Erfahrungen des SRK mit nomadischen Gruppen im Nordosten von Tschad

Unterwegs... zu einer besseren Gesundheitsversorgung?

Von Hannes Heinimann / Schweizerisches Rotes Kreuz SRK

Infektionskrankheiten sind unter nomadischen Gruppen im Tschad weit verbreitet. Besonders schwierig wird die medizinische Versorgung während der Wanderzeiten süd- respektive nordwärts. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) hat deshalb den Kontakt zu nomadischen Geburtshelferinnen und Heilern gesucht. Gemeinsam mit Gesundheitsbehörden und -komitees haben sie Pläne für die zukünftige Zusammenarbeit skizziert.

In den entlegensten Nomadensiedlungen, Ferricks genannt, im heissen und sandigen Nordosten des Tschad, spielte sich letztes Jahr folgende uns überlieferte Geschichte ab: Sich als Händler ausgebende Männer haben die zahlreichen nomadischen Bevölkerungsgruppen in ihren Ferricks in der Umgebung von Arada besucht und den staunenden Männern und Frauen "neues Geld" gezeigt: Plastikgeld. Es sei viel dauerhafter und verliere nicht an Wert, verglichen mit dem oft zerknüllten und zerrissenen Papiergeld, sagten sie. Wer über Geldscheine verfügte, was unter den Nomad/innen im Nordosten des Tschad noch nicht lange üblich ist, tauschte diese willig und voller Erwartung gegen wertlose Plastikkärtchen ein. Die angeblichen Händler machten sich aus dem Staub, lange, bevor den Geprellten klar wurde, dass man sie auf gemeinste Weise um ihr Bargeld betrogen hatte.

Dieses Ereignis zeigt, dass sich zu den althergebrachten Begegnungen zwischen Nomadisierenden und Sesshaften neue, aggressivere Formen des Austausches gesellen. Die nomadische Lebensweise wird immer stärker von Einflüssen der "modernen Welt" verdrängt. Auch Entwicklungsorganisationen wie das SRK haben feststellen müssen, dass selbst entlegene Gebiete immer mehr von westlichem Denken und Handeln durchdrungen werden. Folglich kann die Förderung der Gesundheit von Nomad/innen nicht ausschliesslich auf die Stärkung und Wiederherstellung von traditionellen Formen der medizinischen Versorgung ausgerichtet werden.

Es mangelt an gesundheitlicher Betreuung

Viele Nomad/innen, die in der Präfektur Biltine im Nordosten des Landes leben, leiden an Infektionskrankheiten. Pflege und Beratung für Mütter und Kinder haben nur marginale Bedeutung; das Instrumentarium und die Kenntnisse der nomadisierenden Geburtshelferinnen sind begrenzt. Die meisten Fehlgeburten und Todesfälle von Müttern im Kindsbett ereignen sich während der "Transhumanz", der langen Reise vom Süden in den Norden oder umgekehrt.

Das einzige Gesundheitszentrum im Distrikt Arada, wo ein diplomierter Krankenpfleger tätig ist, nimmt gegenüber den Dienstleistungen der gruppenzugehörigen traditionellen Heiler einen geringen Stellenwert in der medizinischen Versorgung der Nomadengruppen ein. Die Heiler hingegen geniessen im allgemeinen eine grosse Akzeptanz. Vor ambulanten Medikamentenhändlern aus grösseren Ortschaften bleiben sogar Nomad/innen der entlegensten Gebiete nicht verschont. Immer wieder wird vom Verkauf von nutzlosen oder gefährlichen Medikamenten zu übersetzten Preisen berichtet. Es scheint sogar üblich zu sein, dass die Händler bei der nicht ausreichend informierten Nomadenbevölkerung besonders hohe Preise verlangen. Ebenfalls kommt es öfters zum unkontrollierten Handel mit nicht empfohlenen veterinär-medizinischen Produkten, die sowohl von Vieh als auch von den Viehzüchtern selber konsumiert werden.

Vom SRK mitgetragene Initiativen

Seit 1987 setzt sich das SRK für eine verbesserte Basisgesundheitsversorgung in der Präfektur Biltine ein. Nebst dem Ausbau und der Betriebsunterstützung der beiden Distriktspitäler von Biltine und Guereda umfasste das Engagement in den letzten Jahren die Errichtung und Ausrüstung von sieben Dispensarien. Durch die Aus- und Weiterbildung des medizinischen und paramedizinischen Personals soll die Qualität der Grundversorgung verbessert werden. Die Förderung der Eigenverantwortung der betroffenen Bevölkerung für Gesundheitsbelange nimmt seit einigen Jahren einen zentralen Stellenwert im SRK-Gesundheitsprogramm ein; Ausdruck davon sind zum Beispiel die Verpflichtungen der lokalen Bevölkerung zu materiellen Beiträgen in Form von Bargeld und Material sowie zu gemeinschaftlichen Arbeitsleistungen, damit ihre Gesundheitszentren überhaupt gebaut werden können.

Die in Biltine stationierte SRK-Projektequipe, die sich aus einheimischen Animatorinnen, einer Hebamme, einem Arzt und einem Beauftragten für Feldstudien zusammensetzt, steht in regelmässigem Kontakt mit den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, die über die ganze Präfektur verteilt sind. So konnte eine von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägte Zusammenarbeit aufgebaut werden. Einzelne Geburtshelferinnen aus Nomadengruppen erklärten sich zu einer praktischen Weiterbildung und zur Zusammenarbeit mit dem nächstgelegenen Dispensarium bereit. 1996 wurden erste Verträge zwischen den Nomadensiedlungen und dem Gesundheitszentrum von Arada abgeschlossen, in denen die Mitverantwortung und allfällige finanzielle Beteiligung der Gemeinschaft bei der Durchführung von Impfkampagnen und den Besuchen des Krankenpflegers geregelt sind.

Schwerpunkte für eine vertiefte Zusammenarbeit

Nach ausführlichen Diskussionen mit Nomadengruppen, örtlichen Gesundheitskomitees, dem medizinischen Personal, den Gesundheitsbehörden, traditionellen Oberhäuptern, Heilern sowie den traditionellen Geburtshelferinnen hat die SRK-Equipe in Biltine die Schwerpunkte für die künftige Zusammenarbeit festgelegt: Jedes Gesundheitszentrum erhält einen zweiten qualifizierten Paramediziner (zB. "infirmier santé publique"), um die dezentrale Gesundheitsarbeit in den Dörfern und Ferricks zu verstärken. Traditionelle Geburtshelferinnen und Heiler in den Nomadengruppen können sich ausbilden und erhalten regelmässige Unterstützung. Interessierte Frauen und Männer werden in Grundpflege und Erster Hilfe ausgebildet.

In allen Gebieten wird ein "District Sanitaire Mixte" für Human- und Veterinärmedizin mit einem erheblichen Nomadenanteil geschaffen. Jeder dieser Distrikte soll über einen interdisziplinär zusammengesetzten Stab von Mitarbeiter/innen verfügen, um die (veterinär-)medizinischen, sozialen und ökonomischen Aspekte der Animation und Beratung abzudecken. Sensibilisierungskampagnen werden durchgeführt mit dem Ziel, das Kostendeckungsprinzip in jedem "District Sanitaire Mixte" einzuführen.

Neben all diesen geplanten und vom SRK mitgetragenen Einzelmassnahmen bleibt es jedoch die Aufgabe des Staates, eine spezifische nationale Politik zu definieren, die auf die Gesundheit der nomadischen Bevölkerung ausgerichtet ist.

*Hannes Heinimann ist Programmverantwortlicher beim Schweizerischen Roten Kreuz SRK.

Nomadisch und halbnomadisch lebende Bevölkerung im Distrikt Arada, Präfektur Biltine

Im nordöstlich des Landes gelegenen Distrikt Arada zählt die registrierte Bevölkerung rund 10'000 Einwohner/innen; davon leben etwa 7500 nomadisch. Während der Regenzeit, von Juli bis Oktober, treffen zusätzlich 60'000 Menschen aus weiter südlich gelegenen Zonen des Tschad ein. Jahr für Jahr finden sie an den Sümpfen und den nur während der Regenzeit Wasser führenden Wadis rund um die Distrikthauptstadt Arada Futter und Wasser für ihre Viehherden. Zu einer Nomadensiedlung gehören üblicherweise 40 bis 50 Haushalte mit insgesamt rund 300 Personen, angeführt von einem traditionellen Führer, der seinerseits einem Marabut (religiöses Oberhaupt) untersteht. Die nomadische Bevölkerung setzt sich aus Araber/innen und Gorane zusammen, wobei die Arabischstämmigen wiederum in eine Vielzahl von Fraktionen unterteilt sind.Rund 60'000 Viehzüchter aus dem Südosten des Tschad legen halbjährlich eine Reise von circa 1000 Kilometern zurück, zu Beginn der Regenzeit nordwärts, 4 Monate später wieder südwärts. Die Reise führt seit Menschengedenken entlang festgelegter Routen ("couloirs de transhumance"). Die Kenntnisse über den Routenverlauf werden von Generation zu Generation weitergegeben.