Vertrieb von Strassenmedikamenten im westafrikanischen, städtischen Kontext

Carton Tigi

Von Sibylle Bihr / SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz

In einer ethnologischen Feldforschorschung ist Sibylle Bihr der Frage nachgegangen, warum die sogenannten Strassenmedikamente Bobo-Dioulasso, Burkina Faso so populär sind und welche Problematiken durch einen solchen Medikamentenvertrieb entstehen. Die Studie wurde 2004/2005 in der zweitgrössten Stadt des Landes als selbstständige Feldforschung geplant, durchgeführt und analysiert und beruht auf Interviews und informellen Gesprächen mit Verkäufern, PatientInnen und Fachleuten. Ausserdem fanden Gruppendiskussionen statt und direkte Beobachtungen des Strassenverkaufs und des PatientInnenverhaltens anhand von Fallstudien.

Schlendert man durch die Quartiere der rund 400‘000 Einwohner grossen Stadt Bobo-Dioulasso, so sieht man relativ häufig Kartonschachteln voll mit westlichen Medikamenten, welche von Verkäufern (ausschliesslich Männer) auf der Strasse, in den Wohnhöfen oder auf Quartiersmärkten angeboten werden. Es ist auffallend, wie häufig und offenkundig in Bobo-Dioulasso Medikamente von Laien vertrieben werden und wie selbstverständlich die ganze Bevölkerung von diesem Angebot Gebrauch macht.

Im Zeitalter der Globalisierung gelangen moderne, westliche Medikamente – losgelöst von biomedizinischen Einrichtungen – in grossen Mengen in Entwicklungsländer, sowohl in Städte als auch in Dörfer. Gegenüber den traditionellen Heilmitteln gelten sie unter der Bevölkerung als handlicher und schneller wirksam. Ihre Herkunft aus der „modernen“ Welt impliziert Fortschritt und Qualität. Sie werden Strassenmedikamente genannt, da sie auf nicht offiziellem Weg und von Laien angeboten werden. Dadurch sind oft weder ihre Inhaltsstoffe noch Herkunft, Dosierung oder Ablaufdatum bekannt, zudem sind sie oft schlecht verpackt und der Sonne ausgesetzt. Unterschätzt und übersehen werden zudem ihre chemischen Substanzen, welche die Fähigkeit haben, die Beschaffenheit, Zustände oder Funktionen des Körpers zu beeinflussen und je nach Dosierung eine therapeutische oder toxikologische Wirkung zu entfalten.

Gesundheitsversorgung und Medikamentenangebot vor Ort

Staatliches Gesundheitszentrum: Bobo-Dioulasso ist in 25 Quartiere eingeteilt. In jedem Quartier gibt es ein staatliches Gesundheitszentrum, welches Konsultationen anbietet und über eine Generika-Abgabestelle verfügt. Die Generika, meist indischer Herkunft, werden aufgrund des Rezeptes oder der Empfehlung des Arztes in durchsichtige Plastiksäckchen abgepackt und an die PatientInnen abgegeben. So können auch kleine Mengen an Tabletten abgegeben werden. Die Preise sind staatlich festgelegt.

Private Apotheken: In der Stadt gibt es ausserdem knapp 30 private Apotheken, welche importierte Produkte verkaufen. Dadurch ist der Preis für diese Originalmedikamente für burkinabische Verhältnisse relativ hoch.

Spital: Die Gesundheitsversorgung in der Stadt wird neben wenigen privaten Kliniken durch ein öffentliches Spital ergänzt.

Traditionelle Heilpflanzen: Überdies darf das Angebot an Heilpflanzen nicht vergessen werden. Meist ältere Frauen bieten auf den Quartiersmärkten Bündel mit getrockneten Heilpflanzen an, welche in heissem Wasser zubereitet und dann getrunken oder für eine Dusche genutzt werden können. Vereinzelt findet man auch Läden mit Pülverchen und Tabletten, hergestellt aus afrikanischen Heilpflanzen, in konzentrierter Form und mit Angaben zur Dosierung.

Strassenmedikamente: Ebenfalls zur Gesundheitsversorgung mitgezählt werden müssen –wie schon erwähnt – der Vertrieb der Strassenmedikamente, die an Strassenecken, auf kleinen Märkten oder durch wandernde Verkäufer angeboten werden. Die Medikamente werden meist in einem Karton herumtransportiert, was den Verkäufern den Namen „carton tigi“ eingebracht hat, was soviel heisst, wie „Person, welche einen Karton herumträgt“. Allen ist jedoch klar, dass sich illegale Medikamente darin befinden. Auf den Quartiersmärkten werden oft nur die leeren Schachtelhüllen der Medikamente präsentiert. Den Inhalt hält der Verkäufer in einem Plastiksack versteckt, um damit schnell wegrennen zu können, falls die Polizei auftaucht.

Strassenmedikamente als Waren

Auf Nachfrage waren sich die Verkäufer alle einig, dass sie die Medikamente als eine Ware betrachten, mit deren Verkauf sich Geld verdienen lässt. Die Tätigkeit als Strassenmedikamentenverkäufer stellt eine willkommene Alternative zur Arbeitslosigkeit dar. Inzwischen hat es jedoch sehr viele Strassemedikamentenverkäufer in Bobo-Dioulasso, so dass man recht anstrengende Rundgänge machen oder lange auf den Märkten stehen muss, um genug zu verdienen. Ein Verkäufer schilderte es folgendermassen: Durch ihr Angebot trügen sie zum Wohl der Armen bei, die sich sonst gar keine Medikamente leisten könnten, da das Gesundheitssystem in Burkina Faso überhaupt nicht funktioniere. Er gab jedoch zu, dass das Geschäft mit den Strassenmedikamenten gut laufe und ein ansehnliches Einkommen abwerfe.

Symbolik der Strassenmedikamente

Ihre Herkunft aus einem westlichen Labor bedeutet automatisch eine Aufwertung der sog. „modernen“ Medikamente, denn die meisten Leute in Bobo-Dioulasso empfinden Modernes als besser und fortschrittlicher im Vergleich zu den eigenen Standards. Die Medikamente stellen aufgrund dieser Logik für sie mehr als ein Heilmittel dar, sie symbolisieren für die KonsumentInnen den westlichen Fortschritt und Wohlstand und ihre ausländische Herkunft indiziert einen hohen Wirkungsgrad.

Um sie dem eigenen kulturellen Kontext zugänglicher zu machen, werden die Medikamente umgedeutet und mit lokalen Vorstellungen versehen. So werden sie z.B. häufig gleich benannt wie die Symptome, welche sie bekämpfen sollen. Dies unterstreicht die räumliche Beziehung des Medikaments zu seinem Wirkungsort, d.h. es erlaubt eine Lokalisierung des Leidens im Körper und zeigt auf, gegen welches Leiden das bestimmte Medikament wirken soll. So wird z.B. Paracetamol als „kundimi fla“ bezeichnet, „Kopfweh-Medikament“, Fexdon als „gni dimi fla“, „Zahnschmerz-Medikament“.

Des Weiteren sind Metaphern sehr verbreitet und beliebt, um abstrakte Vorkommnisse konkreter und verständlicher auszudrücken. Im westafrikanischen Kontext widerspiegelt sich dabei das kulturelle Verständnis von Körper und Krankheitsvorstellungen. So kann zum Beispiel die Farbe eines Medikaments den Ausschlag geben, um es als Mittel zur Bekämpfung einem dieser Farbe zugeordneten Leidens zu verwenden. Sehr deutlich wird dies bei roten Tabletten, welche gegen Blutmangel empfohlen werden. Diese Tabletten, deren Inhalt nicht eruiert werden kann, da weder der wissenschaftliche Name noch die ursprüngliche Verpackung bekannt sind – heissen djoli fla, „Blut Medikament“. Dem Verkäufer scheint es naheliegend, dass diese roten Tabletten das mangelnde rote Blut ersetzen.

Die Metaphern werden vielfach eingesetzt, um Bezug zu nehmen auf die Eigenschaft (Farbe, Form) des Medikaments, das Verpackungsbild, die Wirkung des Medikaments und die Ursache des Leidens. Das Medikament „soprache“, welches auf der Verpackung die 6 Symptome (Kopfweh, Zahnschmerzen, Rheuma, Erkältung, Rückenschmerzen, Muskelschmerzen) visuell darstellt, wird „bana woro / 6 Krankheiten“ genannt. Das Verpackungsbild von Ibumol zeigt einen Blitz, der dem Medikament den Namen „sam pèrè / Blitz“ verleiht und indizieren soll, dass die Wirkung schnell wie ein Blitz einfährt.

Gewisse Medikamente wie die Antibabypille werden aus kulturellen und religiösen Gründen bewusst nur umschrieben. „Secure“, die angebotene Antibabypille, wird zur Geheimhaltung nicht benannt, sondern von den Käuferinnen unter dem Namen „Secret/Geheimnis“ verlangt. Die Verkäufer wissen dann sofort, was die Frauen wünschen. Dosierungsangaben oder Gebrauchsanweisungen sind auch hier nicht vorhanden. Die Frauen geben an, dass sie die Pille auch schon in einer Apotheke gekauft haben und daher wissen, wie sie anzuwenden sei.

Gefahren der Strassenmedikamente

Viele der KäuferInnen von Strassenmedikamenten sind sich durchaus der Risiken dieser illegalen Medikamente bewusst. Sie haben die Plakatkampagne der Apothekerverbände gesehen, welche auf die Gefahren hinweisen, die durch eine laienhafte Beratung, fehlerhafte Dosierung oder die Einnahme eines falschen Medikamentes auftreten können. Die staatlichen Gesundheitszentren ihrerseits versuchen der Bevölkerung klar zu machen, dass die bei ihnen erhältlichen Generika geprüft und gleichzustellen sind mit den Originalprodukten – und zudem billiger erworben werden können. Vielen PatientInnen ist dies jedoch nicht einleuchtend und es braucht noch viel Überzeugungskraft, bis sich der Vertrieb der Generika etabliert. Immer noch ist die Meinung vorherrschend, teuere Medikamente in einer westlichen Verpackung sind wirksamer als in Plastiksäckchen abgepackte Generika.

Die Bevölkerung muss zudem davon überzeugt werden, dass der Rat einer pharmazeutischen Fachkraft unumgänglich ist, um eine unschädliche und gesundheitsfördernde Anwendung der Medikamente zu garantieren und um somit die adäquate Behandlung der Erkrankung sicher zu stellen. Obwohl sich die Menschen dieser Tatsache teilweise bewusst sind, sind oft situative und strukturelle Faktoren ausschlaggebend für die Wahl der Behandlung. Wichtige Entscheidungskriterien sind die vorhandenen Geldmittel oder die Verfügbarkeit eines Transportmittels zum Gesundheitszentrum oder zur nächsten Apotheke. Billiger und einfacher ist es, bei ersten Anzeichen von Malaria Medikamente zur vermeintlichen Linderung der ersten Symptome auf der Strasse zu kaufen. Zur Anwendung kommen vor allem Analgetika jeglicher Art, d.h. Tabletten gegen Kopfweh, Gliederschmerzen, Fieber, Ermüdungserscheinungen, Muskelschmerzen und Erkältung.

Popularität der Strassenmedikamente

Strassenmedikamente sind nicht nur aufgrund ihrer westlichen Herkunft populär, sondern auch wegen ihres niedrigen Preises, dem Verkauf in Kleinstmengen und ihrer Verfügbarkeit rund um die Uhr. Vor allem die Verfügbarkeit spielt eine wichtige Rolle: Strassenverkäufer kommen direkt nach Hause, verlangen kein Rezept und sind auch am Abend erreichbar, wenn Apotheken und Gesundheitszentren bereits geschlossen haben.

Abschliessend bleibt festzuhalten, dass die verschiedenen medizinischen Angebote je nach Bedarf nebeneinander genutzt werden und die Strassenmedikamente als integraler Bestandteil des Angebots zu verstehen sind. So stellt es für einen Malariapatienten keinen Widerspruch dar, bei ersten Anzeichen die Symptome mit Strassenmedikamenten zu lindern, am Abend zusätzlich eine Dusche aus traditionellen Heilpflanzen anzuwenden und bei schwererem Verlauf, doch noch eine Konsultation im Spital in Anspruch zu nehmen. Um dann, falls das Geld vorhanden ist, die notwendigen Medikamente in einer Apotheke zu kaufen.

Die Situation zeigt, dass es nicht ausreicht, Medikamente einfach zur Verfügung zu stellen, denn der „supply“ alleine bringt noch keine Verbesserung der Situation vor Ort. Vielmehr müssen die strukturellen Rahmenbedingungen mitberücksichtigt werden, um eine angemessene Anwendung von Medikamenten, gemäss der WHO Empfehlung „rational use of drugs“, sicherstellen zu können. Nur so kann eine verbesserte Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung garantiert werden.

*Sibylle Bihr ist Ethnologin lic.phil. und arbeitet derzeit bei PLANeS, der Schweizerischen Stiftung für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Ihre Lizentiatsarbeit kann in der Bibliothek des Ethnologischen Instituts Zürich ausgeliehen werden. Sie trägt den Titel: Les médicaments de la rue, ça tue PAS. Zur Popularität und Problematik der Strassenmedikamente in Bobo-Dioulasso, Burkina Faso. Mai 2006. Kontakt: sibylle.bihr@plan-s.ch