„Andere verstehen und ihre Rechte anerkennen…“

Weltbild, Menschenrechte und Gesundheit

Von Mark Ita

Das Recht auf Gesundheit – das Recht auf den „bestmöglichen Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ – ist ein Heilsversprechen, das in religiöse Tiefen hinein reicht. Public Health, die auf einem so breiten Verständnis fusst, ist aufgefordert, ihren praktischen Beitrag an eine bessere Welt deutlich zu fassen, um sich nicht in der Weite des Unfassbaren zu verlieren. Es bedarf dazu weder neuer Moral-Appelle in Form zusätzlicher Erklärungen und Vereinbarungen noch der filigranen „Intersektoralität“ zwischen den Institutionen. Vielmehr braucht es ein tieferes gemeinsames Verständnis der komplexen Zusammenhänge der Welt, in der wir leben und die wir laufend schaffen, von dem sich unser tägliches praktisches Handeln nährt.

Der französische Denker Edgar Morin (1) hat 1999 im Auftrag der UNESCO eine kleine Schrift verfasst mit dem Titel „Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung der Zukunft“ (2). Damit hat die UNESCO an ihrer 30. Generalversammlung zu einer grundlegenden Reflexion über den Umgang mit Wissen und die Grundlagen des menschlichen Denkens und Handelns eingeladen – einer Reflexion, welche auch die Disziplin Public Health und ihr Weltbild beleben soll.

Kern der Thesen Morins ist das Verstehen des Menschen als Individuum, als gesellschaftliches Wesen und als Gattung auf dem Planet Erde – als Gattung in seiner physischen, biologischen, seelischen, kulturellen und geschichtlichen Bedingtheit. Der Mensch ist nicht nur durch die äusseren materiellen Dinge bestimmt, sondern massgeblich von seinen subjektiven Energien – seinen Instinkten, Ängsten, Vorstellungen, Sehnsüchten und Intuitionen; damit gestaltet er die Welt, die wiederum ihn formt.

Ein Haupthindernis zum tieferen Verständnis dieser Zusammenhänge ist unser fragmentiertes Wissen, das wir in Disziplinen, Institutionen und Berufsstände organisieren und hüten. Die Menschen neigen dazu, sich mit Wissensfragmenten zu identifizieren und dabei den gemeinsamen Grund und den Sinn für das Verbindende zu verlieren. Mit seinen Überlegungen zum „komplexen Denken“ sucht Morin unser Bewusstsein als planetarische Wesen zu wecken, sowie auch die Neugier, die Welt in ihren subjektiven und objektiven Erscheinungen zu ergründen und als Ganzes zu erfahren.

Aus diesem Verständnis heraus ergibt sich die Notwendigkeit einer irdischen Identität und einer damit verbundenen Ethik, welche unser Entscheiden bestimmt.

Edgar Morin fordert uns auf – wie andere „cutting-edge“ Denker der heutigen Zeit auch (3) – uns laufend und aktiv mit den Weltbildern, die uns bestimmen, und dem Bewusstsein, wie sie entstehen und sich entfalten, auseinanderzusetzen. Das ist keine leichte Aufgabe - aber hundert Jahre nach Freud und Einstein, angesichts der atemberaubenden Entwicklung unserer Welt und der wachsenden Hilflosigkeit ein Gebot der Vernunft!

Auch für Public Health, die sich als massgebende Hüterin des Weltwohls zu verstehen scheint, ist es an der Zeit, sich mit ihren weltanschaulichen Grundlagen zu beschäftigen. Die formale Abstützung auf die Präambel der WHO-Satzung von 1946 und auf die weiteren institutionellen Erklärungen, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfolgten (Alma Ata, Ottawa), genügt nicht.

Eine Besinnung auf die Bedeutung und den Kontext von Gesundheit im Leben tut not. Heute besteht die Tendenz, nicht zuletzt im Zuge der „Advocacy“ für die Gesundheit, die komplexe Interdependenz des Lebens einseitig auf die Gesundheit zu reduzieren: Menschenrechte sind ein Gesundheitsproblem, wie auch die Erziehung und die Sicherheit. Diese Überdehnung kann so zu seltsam platten Feststellungen führen, wie „Gewalt und Folter sind gesundheitsschädigend“, „Atomwaffen schädigen die Gesundheit“ (!).

Es ist offensichtlich, dass ein enger Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit, Glück und Gesundheit besteht. Betrachtet man die Beziehungen dieser Werte und Wunschvorstellungen fragmentiert als solche der Domänen des „Rechts“, der „Seelsorge“ (Religion oder Psychologie) und der „Medizin“ und ordnet man sie streng verschiedenen Institutionen und Organisationen zu, so erstaunt nicht, dass sich erhebliche „Schnittstellenprobleme“ aufdrängen.

Steigt man jedoch in die Tiefe des Lebens und sucht man das verbindende Prinzip, ist zu entdecken, dass der Zusammenhang von Gerechtigkeit, Glück und Gesundheit vielmehr im grossen ethischen Grundsatz des Respekts allen Lebens und des Mitgefühls mit allen Lebewesen zu finden ist – einem Grundsatz, wie er in allen Kulturen seit Tausenden von Jahren verwurzelt ist. Statt diesem Urgrundsatz des Lebens zu dienen und daraus Kraft und Sinn zu gewinnen, etabliert sich der Begriff „Gesundheit“ als eigenständiger Wert und verkürzt die Würde und den Sinn des Lebens auf ein „Recht auf Gesundheit“. Die ganze Existenz droht als Funktion der „Gesundheit“ definiert und damit „medikalisiert“ zu werden. Überspitzt lässt sich feststellen, dass mit dem „salutogenetischen“ Ansatz gar das Leben an sich in eine „Ressource“ der „Gesundheit“ verkehrt wird.

Die Probleme der heutigen Welt liegen nicht in der fehlenden Verbriefung von Rechten, nicht in ungenügenden Moralregeln oder an deren mangelnder Verknüpfung. Diese Grundlagen wurden im Wesentlichen bereits in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776, der eleganten Urerklärung der modernen Menschenrechtsbewegung, unmissverständlich und umfassend gelegt:

“We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”

Das Problem liegt in der Tatsache, dass es nach wie vor Menschen gibt, die, trotz des seit Jahren etablierten Rechts und eindeutiger Verbote, danach trachten, andere Menschen zu demütigen, zu verletzen und zu vernichten – so gesundheitsschädigend das auch ist. Darunter befinden sich auch Träger staatlicher Gewalt von demokratisch legitimierten Staaten, welche die Menschenrechte als Fundament ihres Selbstverständnisses hochhalten. Ein Blick in die Tageszeitung, in die Berichterstattung von Amnesty International oder auch nur ein aufmerksamer Gang durch die eigene Nachbarschaft bestätigen dies nur zu deutlich.

Die Herausforderung ist nicht „more of the same“, sondern zu ergründen, welche Lebensbedingungen es für wen in dieser Welt braucht, damit sich gesunde Vorstellungen und Einstellungen entwickeln, die ein gesundes Zusammenleben ermöglichen. Dazu gehört auch die Einsicht, dass heute nicht Erklärungen für mehr Rechte und Unabhängigkeit vordringlich sind, sondern das Gebot die Interdependenz allen Lebens auf diesem Planeten in ihrer Begrenztheit zu erkennen – und damit den Kontext des menschlichen Lebens und der Gesundheit.

Public Health, meine ich, sollte sich vom abstrakten und kaum noch fassbaren Supersubstantiv „Gesundheit“ verabschieden und sich stattdessen auf das Eigenschaftswort „gesund“ besinnen, das seinen Sinn erst in Verbindung zum beschriebenen Objekt entfaltet: „gesundes“ Wahrnehmen, „gesundes“ Denken, „gesunde“ Einstellung, „gesunde“ Lebensbedingung. „Gesund“ erhält hier seine ursprüngliche Bedeutung zurück: „stark“, „kräftig“, „vital“.

Die Aufgabe, zur Besserung der Welt beizutragen, ist dann nicht mehr Sache der „Gesundheit“ und der damit befassten Berufsgruppe oder Institution. Sie wird das tägliche Anliegen jedes Menschen, unabhängig von seinem beruflichen oder institutionellen Hintergrund. Wir alle haben uns täglich zu fragen, was wir in unserem Alltag im Grossen und im Kleinen zu tun haben, um zu den Grundbedingungen gesunden Lebens beizutragen. In diesem Kontext kann sich Public Health entspannen und sich wieder als greifbare Disziplin positionieren.

Damit kommen wir zum Grundanliegen von Edgar Morin zurück: Was braucht es, dass die Menschen soweit kommen? Verstehen als kontinuierlicher Prozess, Achten des Gegenübers und Mitgefühl mit dem Leben. Wichtig dafür ist der gesunde Austausch zwischen Menschen – der Dialog.

Edgar Morin äussert sich hierzu pessimistisch in einem Interview mit der UNESCO-Zeitschrift „The New Courier“ (4) vom Januar 2004. Auf die Frage, wie wir dafür kämpfen können, dass der Dialog zwischen Menschen möglich wird, antwortete er: „Mit Worten, Intelligenz und Gewissen. Wir kennen die Grundsätze, die wir achten müssen: andere verstehen und ihre Rechte anerkennen. Es gibt Zeiten, wie die unsrige, in denen sehr wenig Dialog möglich ist. Ich denke, wir gehen einer dunklen Zeit entgegen.“

Es ist an uns, Licht in diese düstere Perspektive zu tragen!

*Mark Ita arbeitet als selbständiger Rechtsanwalt und Organisationsberater in Bern. Seine Spezialgebiete sind das Gesundheitswesen/Public Health sowie die Beziehungen in und zwischen privaten und öffentlichen Organisationen. Er lebt mit seiner Familie in Hinterkappelen.

Anmerkungen:

1. Edgar Morin ist emeritierter Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris und UNESCO Lehrbeauftragter für Komplexes Denken

2. Edgar Morin, Die sieben Fundamente des Wissens für eine Erziehung, Krämer 2001 (ISBN 89622-043-8)

3. So zum Beispiel Ken Wilber, Don Beck, Howard Bloom

4. www.unesco.org/courier/