Geschichten aus der Schweiz (2)lead:

"Im Spital haben sie gesagt, dass es vom Stress kommt"

Von Iris Stucki & Judith Baumgartner-Bicer / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)

Frau Demir stammt aus einem kleinen Dorf in der Osttürkei. 1994 ist sie ihrem Ehemann nach neun Jahren Wartezeit mit den Kindern im Familiennachzug in die Schweiz gefolgt. Als Familiennachzug erhielt sie einen sicheren Aufenthaltsstatus in der Schweiz (B-Ausweis), der es ihr erlaubt teilzeitlich als Putzfrau zu arbeiten. Frau Demir ernährt mit ihrem Gehalt die Familie, während ihr Mann sein Einkommen beim Glücksspiel verspielt.

Frau Demir hat wegen akuter Herzbeschwerden die das Spital aufgesucht. Daneben leidet sie unter einer Vielzahl von Beschwerden. Sie sieht eine klare Verbindung zwischen ihrem Leiden und ihrer Lebenssituation. Auch die behandelnden Ärzte stellen diesen Sachverhalt fest und intervenieren auf körperlicher, sozialer sowie psychischer Ebene. Frau Demir berichtet über ihre Erfahrung: "Was wir erwartet hatten, ist nicht eingetroffen. Mein Mann ist in der langen Zeit ein anderer Mann geworden. Er macht vieles verkehrt. Wir verstehen einander nicht mehr. Wir streiten uns die ganze Zeit. Dieses Problem ist hier in der Schweiz entstanden. Wir stecken in diesem Problem und möchten da raus kommen, aber wir kommen nicht raus. Davon habe ich Beschwerden bekommen. Zuerst habe ich geweint, geschrien, dann ist die Herzbeklemmung gekommen. Im Spital haben sie gesagt, dass nichts körperlich betroffen ist, dass es vom Stress kommt. Sie haben mir geholfen - es soll ihnen verdankt sein. Zum Sozialdienst haben sie mich geschickt und zum Psychiater. Aber auch dies genügt nicht. Ich frage mich, wo ich mich noch hinwenden kann. Niemand kann mich von diesen Sorgen befreien. Ich möchte es bereinigen, aber ich kann es nicht."

Durch die genutzten Angebote erfährt Frau Demir eine momentane Entlastung. Das Grundproblem bleibt jedoch bestehen. Sie sucht selber nach Lösungen, muss jedoch immer wieder feststellen, dass sich nichts ändert und dass sie sich eigentlich im Kreise dreht, einem Kreis, der immer enger wird.

"Seit zwei Wochen habe ich Träume, ich sehe Tote. Bei diesem Thema, da wird mein Inneres kalt, und ich denke, jetzt sterbe ich, und die Kinder bleiben zurück. Solche Gedanken habe ich. Und trotzdem gebe ich mir selber wieder Mut, ich gehe unter die Leute. Ich möchte immer, dass meine Stimmung wieder ins Lot kommt. Ich lache, ich freue mich, ich versuche, von den Menschen, mit denen ich zusammen bin, moralische Unterstützung zu bekommen. Aber zu Hause ist immer diese Spannung. Bevor ich von der Arbeit nach Hause komme, da denke ich, vielleicht kann ich in Ruhe etwas essen, mich etwas hinlegen. Aber kaum bin ich da, dann ist alles wieder gleich. Wir streiten und wir schlagen uns. Das Wichtigste wäre Ruhe und Gemütlichkeit zu Hause. Ohne Behandlung wäre ich andauernd diesem Stress ausgesetzt. Ich würde einen Schlaganfall bekommen, das hat der Arzt gesagt. Ich muss da raus kommen, sonst geht das so weiter bis zum Tod."

Frau Demir mobilisiert verschiedene Ressourcen, um ihre Lebenssituation zu bewältigen. Strukturelle Rahmenbedingungen setzen ihren Handlungsmöglichkeiten jedoch Grenzen. Sie überlegt sich eine Scheidung. Als geschiedene Frau ohne Existenzgrundlage ist für sie jedoch ein Leben in der Türkei weder in einer Grossstadt noch im Dorf möglich. Bei einer Scheidung würde sie anderseits ihre Aufenthaltsberechtigung in der Schweiz verlieren, da diese zwecks Verbleib beim Ehemann ausgestellt worden ist. Die Ausweisung aus der Schweiz wäre die Folge. Frau Demir wird also wohl oder übel bei ihrem Ehemann bleiben müssen. Die Grundproblematik wird sich deshalb langfristig kaum ändern. Die weiterführende Behandlung von Frau Demir wird dem Rechnung tragen müssen. Am besten sollte die Behandlung von einem Hausarzt ausgehen und interdisziplinär koordiniert werden. In seiner umfassenden Funktion kommt dem Hausarzt in der Betreuung von Patientinnen und Patienten mit schwierigen Problemlagen eine wichtige Rolle zu.

Bearbeitung: Iris Stucki und Judith Baumgartner-Bicer. Koordination: Daniel Mäusezahl, STI.