Gesundheitskrise auf Haiti

Eine andere Haltung ist nötig

Von Katja Maurer / medico international e.V.

Die Gesundheitskrise in Haiti hat sich lange vor dem Erdbeben entwickelt. Wesentliche Ursachen sind die sich verschlechternden sozialen Determinanten von Gesundheit.

© Phuong Tran/IRIN

Als das Erdbeben am 12. Januar 2010 die haitianische Hauptstadt zu einem Drittel zerstörte und in einem Umkreis von 100 Kilometer annähernd 250.000 Menschenleben kostete, brach weltweit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Gerade im medizinischen Bereich war unmittelbare, schnelle Hilfe nötig und sinnvoll. Insbesondere weil lokale Einrichtungen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so extrem getroffen waren, stellte sich diese internationale humanitäre Hilfe als sehr wichtig dar. Die UN-Organisationen, die sofort eine riesige Zeltstadt am Flughafen errichtete, um Hilfe zu koordinieren, die vielen ärztlich ausgerichteten Hilfsorganisationen und nicht zuletzt die kubanischen Ärztebrigaden leisteten in den Stunden und Tagen nach dem Beben alles Menschenmögliche um Leben zu retten. Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger aus der benachbarten dominikanischen Republik hielten über viele Wochen eine Hilfskette aus Menschen und nötigen Materialien aufrecht, mit der sie gesundheitliche Dienste in der am schwersten betroffenen Region des Bebens, in Leogane, sicherten. Mit dabei die dominikanische Gesundheitsorganisation Cosalup, mit der medico international in den kritischen Gesundheitsnetzwerken in Lateinamerika seit vielen Jahren verbunden ist und die wir aus in Deutschland gesammelten Spendengeldern bei dieser Arbeit unterstützten. Das war der Beginn der Projektförderung lokaler Initiativen von medico international in Haiti.

Besser wiederaufbauen

Diese beispiellose Hilfsbereitschaft, die sich insbesondere in den USA und Kanada entfaltete, wo viele haitianische Migranten leben, schien zur Hoffnung zu berechtigen, dass das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, „besser wieder aufgebaut werden“ könnte. Eine Art Wiedergutmachung dafür, dass man Haiti seit seiner Befreiung von der kolonialen Unterdrückung 1804 nicht mal am Katzentisch der ökonomischen Weltentwicklung einen Platz zuweisen wollte.

Das Erdbeben von Lissabon war eine Zäsur in der Geistesgeschichte. Das erbarmungslose Ausgeliefertsein der Bewohner einer blühenden Stadt an die Naturgewalten beschäftigte die Menschheit, stellte Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur und begründete nicht zuletzt den Gedanken von der Notwendigkeit des Katastrophenschutzes. Zumindest im europäischen Gedächtnis ist das Ereignis tief eingegraben. Im Frankfurter Filmmuseum finden sich dreidimensionalen Guckkästen, die noch im19.Jahrhundert das Ereignis für ein breites Publikum bildlich erfassen und für das Gedächtnis verewigen wollen.

Das Erdbeben von Haiti stellt durchaus eine ähnliche Zäsur dar. Denn das Ereignis verdichtet den Begriff der Vulnerabilität auf seine tragische und seine politische Dimension. In nur 60 Sekunden wurde in Port au Prince ein Grossteil staatlicher und öffentlicher Infrastruktur zerstört. Es starben Abertausende in den Elendsvierteln, Studenten und Professoren in den Universitäten, Grundschullehrer aus allen Landesteilen im Erziehungsministerium, UNO-Mitarbeiter aus aller Welt in ihrem Büro. Mit den Toten ging unendlich viel Wissen und Erfahrung verloren. Es verschwand auch ein bedeutender Teil institutionellen Wissens – Akten, Pläne, Urkunden. Eine derart angreifbare Gesellschaft, ein solch schwache Staatlichkeit wie in Haiti kann nichts und niemanden schützen, wo nur langfristige Vorsorge Schutz geboten hätte. Das ist das Menetekel aus der haitianischen Tragödie. Denn die Ursachen der Vulnerabilität, die Ursachen für die hohe Zahl an Opfern sind nicht zu beschreiben, ohne sich mit der Globalisierung und deren Folgen für Haiti zu beschäftigen.

Die Ursachen der Vulnerabilität

Beim Reden über Haiti kann man sich sehr schnell den Vorwurf einholen, man würde mit altlinken Argumenten immer nur die Schuld bei den USA und im Westen suchen und übersehe geflissentlich die hausgemachten Fehler, die zur desaströsen Lage des Landes geführt hätten. Tatsächlich lässt sich die Ursache-Wirkung-Kette nicht einfach direkt herstellen. Und die Frage ist berechtigt, warum es den Haitianern in mehr als 200 Jahren Unabhängigkeit nicht gelungen ist, eine Gesellschaft und öffentliche Institutionen zu entwickeln, in denen der Mehrheit der Menschen wenigstens ein halbwegs gesicherte Existenz möglich ist, sinnvolle Formen der demokratischen Teilhabe praktiziert, Gesetze befolgt und die Interessen der Mehrheit berücksichtigt werden. Es wäre eine Form der Selbstermächtigung, wenn die Haitianer die Möglichkeit hätten, sich diese Fragen stellen zu können.

Einen solchen kurzen Moment gab es womöglich mit der ersten Wahl des Befreiungstheologen Jean Bertrand Aristide 1991, zwei Jahre nach dem Sturz der Duvalier-Diktatur, die das Land im direkten Sinne, zum Beispiel durch die Abholzung von Wäldern auf der Jagd nach Diktatur-Gegnern, zu Grunde gerichtet hatte. Der Moment währte ganze sieben Monate. Bei allen Widersprüchlichkeiten, die diese Regierung aufwies, wurde sie von dem Duvalier-Militär und der herrschenden Elite doch aus einem Grund beseitigt: Die Aristide-Regierung wollte nichts weniger als eine Demokratie für Haiti, in der soziale Errungenschaften der europäischen Sozialdemokratie zur Geltung kommen würden.

Die längste Schuldengeschichte

Im Gegensatz zu emanzipatorischen Versuchen einer demokratischen und sozial ausgewogenen Entwicklung Haitis gibt es eine lange Geschichte der Ausbeutung und Marginalisierung des Landes. Haiti weist die längste Schuldengeschichte der Neuzeit auf. Frankreich verlangte für die Unabhängigkeit Haitis monatliche Zahlungen für den entgangen Gewinn aus der Sklavenarbeit. Haiti bezahlte seit 1825 jahrzehntelang den stolzen Betrag von insgesamt 90 Millionen Goldfranc an Frankreich. Zudem wird seit Jahrzehnten ein Entwicklungsmodell in Haiti exerziert, das extreme Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat.

80 Prozent der Haitianer gelten als arm. Das hat seine Auswirkungen auf die direkten Gesundheitsindikatoren. Bis auf HIV-Aids, bei denen die über den Global Fund finanzierten Aufklärungs- und Gesundheitsversorgungsprogramme tatsächlich positive Wirkung auf Lebensdauer und auf die Infektionsrate hatte, verschlechtern sich wichtige Kennziffern. So verdoppelte sich zwischen 1995 und 2005 die Zahl der Kinder mit Untergewicht bei der Geburt. Im selben Zeitraum ging die Zahl der professionell begleiteten Geburten zurück. Und das bei einer Müttersterblichkeit, die fünf Mal so hoch ist wie in der Region. Die öffentlichen Gesundheitsausgaben blieben auf niedrigstem Niveau gleich, während sie sich in der lateinamerikanischen Region verdreifachten. Die sanitäre Versorgung verschlechterte sich zwischen 1990 und 2009 dramatisch. Das private wie öffentliche Gesundheitssystem ist konzentriert in der Hauptstadt und deren Umgebung. 80 Prozent der Haitianerinnen und Haitianer wenden sich im Krankheitsfall an traditionelle Heiler, auch deshalb, weil die Kosten viel niedriger sind. Die Gesundheitsversorgung leidet extrem unter dem Mangel an Ärzten und Pflegepersonal, denn die Abwanderung von medizinischen Fachkräften in die USA und nach Kanada blutet das Gesundheitssystem regelrecht aus.

Kein Geld für Tuberkulose-Programme

Haiti ist angesichts fehlender eigener Ressourcen abhängig von internationaler Gesundheitsfinanzierung. Die Erfolge in der Bekämpfung von HIV-AIDS zeigen, dass bei vorhandenen Mitteln auch Lösungen möglich sind. Sobald aber die Finanzierung in Frage steht, hat das tiefgreifende Auswirkungen auf eine so anfällige Bevölkerung wie die Haitis.

Das zeigt sich am Beispiel der Tuberkulose. Haiti hat die höchste Tuberkulose-Rate der westlichen Hemisphäre (306 Fälle auf 100.000 Einwohner). Es wurde mit Unterstützung des Global Fund ein nationales Programm zur Bekämpfung von Tuberkulose aufgelegt. Nur leider endeten die Mittel des Programms im Juli 2009 und es dauerte ein Jahr bis das Programm wieder aufgenommen werden konnte und neue Mittel bewilligt wurden. Man hätte Haiti nach dem Erdbeben diese Mittel kaum verweigern können. Dass dem Global Fund nun Mittel verweigert werden und so eine einjährige Pause in der Finanzierung eines Tuberkulose-Programms in einem der ärmsten Länder der Welt entsteht, ist menschenverachtend.

Gesundheitskrise lange vor dem Erdbeben

Die aufgeführten Zahlen entstammen alle den zugänglichen WHO-Veröffentlichungen und sind vor dem Erdbeben erhoben worden. Wir reden also von einer Gesundheitskrise, die lange vor dem Erdbeben manifest wurde. Und die bei vielen Indikatoren sogar in den letzten zwanzig Jahren eine Verschärfung aufweist. Die Gründe sind vielfältig. Aber einige lassen sich doch deutlich benennen. Haitis Gesundheitsprobleme haben ihre wesentlichen Ursachen in der Armut des Landes und ihrem ersten Ausdruck – der Unterernährung. 35 Prozent der Kinder unter fünf Jahren weisen Entwicklungsstörungen auf, deren Ursachen sich zum grössten Teil auf chronische Unterernährung zurückführen lassen. Ein Viertel der Kindersterblichkeit unter fünf Jahren (sie ist generell vier Mal so hoch wie in der Region) geht auf Durchfallerkrankungen zurück. Es fehlt der Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitären Anlagen.

Die Verschlechterung der gesundheitlichen Situation in den vergangenen zwanzig Jahren muss im Kontexte der neoliberal ausgerichteten Globalisierung gesehen werden. Nur ein paar ausschlaggebenden Daten dazu. Die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ging in den letzten 20 Jahren von 80 auf 40 Prozent zurück. Ausschlaggebend dafür war die von Bill Clinton mit der Rückkehr von Aristide in die Präsidentschaft erzwungene Marköffnung für US-amerikanischen Reis. Der subventionierte und qualitativ schlechtere Reis aus den USA hat die einheimische Reisproduktion unrentabel gemacht.

Man kann das an einem einfachen Beispiel aus der medico-Praxis erzählen. Medico unterstützt die haitianische Gesundheitsorganisation SOE in der Provinz Artibonite. Das war die Reiskammer des Landes. Heute hat sie vor allen Dingen ihre Bekanntheit als Ausgangsort für die Cholera erworben. Aus dieser Provinz sind nach der Liberalisierung des Reismarktes tausende Bauern nach Port au Prince geflohen. Zum Beispiel in das Elendsviertel Cité Neuf. Hier sind Abertausende Menschen unter ihren fragilen Behausungen ums Leben gekommen. Medico unterstützte das dortige Bürgerkomitee beim Bau einer durchs Erdbeben zerstörten Brücke. Die einzige Verbindungslinie zur Infrastruktur der Hauptstadt. Die Abwanderung und Neugründung von prekären Siedlungen in Port au Prince sind eine der entscheidenden Ursachen für die Gesundheitskrise und für die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens. Port au Prince wuchs in 16 Jahren von 750.000 auf drei Millionen Einwohner. Ohne jede mitwachsende sanitäre Infrastruktur. Nach dem Erdbeben wanderten viele in ihre Heimatprovinzen zurück. So auch die Bewohner von Cité Neuf nach Artibonite. Sie sind mittlerweile zum Grossteil zurückgekehrt und Port au Prince ist noch grösser geworden als vor dem Erdbeben. Ökonomisch gibt es bislang keine Überlebensalternative zu den drei grösseren Städten.

Ein gescheitertes Entwicklungskonzept

Haitis Einbindung in den globalen Markt besteht ökonomisch hauptsächlich darin, billige Arbeitskräfte vorzuhalten. Über eine Million Haitianer arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen in der benachbarten dominikanischen Republik, wobei ihnen häufig die Bürgerrechte verwehrt werden. Ausgebildete Fachkräfte werden in Nordamerika gern gesehen. Als Entwicklungskonzept haben das entscheidene Triumvirat aus USA, Kanada und Frankreich – sie bewilligen die Kredite – eine weitere Marktöffnung verlangt, Strukturanpassungsmassnahmen und den Ausbau der zollfreien Zonen, in denen von Jeans bis Markenschuhe, preiswert für den nordamerikanischen Markt produziert wird.

Im Ergebnis dieser Strategien wurde der ohnehin schwache Staat weiter geschwächt, haben internationale NGOs quasi sozialstaatliche Aufgaben in rudimentärster Form übernommen und sorgt ein UN-Einsatz seit 2004 für „Sicherheit“, wobei die Gefahren in Haiti konsequent übertrieben wurden. Die Kosten Einsatzes betragen mindestens eine Million täglich. Dieses Entwicklungskonzept ist mit dem Erdbeben und seinen desaströsen humanitären Folgen offenkundig gescheitert. Die haitianische Gesellschaft ist dadurch noch verwundbarer geworden.
Wenn es also darum geht, nach dem Erdbeben „Haiti besser wieder aufzubauen“, dann kann dies nur gelingen, wenn diese Konzepte über Bord geworfen werden, die lokalen Institutionen gestärkt und aufgebaut sowie ein Wirtschaftskonzept entwickelt wird, das Haiti eine autonome Entwicklung ermöglicht. Davon sind alle Pläne und Massnahmen weit entfernt, aber mit sehr viel Geld ausgestattet.

Medico-Ansätze

Als medico nach dem Erdbeben begann, Partner in Haiti zu unterstützen, war unser zentraler Ausgangspunkt, neben akuten Nothilfe-Massnahmen die zur Verfügung stehende Mittel zu nutzen, um haitianische Organisationen zu unterstützen, die in der Lage sein könnten, mit eigener Stimme im Wiederaufbauprozess zu sprechen und ihn mitzugestalten. Denn gerade die Hilfserfahrung im Bereich Gesundheitsversorgung zeigt, dass von aussen zur Verfügung gestellte Ärzte und Pflegepersonal seit Jahren nicht über die Nothilfe hinaus kommen. Auch die Versuche seitens der kubanischen Regierung, mit der Ausbildung von Ärzten in Kuba nachhaltigere Lösung zu entwickeln, scheitern an dem kontinuierlichen Brain Drain nach Nordamerika im medizinischen Sektor.

Wege aus der Gesundheitskrise in Haiti, das zeigen auch die oben aufgeführten Zahlen, sind massgeblich über die sozialen Determinanten von Gesundheit zu entwickeln: Demokratie und Partizipation, Ernährung, Einkommen, Wohnen und soziale Sicherung, gewährleistet durch eine öffentliche Infrastruktur. Neben reinen Nothilfemassnahmen war deshalb die Suche nach haitianischen Partnern entlang emanzipatorischer Konzepte massgebend. Dazu gehört zum Beispiel die Menschenrechtsorganisation RNDDH (Nationales Netzwerk für Menschenrechte), die mit lokalen Büros im ganzen Land vertreten ist und die Einhaltung der politischen wie sozialen Menschenrechte reklamiert und kontrolliert. Zu ihrer Arbeit gehört nicht nur die Veröffentlichung von Studien und Presseerklärung zu Menschenrechtsverletzung, sondern auch die konkrete Zusammenarbeit und Kontrolle bei Behörden, in Gefängnissen, in Krankenhäusern. Sie leisten einen Beitrag zur Institutionenbildung durch Menschenrechtsschulungen in diesen Einrichtungen. RNDDH ist eine der wichtigen Stimmen, die sich auch zur Situation nach dem Erdbeben äussert. So beschäftigen sie sich mit der Situation der Menschen in den Lagern, die zum Teil zwangsgeräumt werden, ohne Zugang zu alternativen Unterkünften. Die Menschenrechtsorganisation existiert seit den 1980er Jahren, ist aus dem Kampf gegen Duvalier entstanden und hat sich zuerst um politisch Verfolgte gekümmert. RNDDH setzt sich exemplarisch mit sozialen Determinanten von Gesundheit auseinander, indem die Organisation dazu beiträgt die Zugangsmöglichkeiten der Haitianer zu Gesundheit und Rechtsstaatlichkeit zu erweitern. In ihrem Kampf gegen die Straflosigkeit ist die Organisation einer der wichtigsten Akteure gegen den Trend zum Autoritarismus, der unter der neuen Regierung gefährliche Züge angenommen hat.

Stärkung alternativer Entwicklungskonzepte

Zur Stärkung der Selbstermächtigung gehört auch die medico-Förderung des Bauernverbands Tet Kole (Köpfe zusammen), der sich mit seiner weiteverzweigten Arbeit für Nahrungsmittelsouveränität und Zugang zu Land einsetzt. Er ist Teil der „Plattform für Alternative Entwicklung Haitis“ (PAPDA), die alternative Entwicklungskonzepte erarbeitet und gerade einen landesweiten Prozess zur Organisation von Basisbewegungen in Gang setzt. Durch die beschriebene ökonomische Entwicklung ist der Bauernverband jedoch erheblich geschwächt. Das Überleben auf dem Land gestaltet sich noch schwieriger als in der Stadt. Und es gibt eine erhebliche Landflucht. Das betrifft auch die Mitglieder von Tet Kole. Medico unterstützt die Zusammenarbeit mit der Landlosenbewegung aus Brasilien, MST – ebenfalls ein langjähriger medico-Partner. Das MST – eine der wichtigsten sozialen Bewegungen Brasiliens – entsendet seit einigen Jahren Brigaden nach Haiti, um die Landlosen- und Kleinbauernbewegung in Haiti zu unterstützen und zu schulen. Nach dem Erdbeben wurde das umgekehrt gemacht. Haitianer und Haitianerinnen gingen für ein Jahr nach Brasilien, um beim MST zu lernen: Das Programm reichte von ökologischem Landbau bis zur politischen Selbstorganisation. Die brasilianischen Kollegen leben – das haben sie schon beim MST gelernt – auf dem Land bei ihren haitianischen Partnern und teilen die harten Bedingungen.

Süd-Süd-Austauch

Medico hat seit vielen Jahren Erfahrungen gesammelt in der Unterstützung solcher Projekte des Süd-Süd-Austausches. Wir unterstützten die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch zwischen angolanischen und chilenischen Psychologen und Sozialarbeitern über den Umgang mit Traumatisierung aus Staatsterror und Gewalt. Wir förderten nach dem Ende des sierraleonischen Bürgerkrieges Schulungen unseres südafrikanischen Partners Sinani mit Kollegen aus Sierra Leone zum Thema Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen nach Bürgerkriegen und Konfliktsituationen. In Haiti haben wir dieses Konzept ganz bewusst fortgesetzt, weil die Erfahrung mit paternalistischen, wenn nicht gar rassistisch eingefärbten Hilfskonzepten insbesondere durch manche evangelikale Gruppen aus den USA tief eingegraben ist in das kollektive Gedächtnis der Haitianer. So entsandten wir mehrere Male Promotoren für Gesundheit und Zahngesundheit aus Guatemala, die selbst die Erfahrung von Verfolgung und rassistischer und sozialer Ausgrenzung kennen. Zuletzt arbeiteten sie mit unseren haitianischen Kollegen von SOE zusammen, die in Artibonite das Konzept der Basisgesundheitsversorgung realisieren und mit lokalen Gesundheitskomitees in den Dörfern zusammenarbeiten. Die indigenen Kollegen aus Guatemala, die seit vielen Jahren, manche schon seit Jahrzehnten als Gesundheits- und Zahngesundheitspromotoren aktiv sind und regelmässig fortgebildet werden, sind ein lebendiges Beispiel für die Potentiale von Gesundheitspromotoren gerade im ländlichen Raum. Sie zogen durch die Schulen und machten Gesundheitsaufklärung und Kariesprophylaxe. Sie sanierten hundertfach schwer geschädigte Zähne und mussten auch manche kleinere Notfall-OP bewältigen. Ob daraus ein langfristiges Programm zur Ausbildung von Gesundheitspromotoren entstehen kann, ist zur Zeit noch offen.

Vieles hilft nicht

Es gehört zu den Schwierigkeiten der Arbeit nicht nur in Haiti, dass sich solche sehr sinnvollen Projektkonzepte nicht am Reissbrett entwickeln und dann realisieren lassen. Die ökonomische und soziale Vulnerabilität Haitis, die Überlebensökonomie die die übergrosse Mehrheit der Bevölkerung betreiben muss, untergräbt nachhaltige Entwicklungskonzepte. Denn sie brauchen lokale Träger, die sie autonom und selbstbestimmt realisieren und weiterentwickeln. Es gibt eine haitianische Zivilgesellschaft, die aber gegenüber den vielen internationalen NGOs, die mit ihren eigenen Agenden ins Land kommen, oft im Nachteil ist. Nach dem Erdbeben war das erst Recht der Fall, weil viele lokale Organisationen erhebliche Verluste erleiden mussten. Pierre Esperance, der Direktor des medico-Partners RNDDH kritisiert die Haltung vieler internationaler NGOs: „Vieles hilft nicht, sondern verschlechtert die Situation hier. Die Handlungsmöglichkeiten für die haitianische Zivilgesellschaft sind nach dem Erdbeben kleiner geworden.“ Als die haitianischen Organisationen sich halbwegs vom Erdbeben erholt haben, hätten ausländische NGOs längst ihre Arbeitsfelder übernommen. Pierre Esperance meint: „Es gibt wenige NGOs, die wie medico mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten und dabei deren Eigenständigkeit achten.“

Katastrophe der guten Intentionen

Die US-amerikanische Zeitschrift Rolling Stones hat in einer der weltweit wohl aufwändigsten Recherchen zur Situation Haitis nach dem Erdbeben festgestellt, dass nun die „Katastrophe der guten Intentionen“ über Haiti hinwegrolle. Denn nach wie vor hielten die grossen internationalen Player des haitianischen Geschicks an den Konzepten fest, die schon vor dem Erdbeben gescheitert seien. Die Hilfsgelder der Interimskommission, die formal von Bill Clinton und dem haitianischen Ministerpräsidenten geleitet wird, aber in der Sache laut Rolling Stone ganz in den Händen der US-Amerikaner liegt, werden zum Grossteil an nordamerikanische Unternehmen und Akteure gegeben. Das bestätigte uns auch Camille Chalmers von der haitianischen Alternativen Plattform, PAPDA. Chalmers sprach von 90 Prozent der Mittel, die nachweislich an US- und kanadische Akteure (Stand September 2011) abgeflossen sein. Die Clinton-Kommission regiert am schwachen Staat vorbei und meist in der Muttersprache Englisch. Haitianer sitzen trotz gegenteiliger Erklärungen zumeist am Katzentisch. Die Entwicklungskonzepte bestehen am Ende wieder in derselben traurigen Idee von zollfreien Industriezonen mit billigen haitianischen Arbeitskräften. Eine der letzten Kämpfe der abgewählten Regierung unter Preval bestand darin, den Mindestlohn für diese Arbeitsplätze zu erhöhen. Preval konnte sich gegen die US-amerikanischen Interessen nicht durchsetzen. Die Zukunftsvision für Haiti beschreibt der Anthropologe Schwartz im Rolling Stone deshalb düster. In zwanzig Jahren werde Haiti mit Unterstützung der internationalen Gelder in ein einziges grosses Cité Soleil verwandelt sein. Cité Soleil eilt der Ruf grosser Gewalttätigkeit voraus, mit dem auch immer wieder die Notwendigkeit von UN-Truppen oder der Wiedereinführung von Militär begründet wird. So beisst sich die Katze in den Schwanz.

Basisinitiativen fördern

Für eine sozialmedizinische Hilfs- und Menschenrechtsorganisation wie medico international ist die Arbeit in Haiti unter diesen Bedingungen deshalb eine grosse Herausforderung. Hier, wo der Spielraum für emanzipatorische Arbeit immer kleiner wird, in dem die Zivilgesellschaft immer weniger Aktionsraum hat, ist es sehr schwierig ein Partnerverständnis, wie es Medico hat, zu realisieren. Wir haben uns mit der vorhandenen Zivilgesellschaft gut vernetzt. Das ist eine sichere Basis. Aber wir haben auch begonnen, mit kleinen Basisinitiativen in Regionen, die von der Hilfe abgeschnitten sind, zusammenzuarbeiten. Dank eines Kollegen mit haitianischen Wurzeln, der das erste Jahr die medico-Arbeit aufbaute, konnten solche Kontakte zustande kommen. Diese Basisinitiativen, zum Beispiel ein Dorfkomitee in Fauche, dem wir den Bau einer Gesundheitsstationen finanzieren, gibt es an vielen Orten in Haiti. Sie sind Ausdruck von einem starken Willen zur Selbstbestimmung. Einer Ressource, die noch aus der Erfahrung der Selbstbefreiung stammt. Aber sie sind in der internationalen Kooperation vollkommen unerfahren. Es erfordert eine Projektbegleitung, die auch für uns Fragen aufwerfen. Wie sichern und stärken wir die Autonomie dieser Partner und halten doch die Regeln eines sparsamen und effektiven Umgangs mit Spendengeldern aufrecht? Hier treffen Welten aufeinander. Nicht immer sind unsere Abrechnungs- und Planungsmodalitäten mit der Unerträglichkeit des Seins und der extremen Unberechenbarkeit der haitianischen Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen.

Kritische Nothilfe

medico hat allerdings mit dem Konzept der kritischen Nothilfe ein Grundlage und Sprache entwickelt, die es uns auch gegenüber unseren Spenderinnen und Spendern ermöglicht, nicht nur auf den Beweis von schneller von Handlungsfähigkeit zu rekurrieren, sondern auch kritische und selbstkritische Reflektionen über die ambivalente Wirkung von Hilfe zu entwickeln. Unsere Spenderinnen und Spender kennen den Dreiklang, den medico immer wieder vertritt: Hilfe verteidigen, Hilfe kritisieren, Hilfe überwinden. In Haiti wird das Recht auf eine menschenwürdige Existenz mit den Füssen getreten. Gesundheitliche Arbeit in einem solchen Kontext kann nicht nur darin bestehen, wichtige Hilfe in konkreten Projekten zu leisten, sie muss sich mit den Ursachen dieser Katastrophe beschäftigen und sie auch öffentlich machen. Insofern ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Idee von Hilfe für Haiti auch eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich kritisch mit den Ursachen für die Katastrophe auseinandersetzt. Im Gegensatz zu anderen Ländern mit ähnlich sozial und wirtschaftlich katastrophalen Bedingungen, hat Haiti Sprecherinnen und Sprecher, die das zumindest denunzieren können. Ihre Meinungen in die Öffentlichkeiten, die medico zugänglich sind, zu kommunizieren, ist Teil unseres Konzepts kritischer Nothilfe.

Fazit

Die Gefahr, dass die Hilfsbemühungen in Haiti nicht zu einer Verbesserung der gefährdeten Ausgangslage führen, ist gross. Und noch viel grösser ist der daraus entstehende Druck Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit beweisen zu müssen. Die nächsten fünf Jahre unter der Martelly-Regierung, Hand in Hand mit der Clinton-Kommission stehen, so ist zu fürchten, schon aus purem Pragmatismus unter dem Zeichen zunehmenden Autoritarismus. Ein menschenrechtlich orientiertes Konzept von Hilfe, wie medico international es vertritt, muss deshalb über die Begründung der eigenen Notwendigkeit und Handlungsfähigkeit hinausgehen und Akteure unterstützen, die solchen Lösungen entgegen stehen. Auch wenn das manches Marketingkonzept, das in einer Form von Allmacht Hilfe als Lösung präsentiert, infrage stellt.

*Katja Mauerer leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Abteilung bei medico international Deutschland. Kontakt: maurer@medico.de