Geschichten aus der Schweiz (1)

"Es ist ja klar, dass ich zuwenig Blut habe"

Von Iris Stucki & Judith Baumgartner-Bicer / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)

Fatma kam 1992 mit der ersten Gruppe von bosnischen Flüchtlingen in die Schweiz. Sie ist im 4. Monat schwanger. Bei einer Vorsorge wird Fatma nach Hause geschickt, ohne dass eine umfassende Untersuchung durchgeführt worden wäre. Sie hat Angst, dass etwas nicht in Ordnung sei. Bei einer weiteren Untersuchung wird Fatma trotz der Information, dass sie etwas blutarm sei, noch weiteres Blut zur Kontrolle entnommen, was sie nicht begreift.

Die Interaktion mit dem Gesundheitssystem in der Schweiz verläuft auf der Ebene der Krankheitserfahrung für Fatma nicht reibungslos, wie das Beispiel ihrer ersten Ultraschalluntersuchung zeigt: "Ich musste also um 10:00 Uhr im Frauenspital sein. Nach 1 1/2 Stunden hatte man mich immer noch nicht aufgerufen, so habe ich mich erkundigt, ob man mich vergessen hat Eine Frau hat mich dann geholt und mit dem Ultraschallgerät untersucht. Ich wurde aufgefordert, etwas herumzulaufen, sie sagte, man könne nicht gut kontrollieren. Ich hatte grosse Angst, dass etwas nicht in Ordnung ist, und bin dann ein paar Schritte gegangen. Dann kam noch eine zweite Frau, sie hat mich ebenfalls untersucht und dann gesagt, ich solle in drei Wochen wiederkommen, man könne den Kopf nicht sehen. Ich habe den Arzt gefragt, ob alles in Ordnung sei, und wieso ich wieder kommen müsse. Er hat mir gesagt, es sei normal, dass man bei vielen Frauen nicht alles sehen könne, wie zum Beispiel den Kopf. Ich weiss nicht, woran ich bin, und ich habe grosse Angst. Die müssten mir doch sagen, wenn etwas Schlimmes geschehen wäre, oder?"

Die allgemeine Verunsicherung, die die meisten Patient/innen im Krankheitsfall erfahren, potenziert sich bei der bosnischen Patientin noch zusätzlich dadurch, dass sie nicht ohne Schwierigkeiten deutsch spricht. Sie wird weiter verstärkt durch die ihr fremde Umgebung, die sie als Folge der Migrationsumstände erfährt. Zur Angst, dass die Ärzte ihr etwas verheimlichen könnten, tritt in dieser Situation aufgrund mangelnder Sprachkompetenz auch noch die Angst hinzu, etwas falsch verstanden zu haben.

In eine ähnliche Richtung geht folgende Episode einer späteren Kontrolle:

"Dann hat er mir noch Eisentabletten gegeben. Er sagte, ich hätte zuwenig Blut. Es ist ja klar, dass ich zuwenig Blut habe, während der Schwangerschaft braucht ja das Kind schon so viel Blut als Nahrung, und dann muss ich auch immer beim Arzt noch Blut geben, jeweils zwei Flaschen voll. Mir ist jedesmal schwindlig, wenn ich von einer Kontrolle nach Hause komme."

Die Laienkonzepte von bosnischen Patientinnen v.a. aus ländlicher Herkunft sind oft von der galenisch-islamischen Medizin geprägt. Darin nimmt das Blut einen zentralen Stellenwert ein, so dass die Blutentnahmen auf Fatma irritierend wirken müssen. Dies vor allem, weil der Arzt gleichzeitig eine Blutarmut feststellt. Gerade im Zusammentreffen von verschiedenen Konzeptionen physiologischer Prozesse ginge es deshalb auch vermehrt darum, die einzelnen Schritte der Untersuchungen im Hinblick auf ihren Zweck genau zu erklären.

Die aufgegriffenen Aspekte zeigen beispielhaft Unstimmigkeiten in der Interaktion zwischen Migrant/innen und dem schweizerischen Gesundheitssystem. Damit die Spirale der Unsicherheit und des Misstrauens nicht unnötig verstärkt wird, ist es wichtig, mögliche Konfliktsituationen frühzeitig zu erkennen. In Bezug auf die Anbieterseite bedeutet dies, fundierte Aufklärungsarbeit in allen Bereichen des Gesundheitssystems zu leisten und dabei den jeweiligen Hintergrund der Patienten und Patientinnen einzubeziehen.

Bearbeitung: Iris Stucki und Judith Baumgartner-Bicer. Koordination: Daniel Mäusezahl, STI.