Gewalt gegen Frauen: Strategie und Massnahmen des UNFPA

Kultursensible Arbeit als Schlüssel gegen Gewalt

Von Susanne Rohner / SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz

Zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen gibt es kein Standardmodell. Mit einem kultursensibeln Ansatz und der starke Partizipation der betroffenen Gemeinschaft sind Projekte zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen jedoch Erfolg versprechend, wie zehn von dem UNFPA vorgestellte Fallbeispiele zeigen.

In Kenya reist eine Maasai Frau mit einem aus Holz geschnitzten Modell der weiblichen Geschlechtsorgane von Dorf zu Dorf und erklärt allen, die zuhören, welche Auswirkungen genitale Beschneidungen auf Frauen haben. In Bangladesh sitzen VertreterInnen der Zivilgesellschaft, der Politik, Imame und Dorfälteste, LehrerInnen, Schwiegermütter und junge Menschen an einen Tisch und stellen den Brauch der Verheiratung von Kindern in Frage. In Mauretanien brechen vier Hebammen das Schweigen und bewirken, dass Opfer einer Vergewaltigung nicht mehr ins Gefängnis kommen, sondern stattdessen Hilfe erhalten und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. In Kolumbien engagiert sich ein Jesuit in einer schwer militarisierten Gegend für die reproduktive Gesundheit von Frauen und leitet einen Dialog über Gewalt gegen Frauen im Kontext der Menschenrechte ein. In der Türkei rufen Fussballteams in einer breit angelegten Kampagne zu einem Stopp von Gewalt gegen Frauen und Ehrenmorde auf.

Unterschiedliche physische und psychische Formen

Der gemeinsame Nenner dieser Beispiele aus verschiedenen Ländern der Welt: Es handelt sich um Initiativen, die erfolgreich ein Eindämmen von Gewalt gegen Frauen bewirkt haben. Gewalt gegen Frauen kann sich in ganz unterschiedlichen, physischen und psychischen Formen manifestieren, wie Zwangsheirat, systematische Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung, Zwangsprostitution, Menschenhandel, weibliche Genitalverstümmelung, aber auch häuslicher Gewalt. Weltweit sind Millionen von Frauen und Mädchen geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt und zwar unabhängig von Religion, Ethnie und sozialer Klasse. „Eine wichtige Voraussetzung, um das Problem anzugehen, besteht darin, es überhaupt sichtbar zu machen“, erklärt Maysoon Melek, Spezialistin beim United Nations Population Fund (UNFPA) zu diesem Thema. Eine Privatangelegenheit, die viel zu lange tabuisiert und totgeschwiegen wurde, muss überhaupt erst zum öffentlichen Thema gemacht werden, ein Prozess der mancherorts eingeleitet ist.

Maysoon Melek, von 2002 bis 2006 Kultur- und Genderbeauftragte beim UNO-Weltbevölkerungsfonds in New York, hat am Treffen der Schweizer parlamentarischen Gruppe Kairo+ im März in Bern Lösungsansätze zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen vorgestellt. Die Empfehlungen basieren auf den Erfahrungen aus Projekten wie den eingangs erwähnten, die von UNFPA unterstützt und in der Dokumentation „Programming to address violence against women“ ausführlich beschrieben werden. Eingeladen wurde Maysoon Melek von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA sowie von PLANeS, der Schweizerischen Stiftung für sexuelle und reproduktive Gesundheit, welche die Treffen der parlamentarischen Gruppe Kairo+ organisiert.

„Kulturen sind dynamisch“

Zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, gebe es kein Standardmodell, so Melek. Gewalt gegen Frauen müsse unter Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Kontexts, der lokalen Begebenheiten angegangen werden. Sie plädiert deshalb für einen kultursensibeln Ansatz sowie für die Partizipation der betroffenen Gemeinschaft. „Kulturen sind dynamisch“, betont Melek, was gerade auch Möglichkeiten zu Veränderungen bietet, die allerdings innerhalb der Gemeinschaft selber eingeleitet werden müssen. Im Weiteren sei es wichtig, dass alle Sektoren einbezogen sind.

Azza Karam, die heutige Kultur- und Genderbeauftragte des UNFPA in New York, die in Bern eine von der UNO im Februar lancierte, globale Kampagne zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen vorstellte, nennt weitere Prioritäten: So müssten unbedingt Schlüsselfiguren, sogenannte Türöffner einer Gemeinschaft erreicht werden, zu welchen auch Vertreter von Glaubensgemeinschaften zählten. Diese müssten ins breitere Netzwerk von NGOs und internationalen Organisationen eingebunden werden, damit eine gemeinsame Plattform geschaffen werden kann. Unabdingbar seien auch der Einbezug und die aktive Beteiligung von Männern und Knaben in allen Phasen eines Projektes, so Karam.

Seit 1979 gibt es international eine rechtliche Basis zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, das Abkommen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung von Gewalt gegen Frauen (CEDAW). 2006 hatten 184 Länder das Abkommen unterschrieben, in dem auch die reproduktiven Rechte für Frauen festgeschrieben sind. Der Weg zur Umsetzung dieser Absichtserklärung ist aber noch weit. Solange zu wenig in die Prävention, in die Bildung und in Menschenrechtsfragen investiert wird, und solange Frauen aufgrund von Armut keine Optionen haben, sind sie in besonderem Masse der Gewalt ausgesetzt.

*Susanne Rohner ist Mitarbeiterin von PLANeS, der Schweizerischen Stiftung für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Als nationaler Dachverband der kantonalen Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität und Sexualerziehung, der Fachstellen für Sexualpädagogik sowie der Fachverbände dieser Berufsgruppen engagiert sich PLANeS für die Rechte im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und dafür, dass der Zugang zu diesen Leistungen für alle gewährleistet ist. PLANeS vertritt die Schweiz in der International Parenthood Federation IPPF. Kontakt:susanne.rohner@plan-s.ch

Literatur und Hinweise