Medizinethnologische Forschungsergebnisse aus Lateinamerika

Patientenverhalten und Kultur

Von Bernhard Wörrle

Warum nutzt die Bevölkerung das medizinische Angebot des dörflichen Gesundheitszentrums so selten? Wieso wird manchmal mit dem Arztbesuch so lang gewartet, bis eine Krankheit kaum noch heilbar ist? Weshalb bringen Eltern ihre Kinder nicht zum Impfen? Vor allem wenn es sich um Indianer handelt, führen Ärzte und andere Vertreter des offiziellen Gesundheitswesens in Lateinamerika solche Verhaltensweisen gerne auf die „Mentalität“ oder „Kultur“ zurück. Auch Mitarbeiter von internationalen Organisationen, die im Gesundheitssektor tätig sind, gehen häufig davon aus, dass kulturspezifische Krankheitskonzepte ein Hindernis für die Inanspruchnahme der westlichen Medizin darstellen. Tatsache ist: Unter der indianischen und mestizischen Bevölkerung Lateinamerikas sind Krankheitserklärungen wie Schadenszauber, ein gestörtes Gleichgewicht von Heiss und Kalt oder der Raub von Lebenskraft durch Geister weit verbreitet. Aber verhindern solche Konzepte wirklich, dass man im Krankheitsfall den Arzt aufsucht? – Neuere medizinethnologische Forschungen in unterschiedlichen Regionen Lateinamerikas ergeben ein differenzierteres Bild.

Für ein „von Gott geschicktes Übel“ ist der Arzt zuständig

Traditionelle Krankheitskonzepte können auch auf die westliche Medizin verweisen. Ein Beispiel aus dem Andenraum ist das mal de dios: Für ein „von Gott geschicktes Übel“ – so die sinngemässe Übersetzung – ist nämlich prinzipiell der Arzt zuständig. Je nach Region handelt es sich dabei entweder um eine bestimmte, ursprünglich aus Europa eingeschleppte Infektionskrankheit wie Grippe, Typhus, Pocken, Masern usw. Oder die Bezeichnung wird ganz pragmatisch auf jede beliebige Krankheit angewendet, bei der sich traditionelle Methoden als wirkungslos erweisen.

Auch bei Krankheitserklärungen wie Schadenszauber oder Geistern ist ein Besuch beim Arzt nicht ausgeschlossen. Der Rekurs auf die westliche Medizin ist dann allerdings fast immer eingebettet in eine parallel stattfindende traditionelle Heilbehandlung. Oder man nimmt zuerst das eine, später das andere medizinische System in Anspruch. Bei länger andauernden Beschwerden wechseln die Patienten häufig sogar mehrmals zwischen den Systemen hin und her. Als erstes wird dabei in der Regel auf die Hausmedizin zurückgegriffen. Das können Heilkräuter, einfache Reinigungsrituale oder auch westliche Medikamente aus der Apotheke sein. Wird das Leiden dadurch nicht gelindert, folgt beispielsweise ein Besuch beim Arzt. Stellt sich auch dann noch keine Besserung ein, wird ein traditioneller Heiler aufgesucht. Danach folgt möglicherweise ein Besuch im Krankenhaus, anschliessend ein weiteres Heilungsritual. Diesen Systemwechseln geht manchmal eine Veränderung der Ätiologie voraus: Zum Beispiel kann ein Schadenszauberfall nach einer erfolglosen Behandlung durch einen traditionellen Heiler zum mal de dios mutieren und so zu einer Krankheit werden, für die nun der Arzt zuständig ist.

Eine solche Neudefinition der Krankheitsursache ist aber keine notwendige Vorbedingung für den Wechsel von der traditionellen zur westlichen Medizin. Krankheitserklärungen wie Schadenszauber oder Geister sind in Bezug auf die Therapie nämlich nicht exklusiv: Sie legen zwar nahe, einen traditionellen Spezialisten aufzusuchen, der diese Ursachen gezielt mit einem Heilungsritual bekämpft. Damit wird jedoch nicht ausgeschlossen, dass man zur Linderung der körperlichen Folgen zusätzlich einen Arzt aufsucht. Auf der symptomatischen Ebene gilt der Arzt vielfach sogar als effektiver. Trotzdem kann der Arzt – aus der indianischen Perspektive gesehen – den traditionellen Heiler nicht ersetzen: Die tieferen Ursachen der Krankheit, die für eine nachhaltige Heilung beseitigt werden müssen, kann nur der Letztere erkennen. Das Verhältnis von traditionellen Heilern und westlichen Ärzten wird als Ergänzung, nicht als Konkurrenz verstanden.

Kulturelle Hindernisse? - oft ein analytischer Kurzschluss

In vielen Fällen werden Krankheitskonzepte überhaupt erst relevant, wenn die Erkrankung länger dauert. Bevor man nach den Ursachen und der genauen Beschaffenheit der Krankheit fragt, versucht man die Symptome zu bekämpfen. Die Entscheidung, welche medizinische Möglichkeit man dafür wählt, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Verfügbarkeit: Das Heilmittel beziehungsweise die medizinische Einrichtung muss bezahlbar und in einer angemessenen Zeit erreichbar sein. Beides spricht nicht zwangsläufig gegen die westliche Medizin: Der Weg zu einem traditionellen Heiler ist unter Umständen weiter als der zum nächstgelegenen Gesundheitsposten, und die Behandlung durch den Heiler kostet möglicherweise mehr als ein Besuch im Gesundheitszentrum. Aber selbst wenn die staatliche Gesundheitsversorgung für die lokale Bevölkerung gratis ist, kann sie im konkreten Fall zu teuer sein: Öffentliche Krankenhäuser und Gesundheitszentren sind in Lateinamerika oft so schlecht ausgestattet, dass die Patienten nicht nur für Röntgenaufnahmen und Laborbefunde an private Institute überwiesen werden, sondern auch Medikamente, Verbandsmaterial, Spritzen, Fäden etc. selbst besorgen müssen. Die damit verbundenen Kosten reichen in vielen Fällen bereits aus, um die westliche Medizin zu einer rein theoretischen Option zu machen.

Vorerfahrungen: Dazu gehört zuallererst das aus eigener Erfahrung oder vom Hörensagen stammende Wissen um vergangene Heilerfolge. Was bei den gleichen oder ähnlichen Beschwerden bereits einmal geholfen hat, wird höchstwahrscheinlich wieder helfen. Doch die Wirksamkeit ist nicht das einzige und auch nicht unbedingt das oberste Kriterium. Bei der Entscheidung zwischen verschiedenen medizinischen Einrichtungen spielt auch die Erfahrung, wie man dort als Mensch behandelt wird, eine zentrale Rolle. Die Gründe, aus denen in Nord-Ecuador befragte Patienten die Ärzte eines indianisch verwalteten Gesundheitsprojekts dem öffentlichen Krankenhaus vorzogen, waren ausser den niedrigeren Kosten: kürzere Wartezeiten, verständlichere Erklärungen, eine respektvollere Behandlung und mehr Geduld.

Soziale Gründe: Traditionelle und westliche Medizin werden häufig unterschiedlichen sozialen Klassen zugeordnet. Den höheren gesellschaftlichen Status geniesst dabei die Letztere. Die Entscheidung, zum Arzt zu gehen, hat deshalb unter Umständen weniger mit bestimmten medizinischen Überzeugungen als mit Prestige zu tun. Die Verbindung von westlicher Medizin und oberen Gesellschaftsschichten kann sich allerdings auch umgekehrt auswirken: In Bolivien manifestiert sich die Erfahrung gesellschaftlicher Ungleichheit seit der Kolonialzeit in Geschichten über Weisse, die mit indianischem Blut und Fett Geschäfte machen. Zum Kreis der Verdächtigen gehören häufig auch westliche Ärzte. Diese Vorstellung macht das Krankenhaus für indianische Patienten vielfach bedrohlicher als die Erkrankung, unter der sie leiden.

Der Nutzung westlich ausgerichteter Gesundheitseinrichtungen stehen also insbesondere die folgenden Faktoren entgegen:

  • schlechte Ausstattung und unzureichende Qualität
  • zu hohe Kosten
  • schlechte Vorerfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich: Unverständnis, Rassismus, lange Wartezeiten usw.
  • extreme gesellschaftliche Ungleichheit („interner Kolonialismus“).

Traditionelle Krankheitsvorstellungen dagegen sind kein Hindernis: Wie man gesehen hat, lassen sie den Menschen durchaus die Möglichkeit, auch auf die westliche Medizin zu rekurrieren, wenn diese sich als wirkungsvoll erweist. Voraussetzung ist: sie ist tatsächlich zugänglich, und ihre Vertreter – Ärzte, Krankenschwestern usw. – nehmen die Sorgen und Nöte indianischer Patienten wirklich ernst, was auch bedeutet, den parallelen Rekurs auf traditionelle Heiler zu akzeptieren. Die Verantwortlichen staatlicher und nicht-staatlicher Gesundheitsprojekte sind gut beraten, bei Akzeptanzproblemen zunächst diese von ihnen steuerbaren Faktoren genau zu überprüfen. Eine vorschnelle Erklärung mit Kultur lenkt in der Regel nur von den eigentlichen Problemen ab.

*Dr. Bernhard Wörrle unternahm mehrere Feldforschungen in Ecuador und Nord-Kolumbien zu interethnischen Heilerbeziehungen, Schamanismus, Patientenverhalten im medizinischen Pluralismus sowie zur kulturellen Bedeutung von Salz. Derzeit ist er ethnologischer Berater eines deutschen Pilotprojekts zur Umsetzung der UN-Konvention über die biologische Vielfalt im Amazonastiefland Ecuadors („ProBenefit“). Kontakt: bernhard_woerrle@gmx.de

Neuere Literatur zum Thema:

  • Hörbst, Viola: Heilungslandschaften. Umgangsweisen mit Erkrankung und Heilung bei den Cora in Jesús María, Mexiko. Münster, 2006 (LIT; im Erscheinen).
  • Knipper, Michael: Krankheit, Kultur und medizinische Praxis: Eine medizinethnologische Untersuchung zu „mal aire“ im Amazonastiefland von Ecuador. Münster, 2003 (LIT).
  • Koss-Chioino, Joan D. / Leatherman, Thomas / Greenway, Christine (ed.): Medical Pluralism in the Andes. London, New York 2003 (Routledge).
  • Wörrle, Bernhard: Heiler, Rituale und Patienten. Schamanismus in den Anden Ecuadors. Berlin 2002 (Reimer).
  • Wörrle, Bernhard: Lateinamerika – Patienten und Heiler zwischen den medizinischen Systemen. In: Curare 27 (1+2), 2004: 115-127.