Geschichten aus dem Tschad (1)

Nicht die medizinische Infrastruktur ist das Problem, sondern die Anerkennung von Machtstrukturen

Von Frank Krönke / Schweizerisches Tropen- und Public-Health Institut (Swiss TPH)

Die Fulbe Pastoralnomaden am südlichen Ufer des Tschadsees führen ein sehr traditionsorientiertes und zurückgezogenes Leben. sie leben in saisonalen Kleingruppen, die aus ca. 2 bis 8 Haushalten bestehen. Auf der Ebene des Haushaltes ist es stets der Haushaltsvorstand, der Entscheidungen für seine Familie trifft. Für Grössenordnungen zwischen 20 bis 100 Haushalten steht den Familien ein Repräsentant vor, der auf der Basis egalitärer Organisation, Vorschläge für kollektive Entscheidungen präsentiert. Dennoch bleibt es jedem Haushaltsvorstand selbst überlassen, auf diese Vorschläge einzugehen oder andere Lösungen zu finden.

Eine systematische Krankheitsprävention durch Impfkampagnen ist in der Region vergleichsweise selten, weshalb dem Angebot einer Impfung grosse Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Darüber sind sich sowohl lokale Mediziner als auch die Nomaden selbst einig sind. Im Mai 1999 ist eine Impfkampagne in der Region durchgeführt worden, die dem grossen Engagement eines einzelnen Verantwortlichen eines kleinen regionalen Gesundheitszentrums zu verdanken ist. Kampagnen wie diese sind von langer Hand zu planen, da die Impfstoffe in der Hauptstadt beim Gesundheitsministerium auf recht kompliziertem Wege bestellt werden müssen und die Wartezeiten bis zur Auslieferung oft sehr lang sind.

Die Impfkampagne wurde, um eine höhere Compliance zu erreichen, nicht im Gesundheitszentrum selbst, sondern in den Siedlungen verschiedener Repräsentanten der Nomaden durchgeführt. Die Aktion wurde lange genug vorher angekündigt und dauerte pro Siedlung drei Tage an. Innerhalb der Gefolgschaft dieser Repräsentanten wurde dem Impfaufruf grosses Interesse geschenkt und viele der Haushalte schickten ihre Kinder zur Impfung.

In vielen anderen Fulbesiedlungen dagegen, die in derselben Region lokalisiert waren, aber einem anderen Repräsentanten unterstanden, ging die Teilnahme an der Impfkampagne gegen null. Der Grund dafür lag darin, dass ihre Repräsentanten es als eine Selbstverständlichkeit ansahen, dass der Impfdienst auch in ihre Camps kommen werde. Denn nur auf diese Weise konnte ihr Ansehen gewahrt bleiben. Um nun nicht von den eigenen Leuten unterwandert zu werden, gaben diese Chefs die Order an ihre Gefolgschaft, dem Impfaufruf nicht zu folgen, sondern zu warten, bis der Impfdienst zu ihnen kommen. Da die Verantwortlichen des Gesundheitszentrums aus verschiedenen Gründen dieser Erwartung nicht gerecht werden konnten, wurden viele Kinder nicht geimpft.

Frank Krönke, STI