Das Advocacy-Programm von Mission 21

Frauen stärken – HIV bekämpfen

Von Mara Wirthlin und Sibylle Dirren / mission 21- evangelisches missionswerk basel

Mit dem neuen Advocacy-Programm stärkt Mission 21 das Engagement für Frauen weltweit. In den afrikanischen Partnerländern hat sich der Kampf gegen HIV/Aids als wichtigstes Frauenrechtsthema herauskristallisiert. Das Advocacy-Programm ist eine wichtige Initiative, um diese Anliegen systematisch auf politischer Ebene zu platzieren.

Frauen stärken – HIV bekämpfen

Die Pfarrerin Melania Mrema- Kyando ist Leiterin der Frauenarbeit und kämpft engagiert für mehr Rechte und Selbstbewusstsein von Frauen in Tansania. (Bild: Claudia Zeising)

«Ich wünsche Frauen weltweit mehr Selbstvertrauen», sagt die tansanische Pfarrerin Melania Mrema Kyando. «Denn wer selbstbewusst ist, lässt sich nicht umherschubsen. Man kennt dann seinen eigenen Wert.» Melania Mrema Kyando ist HIV-positiv und leitet vier Selbsthilfegruppen für Betroffene. Ende Juni kam sie in die Schweiz. Anlass war die Lancierung des Advocacy-Programms von Mission 21: «Frauen-Menschenrechte, faith based».

Das neue Programm, das Ende Juni 2016 lanciert wurde, richtet sich an  Personen wie  Melania, die durch Kooperationsprogramme bereits mit Mission 21 in Verbindung stehen. Frauen und Männer aus Partnerkirchen und -organisationen werden weitergebildet und vernetzt, um die Frauenrechte lokal, national und international zu vertreten. Dieses Jahr kamen erstmals 12 Teilnehmer- und Teilnehmerinnen zu einem Training nach Basel. Anschliessend besuchten sie einen mehrtägigen Workshop in Genf zum Thema Frauen-Menschenrechte für glaubensbasierte Organisationen. Die Erfahrungen im Workshop bestätigten, dass Capacity Development und Vernetzung zentral sind im Kampf für Gender Gerechtigkeit. Die teilnehmenden Aktivistinnen sind kompetent, motiviert und engagiert. Sie konnten wichtige Erfahrungen austauschen und Neues dazulernen.

Keine klaren Vorgaben, sondern Impulse und Fachwissen

Geplant ist, dass jedes Jahr neue Personen am Workshop in Genf und dem Training in Basel teilnehmen. Nach dem Workshop werden die Teilnehmenden in einer Art Ferncoaching von Mission 21 über mehrere Jahre hinweg begleitet, um Multiplikationsworkshops auf lokaler Ebene durchzuführen und eine eigene Strategie zu entwickeln. So soll ein Netzwerk entstehen und  stetig wachsen, damit eine kritische Masse erreicht wird und gesellschaftliche Veränderungen geschehen. Wie die Teilnehmenden die Advocacy-Arbeit dann genau ausgestalten, ist sehr unterschiedlich. Die Workshops in der Schweiz sollen keine klaren Vorgaben liefern, sondern Impulse und Fachwissen. Eine Advocacy-Strategie ist dann am wirkungsvollsten, wenn sie auf den lokalen Kontext zugeschnitten ist. So lernen die Frauen zum Beispiel, wie sie in ihrer lokalen Arbeit UN-basierte Menschenrechtsinstrumente wie die «CEDAW» einsetzen können, die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau.

Der spezifische Fokus auf Frauen-Menschenrechte hat seine Berechtigung. Da die Menschenrechte in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden sind, reichen sie nicht aus, um strukturelle Ungleichheiten anzugehen. Um die Lage von Frauen in Ländern des Südens zu verbessern, setzt das Programm bei der Grassroots-Ebene an. Die Zivilgesellschaft spielt die entscheidende Rolle. Permanenter Druck ist nötig, um die Regierungen an ihre Pflichten zu erinnern und Frauen-Menschenrechte einzufordern.

Vertrauen in das eigene Tun

Advocacy hat viel mit Vertrauen zu tun: Für die Frauen ist es wichtig, zu wissen, dass sie Teil eines Netzwerkes sind. Sie brauchen sichere Orte, um über Dinge zu sprechen, die schwierig auszusprechen sind. Dazu äussert sich Melania Mrema Kyando aus Tansania: «Das Advocacy-Programm gibt mir eine theoretische Grundlage, ich lerne viel über Menschen- und Frauenrechte und kann dadurch fundiert argumentieren.» Was aber fast noch wichtiger sei: «Zuversicht. Denn manchmal arbeitest du wie wild, aber gleichzeitig mangelt es dir am Vertrauen in das eigene Tun.» Im tansanischen Kontext habe sie bei ihrem Engagement für Frauen starken Gegenwind. «Viele Männer betrachten es noch immer als Beleidigung, wenn wir das Wort Gleichberechtigung in den Mund nehmen. Und auch Frauen verstecken sich hinter ihren Männern.» Das Advocacy-Programm zeigt ihr, dass sie nicht alleine ist, dass Frauen weltweit über die gleichen Dinge sprechen – «das tut gut!»

Eine Frau in Tansania während ihrer Arbeit auf der Teeplantage. Frauen tragen durch Haushalt und auswärtiger Arbeit oft einen Doppelbelastung. (Bild: Gerhard Bärtschi)


Nein sagen und HIV bekämpfen

Das Advocacy-Programm setzt unterschiedliche kontinentale Schwerpunkte, die von den Partnern als „burning issues“ definiert wurden: Gewalt an Frauen in Lateinamerika, Menschenhandel in Asien, HIV/Aids in Afrika. Wenn man über Frauen im afrikanischen Kontext spricht, kommt man nicht um dieses Thema herum. Am diesjährigen Advocacy-Workshop nahm deshalb auch Emery Mpwate teil, Koordinator des HIV/Aids Programms für Afrika bei Mission 21. Der Kongolese lebt und arbeitet in Tansania. «Im ganzen Kontinent sind massiv mehr Frauen infiziert als Männer», sagt er. Und selbst wenn sie nicht selbst HIV positiv sind, sondern der Mann, die Kinder oder Geschwister, sind es meist die Frauen, welche die soziale Last der Krankheit tragen, sowie die Pflegearbeit leisten.

Pfarrerin Melania sagt: «Viele alleinstehende Frauen trauen sich nicht, Nein zu sagen, wenn ihr Mann mit ihnen schlafen will.» Das mache sie verletzlich. Ein weiteres Problem sei Untreue: Mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr ausserhalb der Ehe würden viele Männer sich und ihre Ehefrau gesundheitlich gefährden. «Deshalb sage ich immer, dass Selbstvertrauen der Schlüssel ist!» Denn die Frauen müssten lernen, sich zu wehren, auch innerhalb der Ehe – «nur so können sie sich schützen und ihr Leben in die Hand nehmen.»

Emery Mpwate ist HIV/Aids-Koordinator für Mission 21 in Afrika. Als solcher sucht er stets den offenen Austausch mit der lokalen Bevölkerung. (Bild: Sara Winter-Sayilir)


Engagement für Frauen ist auch Männersache

Emery Mpwate betont die Wichtigkeit, auch die Männer zu berücksichtigen, wenn es um die Verbesserung der Frauengesundheit geht: «Da sie meist die Autorität besitzen, nützt es wenig, wenn man nur Frauen über ihre Rechte informiert.» Dieses Jahr war Emery der einzige männliche Workshop-Teilnehmer. In den kommenden Jahren sollen noch mehr Männer eingeladen werden, zudem werden alle Teilnehmenden geschult, wie sie mit Autoritätspersonen in Politik und Wirtschaft am besten umgehen, um ihre Anliegen zu platzieren.

Emery sagt: «Seit über 5 Jahren spreche ich bei Weiterbildungen oder Workshops zu HIV/Aids höchstens 5 Minuten über die Krankheit selbst.» Die restliche Zeit nutze er, um über Sexualität zu sprechen. Er ermutigt die Menschen, treu zu sein und ihre Ehe wertzuschätzen. Dabei versuche er immer, die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade stehen – mit ihren Bedürfnissen und Problemen: «Du kannst den Menschen in irgendeinem Dorf viel über Menschenrechte erzählen. Aber wohl ohne Erfolg. Es muss einen Bezug zum Alltagsleben der Betroffenen geben, damit sie bereit sind, ihr Verhalten gegenüber den Frauen zu verändern!»

So legt er den Männern nahe, ihre Frauen zu entlasten, und ihnen bei den zahlreichen Hausarbeiten unter die Arme zu greifen, da sich dies auch positiv auf die Beziehung, das Eheleben auswirke. «Die Qualität einer Beziehung hängt mit der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft zusammen», sagt Emery. Viele würden erwidern, dass es der Kultur widerspreche, Frauenarbeiten zu verrichten. Dann frage er provokativ: «Muss die Kultur unter deinem Dach leben?» Denn viele würden nicht begreifen, dass, wenn die Frau zufrieden sei, «der Mann noch viel glücklicher ist.»

Emery Mpwate spricht aus dem Alltag heraus und mit einer Prise Humor über die fehlende Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Dennoch ist er sich der Dringlichkeit des Themas bewusst. Mpwate sagt: «Es ist für mich der Schlüssel zu einer guten HIV-Präventionsarbeit, über Frauen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu sprechen.» Das Advocacy-Programm sei eine wichtige Initiative, um diese Anliegen auch systematisch auf politischer Ebene zu platzieren.

Mara Wirthlin und Sibylle Dirren

Mara Wirthlin, Redaktorin, mission 21,

Sibylle Dirren, Fachstelle Advocacy, mission 21,