Gaza, ein Werkstattbericht

Schikanen, Gewalt und immer wieder Hoffnung

Von Jochi Weil-Goldstein / medico international schweiz

Seit den 1980er Jahren arbeitet medico international schweiz mit Partnerorganisationen in Palästina und Israel zusammen. Die Arbeit im Umfeld täglicher Gewalt, militärischer Schikanen und politischer Polarisierung ist schwierig. Das auf langjähriger Zusammenarbeit beruhende Vertrauen bildet das unbezahlbare Kapital.

Es mag mich, dass ich seit Mai 2005 nicht mehr in Gaza gewesen bin. Damals war’s ein mehrtägiger Besuch, zusammen mit meiner Frau. Wir wurden in Gaza-Stadt herzlich aufgenommen und in der Wohnung der Palestinian Medical Relief Society PMRS – Gaza untergebracht. Diese basismedizinische Organisation wurde 1979 von mehreren Engagierten, darunter von Dr.med. Mustafa Barghouthi, in der Westbank gegründet. Seit ich mich erinnern kann, existiert auch ein Zweig davon im Gazastreifen. Wir waren beeindruckt von der freundschaftlichen Aufnahme bei unseren PartnerInnen, mit denen medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suisse CSS Zürich, seit vielen Jahren zusammenarbeitet; 1988 zunächst in der Westbank und Ostjerusalem, später ausgedehnt auch auf Gaza. Dort gehört auch unser anderer Partner dazu, das Gaza Community Mental Health Programme (GCMHP). Auch hier begegneten uns Menschen mit Herzlichkeit.

So erfüllt es mich denn mit Trauer, schon so lange nicht mehr dort gewesen zu sein. Mit Enas einer Mitarbeiterin des GCMHP, welche inzwischen die vierjährige Grundausbildung im Bereich Psychodrama absolviert hat, die von zwei Fachfrauen aus der Schweiz durchgeführt wurde und im Sommer fortgesetzt wird, verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Sie gratuliert mir jeweils regelmässig zum Geburtstag. In den vergangenen Jahren mussten wir uns mit E-Mail und Telefonaten begnügen. Warum? Vor Jahren konnten wir mit unserem Schweizerpass an den Eretz Crossingpoint, den Übergang von Israel nach Gaza, fahren und dort wegen der Kontrolle mehr oder weniger lang auf Einlass warten – ein relativ einfaches und rasches Verfahren. Später, ich weiss nicht mehr ab wann, musste jeweils längere Zeit vor jeder Einreise schriftlich ein Gesuch an das GCMHP eingereicht werden. Zusammen mit einer Einladung wurden die Papiere an die Physicians for Human Rights PHR, unsere Partnerorganisation in Tel Aviv übermittelt, die damit an die IDF, die israelische Armee, gelangte. Meist erhielten wir dann die Bewilligung. Nicht so im Mai 2007, als die Gesuche meiner Frau und mir erstmals abgelehnt wurden. Wir hätten damals via eine andere Stelle rekurrieren können. Doch unsere PartnerInnen rieten uns wegen der unsicheren Situation in Gaza von einem Besuch ab.

Ich weiss, wir werden erwartet, dies vor allem, weil die Lage in Gaza für die inzwischen ca. 1.5 Millionen PalästinenserInnen immer unerträglicher geworden ist. Im Februar zeigte sich ein hoher Beamter der UNO anlässlich seines Besuches wegen der Armut und Arbeitslosigkeit so vieler Menschen erschüttert. Doch nicht nur deshalb: im Laufe der Jahre sind gute persönliche Beziehungen entstanden, Vertrauen. Ein Ausdruck dafür, sind die umgehenden Reaktionen der PMRS, des GCMHP und der PHR, auf meine Anfrage der Einladung durch Medicus Mundi Schweiz MMS, je einen Beitrag über die Auswirkungen der israelischen Blockade auf das Gesundheitssystem zur Versorgung der Bevölkerung in Gaza zu schreiben, die in diesem Bulletin zu lesen sind.

Eingeschränkter Zugang zu Gesundheitseinrichtungen

Blickwechsel: Von den PHR in Israel werden wir regelmässig über palästinensische PatientInnen informiert, die wegen schwerer Erkrankungen in Spitälern Gazas nicht mehr ausreichend behandelt werden können, also z.B. bei verschiedenen Tumoren, Krebsleiden, und deshalb ein Gesuch stellen, um in Spitälern in Ostjerusalem oder Israel medizinisch versorgt zu werden. Nur einem Teil dieser Gesuche wird entsprochen. Hier zeigt sich die enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsorganisationen in Gaza und den PHR. Regelmässig macht die israelische Partnerorganisation Eingaben beim Obersten Gericht in Israel, das ab und zu ein Korrektiv zur immer unerbittlich werdenden Besatzungs- und Strangulationspolitik der israelischen Regierung darstellt. Nicht wenige der schwerkranken PatientInnen sind in der Zwischenzeit beim Warten auf einen Entscheid oder nach dessen Ablehnung gestorben, anfangs März erneut deren vier, eine 65jährige Frau an Herzkrankheit, eine 77jährige Patientin mit Krebs im Hals, ein Kleinkind an einer genetisch bedingten Leberkrankheit, eine Frau, die zu spät in ein israelisches Spital eingeliefert wurde, an inneren Blutungen. Was steckt dahinter? In Israel herrscht das Zauberwort „Bitachon“, Security, Sicherheit für alles und auch jede Schikane – oft ohne jede sachliche Begründung. Die Frage ist, um wessen Sicherheit es geht. In letzter Zeit neigt auch der High Court of Justice immer mehr dazu, Entscheidungen der Armee und der Regierung zu stützen, auch bezüglich der Drosselung von Energiezufuhr mit Elektrizität und Treibstoff. Natürlich ist die Forderung nach Sicherheit für Leib und Leben auch der Israeli berechtigt, doch sollten im Alltag alle Prozeduren möglichst nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit angewendet werden. Im Judentum ist die Erhaltung des Lebens oberstes Gebot, dem sogar die strengen Schabbatgebote zu weichen haben. Aus diesem Grund muss der adäquaten medizinischen Behandlung von schwerkranken palästinensischen PatientInnen oberste Priorität zukommen, denn die Erhaltung des Lebens gilt auch dem „Fremden“ gegenüber.

Anstatt endlich Vernunft walten zu lassen und ernsthaft nach politisch Auswegen aus dem Desaster zu suchen, wird seitens der israelischen Regierung weiterhin auf militärische Stärke, zum Beispiel durch gezielte Tötungen gesetzt, was die Armee inzwischen meisterhaft beherrscht, wie Uri Avnery, der bekannte israelische Friedensaktivist, in einem seiner wöchentlichen Beiträge aufgezeigt hat. Was heisst aus meiner Sicht politische Vernunft? Endlich Kontaktaufnahme auch mit Hamas und Verhandlungen mit der im Januar 2006 demokratisch gewählten palästinensischen Regierung – dies unter internationaler Beobachtung. Eine Umfrage zeigte, dass inzwischen eine Mehrheit in der israelischen Bevölkerung die Aufnahme von Verhandlungen mit Hamas befürworte.

Nun etwas zu den Projekten, die wir von medico hier unterstützen. Unser Herzstück ist sicherlich die Ausbildungs- und Supervisionsarbeit unserer beiden Psychodramafachfrauen, Ursula Hauser, Psychonanalytikerin und Psychodramatikerin, zusammen mit Maja Hess, Oberärztin in einer psychiatrischen Klinik hier und Präsidentin von medico international schweiz. Seit gut vier Jahren bilden die beiden Frauen Fachleute im Bereich der psychosozialen Gesundheit und des Basisgesundheitswesens aus, also PsychologInnen, PsychiaterInnen, SozialarbeiterInnen, ÄrztInnen, PflegerInnen beim Gaza Community Mental Health Programme in Gaza-Stadt. Es nehmen auch MitarbeiterInnen der Palestinian Medical Relief Society PMRS – Gaza daran teil. Im September 2006 konnte der erste Ausbildungskurs an einer offiziellen Feier abgeschlossen werden. 15 Frauen und Männer erhielten ihre Diplome. Bei meinem letzten Besuch in Gaza im Frühjahr 2005 hörte ich begeisterte Echos über die Ausbildung.

Worum geht es beim Psychodrama? Frauen und Männer suchen Themen, welche möglichst viele Gruppenmitglieder in ihrem Alltag beschäftigen, also zum Beispiel Gewalt in Familie und Gesellschaft, die gezielten Tötungen durch die israelische Armee, Konflikte am Arbeitsplatz, Auswirkungen der Blockade, Träume. EinE ProtagonistIn wird von der Gruppe, die insgesamt 15 Mitglieder zählt, ausgewählt und spielt die sie konkret beschäftigende Thematik, worauf die andern reagieren können, wenn die Szene etwas in ihnen auslöst. Hernach wird das Gespielte in der Gruppe besprochen, gestützt und moderiert durch die Leiterinnen, dies auf psychoanalytischem Hintergrund.

Für Juni 2007 war vorgesehen, dass unsere beiden Kolleginnen während einer Woche Supervisionsarbeit mit den Frauen und Männern durchführen. Trotz enormer Anstrengungen ist es uns nicht gelungen, die Einreisebewilligung nach Gaza von den israelischen Behörden zu erhalten. Unser Rekurs wurde letztlich nicht beantwortet. Wahrscheinlich spielten auch die blutigen Kämpfe zwischen Hamas und Fatah, die zu jener Zeit ausbrachen, eine Rolle, weshalb im letzten Moment keine Bewilligung erteilt wurde. Also haben wir das Vorhaben auf Ende November letzten Jahres verschoben. Erneut das Prozedere: Eingabe an das Gaza - CLA International Department, die Einreisebehörde. Parallel dazu Unterstützung durch die PHR-Israel, hernach warten, nachfragen, bangen und schliesslich „grünes Licht“ aus dem Verteidigungsministerium in Tel Aviv. Vom 26. bis 29. November, einen Tag später als vorgesehen, konnte im GCMHP in Anwesenheit der Mehrzahl der TeilnehmerInnen fruchtbare Supervisionsarbeit geleistet werden.

Gesundheitszentrum in Gaza bombardiert

Einen Einschnitt in die Tätigkeit unserer Partnerorganisation PMRS erfolgte aufgrund der Bombardierung des palästinensischen Innenministeriums in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar durch die israelische Luftwaffe. Das Gebäude befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Medical Relief. Durch sogenannte Kollateralschäden wurde es arg beschädigt. Getroffen wurde das Loan Center, wo z.B. Gehstöcke und Rollstühle ausgeliehen werden können. Aber auch etwa die Hälfte der Medikamentenvorräte sei zerstört worden; Schäden auch am Fahrzeug für die Mobile Clinic zur basismedizinischen Versorgung der Dorfbevölkerung. Ironie des Schicksals: Am Vorabend wurde anlässlich der Sitzung der Projektkommission von medico in Zürich einstimmig beschlossen, die Arbeit der Mobile Clinic erneut zu unterstützen, nämlich mit 10'000 Euro. Dies auch angesichts der sich weiter verschärfenden Situation in der gesundheitlichen Versorgung der palästinensischen Bevölkerung als Folge der Blockade Israels gegen Gaza. Sicherlich spielen dabei die andauernden Beschiessungen mit Kassam-Raketen auf die Zivilbevölkerung im Süden Israels eine zentrale Rolle, die ich immer wieder verurteile. Rechtfertigt das eine Strangulationspolitik gegen ca. anderthalb Millionen Menschen in Gaza, zum grössten Teil Zivilpersonen? Beim erwähnten Angriff aus der Luft wurde in einem anderen Haus in der Nähe ein fünf Monate altes Baby getötet.

In meiner Empörung habe ich dem Israelischen Botschafter in Bern am 28. Februar folgendes geschrieben:

Sehr geehrter Herr Botschafter Elgar

Mit Erschütterung haben wir gestern von der schweren Beschädigung des Zentrums der Palestinian Medical Relief Society PMRS in Gaza erfahren. Die PMRS ist eine langjährige Projektpartnerin von medico international schweiz.
Vorgestern Abend, also noch vor den Angriffen, haben wir beschlossen, die Mobile Clinic unserer Partnerorganisation in Gaza zur basismedizinischen Versorgung in der Bevölkerung mit EURO 10’000.- zu unterstützen.
Wir ersuchen Sie, bei der israelischen Regierung vorstellig zu werden und verlangen Aufklärung der Sachverhalte dieses Angriffs auf unsere Projektpartnerin PMRS-Gaza sowie Wiedergutmachung der dabei angerichteten Schäden. Anschliessend erwarten wir den Bericht.

Einmal mehr möchte ich betonen, dass wir auch Beschiessungen aus dem Gazastreifen auf die Zivilbevölkerung von S’derot mit Kassam-Raketen verurteilen.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüssen

medico international schweiz
vormals Centrale Sanitaire Suisse
CSS Zürich

Jochi Weil-Goldstein, Projektverantwortlicher

Mit Abu Akram, dem Leiter der PMRS, nahm ich sofort Kontakt auf. Bald wurde erneut spürbar, wie gut die über lange Zeit eingeübte Zusammenarbeit in gegenseitigem Respekt spielt. Selbst unsere hilflosen Zeichen von hier aus scheinen in Gaza bei unseren PartnerInnen ein wenig Ermutigung zu bewirken, um weiterhin durchzuhalten, zivilen Widerstand gegen vielerlei Ungerechtigkeiten adäquat zu leisten. Das wiederum wirkt sich auch auf uns aus: Wie oft habe ich mir in den letzten beiden Jahren schon gesagt, aufhören zu wollen, mich Konstruktiverem zuwenden zu wollen...

Gesundheitszentrum im Dorf Abu Tuaima

Das kleine Dorf im Süden des Gazastreifens, auf dem Weg nach Rafah, etwa auf der Höhe östlich von Khan Yunis, unweit der Grenze zu Ägypten, habe ich früher schon einige Male besucht. Ungefähr 4’000 Menschen wohnen dort, welche der Familie Abu Tuaima angehören. Das Dorf ist nach dem Familienclan Abu Taime benannt. An wie viele verschiedene Schreibweisen ich mich doch schon gewöhnen muss... Seit vielen Jahren unterhält die PMRS eine Klinik, ein Ambulatorium. Dieses wird von unserer Schwesterorganisation Centrale Sanitaria Svizzera CSS im Tessin jährlich mit 5'000 US-$ unterstützt. Unlängst haben wir einen umfangreichen Bericht über das vergangene Jahr erhalten. Die Angebote sind reichhaltig und entsprechen mehr oder weniger den anderen Gesundheitszentren von Medical Relief im Gazastreifen, in Ostjerusalem und in der Westbank. Hier ein paar der basismedizinischen Dienstleistungen:

- Untersuchungen und Behandlungen (kurativ)
- Gesundheit von Frau und Baby
- Behandlung chronischer Krankheiten, wie Diabetes und Bluthochdruck
- Labor
- Erste Hilfe-Kurse
- Gesundheitsprogramm für Kinder im Kindergarten- und Schulalter
- Gesundheitserziehung.

Ich vermag mich an folgende Schwerpunkte zu erinnern, dem vor Jahren für die Abu Tuameh clinic verantwortlichen Arzt Dr.med. Bandali besondere Anliegen waren:

- Kampf gegen die Klitorisbeschneidungen, die in jener Gegend seit Jahren überwunden scheinen.
- Engagement gegen Early marriage, Frühheiraten, damit die Mädchen zunächst genügend Schulbildung und wenn möglich eine Berufsausbildung absolvieren können.

Paradoxe Hoffnung?

Trostlos sieht es vor Ort aus, ja die Situation verschärft sich weiter. Dies schlägt sich auch hier z.B. in der Solidaritätsbewegung mit Palästina polarisierend nieder: Entweder man steht auf der Seite der PalästinenserInnen oder der Israeli. Das Sowohl als auch, der Brückenbau, wird zunehmend schwieriger. Das ist verständlich, für mich aber auch schmerzlich. Was bleibt dann noch?

Ein Beispiel: Hoffentlich können Maja Hess und Ursula Hauser im kommenden Juni wieder nach Gaza einreisen und dort mit der weiterführenden und vertieften begleitenden Ausbildung im Bereich Psychodrama beginnen, die drei Jahre dauern soll. Geplant ist, dass der Jörg Burmeister, Psychiater und Psychotherapeut, President Elect International Association of
Group Psychotherapy and Group Processes, die beiden Fachfrauen begleiten wird. Möge die erneute Ausbildung das Selbstvertrauen der TeilnehmerInnen in Gaza dabei in ihrer alltäglichen Arbeit im Basisgesundheitswesen stärken. Dazu gehört auch die Befähigung zu konstruktivem und zivilem Widerstand gegen die israelische Blockade: gewaltlos.

*Jochi Weil-Goldstein, ausgebildeter Primarlehrer mit heilpädagogischer Zusatzausbildung, engagiert sich seit 1981 bei medico international schweiz, vormals Centrale Sanitaire Suiss (CSS). Er ist Projektverantwortlicher für Palästina und Israel und Mitbegründer und aktiv bei der Kampagne Olivenöl. Kontakt: j.weil@bluewin.ch

Hinweis

  • medico international schweiz unterstützt seit Monaten die Palestinian International Campaign to End the Siege on Gaza, siehe:http://www.end-gaza-siege.ps/ – dies mit dem Namen und der Gesinnung unserer Organisation.