Förderung sexueller und reproduktiver Gesundheit durch Empowerment

Von hilfsbedürftigen Müttern zu starken Frauen

Von Beate Kiefer / IAMANEH Schweiz

In Burkina Faso gibt es keine Sexualaufklärung für Jungen und Mädchen, was zur Folge hat, dass es viele Teenager- Schwangerschaften gibt und Sexualkrankheiten weit verbreitet sind. IMANANEH’s Partnerorganisation AMMIE engagiert sich für die Stärkung der jungen Frauen und Mädchen.

Unverheiratete, schwangere Mädchen werden von den Kindsvätern oft im Stich gelassen und von ihren Familien als Schande für die Familie angesehen und verstossen. Neben dem fehlenden Wissen zu Sexualität und Familienplanung ist das wirtschaftliche und soziale Umfeld der jungen Frauen, die meistens in grosser Armut leben, für die hohe Zahl der ledigen jungen Mütter verantwortlich.

AMMIE (Appui Moral, Matériel et Intellectuel à l’Enfant), die Partnerorganisation von IAMANEH Schweiz, befindet sich in Ouahigouya im Norden von Burkina Faso. Bekannt geworden ist AMMIE in der Region vor allem durch ihr Engagement für HIV/Aids Betroffene, für die sich die NGO schon seit Mitte der Neunziger Jahre einsetzt.

AMMIE fördert mit Unterstützung von IAMANEH Schweiz seit dem Jahre 2000 junge, ledige Mütter und deren Kinder, und setzt sich dafür ein, dass marginalisierte Jugendliche einen verantwortungsvollen Umgang mit sexueller und reproduktiver Gesundheit ausüben. Das Projekt richtet sich an 80 junge, ledige Mütter, an 300 Mädchen, die Partner der Mädchen und Frauen, sowie an die breite Öffentlichkeit.

Ziele des Projekts sind die Stärkung von Frauen und Mädchen, Information über und Zugang zu sicheren und wirksamen Verhütungsmitteln, die Verhütung unerwünschter Schwangerschaften, sowie die Vorbeugung und Behandlung von sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) einschliesslich HIV/Aids. Zudem soll die Öffentlichkeit informiert und sensibilisiert werden, um Stigmatisierung und Diskriminierung entgegen zu wirken.

Zusammenspiel präventiver und kurativer Massnahmen

Die Strategie basiert auf einem Zusammenspiel präventiver und kurativer Massnahmen sowie der Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit.

Bei der Prävention geht es in erster Linie darum, unerwünschte Schwangerschaften sowie die Ansteckung mit STI einschliesslich HIV/Aids vorzubeugen. Die Handlungsebenen der Prävention sowie der Bewusstseinsbildung umfassen Information und Sensibilisierung, den Zugang zu Verhütungsmitteln sowie die Persönlichkeitsbildung. Im Bereich der Information und Sensibilisierung wird über Themen, die in Familie oder Schule tabu sind, geredet: Sexualität, Verhütung, unerwünschte Schwangerschaften und ihre Folgen, STI und HIV/Aids, aber auch über Frühheirat, Beschneidung und Frauenrechte. Während sich die causerie (Diskussionsrunde) an eine Gruppe junger Mütter, Mädchen und/oder deren Partner wendet, wird durch Videoprojektionen, Theateraufführungen oder Radiosendungen die breite Öffentlichkeit angesprochen.

Die jungen ledigen Mütter bekommen durch das Projekt Zugang zu modernen Kontrazeptiva, diese werden kostenfrei angeboten, da sonst die Ärmsten von der regelmässigen Nutzung ausgeschlossen würden. Das Projekt legt zudem Wert auf die Verwendung von Kondomen, da nur so der doppelte Schutz gegen STI einschliesslich HIV/Aids und eine unerwünschte Schwangerschaft gewährleistet ist. Fast alle der jungen, ledigen Mütter im Projekt nutzen Implantate kombiniert mit Kondomen zur Verhütung, während die meisten jungen Mädchen, die nur unregelmässig Geschlechtsverkehr haben, auf Kondome zurückgreifen.

Neben der sexuellen Aufklärung ist die Persönlichkeitsbildung ein Grundstein der Prävention von STI und von unerwünschten Schwangerschaften. Persönlichkeitsbildung trägt zur Vermeidung von Ausnutzung ungleicher Machverhältnisse in sexuellen Beziehungen und zur Stärkung von Selbstbehauptung und Verhandlungsmacht der Mädchen und Frauen bei. Der so genannte Life Skills Ansatz, der Stärken und Fähigkeiten betont, statt Probleme in den Mittelpunkt zu stellen, wird hierzu verwendet. Die jungen, ledigen Mütter sollen dabei unterstützt werden, ihr Selbstwertgefühl und ihren Lebensmut zu entwickeln, ihr Leben aktiv und kreativ zu gestalten sowie schwierige Lebensphasen zu bewältigen. Zu den wichtigsten Life Skills gehören beispielsweise eine gute und ehrliche Selbstwahrnehmung, ein ehrlicher Umgang mit Gefühlen oder eine sozialverträgliche Selbstbehauptung.

Die Handlungsebenen der kurativen Massnahmen umfassen unter anderem das Testen auf und die Behandlung von STI. Die Behandlung von HIV-positiven Patientinnen mit antiretroviralen Medikamenten (ARV) wird begleitet von psychosozialer Unterstützung. Im letzten Jahr wurden 54 Mädchen und Frauen gegen STI behandelt, 53 Partner haben sich ebenfalls behandeln lassen. Zurzeit erhalten neun junge, ledige Mütter mit fortgeschrittener HIV-Infektion eine ARV-Therapie. Die Kinder der ledigen Mütter werden im Krankheitsfall medizinisch versorgt, und in Sachen Ernährung und Schulbildung unterstützt.

Durch Kleinkredite wird das wirtschaftliche Empowerment der jungen ledigen Mütter gefördert: Die Frauen können so durch Ausbildung und einem eigenen kleinen „business“ zu einem Verdienst kommen. Dieses wirtschaftliche Empowerment begünstigt gleichzeitig ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft: ihr Beitrag zum Suppentopf wird von der Familie geschätzt, und trägt dazu bei, dass sie ihr Selbstbewusstsein zurückerlangen oder entwickeln.

Information und Sensibilisierung, der Zugang zu Verhütungsmitteln, Persönlichkeitsbildung durch Life Skills Training sowie ökonomisches Empowerment ergänzen sich, das Zusammenspiel dieser Massnahmen trägt zu einem allgemeinen Empowerment der jungen Frauen bei: Aus hilfsbedürftigen, demoralisierten jungen Frauen werden starke Frauen, die selbstverantwortlich und kompetent ihre Interessen vertreten.

Männerarbeit ist Frauenförderung

Um nachhaltige Veränderungen zur Prävention von unerwünschten Schwangerschaften und STI zu erreichen ist es unerlässlich, Jungen und Männer in Projekte der sexuellen und reproduktiven Gesundheit einzubeziehen. Einerseits müssen diese ihre Verantwortung als Partner und Väter wahrnehmen, zum anderen müssen sie als Geschlechtspartner einbezogen werden. Das Projekt lädt Jungen und Männer zu Diskussionsrunden, beispielsweise über Verhütung und den Gebrauch von Kondomen, oder über IST ein. Die meisten Partner der Mädchen und Mütter sind mittlerweile bereit, sich zusammen mit ihren Partnerinnen gegen IST behandeln zu lassen, eine Voraussetzung zur Vermeidung einer erneuten Ansteckung. Trotzdem bleibt das Einbeziehen von Männern eine Herausforderung. Für eine Frauenorganisation wie AMMIE ist es nicht selbstverständlich, Angebote für Männer zu schaffen, was sich in einer gewissen Zurückhaltung widerspiegelt, sich durch causeries, Radiosendungen oder Theateraufführungen mit einem männlichen Animatoren noch gezielter an Männer zu richten. In der Öffentlichkeit wird immer noch die Frau als verantwortlich für eine ungewollte Mutterschaft angesehen, die Übersetzung von Geschlechtskrankheit in moré ist übrigens auch „Krankheit der Frau“.

Von hilfsbedürftigen Müttern zu starken Frauen

Das Projekt hat sich im Laufe der letzten Jahre stark gewandelt. Zu Beginn des Projekts, im 2000, waren die jungen, ledigen Mütter passive Hilfsempfängerinnen, der Schwerpunkt der Aktivitäten lag auf der Unterstützung der „armen, hilfsbedürftigen“ Mütter. Ab 2004 wurden Kleinkredite zur Förderung der finanziellen Unabhängigkeit und somit ökonomisches Empowerment initiiert, und vermehrt auf Prävention gesetzt. Ab 2007 wurden auch marginalisierte Jugendliche sowie Junge und Männer in Projektaktivitäten einbezogen, das Augenmerk galt von da an auch der Öffentlichkeit. Das angestrebte empowerment wurde 2010 durch den Life Skills Ansatz erweitert, und die einkommensfördernden Aktivitäten teilweise als Gruppenaktivitäten organisiert.

Im Laufe der Jahre hat sich aber vor allem die Sichtweise geändert: früher wurden junge, ledige Mütter als passive Hilfsempfängerinnen betrachtet, heute als Akteurinnen, die ihr Schicksal selbstverantwortlich in die Hand nehmen.


*Beate Kiefer arbeitet seit 2009 als Programmverantwortliche bei IAMANEH Schweiz, wo sie die Projekte in Burkina Faso and Senegal betreute Kontakt: bkiefer@iamaneh.ch, http://www.iamaneh.ch/