Gesundheitsschwestern verbessern die Gesundheitsversorgung in rumänischen Dörfern

Kein Arzt weit und breit

Von Christina Williamson-Eberle / Schweizerisches Rotes Kreuz SRK

In Rumänien lebt rund die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Die medizinische Betreuung von Schwangeren und Kindern ist oft ungenügend. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) setzt sich für die Verbesserung der Gesundheit von Müttern im Nordosten des Landes ein.

Nur zwei Flugstunden von der Schweiz entfernt liegt der kleine Ort Bobulesti im Nordosten Rumäniens, an der Grenze zu Moldawien. Die Bewohner holen Wasser am Dorfbrunnen und leben von dem wenigen Gemüse, das sie auf ihren bescheidenen Feldern anbauen. Rund ums Haus halten manche Hühner, vielleicht noch ein Kalb oder eine Sau. Die Strassen sind nicht asphaltiert. Jeder Pferdewagen der vorbeibraust wirbelt im Sommer Dreck und Staub auf – im Winter verwandeln sich die Wege in Schlamm- und Matschbahnen. Der nächste Arzt ist Stunden entfernt.

Mangelnde Gesundheitsversorgung

Rumänien, das im Jahr 2007 der Europäischen Union beitreten will, leidet weiterhin unter seiner sozialistischen Vergangenheit. Der Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft läuft harzig, Korruption ist weit verbreitet. Im Einklang mit den Milleniumsentwicklungszielen der Vereinten Nationen hat das SRK-Programm «Safe Motherhood and Community Health Initiative» das Ziel, die Kindersterblichkeit in Rumänien zu senken und die Gesundheit von Müttern zu verbessern.

Das Dorf Bobulesti steht stellvertretend für den gesamten Nordosten Rumäniens. In diesen ländlichen Gebieten sterben siebenmal mehr Frauen während oder nach der Geburt als in der Schweiz; mehr als die Hälfte von ihnen erhielt während der Schwangerschaft keine medizinische Betreuung. Fast zehn Prozent der Neugeborenen sind untergewichtig. Die Kindersterblichkeit ist gemäss einer nationalen Erhebung aus dem Jahr 2004 mit 17 Prozent die höchste Europas.

Die Gründe für die schlechte Gesundheitssituation von Müttern und Kindern sind vielfältig. Ausschlaggebend sind einerseits der sozioökonomische Status, aber auch die Unwissenheit der Frauen über Familienplanung, gesunde Lebensweise während der Schwangerschaft oder die Rechte als Patientin. Obwohl Schwangere in Rumänien Anrecht auf kostenfreie medizinische Betreuung haben, nehmen immer noch weniger als 70 Prozent im ländlichen Nordosten diese während des ersten Trimesters in Anspruch. Weniger als 40 Prozent der Mütter werden postnatal betreut.

Pilotprojekt: Gemeindeschwestern/-pfleger

In dem kleinen Dorf Bobulesti gibt es eine einzige Gemeindeschwester – sie ist erste Anlaufstelle bei allgemeinen medizinischen Problemen. «Gemeindeschwester/Gemeindepfleger» ist eine von der rumänischen Regierung in einem Pilotprojekt wieder eingeführte Berufsgruppe. Sie hat ein vergleichbares Tätigkeitsprofil wie die Schweizer Spitexschwester. Unter anderem hat sie in Rumänien die Aufgabe, Frauen mit Kleinkindern und Schwangere zu betreuen. Dazu machen die Gemeindeschwestern regelmässig Hausbesuche. So können Komplikationen bei einer Schwangerschaft oder bei einem Neugeborenen frühzeitig erkannt werden. Ist dies der Fall, überweist die Gemeindeschwester die Frau an einen Familienarzt oder eine Familienärztin in der nächstgrösseren Ortschaft.

Medizinische Notfälle konnten dadurch reduziert werden. Und die Zusammenarbeit der Gemeindeschwestern mit den Familienärzten und den Spitälern hat die Gesundheitsversorgung der Frauen und Kinder wesentlich verbessert. Ausserdem wird den Schwangeren und Müttern Wissen über eine gesundheitsbewusste Lebensweise vermittelt. Sie werden auch auf Themen wie Aids, Verhütung oder Hygiene sensibilisiert.

Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützt im Rahmen seiner «Safe Motherhood and Community Health Initiative» die Ausbildung der Gemeindeschwestern und -pfleger. Die erste Phase des Programms läuft von Juli 2005 bis Dezember 2007 in den beiden besonders armen Distrikten im Nordosten Rumäniens – in Iasi und Botosani. Während diesen zwei Jahren soll die Qualität der Arbeit der Gemeindeschwestern gesteigert werden. Angestrebt wird die Ausweitung der Gemeindeschwestern auf alle Regionen Rumäniens und die dauerhafte Einführung des Berufs als fester Bestandteil im Gesundheitswesen Rumäniens.

Mütter-Selbsthilfegruppen

Das SRK hat ebenfalls das Ziel, die Arbeit der Gemeindeschwestern in der Gesundheitsförderung zu unterstützen und mit Gruppen in der Gemeinde stärker zu vernetzen. Dazu gehört auch, den Aufbau von Selbsthilfegruppen zu erleichtern, die sowohl den Austausch von Erfahrungen ermöglichen als auch durch Vortragsreihen und Kurse Wissen und Fähigkeiten unter den Mitgliedern erhöhen.

* Christina Williamson-Eberle ist Informationsbeauftragte Internationale Zusammenarbeit beim SRK. Kontakt: christina.williamson@redcross.ch, www.redcross.ch