudia von Braunmühl Sozialwissenschaftlerin und Honorarprofessorin für Internationale Politik an der FU Berlin und Thomas Gebauer Geschäftsführer von medico international. Das Gespräch führten Katja Maurer und Martin Glasenapp Anfang Februar 2005 in Berlin. Quelle: medico international, Rundschreiben 01/05: Zeit der Katastrophe. Was heisst heute Hilfe? Ungekürzte Originalfassung: www.medico.org. Mit bestem Dank an medico international für die Abdruckerlaubnis.