“...das ist keine Gesundheit!”

Psychosozial orientierte Gesundheitswerkstätten mit traumatisierten Flüchtlingen

Von Martine Verwey

Ausgelöst durch Gewaltereignisse, welche vertraute Normen und Vorannahmen übersteigen, gefährdet eine psychosoziale Traumatisierung die körperliche und psychische Unversehrtheit. Richtungweisend beim hier vorgestellten Projekt war die Gewissheit, dass Reaktionen auf traumatisierende Kriegserfahrungen keine Krankheiten sind und nicht pathologisiert oder medikalisiert werden dürfen. Deshalb wurde der Zugang über die Gesundheit gewählt. Stärkung von Selbsthilfestrukturen und Aktivierung der Ressourcen der Flüchtlingsbevölkerung bilden einen Teil davon.

Die Förderung von psychosozialen Projekten, so die stellvertretende Leiterin der Abteilung für spezifische und regionale Programme der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, sei innerhalb der DEZA kein Schwerpunkt. Jedoch liesse sich in letzter Zeit auf eine breitere Erfahrung in Bosnien-Herzegowina zurückgreifen. Das Spezielle der Situation habe darin bestanden, dass die Schweiz in kurzer Zeit relativ viele Flüchtlinge erhalten habe und dass der Konfliktort nahe von der Schweiz gelegen habe. Die Flüchtlinge hätten eine relativ enge, persönliche Beziehung mit der Bevölkerung aufgebaut (1). Die bikulturellen Gesundheitswerkstätten, welche im Folgenden beschrieben werden, sind ein Beispiel für eine solche Knüpfung enger persönlicher Beziehungen zwischen der Flüchtlingsbevölkerung und der ansässigen Bevölkerung.

Gesundheitsförderung traumatisierter Flüchtlinge

Bezogen auf Gesundheitsfragen traumatisierter Flüchtlinge interessiert, was Individuen trotz Belastungen gesund hält und welchen Anteil daran ihre soziokulturellen Ressourcen haben können (Copingstrategien, sinngebende Deutungsmuster, kulturspezifische Verhaltensweisen und Rituale zur Verarbeitung von Leid und Trauer sowie soziale Netzwerke). Diese Potentiale gilt es freizulegen, damit sie einem Individuum für die Stärkung seiner psychischen Spannkraft und Eigeninitiative zur Verfügung stehen. In so verstandener Gesundheitsförderung geht es darum, drohenden Chronifizierungen entgegenzuwirken. Ausgangspunkt ist nicht in erster Linie das Individuum, sondern die Gemeinschaft. Ein Mittel, um diese Zielsetzung umzusetzen, ist die Methode der Arbeit mit peers (Mediatorinnen und Mediatoren), die als Schlüsselpersonen Information und gesundheitsfördendes Wissen vermitteln. Diese Methode der Wissensvermittlung wird angewendet, damit vorhandenes psychisches, physisches und soziales Potential der Zielgruppen genutzt werden kann. Gleichzeitig bietet sie die Chance, bei knapp bemessenen Mitteln ein effizientes Angebot aufzubauen.

Das zielgruppenorientierte psychosoziale Interventionsprojekt für Gewaltflüchtlinge aus Bosnien und Kosova existierte während eineinhalb Jahren bis Ende 1996. Die Trägerschaft lag beim HEKS Regionalstelle Aargau/Solothurn. Damit auch Familien, die zurückgezogen lebten, und die Flüchtlingsgemeinschaft als Gruppe erreicht werden konnten, wurde ein Angebot entwickelt, das gezielt Frauen als Schlüsselpersonen für Gesundheitsfragen ansprach. In einer ersten Phase des Projekts wurden monatliche Informationsveranstaltungen und Gruppendiskussionen über Ernährung durchgeführt. In einer zweiten Phase wurden dezentrale regionale themenzentrierte Gesprächsgruppen gebildet. In einer dritten Phase wurden Schlüsselpersonen im psychosozialen Gesundheitsbereich ausgebildet: Flüchtlingsfrauen und -männer, die dank ihrer spezifischen Erfahrung einen guten Zugang zur fraglichen Bevölkerungsgruppe haben. Sie sollten nach einer Grundausbildung, in welcher sowohl bosnische, albanische als auch schweizerische Zugangsweisen zur Gesundheit berücksichtigt wurden, ihr Wissen als MediatorInnen in ihrer eigenen Verwandt- und Nachbarschaft weitergeben.

Informationsveranstaltungen zum Thema “Gesundheit und Ernährung”

Der Einstieg in die psychosoziale Gesundheitsförderung wurde mit Bedacht über Ernährungsfragen gewählt. “Gesunde Ernährung” ist ein scheinbar unbelastetes, weil alltägliches Thema, welches aber unweigerlich mit Emotionalität verknüpft ist. Ernährung kann ein Schlüssel zur psychosozialen Befindlichkeit sein. Nahziel war, häufige Probleme der Gesundheit, wie Magenschmerzen, Übergewicht oder Diabetes in Zusammenhang mit Ernährungsgewohnheiten zu besprechen und gemeinsam das Vertrauen der Flüchtlinge in ihr eigenes Wissen und in ihre Urteilsfähigkeit bezüglich Gesundheitsfragen zu stimulieren. Prävention der Chronifizierung traumatischer Reaktionen war ein Fernziel.

In den ersten Informationsnachmittagen wurde über die Zusammensetzung der gesunden Ernährung, über einfache Diabetesdiät und Ernährung bei Magenproblemen und generell über die Bedeutung der Ernährung in einer anderen Lebenssituation informiert. Gerade weil Nahrung viel mit Erinnerungen an die Heimat zu tun hat, ist es wichtig, dass die Kursteilnehmenden in ihrer eigenen Sprache sprechen können. Deshalb wurde die Information von Anfang an gemeinsam mit einer bosnischen Ärztin, selber Flüchtling, vermittelt. Bikulturelle Zusammenarbeit ist im Gegensatz zur blossen Übersetzungsfunktion eine Voraussetzung dafür, dass Flüchtlinge die Gelegenheit erhalten, dass ihre sozialen Kompetenzen und beruflichen Qualifikationen vor dem Flucht Anerkennung finden.

Ernährungsberatung in klassischer Form war nie vorgesehen. Der kollektive Zugang hatte Vorrang. Das regelmässige Zusammensein bei den monatlichen Informationstreffen wurde bald wichtiger. Beabsichtigt wurde ja nicht Individualtherapie, sondern Soziotherapie und generell die Stärkung sozialer Netzwerke. Auf diese Weise zielte das Projekt auf die Vorbeugung von Chronifizierungen und sozialen sowie familiären Konflikten.

Gesundheitswerkstatt mit einer Gruppe geflüchteter bosnischer Frauen

Das Angebot für Hilfe zur Selbsthilfe umfasste verschiedene Gefässe mit identischem Thema: Traumatisierte Flüchtlinge sollten ihr eigenes Verhalten als eine normale Reaktion auf abnorme Ereignisse, auf Gewalt und Entwurzelung verstehen können. Zentral war das Anliegen, Flüchtlinge darin zu bestärken und zu ermächtigen, eine aktive Rolle bei Schutz und Pflege ihrer eigenen psychosozialen Gesundheit einzunehmen. Um den Selbsthilfeansatz der anzubietenden Ausbildung zu verdeutlichen, wurde der Name ‘Gesundheitswerkstatt’ gewählt.

Es fanden zehn wöchentliche Gesundheitswerkstätten statt (2). Die Hälfte der Kursteilnehmerinnen waren Schweizerinnen, die Hälfte Bosnierinnen mit vorläufiger Aufenthaltsbewilligung oder F-Ausweis. Am zweiten Kursnachmittag stellte sich heraus, dass die psychosoziale Situation von Flüchtlingsfrauen mit F-Ausweis nicht zu vergleichen ist mit jener von anerkannten Flüchtlingen. Obwohl seit vier Jahren in der Schweiz, hatten sie grosse Mühe mit der deutschen Sprache, lebten finanziell noch knapper als Flüchtlinge, die von den Hilfswerken betreut wurden, und waren sowohl von der schweizerischen als auch von der restlichen bosnischen Bevölkerung isoliert. Eine bosnische Kursteilnehmerin sagte: “Ich will meine Geschichte erzählen, ich will nicht unbekannt bleiben”. Auf sich selber gestellt, hatte sie nie die Möglichkeit gehabt, ihre Erlebnisse à fond zu verarbeiten.

Das Kursziel, Mediatorinnen auszubilden, musste rasch angepasst werden. Als Mediatorinnen im Gesundheitsbereich hätten die bosnischen Teilnehmerinnen die Rolle gehabt, ihr Wissen weiterzugeben und Leute ihrer eigenen Bevölkerungsgruppe zu begleiten. Die Funktion als Gesundheitspromotorinnen war für diese Zielgruppe aber viel geeigneter. Da ging es um die eigene Situation der Flüchtlingsfrauen und die ihrer Familie. Ihr Leiden lag dermassen an der Oberfläche, dass sehr behutsam, mit kleinen Schritten, vorgegangen wurde.

Der Kursinhalt wurde stark vereinfacht und auch so modifiziert, dass die Situation der Rückkehr ins Zentrum gerückt wurde. Schwerpunkt bildete, was die Teilnehmerinnen selber zu ihrer Gesundheit beitragen könnten. Das Besprochene wurde mit praktischen Übungen gefestigt (Atemübungen, um den Puls zu verlangsamen, und Beruhigungsübungen). Gesprächen über gute Erinnerungen, als Beispiel für vorhandene eigene Ressourcen, wurde viel Zeit gewidmet. Praktische Übungen entsprachen einem grossen Bedürfnis. Die Teilnehmerinnen hatten grosses Interesse, Neues dazulernen zu können und ihre eigene Situation besser verstehen zu können.

Als Vertrauen entstanden war, erwähnten die bosnischen Teilnehmerinnen, dass sie oft Medikamente einnähmen zur Beruhigung oder in Zusammenhang mit Magen-, Rücken- oder Rheumaproblemen. Die Kursdauer war zu kurz, um hier korrigierend wirken zu können. Die bosnischen Teilnehmerinnen waren bis zu ihrer Rückkehr nach Bosnien in den wöchentlichen Frauentreff der Frauengruppe Bosnien-Herzegowina in Aarau integriert. Bei der Planung der Gesundheitswerkstatt war für die Projektleiterin entscheidend gewesen, dass Kursteilnehmerinnen nach Abschluss der Gesundheitswerkstatt in einem bestehenden Rahmen weiter integriert wären.

Soziale, juristische und politische Aspekte von Gesundheit

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sowohl in der bosnischen als auch in der kosova-albanischen Flüchtlingsbevölkerung ein vitales Interesse besteht, zu lernen, mit den Folgen traumatisierender Erfahrungen einen guten Umgang zu finden. Die Aneignung handfesten praktischen Wissens über gesundheitsfördernde Massnahmen, etwa Massage, genoss dabei höchstes Interesse.

Die Art und Weise der Wissensvermittlung ist von verschiedenen Faktoren abhängig, so etwa von sozialer Herkunft, von Geschlechtszugehörigkeit oder von regionaler Herkunft. Es hat sich gezeigt, dass der Inhalt der Gesundheitswerkstätten einen geeigneten Grundstock von Wissensinhalten bei der Gesundheitsförderung mit Traumatisierten bildet, dessen Umfang je nach Bevölkerungsgruppe modifiziert werden muss. Auch innerhalb einer bestimmten Flüchtlingsgruppe können aufgrund der unterschiedlichen asylrechtlichen Stellung die psychosoziale Situation und die Bedürfnisse dermassen verschieden sein, dass Inhalte jeweils angepasst werden müssen.

Im Rahmen der Betreuung geflüchteter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener ist die Einsicht relevant, dass die Qualität der Aufnahme und Betreuung nach erschütternden Ereignissen ein eminent wichtiger Faktor im Hinblick auf Sekundärprävention ist. Die Bedeutung der im Anschluss an die erzwungene Flucht einsetzenden Phase nach der Ankunft im Aufnahmeland braucht bei Verantwortlichen für Asylpolitik in der Aufnahmegesellschaft Anerkennung (3).

Sicherstellen des Zugangs der Flüchtlingsbevölkerung zum sozialmedizinischen Netz einerseits und eine der zunehmenden Heterogenität der Gesamtbevölkerung entsprechende Gesundheitsförderung andererseits sind Querschnittaufgaben, die generell eine interkulturelle Öffnung der gesundheitlichen Versorgung erfordern. Das Modell der Arbeit mit Schlüsselpersonen ermöglicht dabei ein niederschwelliges, breitflächiges Präventionsangebot. Neben der spezialisierten psychiatrischen Versorgung braucht es finanzielle Unterstützung für solche nichtpsychiatrische Modelle. Denn gesellschaftliche Rahmenbedingungen und soziale Beziehungen beeinflussen in der Regel die Gesundheit und den Umgang mit Gesundheit.

*Martine Verwey, lic. phil.I, Medizinethnologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung vom Roten Kreuz Zürich-Fluntern. Spezielles Interessengebiet: Gesundheitsförderung mit traumatisierten Flüchtlingen. Stark gekürzte Fassung des Referats 'Bicultural Health Promotion Groups with traumatized Refugees’ am International Trauma Research Net Conference zum Thema 'Individual and Collective Trauma – Reality, Myth, Metaphor?’, 28.-30. Juni 2002, Wiesbaden.

Anmerkungen

1. Rebekka Bernhardsgrütter (2001): Ein fortlaufender Lernprozess: Zur Unterstützung psychosozialer Arbeit durch die DEZA, in: Die Gewalt überleben : Psychosoziale Arbeit im Kontext von Krieg, Diktatur und Armut. Hrsg. von medico international. Medico-Report 23: 113ff. Internet www.medico.de.

2. Exemplarische Besprechung der Arbeit mit einer von zwei Gruppen. Ausführlich in: Martine Verwey (2001): Bikulturelle Gesundheitswerkstätten mit traumatisierten Flüchtlingen, in: Trauma und Ressourcen/Trauma and Empowerment. Hrsg. von Martine Verwey. Curare Sonderband 16/2001: 253-294. Berlin: VWB.

3. Siehe: Traumatisierungen von Flüchtlingen und Asyl Suchenden : Einfluss des politischen, sozialen und medizinischen Kontextes. Hrsg. von Catherine Moser, Doris Nyfeler und Martine Verwey (2001). Zürich: Seismo.