Zimbabwe: HIV/Aids Projekt Chirumhanzu

Dem HI-Virus auf den Fersen

Von Severin Lüscher & Sr. Gaudiosa / SolidarMed

Vor bald 5 Jahren* entstand durch die Initiative von SolidarMed-Ärzten im Chirumhanzu Distrikt ein zur damaligen Zeit fast pionierhaftes Aids-Projekt. Ging es am Anfang noch ausschliesslich um die Vorbeugung einer Ansteckung durch gezielte Information der lokalen Bevölkerung, so wird heute ein umfassender Umgang mit der Krankheit angestrebt.

Zum HIV/Aids-Projekt des St. Theresa’s Hospital in Chirumhanzu gehören heute neben der Prävention auch der Aufbau und die Koordination eines Programmes der „Home Based Care" - einer Art Hauspflege für HIV/Aids-Kranke - sowie verschiedene Selbsthilfegruppen von und für Menschen mit HIV/Aids. Geleitet wird das Projekt durch ein lokales Aids-Komitee, bestehend aus Krankenschwestern und Krankenpfleger sowie den SolidarMed-Ärzten am St. Theresa's Hospital. Seit 1996 hat das HIV/Aids-Projekt eine Geschäftsführerin, Etta Dendere. Selbst HIV-positiv, kennt sie die Probleme, Ängste und Vorurteile sehr gut, denen HIV-positive Menschen ausgesetzt sind. Von grossem Wert für das Projekt ist, dass Etta Dendere als Abgeordnete der Provinz Mitglied in der zimbabwischen Dachorganisation „Zimbabwe National Network for People living with HIV/ Aids" ist. Durch ihren aufopfernden Einsatz und ihren Enthusiasmus ist sie heute die treibende Kraft des Projektes.

Während in den ersten Jahren das Projekt durch UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, finanziert wurde, so zeichnet seit 1996 SolidarMed verantwortlich für die Betriebsmittel, unterstützt durch mehrere grosszügige Gönner.

HIV/Aids-Aufklärung: Vorbeugen ist besser als Heilen

Sehr einladend präsentieren sich die Plakate der lokalen katholischen Kirche, die für Treue und voreheliche Enthaltsamkeit plädieren. Wenige hundert Meter vom St. Theresa’s Hospital entfernt verteilt eine „Gesundheitsberaterin" des HIV/Aids-Projekts in der Bierhalle Kondome an oft alkoholisierte Männer. So wichtig beide Formen der Aufklärung und Vorbeugung sind: sie stammen beide aus der europäischen oder nordamerikanischen Küche, ohne Rücksicht auf afrikanische Sitten und Gebräuche. Niemand weiss so recht, wie HlV-risikofreies Verhalten mit afrikanischer Tradition und Gegenwart in Verbindung gebracht werden kann. Wie sind die kirchlichen Empfehlungen vereinbar mit den kulturellen Traditionen, gemäss denen z.B. ein Shona-Mann sehr wohl mehrere Ehefrauen haben kann und dies zudem, ohne die erste Frau fragen oder informieren zu müssen? Wie passen die Ratschläge zu dem aus ökonomischen Zwängen entstandenem Verhalten, dass viele Ehemänner zum Broterwerb manchmal monatelang weit von zu Hause weg sind und am Arbeitsort eine feste Freundin oder auch wechselnde Partnerinnen haben? Was für einen Rat gibt man einer Ehefrau, die sich auf die Frage nach der Benutzung eines Kondoms die Frage gefallen lassen muss, ob denn sie untreu sei, oder die sogar gleich aus dem Haus gejagt wird?

Den vielleicht besten, weil auf einer lange vorbestehenden Erzähltradition aufbauenden Zugang zur Bevölkerung hat die Theatergruppe. Sie führt an verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen, in Schulen und im Gottesdienst ein bis zweimal monatlich instruktive Theaterstücke im ganzen Distrikt auf. Die Laienspieler/innen, ausschliesslich einheimische und zumeist junge Leute, zeigen typische Verhaltensweisen auf und geben Hinweise, was verändert werden sollte. Selbstverständlich werden die Theaterstücke in erster Linie zur Unterhaltung und aus Neugierde angeschaut. Kurzfristig werden sich dadurch wohl kaum Verhaltensänderungen einstellen, ist doch das traditionelle Krankheitsverständnis der Shona nur schwer mit unserem wissenschaftlichen Krankheitsbild in Einklang zu bringen: Viel eher kann sich da die Vorstellung durchsetzen, jemand sei durch Hexerei oder einen Fluch der Ahnen krank geworden, als die Erklärung, ein unsichtbares Virus, das vor längerer Zeit in den Körper eingedrungen sei, trage die Schuld.

Selbsthilfegruppen: Gemeinsam sind wir stark

Immer wieder kann zudem beobachtet werden, dass auch Familien ihre Aidskranken Mitglieder aus Furcht vor der Krankheit oder der Reaktion der Nachbarn isolieren. Diese Ausgrenzung wird von den Kranken, die in einer Kultur mit starken Familienbanden leben, verständlicherweise als sehr schmerzhaft und auch existentiell bedrohlich empfunden. Zur Zeit gibt es sechs Selbsthilfegruppen mit jeweils 12 bis 20 HIV-positiven Mitgliedern, die zum Ziel haben, gemeinsam ein Einkommen zu erzielen und es untereinander aufzuteilen, ganz nach dem Slogan "Share and Live" (teile und lebe) der Edzai Support Group. Zu den Aktivitäten zählen beispielsweise das Nähen von Kleidern, eine Hühnerzucht oder der Gartenbau. Genauso wichtig aber ist das zweite Ziel der Selbsthilfegruppen, nämlich der Erwerb neuen Selbstvertrauens und der Kampf gegen die Resignation, so wie es der Leitspruch der Kushinga Support Group ausdrückt: "HIV - Hope ls Vital" (Hoffnung ist lebenswichtig).

Aus dem Jahresbericht 1996 des St. Theresa’s Hospital, Zimbabwe. Überarbeitet von Matthias Tapis. Dem Thema „AIDS in unseren Einsatzländern" ist die Ausgabe Nr. 15 vom Juni 1997 der SolidarMed-Notizen gewidmet. www.solidarmed.ch