Tanzania

“Ich weiss jetzt, was ich will und was ich nicht will”

Von Kurt Madörin

Kwa Wazee hat 2010 und 2011 im ländlichen Tanzania für 250 Mädchen und weibliche Jugendlichen Selbstverteidigungskurse durchgeführt - als Reaktion auf die vielen Vorfälle von sexueller Gewalt. Ein Erfahrungsbericht.

Als F. in die zweite Klasse eintrat, wurde sie von ihren Eltern aus dem ländlichen B. in die 1’500 km entfernte Hauptstadt Dar es Salaam zu ihrem Onkel geschickt. Sie sollte dort eine bessere Erziehung, bekommen, ihrer Tante etwas im Haushalt helfen und die eigene zehnköpfige Familie entlasten. Als F. in die sechste Klasse kam, wurde sie von ihrem Onkel so brutal vergewaltigt, dass sie medizinische Pflege brauchte. Sie wurde zurückgebracht und machte anschliessend einen Selbstmordversuch - zum Glück konnte sie rechtzeitig gerettet werden.

R. hatte ihre Mutter frühzeitig verloren. Als sie in die Schule kam, nahm sie eine Tante, die eine Bar führte, zu sich. R. musste als junges Mädchen in der Bar Gäste bedienen – sexuelle Übergriffe wurden toleriert. R. wurde mit Syphilis angesteckt - an den Folgen leidet die heute 17-Jährige immer noch, weil die Krankheit nicht behandelt worden ist.

S. wurde in der 6. Klasse beauftragt, die kleine Schulbibliothek in Stand zu halten. Ein Lehrer bot ihr zwei Franken, um mit ihr Sex zu haben. Sie lehnte empört ab. Er denunzierte sie darauf beim Rektor, dass die Bibliothek nicht in Ordnung sei. Der Rektor befahl ihr, am Samstag in der Bibliothek zu arbeiten. Der Lehrer benutzte diese Gelegenheit, in die Bibliothek zu kommen und sie zu vergewaltigen. All ihr Schreien nützte nichts. Als sie es der Lehrerin sagte, die für die Bibliothek zuständig war, befahl ihr diese, zu schweigen. Das hat sie dann die nächsten 4 Jahre gemacht!

Drei Geschichten, wie sie, oft zum ersten Mal, in der Runde von sechzig Mädchen erzählt werden und ein erschreckendes Zeugnis ablegen über das Ausmass der sexuellen Gewalt gegen Mädchen und über die Selbstverständlichkeit, mit der das von der Gesellschaft im ländlichen Tanzania hingenommen wird. Die Runde – das sind elf- bis achtzehnjährige Mädchen, die jeweils an einem zwölftägigen Selbstverteidigungskurs in Dörfern im Nordwesten Tanzania’s teilnehmen.

Ein neuer Anfang

Die Idee für Selbstverteidigungskurse für Mädchen entstand 2002 aus einer Zusammenarbeit zwischen Kurt Madörin, dem Gründer der Waisenorganisation VSI in Tanzania, und Nathalie Ullmann von PALLAS. Die in einem Grundkurs ausgebildeten Trainerinnen führten in der Folge zwischen 2002 und 2004 eine Reihe von Trainings durch. 2010 nahm Kwa Wazee die Idee der Selbstverteidigung wieder auf – als Reaktion auf die vielen Vorfälle von sexueller Gewalt. Kwa Wazee arbeitet mit alten Menschen, die oft Grosskinder aufziehen, welche ihre Eltern wegen Aids verloren haben, und mit Menschen, die mit HIV leben (PLWHA) und ihren Kindern. TatuTano, die Organisation der Grosskinder und der Kinder, die mit HIV-infizierten Eltern leben, zählt um die 1’000 Kinder und Jugendliche.

Die Kurse sind aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt. Eine Komponente besteht im Erlernen und Beherrschen einer Reihe von Verteidigungstechniken – etwa, wie man sich aus Umklammerungen lösen kann, oder wie man sich am Boden befreien kann etc. Dazu gehört auch die Kenntnis der verwundbaren Stellen des männlichen Körpers, oder der Gebrauch der Stimme und der allgemeinen Körpersprache. Es ist immer wieder eindrücklich, wie sich die Stimme der Mädchen im Laufe der ersten Tage von einem meist verhaltenen und etwas kraftlosen “Hapana. Sitaki.” (Nein. Ich will nicht) in ein sehr bestimmtes und akustisch wirkungsvolles “Hapana” verwandelt. Wir haben auch beobachtet, wie das intensive zweiwöchige körperliche Training, zusammen mit der zunehmenden Beherrschung der Techniken, ein Vertrauen in die eigene Körperkraft schafft.
Dass das im Alltag wirkt, zeigt die Geschichte der körperlich ziemlich kleinen, feingliederigen und eher schüchternen vierzehnjährigen A.: A. sammelte Holz, als sich ein junger Mann näherte, der sie seit längerer Zeit verfolgte und belästigte. Sie schlug laut Alarm, worauf der Mann wegrannte.

„Ich und mein Körper“

Eine weitere Komponente, vermutlich ebenso wichtig für den Schutz der Mädchen, dreht sich um persönliche Einstellungen und kulturelle Leitbilder und sollte ihnen helfen, sich ein genaueres Bild ihrer Lebensumstände zu machen und sich eigene Positionen zu wichtigen Fragen zu erarbeiten. Zu diesem Zweck haben wir das ursprüngliche Manual von 2002 zu einem interaktiven Werkheft umgearbeitet und es von 15 auf 20 Module erweitert. Module wie “Ich und mein Körper – mein Körper gehört mir”, “Wie sicher fühle ich mich in meiner Umgebung”, “Verletzliche Teile meines Körpers” und vor allem das Modul über sexuelle Gewalt thematisieren die fragile Stellung von Mädchen und weiblichen Jugendlichen in der tanzanianischen Gesellschaft.

Eine wichtige Rolle wird dem Umgang mit den eigenen Gefühlen und dem Selbstwertgefühl zugeschrieben wie die folgenden Überschriften der Module zeigen: “Wir alle haben und brauchen Grenzen”, “Selbstvertrauen”, “Gefühle”, “Meine innere Stimme”, “Scham”, “Angst”, “Zorn”. Eine weitere Gruppe im Werkheft soll den Teilnehmerinnen helfen, realistisches Verhalten einzuüben und dabei die eigenen Stärken einzusetzen sowie das eigene Verhalten zu überprüfen: “Konzentriere Dich auf das was kannst – und nicht auf das was Du nicht kannst”, “Dies erhöht meine Sicherheit” und “Selbstverteidigung beginnt lange vor einem Angriff”.

Zeit, um Vertrauen zu schaffen

Eine dritte Komponente ergibt sich aus der grossen Zahl (meist um die 60 Mädchen und Jugendliche) und die Dauer. Während die grosse Zahl sich auf die grosse Nachfrage zurückzuführen ist (manche weinen, wenn wir sie auf einen nächsten Kurs vertrösten müssen), ist die Dauer ein geplantes Strukturelement des Kurses. Die kontinuierlichen zwölf Tage bilden die Voraussetzung, das notwendige gegenseitiges Vertrauen unter den Teilnehmerinnen (und zwischen den Teilnehmerinnen und den Trainerinnen) zu schaffen, das es erlaubt, – oft zum ersten Mal - von traumatischen Erlebnissen zu sprechen.

Vielleicht ist hier eine Zwischenbemerkung angebracht: Wir leben in einem Umfeld, in dem es weit und breit keine geschulten Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen etc. gibt. Dieser unumgängliche Mangel versuchen wir mit einem entsprechenden Setting teilweise auszugleichen, das das Entstehen eine “Selbsthilfegruppen – Wirkung” ermöglicht.

Wir haben in einem der Kurse, nachdem zwei Mädchen ihre Lebenssituation und Erlebnisse geschildert hatten (was etwa einen Drittel der Zuhörerinnen zum Weinen gebracht hat) gefragt, ob ihnen denn diese Erzählungen etwas “nützt” oder ob sie nicht eher belastend sind und wir vielleicht damit aufhören sollten. Alle jugendlichen Teilnehmerinnen waren sich einig, dass sie diese Möglichkeit auf keinen Fall missen möchten. Nach den Gründen gefragt, sagten sie, dass “es mir hilft und für mich wichtig ist, zu erfahren, dass andere ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben”, “dass ich von ihren Erfahrungen lernen kann”, “ dass ich ihnen vielleicht auch Ratschläge geben kann”, oder halt einfach die Gelegenheit zu haben, das Mitgefühl ausdrücken, indem man “pole sana” sagt – es tut mir sehr leid für dich. Die grosse Zahl und die Dauer bindet die Mädchen auch zusammen – wir können beobachten, dass ein beträchtliche Zahl von Freundschaften entsteht sowie ein starkes Wir-Gefühl eines “Wir Mädchen”.

Raum für Fragen, die nie gestellt werden dürfen

Schliesslich gibt es noch eine Komponente von praktischer Lebenshilfe und Informationen, die die Sicherheit und die Handlungsfähigkeit der Mädchen und Jugendlichen erhöhen soll. Ein Modul beschäftigt sich mit sexueller Reproduktion und den Zusammenhang mit HIV und Aids. Das Modul schafft den Raum für Fragen, die nie gestellt werden konnten – diese Möglichkeit wird äusserst rege benutzt. Es wird auch ersichtlich, dass eine nicht kleine Zahl der Jugendlichen sexuelle Erfahrungen hat. Viele von ihnen äussern den Wunsch, einen HIV-Test zu machen, den wir organisieren helfen.

Zwei Module befassen sich mit der Rechtslage und den möglichen Vorgehensweisen bei sexuellen Übergriffen – die Module “Meine Rechte und wer in meiner Umgebung ist verpflichtet, sie zu verteidigen” und “Was tun bei sexueller Belästigung”. Letzteres ist eine praktische Anleitung, um die Chancen für erfolgreiches Vorgehen bei Polizei oder Gemeindebehörden Verhandlungen zu erhöhen. Wir haben in diesem Zusammenhang auch einen Gemeindepräsidenten eingeladen, um den Mädchen Anweisungen zu geben über das beste Vorgehen.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind rund 250 Mädchen und weibliche Jugendliche ausgebildet worden – wenn es die Finanzen erlauben, werden wir weitere Kurse durchführen. Viele Teilnehmerinnen treffen sich ein- bis mehrmals pro Monat, um die Selbstverteidigungstechniken zu üben und Erfahrungen bezüglich sexueller Anmache und sexueller Gewalt auszutauschen. Wir streben eine grösstmögliche Zahl an – denn nur so entsteht in den Dörfern so etwas wie eine “pressure group” für ein verändertes Verhalten gegenüber der sexuellen Gewalt.

Erste Erfolge

Der folgende Fall von Kabare ist zwar noch ein Einzelfall, bezeugt aber einen Wandel in der Einstellung zur Straffreiheit von sexueller Gewalt. Oben wurde die Geschichte von A., die von einem jungen Mann wiederholt belästigt und bedroht worden war, erwähnt. Sie erzählte es, nach dem Kurs, ihrer Tante, die ihr daraufhin gebot, zu schweigen, weil der junge Mann in der Nachbarschaft wohnte. A. suchte darauf Hilfe bei der Selbstverteidigungsgruppe. Die Mädchen beschlossen, zum Gemeindepräsidenten zu gehen und die Geschichte vorzutragen. Er liess den Mann kommen, und gemeinsam – Gemeindepräsident und die Mädchen - brachten sie ihn zur Polizei nach Nshamba. Die hielten ihn für einige Tage fest, liessen ihn aber dann wieder laufen und er kehrte zurück.

Die Selbstverteidigungsgruppe drohte, den Fall bis zum Distrikt zu bringen, worauf die Polizei ihn wieder verhaftete und für einen Monat einsperrte. Unterdessen hatte sich die Tante mit dem Clan des jungen Mannes zusammengesetzt. Der Clan garantierte für den jungen Mann, worauf er zurückkehren konnte. Leider hielt er sich nicht an die Abmachungen – er bedrohte mit dem Buschmesser die Mädchen und die Tante von A. – er sitzt jetzt wieder im Gefängnis.

Der Rektor der einen Primarschule in Kabare hat übrigens vorgeschlagen, Selbstverteidigungskurse für ALLE Mädchen in der Schule zu machen.

Ein „Sicherheitssprung“

Im März/April haben wir 82 Mädchen gebeten, sich zu folgenden Fragen zu äussern:

1. Wie hat sich mein individuelles Sicherheitsgefühl durch den Kurs verändert (angegeben auf einer Skala von 1-10) und wie erkläre ich die Veränderungen?
2. Hat Gewalt zugenommen, ist sie gleich oder hat sie abgenommen in ausgewählten sensiblen Bereichen (wie Schule, Schulweg, Wasser holen, männliche Freunde, Feuerholz sammeln etc.)
3. Was sage ich meiner Freundin, warum sie einen Selbstverteidigungskurs machen soll?

Die Erhebung zeigt eine überwältigende Zunahme des individuellen Sicherheitsgefühls – auf der Skala von 1- 10 von 2.4 auf 9.2, und eine Abnahme der Gewalt in allen Bereichen bei der zweiten Frage. Man kann natürlich einwenden, dass das individuelle Sicherheitsgefühl nicht eins zu eins der tatsächlichen Sicherheitslage entspricht. Dem ist allerdings beizufügen, dass die Befragten über einen Erfahrungsraum von sechs bis neun Monate nach dem Kurs verfügen, also eine gewisse Wirklichkeitserfahrung reflektiert worden ist. Zudem darf man der positive Wirkung des Thomas’ Theorem vertrauen, das besagt “Was als Realität wahrgenommen wird, hat seine Konsequenzen in der Zukunft”. Wenn Mädchen sich als selbstbestimmt wahrnehmen und über die Kenntnisse verfügen, ihre Selbstbestimmtheit zu verteidigen, kann man mit Fug und Recht annehmen, dass dies seine Wirkung hat, wie wir etwa am Beispiel von Kabare zeigen konnten.

Die Genauigkeit, mit der die Befragten die Gründe für den Wandel anführten, lässt uns auch schliessen, dass dieser “Sicherheitssprung” mehr als Wunschdenken ist. Der Kern des Wandels sehen die Befragten eindeutig bei sich selber: “Ich fühle, dass ich mich jetzt selber verteidigen kann (69 Nennungen), “Ich weiss, dass mein Körper mir gehört” (62), “Ich weiss, wie gefährliche Situationen zu vermeiden sind” (61), “Ich habe mein Verhalten geändert” (55), “Meine Fähigkeit, mich zu verteidigen, hat zugenommen” (55), “Ich kann jetzt erklären, was ich will und was ich nicht will” (50). Erst nachher wird die unterstützende Rolle der Umgebung: BetreuerInnen, LehrerInnen, Polizei etc. erwähnt.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, warum die Freundin einen Selbstverteidigungskurs besuchen sollte. Angeführt wird die Liste der Gründe mit der Ausbildung des Selbstvertrauens und der Fähigkeit zum Selbstschutz (55 Nennungen) und der Kenntnis der Selbstverteidigungstechniken (30). Weitere Gründe sind, dass über sexuelle Gewalt gesprochen wird und man sensibilisiert wird für ihre Formen und dass man den eigenen Körper zu respektieren lernt.

Zum Abschluss: Wir haben die Auswertung, unsere Erfahrung in den Kursen und das Werkheft versuchsweise durch die Brille des Evaluationsrasters für psychosoziale Veränderungen angeschaut. (Madörin/Clatcherty 2009) Darin sind die folgenden Indikatoren verwendet worden: Emotionales Selbstwahrnehmung, Unabhängigkeit, Selbstwert, soziales Netzwerk, Empathie, Flexibilität, Problemlösung, Befriedigung der Grundbedürfnisse, Normalisierung, Kenntnisse und emotionale Grundstimmung. Wir sind positiv überrascht gewesen auf wie vielen Ebenen unser Selbstverteidigungstraining Wirkungen hat respektive haben kann.

Und dies zum Allerletzten: Natürlich hat angesichts der existierenden sexuellen Gewalt gegen Mädchen Selbstverteidigung für Mädchen absolute Priorität. Dennoch stellt sich die Frage: Und die Knaben? Was wird getan, um ihnen ein anderes Rollenverständnis näher zu bringen, damit sie aktiv, und nicht nur reaktiv, ihren Beitrag an ein gewaltfreieres and respektvolleres Neben- und Miteinander leisten können. Einen Anfang haben wir mit den geschlechtergemischten Gruppen und Diskussionen zu Geschlechterrollen und –stereotypen gemacht. Aber das genügt nicht. Zusammen mit PALLAS planen wir für 2012 ein Training zur Gewaltprävention für Knaben – als Ergänzung zur Selbstverteidigung der Mädchen.


* Dr. Kurt Madörin ist Gründer der Waisenorganisation VSI (Humuliza) und Initiant des Grossmütter-Hilfswerks KwaWazee in Tanzania. Er lebt seit einigen Jahren in Tanzania und ist Berater für REPSSI (Regional Psychosocial Support Initiative for Children Affected by AIDS, poverty and conflict). Kontakt: kurt@repssi.org

Kwa Wazee unterstützt 900 Grossmütter und ihre Enkel mit einer monatlichen Rente und Kinderzulagen, die ihnen erlauben, ihre dringendsten Grundbedürfnisse besser abzudecken. Seit 2010 führt Kwa Wazee Selbstverteidigungskurse der Mädchen durch und plant Gewaltprävention für Knaben. http://www.kwawazee.ch


Resourcen:

  • Das Werkbuch ist ein englischer Sprache und in Kiswahili als elektronische Kopie erhältlich. Kontakt: kurt@repssi.org
  • Madörin/Clatcherty, “Are we making a difference?”, REPSSI 2009, S. 11
  • Das “Impact assessment of Self Defense – the Views of the Participants” ist elektronisch erhältlich bei kurt@repssi.org